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Quintus Curtius & Cui Pertinebit

Dialog mit einem frommen Mönch

Bild: CC

QUINTUS CURTIUS: Denkst Du, daß Männer heute eine spirituelle Krise durchlaufen?

CUI PERTINEBIT (Mönch): Ja. Krise ist ein altgriechisches Wort, es bedeutet „Wertung“. Es ist das Wesen der Wahrheit, daß man durch sie zur Wertung kommt; darum überrascht es mich nicht, daß sich unsere Wertungen zur Krise entwickeln, genau in dem Moment, in dem „Wertungsfreiheit“ unsere letzte „Wahrheit“ geworden ist. Die zugrundeliegende Krankheit ist die Häresie des „Modernismus“ (manchmal auch „Liberalismus“ genannt), der, reduziert auf seinen Kern, die irrationale Annahme einer Unabhängigkeit per absoluter, abstrakter „Rechte“ ist, wohingegen jeder die Ursache der Existenz von Rechten bestreitet, anzweifelt – oder an ihr verzweifelt.

Der Modernist bekümmert sich nicht, ob etwas richtig ist und wahr; es muß nur ein „Recht“ sein, ohne jeden Bezug zum Richtigen und Wahren. Die zentrale Verrücktheit ist, daß das Richtige zwar im Namen des „Rechts“ bestritten, daß dabei aber gleichwohl geglaubt wird, daß „Rechte“ existieren, obwohl es das Richtige nicht gibt. Die modernistische Gesellschaft entwickelt sich zwingend irrational – im Einklang mit ihren Grundannahmen.

Q.C.: Das ist ein guter Punkt.

C.P.: Aber sollten wir darum Menschenrechte verweigern und zum reinen Recht greifen? Papst Pius XII sprach vom Gleichgewicht von Strenge und Nachsicht in der Gesellschaft:

„1. Was nicht der Wahrheit und dem Sittengesetz entspricht, hat objektiv kein Recht auf Dasein, Propaganda und Aktion. 2. Nicht durch staatliche Gesetze und Zwangsmaßnahmen einzugreifen kann trotzdem im Interesse eines höheren und umfassenderen Guten gerechtfertigt sein.“[1]

Der Unterschied, philosophisch entscheidend, ist, daß es oftmals richtig ist, etwas, das objektiv falsch ist, zu tolerieren; aber es folgt daraus nicht, daß es ein „Recht“ gäbe, etwas objektiv Falsches zu tun. Die zweite Vorstellung zum Prinzip zu wählen, bedeutet die Gesellschaft unwiderruflich in Irrationalität und Ungerechtigkeit zu stürzen.

Q.C.: Wie aber konnten die Dinge zu dem Punkt kommen, an dem wir jetzt gesellschaftlich sind? Wer, denkst Du, ist verantwortlich?

C.P.: Jedermann ist zuerst einmal selbst verantwortlich. Verantwortung zuzuweisen ohne vorher überhaupt Verantwortung übernommen zu haben, ist beschämend. Das ist das erste. In dem Sinne, daß wir die Krise zulassen, an ihr teilnehmen oder daran scheitern, umzukehren, sind wir selbst verantwortlich.

Mir liegt nichts an Verschwörungstheorien, an Erklärungsversuchen, wer genau die Verursacher der gegenwärtigen Lage sein mögen; nicht, weil ich meine, daß es unwahrscheinlich ist, daß es Verschwörungen und Kabalen gibt, die die Zerstörung unserer Zivilisation betreiben – das tue ich nachdrücklich. Aber es gibt einen offensichtlichen Mangel an Informationen zu verschwörerischen Tätigkeiten, und viele „nützliche Idioten“ setzen die Pläne unwissentlich um, erklärende Theorie neigen also dazu, zu enttäuschen.

Ich halte die ersten Protestanten, die Freimaurer, Jakobiner, all diejenigen, die für die Umverteilung von ökonomischem oder sozialem Kapital eintreten, insbesondere Sozialisten, und alle, die sich dem Prinzip der Subsidiarität widersetzen, für besonders verantwortlich. Die, die den Kelch der Rache Gottes besonders tief werden leeren müssen, sind, nach meiner Meinung, die Kleriker und Gläubigen der Katholischen Kirche, von denen viele, selbst Päpste, ihre Pflichten vollständig aufgegeben haben.

