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„Alte Knochen und vermoderte Fetzen – Reliquienverehrung heute“

Reliquienverehrung, Reliquienkult und Heiligenverehrung finden bislang in der postkonziliaren Kirche meist ein müdes Lächeln, ein Schattendasein der Kuriositäten oder ein staunendes Fragen „Warum alte Knochen und vermoderte Fetzen verehren oder gar küssen?“ 

Biblische Begründung

Befremdlich mag es für den modernen und scheinbar aufgeklärten Menschen wirken, jedoch kann die Kirche auf eine über 2000 Jahre alte Tradition aufbauen, wenn wir die Reliquien (lat. Überbleibsel, Zurückgelassenes), z.B. des ersten Märtyrers verehren, nämlich des um 33 n.Chr. gesteinigten Hl. Erzmärtyrers Stephanus (Fest 26.12.). Und dieser Heiligen sagt uns auch heute etwas, denn wenn wir uns in dieses Geschehen gläubig hineinnehmen, sehen wir mit ihm den Himmel offen, wie er es in seinem Martyrium bezeugte. Also findet betend und verehrend am Grab eines jeden Heiligen ein direkter Kontakt zu Gott statt.

Wallfahrt anl. des 200. Geburtstages des Hl. Konrad von Parzham nach Altötting
(Fest 21.04., 1818-1984)

Helfen kann uns auch ein Blick in die Heilige Schrift, denn dort finden Belegstellen, dass „Objekte“, die in Beziehung zu verehrungswürdigen Personen stehen, eine wundersame Wirkung haben. Oft geht es dabei um die spontane Heilung von einer schweren Krankheit oder andere unerklärliche Ereignisse. Bereits das Alte Testament spricht von dieser Wirkmächtigkeit, so zum Beispiel im 2. Buch der Könige: „Als man einmal einen Toten begrub und eine dieser [Räuber-]Scharen erblickte, warf man den Toten in das Grab Elischas und floh. Sobald aber der Tote die Gebeine Elischas berührte, wurde er wieder lebendig und richtete sich auf“ (2 Kön 13,21). Aber auch im Neuen Testament, z.B. im Matthäus-Evangelium begegnen wir einer Frau, die nur den Saum von Jesu Gewand berührte und dadurch Heilung erfuhr (Mt 9,20ff). In einer Passage der Apostelgeschichte reichte gar der Schatten des Apostels Petrus aus, der auf die Kranken am Wegesrand fiel und sie heilte (Apg 5,12-15). Dem heiligen Paulus schließlich wurden Schweiß- und Taschentücher entwendet und den Notleidenden aufgelegt: „(…)da wichen die Krankheiten, und die bösen Geister fuhren aus“ (Apg 19,11f).

Wertvoller als Edelsteine und Gold

Die Reliquienfrömmigkeit ist also bereits in der Heiligen Schrift angelegt und findet im Werden der Alten Kirche seine weitere Ausformung. Ein historischer Beleg dafür ist das Martyrium des Bischofs Polykarp (um 156). Die Christen von Smyrna – heute Izmir/Türkei – schrieben nach dem Tod ihres Bischofs: „Wir verehren Christus, weil er der Sohn Gottes ist, aber wir lieben die Märtyrer als Jünger und Nachahmer des Herrn.“ Die Überreste Polykarps seien ihnen daher „wertvoller als die kostbarsten Edelsteine und von uns höher geschätzt als Gold“.

