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Introvertierte

Ein Plädoyer für die Sensiblen

Debora Sommer hat eine Gemeinsamkeit mit Albert Einstein, Marilyn Monroe und Tom Hanks. Die Autorin gehört zu den introvertierten Menschen. Dass diese Menschen ein Schatz für die Gesellschaft und die Gemeinden sind, erklärt sie im Buch „Die leisen Weltveränderer – Von der Stärke introvertierter Christen“. Eine Rezension von Johannes Weil

Debora Sommer möchte die Augen öffnen, für die sensiblen Menschen in unserer Gesellschaft und in den christlichen Gemeinden
Foto: SCM Hänssler

Es ist kein schönes Gefühl, sich in einem vertrauten Umfeld fremd zu fühlen. Debora Sommer kennt dieses Gefühl. Sie gehört zu den Menschen, die als introvertiert gelten. Die Theologin schreibt in ihrem Buch „Die leisen Weltveränderer – Von der Stärke introvertierter Christen“ offen und ehrlich über die Vor- und Nachteile dieses Wesenszuges.

Begegnungen mit anderen Menschen kosten sie unglaublich viel Kraft. Die Autorin fühlt sich unsicher, unwohl, überfordert und begrenzt. Trotzdem möchte sie mit ihrem Buch eine Lanze für die Introvertierten brechen. „Introvertiert zu sein ist keine Schande, sondern vielmehr eine wunderbare Gabe, die es zu entdecken und zu entfalten gilt“, schreibt Sommer.

Viel Wertvolles zur Gemeinschaft beitragen

Introvertierte Christen sollen ein Ja zu ihrer Art finden. Mit ihrem Buch gibt sie einen Einblick in deren Denk- und Lebensweise. Die Autorin möchte sich um die Zurückhaltenden und Stillen kümmern, „die unglaublich viel Wertvolles zu einer Gemeinschaft beitragen könnten“. Auch die christliche Gemeinde sei für viele von ihnen ein Spannungsfeld.

Sommer verdeutlicht deren Lage mit einem gängigen Bild der Wissenschaft. Extrovertierte Menschen vergleicht sie mit einem Schiff, Introvertierte mit einem U-Boot: „Beide halten ihren eigenen, bevorzugten Lebensraum für den wichtigeren, entscheidenden oder im Extremfall sogar für den einzig richtigen.“ Ängste, Selbstkritik und Selbstzweifel hinderten Introvertierte, ihre innere Stärke zu finden.

Sie rät ihnen, sich aktiv einen Mentor oder Coach zu suchen. Zugleich dürften sie darauf vertrauen, dass Gott die Lebensfäden zusammenführt und sie zu einem festen Strang verbindet: „Bei Gott darf ich unverkrampft und entspannt in seiner Liebe ruhen.“ Viele Probleme Introvertierter seien für andere nicht nachvollziehbar. Deren Verhalten werde oft als Gleichgültigkeit oder Passivität fehlinterpretiert.

Wichtige Nischen zur Regeneration

Schul- und Berufswelt gelten als „Biotop für Extrovertierte“: In Beziehung und Familie seien die Introvertierten auf Annahme, Freiheit, Kompromisse und Unterstützung angewiesen. Auch das Elternsein erweise sich oft als Heraus- und manchmal sogar als Überforderung. Deswegen bräuchten Introvertierte ihre Nischen zur Regeneration.

Vor allem in Megakirchen bestehe die Gefahr, dass Introvertierte untergingen und die Gemeinden verließen. Während sie sich nach Ruhe, Stille und tieferen Gesprächen sehnten, gingen ihre Bedürfnisse dort unter. Sie setzten sich gerne für die Gemeindearbeit ein, auch wenn dies viel Energie kostet. Die Autorin hofft, dass Introvertierte die christlichen Gemeinden durch ihre Stärken prägen können.

Beide Wesenszüge sollten sich gut ergänzen und unterstützen. Extrovertierte dürften Introvertierte aktiv nach ihrer Meinung fragen und aus der Reserve locken. „Es gehört zu den großen Lebensaufgaben introvertierter Christen, dass sie Menschen dienen, statt vor ihnen zu fliehen“, findet Sommer. Introvertierte sollen als besonderes Geschenk Gottes an ihre Gemeinden wahrgenommen werden. Sie seien als „U-Boote“ berufen, die Welt zu verändern: nicht mit Taten und Aktionen, sondern in der Stille.

Autorin kehrt ihr Innerstes nach außen

Introvertierte müssten nach und nach ihre Grenzen erweitern. Sie sollten zu ihrer Verletzlichkeit stehen. Menschen mit diesen Wesenszügen müssten lernen, weniger an sich zu zweifeln und sich überzeugter zu vermarkten. Dazu gehöre die innere Selbstfürsorge mit dem entscheidenden Wort „Nein“ und die äußere Selbstfürsorge, indem sie genau auf ihren Körper hören und verantwortlich mit den von Gott erhaltenen Ressourcen umgehen.

Mit dem Buch kehrt die Autorin ihr Innerstes nach außen. Gleichzeitig spürt der Leser auch, dass ihr diese Öffnung gut tut. Ihr Buch endet mit dem Vorsatz, einige Dinge konkret umzusetzen. Der aufmerksame Leser weiß, wie schwer dies Introvertierten fällt. Der Ausflug mit der Familie ist oft eine ebenso große Herausforderung wie das Abo im Fitnessstudio zu verlängern. Sie selbst dankt für das Geschenk des Lebens und dafür, dass der lebendige Gott an ihrer Seite ist. Die Introvertierten lädt sie dazu ein, sich zu vernetzen. Zugleich hält sie praktische Tests und Fragen zum Weiterdenken bereit, auch im Umgang mit dem jeweiligen Gegenüber. Mich hat sie mit diesem Buch sensibilisiert.

Debora Sommer: Die leisen Weltveränderer – Von der Stärke introvertierter Christen. SCM Hänssler, 336 Seiten, 18,95 Euro, ISBN: 9783775158282

Von: Johannes Weil /CHRISTLICHES MEDIENMAGAZIN PRO | WWW.PRO-MEDIENMAGAZIN.DE 
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Ein Kommentar

  1. Isidor Matamoros 3. Februar 2018

    Was hat Introvertiertheit mit Rechtgläubigkeit zu tun? Meistens ist es heute so, daß man an extrovertierten Menschen ihre Oberflächlichkeit sofort bemerken kann, während introvertierte sie heuchlerisch geheim halten. Wenn sie dann aus sich heraustreten, dann verkaufen sie ihre seltenen Äußerungen als Offenbarungen.

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