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Interview

Whisky-Vikar Dr. Wolfgang Rothe: „Jeder Schluck eines guten schottischen Whiskys ist ein Vorgeschmack des Paradieses“

Wasser des Lebens – Einführung in die Spiritualität des Whiskys“, so heißt der Titel des Anfang 2016 erschienenen ersten Whisky-Buchs des Münchener Priesters, Theologen, Kirchenrechtlers und Whiskykenners Dr. Dr. Wolfgang F. Rothe. Inzwischen hat der Autor, der auch als „Whisky-Vikar“ bekannt ist, ein weiteres Buch geschrieben, das unter dem Titel „Whisky-Wallfahrten – eine spirituelle Reise durch Schottland“ dazu einlädt, Ursprung und Heimat des Whiskys näher kennenzulernen.

Cathwalk-Autor Stefan Ahrens sprach mit Dr. Dr. Wolfgang F. Rothe

Dr. Rothe, welchen Whisky jüngeren Datums können Sie als Whisky-Experte momentan besonders wärmstens empfehlen?

Soeben neu erschienen ist das inzwischen 16. Batch des legendären 12 Jahre lang gereiften Whiskys aus der Destillerie Springbank in Fassstärke. Ich habe diese Abfüllung zwar noch nicht probieren können, aber die Vorgänger waren stets überdurchschnittlich gut und zudem erschwinglich.

Mögen Sie es grundsätzlich eher mild oder eher rauchig im Whiskyglas?

Das ist eine Frage, die ich so grundsätzlich gar nicht beantworten kann. Das hängt ganz vom betreffenden Whisky ab. Es gibt in beiden Kategorien, rauchig und nichtrauchig, gute und weniger gute Whiskys.

So oder so ist und bleibt Schottischer Single Malt Whisky aber für Sie grundsätzlich das Maß aller Dinge?

Auf diese Frage kann ich mit einem klaren Ja antworten: Schottland ist (zusammen mit Irland) nun einmal die Heimat des Whiskys; es waren iro-schottische Mönche, die ihn erfunden haben. Außerdem verfügt Schottland bis heute sowohl über eine ungebrochene Tradition als auch über eine unvergleichliche Vielfalt innerhalb seiner Whiskykultur.

Wie wird man überhaupt als Priester mit Doktortiteln jeweils in Theologie und Kirchenrecht einer der bekanntesten Whisky-Experten im deutschsprachigen Raum? Wie man hört, konnten Sie in früheren Jahren mit Whiskys so gut wie gar nichts anfangen…

Das Interesse am Whisky habe just dem Kirchenrecht und damit einer der vermutlich trockensten Angelegenheiten überhaupt zu verdanken: Als ich einmal bei einer adeligen Familie zu einem kirchenrechtlichen Beratungsgespräch eingeladen war, wurde nach dem Essen Whisky gereicht. Und weil dort eine etwas förmliche, beinahe einschüchternde Atmosphäre herrschte, habe ich mich nicht getraut, das Glas abzulehnen, obwohl ich mir damals tatsächlich nichts aus alkoholischen Getränken gemacht habe. Dieses Glas, von dem ich bis heute nicht weiß, was es beinhaltete, kam dann für mich einer Offenbarung gleich!

Nach dem Genuss dieses einen Glases Whiskys: Wie eigneten Sie sich als Whisky-Novize letztendlich dieses exorbitante Wissen über das sogenannte „flüssige Gold“ an, über das Sie mittlerweile verfügen?

Ich habe zunächst mal damit begonnen, alles zu lesen, was es über Whisky und die iro-schottische Whiskykultur zu lesen gab. Whiskys probiert habe ich natürlich auch, nicht zuletzt auf Whisky-Messen. Seither reise ich auch regelmäßig nach Schottland, um Destillerien und andere Orte zu besuchen, die für die Whiskykultur von Bedeutung sind.

Wie trinkt beziehungsweise genießt man Ihrer Meinung nach einen Whisky eigentlich richtig?

Man braucht dazu vor allem Zeit. Die Verkostung eines Whiskys ist ein Ritual – fast könnte man sagen: eine Meditationsübung, wobei alle Sinne einschließlich des so genannten sechsten Sinnes zum Einsatz kommen. Eine halbe Stunde sollte man sich für einen Whisky auf jeden Fall Zeit nehmen. Hektik, Stress, Zerstreuung und schlechte Laune vertragen sich nicht mit dem Whiskygenuss.

Ihr – wenn man so will – Markenzeichen ist es, dass Sie Whisky mit dem christlichen Glauben beziehungsweise „Spirit“ und „Spirituality“ miteinander verbinden. Wie und wann bekamen Sie die Idee dazu ?