Erst die Reformation prangerte so manche Auswüchse und deren kuriosen Umgang mit den Reliquien an. Selbst Martin Luther machte sich lustig darüber und nannte Reliquien „als alles tot` Ding“. Aber das Konzil von Trient (1545-1563) und später noch einmal das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) stellte die Verehrungswürdigkeit der Heiligen und ihrer Überbleibsel als wichtig heraus. Dieses legt fest: Die echten Reliquien sollen “in Ehren gehalten werden” (SC 111) und “die alte Tradition, unter einem feststehenden Altar Reliquien beizusetzen, ist nach den überlieferten Normen der liturgischen Bücher beizubehalten.” Ermahnt werden die kirchlichen Autoritäten aber auch, das Reliquien, die sich großer Verehrung beim gläubigen Volk erfreuen, nicht ohne Erlaubnis des Apostolischen Stuhls veräußert oder auf Dauer an einen anderen Ort übertragen werden (CIC c. 1190 §§ 2 und 3). Und es ist “verboten, heilige Reliquien zu verkaufen” (CIC c. 1190 § 1). Die neue Instruktion mit dem Titel „Die Reliquien in der Kirche: Echtheit und Aufbewahrung“ (Dezember 2017) präzisiert  im Einzelnen, wie Bischöfe kirchenrechtlich korrekt mit Bitten zur Anerkennung von Reliquien umgehen sollen. Zudem regelt sie, was bei der Aufbewahrung, Entnahme und Überstellung von Reliquien zu beachten ist.

Reliquie ex ossibus (aus den Knochen) des Hl. Bruder Konrad; Neufassung 2008.

Fürsprecher und Freunde im Himmel

Reliquien werden ja zahlreiche Wunder zugeschrieben, und so mancher Pilger erhofft sich am Heiligengrab Hilfe, und vielleicht auch heilende Wirkung, wenn er mit der Reliquie in Kontakt kommt, ob durch ein Berühren des Sarkophags, ein frommes Küssen des Reliquiars nach dem Einzelsegen oder nur ein stilles Gebet. Und wer ganz nah am Grab eines Heiligen steht, der spürt diese wundertätig-göttliche Kraft, die gleichsam präsent („virtus“) wird. Erinnert werden wir dann wieder an die Worte des Hl. Stephanus: Ich sehe den Himmel offen!

Erinnern wir uns an die Wunder, die Christus uns durch Heilige schenkt, denn sie werden dadurch zu unseren Fürsprechern und Vorbildern (KKK 828) am Himmlischen Thron, und quasi zu einer „Telefonverbindung“ zu Gott. Wir bitten durch die Verehrung der Reliquien den Heiligen, als unser Vorbild z.B. um ein gottgefälliges Leben, Stärkung im Glauben, missionarischen Geist oder um Keuschheit und Enthaltsamkeit.

So verstehen wir dann auch den Hl. Pfarrer von Ars, wenn er sagt, dass die Heiligen wie viele kleine Spiegel sind, in denen sich Jesus Christus selbst betrachtet. Oder wie es der Hl. Thomas von Aquin bekundet, seien Reliquien für ihn wie ein Vergrößerungsglas, das die glorreichen Strahlen von Gottes Gnade bündle. Ganz deutlich wird dann, dass nicht der Knochen, das alte Gewand an sich Heilung bringen, sondern Gott, der durch ein materielles Objekt – die Reliquie – die heilende Wirkung schafft. Kurz gesagt, und wir erinnern uns an den Lehrsatz aus dem Grünen Katechismus: Wir verehren die Reliquien der Heiligen, weil wir dadurch die Heiligen selbst ehren. Die Reliquie wird dann vielmehr als Mittel, durch das Gott handelt: „Mirabilis Deus in sanctis suis“ (Gott ist wunderbar in seinen Heiligen, Psalm 67,36). Also, wir sehen, Reliquien haben eben nichts mit Magie und Zauberei zu tun!

Von Björn H. Heß

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One Comment

  1. Josef Broszeit 10. Februar 2018

    Für Heiligenverehrung bin ich unbedingt – allerdings brauche ich dazu keine Reliquien.

    Mir kommt das Verteilen derselben auf z.T. verschiedenste kirchliche Orte oder gar auf Privatpersonen wie Leichenfledderei vor und hat für mich auch noch irgendwie anhaftende Relikte von Magie.
    Zudem erscheinen mir zahlreiche Reliquien insbesondere aus der Frühzeit des Christentums von zweifelhafter Herkunft.
    Mir genügt daher völlig, mich an Heilige oder Selige im betrachtenden oder fürbittenden Gebet zu wenden.
    Gegen Bilder, Figuren oder gar eine Pilgerreise ans Grab oder einen irdischen Wirkort solcher Menschen ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden – im Gegenteil!
    Man kann hierdurch sogar seine eigene Beziehung zu der betr. Person noch vertiefen.

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