Die Idee dazu kam mir in einer schlaflosen Nacht. Ich hatte zuvor schon eine ganze Reihe anderer Versuche unternommen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die mit Glaube und Kirche nichts oder nichts mehr anfangen können – alles mehr oder weniger vergeblich: Es kamen stets nur die, die ohnehin immer kamen. Das änderte sich schlagartig, als ich den Whisky als Medium und Gleichnis für spirituelle Botschaften ins Spiel gebracht habe. Veranstaltungen dieser Art waren und sind in der Regel entweder ausgebucht oder überfüllt.

Man nennt Sie in der Whiskyszene anerkennend „Whisky-Vikar“. Wie fühlt es sich an in zwei auf den ersten Blick ganz verschiedenen Welten zuhause zu sein und gerade in einer scheinbar so kirchenfernen Szene selbstverständlich dazuzugehören? Gibt es auch in der Whiskyszene durchaus eine Offenheit für Glaubensfragen?

Wir erliegen in der Kirche oft dem Irrtum, dass alle Menschen, die mit uns nichts zu tun haben, nichts mit uns zu tun haben wollen oder uns sogar ablehnend gegenüberstehen. Das glatte Gegenteil ist der Fall. Wenn ich früher, als ich in der Whisky-Szene noch nicht so bekannt war, auf Whisky-Messen auftauchte und dort – wie ich es immer zu tun pflege – als Priester erkennbar war, dauerte es nie lange, bis irgendjemand auf mich zukam und fragte: Sind Sie ein echter Priester? Und damit war man schon im Gespräch. Solche Gespräche führen gar nicht so selten auch zu religiösen und spirituellen Fragen, die die Menschen zwar beschäftigen, sich aber normalerweise nicht zu stellen trauen, da die Hemmschwelle zwischen ihrem Alltag und der Kirche einfach zu hoch ist. Solche Gespräche machen die Leute zwar nicht gleich zu frommen Katholiken, führen aber zumindest dazu, dass sie künftig anders über die Kirche denken und reden.

Mittlerweile sind Sie nicht nur ein äußerst gefragter Redner, der regelmäßig vor ausverkauftem Haus und auf Whiskymessen spricht, sondern auch Autor beim führenden deutschsprachigem Whiskyfachmagazin „Der Whisky-Botschafter„. Klingt nach einer ziemlich großen Ehre.

Als solche empfinde ich es auch – und zugleich als große Chance: Der „Whisky-Botschafter“ wird von mehr Menschen gelesen als die meisten kirchlichen Publikationen – und zwar wirklich gelesen. Außerdem umfasst die Leserschaft des „Whisky-Botschafters“ Menschen aller Generationen ab der Volljährigkeit. Und schließlich spricht er im Unterschied zu kirchlichen Publikationen auch und vor allem eine männliche Leserschaft an. Ich gehöre seit 2015 zum Autorenteam der Zeitschrift und habe dort eine eigene Rubrik mit dem Titel „Spurensuche“. Darin versuche ich vor allem die zahlreichen Verbindungen zwischen der schottischen (Kirchen-)Geschichte und der schottischen Whiskykultur in Erinnerung zu rufen. Der Chefredakteur tritt aber auch regelmäßig an mich heran, damit ich über besondere Events berichte oder neue Whiskys vorstelle.

Sie sind auch unter die Whiskybuchautoren gegangen – und das gleich auf Anhieb erfolgreich. 2016 erschien ihr Buch „Wasser des Lebens. Einführung in die Spiritualität des Whiskys“ (EOS Verlag), das bereits im selben Jahr aufgrund des großen Erfolges eine 2. Auflage erhielt – vielen gilt es bereits jetzt als Standardwerk. Waren Sie selbst am meisten von den guten Kritiken und dem Erfolg Ihres Buches überrascht?

Ich war zwar überzeugt, dass das Buch auf Interesse stoßen würde, aber das Ausmaß des Erfolgs hat mich schon überrascht. Dies war umso mehr der Fall, als ich zuvor über zwei Jahre hinweg vergeblich nach einem Verlag gesucht habe: Den religiösen Verlagen war das Thema zu weltlich, den weltlichen zu religiös. Ich kassierte eine Absage nach der anderen. Der EOS-Verlag der Benediktiner von St. Ottilien hat sich dann schließlich getraut. Das hat mich insofern besonders gefreut, als der Benediktinerorden eine nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte des schottischen Whiskys gespielt hat: So geht zum Beispiel die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung schottischen Whiskys auf einen Benediktinermönch namens John Cor zurück.

Anfang Februar 2018 ist ein neues Buch von Ihnen erschienen, ebenfalls im EOS Verlag: „Whisky-Wallfahrten. Ein spiritueller Reiseführer durch Schottland“. Sie berichten in dem Buch über wichtige Orte der schottischen Christenheit – wie der Hebriden-Insel Iona (wo das schottische Christentum durch den hl. Kolumban (521/522-597) begann) – und verbinden diese mit interessanten Geschichten über Land und Leute -und Whiskydestillerien. Da muss man jetzt einmal die Frage stellen: Whisky, Schottland und Christentum – warum passt das Ihrer Meinung nach so gut zusammen?

Das passt nicht nur zusammen, das gehört sogar zusammen. Historisch betrachtet ist das Christentum nichts weniger als der Nährboden, auf dem die schottische Whiskykultur überhaupt erst entstehen konnte. Das beginnt schon damit, dass es der von Ihnen erwähnte heilige Kolumban war, der den systematischen Gerstenanbau in Schottland heimisch gemacht und damit eine der grundlegenden Voraussetzungen für die Entstehung und Entfaltung der schottischen Whiskykultur geschaffen hat.

Wann sind Sie selbst erstmals auf eine schottische „Whisky-Wallfahrt“ gegangen? Und wie oft zieht es Sie mittlerweile nach Schottland?

Eine „Whisky-Wallfahrt“ als Gruppenreise findet seit 2015 einmal jährlich statt. Privat reise ich in der Regel noch ein zweites Mal pro Jahr nach Schottland.

Gibt es einen oder mehrere schottische „Whisky-Wallfahrts“-Orte, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Da möchte ich an erster Stelle die kleine Hebrideninsel Iona nennen, auf der der heilige Kolumban im Jahr 563 sein klösterliches Missionszentrum gegründet hat. Wer einmal auf Iona war, von dem bleibt etwas auf Iona zurück und er nimmt zugleich etwas von Iona mit sich. Es gibt wenige Orte mit einer solchen, beinahe körperlich spürbaren spirituellen Ausstrahlung. Auf Iona erscheint die Zeit durchlässig für die Ewigkeit.

Sie schreiben in Ihrem Buch etwas, das schon ziemlich untypisch für gewöhnliche Reiseführer anmutet: Ein Schluck schottischer Whisky ersetzt schon beinahe eine eigentliche Reise nach Schottland. Verwunderlich für jemanden, der vermutlich Schottland schon beinahe als Zweitwohnsitz anmelden könnte…

Ich werde sogar oft gefragt, warum ich nicht ganz nach Schottland auswandere. Die Antwort ist ganz einfach: weil ich dann nicht mehr dorthin reisen könnte. Aber Schottland mit seiner grandiosen Landschaft, seinem ausgeglichenen Klima, seiner bewegten Geschichte, seiner einzigartigen Kultur und seiner zeitlosen Spiritualität ist ohnehin weniger ein Ort als eine Lebenshaltung. All das bietet nämlich nichts weniger als einen Vorgeschmack des Paradieses – ebenso wie jeder Schluck eines guten schottischen Single Malt Whiskys.

Letzte Frage: Mit welchem Whisky kann man bei geladenen Gästen wirklich nie etwas verkehrt machen?

Mit einem 12 Jahre alten Whisky von Deanston, Balvenie oder Glen Grant werden diejenigen, denen Whisky bislang fremd war, nicht überfordert, während diejenigen, die Whisky kennen und lieben, immer wieder neu Gefallen daran finden werden.

Wolfgang F. Rothe
Whisky-Wallfahrten – Ein spiritueller Reiseführer durch Schottland
192 Seiten, Hardcover, über 80 Farbbilder
Verlag EOS – Editions St. Ottilien
ISBN 978-3-8306-7875-5
€ 19,95

Ein Kommentar

  1. Michael Böhles, P. Mag.theol. CSSp 21. Februar 2018

    Zur Ergänzung: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ – meinte Wilhelm Busch. Heinz Rühmann warnte: „Sorgen kann man nicht im Alkohol (Spiritus) ertränken – die können schwimmen!!!“ Die Translation führt deshalb hin zum Wein: „Im Wein ist Wahrheit – sofern es in Wahrheit Wein ist…“ Und: „Der Wein und die Wahrheit sind sich sehr ähnlich , weil man mit beiden anstößt.“ (Moritz G. Saphir) Ob also der Whisky einen „paradiesischen Vorgeschmack“ gestattet, sei dahingestellt. Immerhin: „Als Gott den Menschen aus dem Paradies vertrieb, beließ Er ihm drei Erinnerungen: die Blumen, das Lächeln und die Kinder…“

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