Q.C.: Ja. Es gibt keinen Zweifel, daß viele unserer Institutionen uns enttäuscht haben. Wenn diese Autoritätsfiguren um die Verantwortlichkeiten ihrer Ämter so besorgt gewesen wären wie um ihre Privilegien, dann wären wir nicht in dieser Lage. Aber was sollten Männer jetzt tun, um ihre geistige Seite zu entwickeln?

C.P.: Erstens, sie sollten ihre Liebe zur Schönheit und zu herausragenden Leistungen pflegen. Wir sind unempfänglich für die Schönheit des Himmels wenn wir nicht einmal die dieser Welt schätzen können. Dann sollten sie den Zweck der Seele in ihren drei Aspekten kennenlernen und die Beziehung der Tugenden, insbesondere der sogenannten Kardinaltugenden, zu ihnen. Schlußendlich sollten Männer sich klarmachen, daß das geistige Leben, wenn es eines ist, aus den drei theologischen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung besteht. Diese liegen jenseits des menschlichen Vermögens, so muß man sie von Gott erbitten.

Gott mag Deine Ernsthaftigkeit prüfen und erwartet von Dir einige Arbeit. Letztendlich wird das geistige Erholung und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit durch Buße und Einheit mit Christus umfassen. Wenn Männer Gott ernstlich fragen, insbesondere wenn sie sich ihm durch die gebeneidete Jungfrau anempfehlen, durch die Er sich uns anempfohlen hat, dann bin ich sicher, daß sich ihnen das geistige Leben erschließt.

Q.C.: Was ist Dein Hintergrund und was machst Du jetzt?

C.P. Nun, ich war professioneller Cellist und studierte Musiktheorie und Komposition. Kurz vor dem Beginn des Studiums wurde ich Christ, im zweiten Jahr verließ ich die Universität und ging in ein Mönchskloster der Orthodoxen, nachdem mich etwas historische Lektüre überzeugt hatte, daß die ersten Christen keine Protestanten gewesen sind. Das Stift meinte, ich hätte eine Berufung zum Priesteramt und schickte mich zurück an die Universität. Ich habe zwei Bachelor-Abschlüsse, einen in Altgriechisch und Latein und einen in Geschichte mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance.

Je mehr ich von Geschichte verstand und je besser meine Fähigkeiten wurden, die Primärtexte direkt in Altgriechisch und Latein zu lesen, desto klarer wurde mir die Wahrheit des katholischen Glaubens. Ich werde jetzt aufgenommen in die Katholische Kirche, obwohl ich modernen Männern deutlich machen möchte, daß vieles von dem, was heute als Katholizismus durchgeht, sicher nicht katholisch ist. Ich empfehle von Herzen den lateinischen Ritus der FSSPX; der orthodoxe Ritus ist im Moment noch nicht so beschädigt. Ich werde mein Promotionsstudium beenden, um im Seminar Latein zu lehren, wo ich zugleich die Ausbildung zum Priester durchlaufe.

Q.C.: Ich bin froh, daß es noch Männer wie Dich gibt, die in aller Stille das Leben anderer beeinflussen. Wie bist zu dazu gekommen, diese Lebensentscheidung zu fällen?

C.P. Ich war von dem mönchischen oder priesterlichen Leben all mein Leben angezogen. Aber ich war Atheist und anschließend Protestant! Als ich überlegte, zur Orthodoxen Kirche zu konvertieren, wo das mönchische Leben eine Möglichkeit ist, war ich in ein Mädchen verliebt. Sie war das einzige Mädchen, um das ich jemals ernstlich gefreit habe – gefallene Frauen sind unattraktiv, und moderne Frauen sind ein Haufen Gefallene. Obwohl dieses Mädchen unbeschädigt war, hat sie mir doch ein kraftvolles Rezept für die „red pill“[2] ausgestellt.

Das bewog mich, über das Verhalten von Frauen im Allgemeinen nachzudenken – selbst die guten sind immer noch angekränkelt von den unvermeidlichen Schwächen ihres Geschlechts. Die Gesellschaft hatte einmal Sitten, die das Leben mit Frauen möglich machten; aber da die moderne Gesellschaft diese Sitten beseitigt hat, sehe ich keinen Sinn darin, meine Zeit zu verschwenden. Ich habe diese Entscheidung nie bereut.

Q.C.: Ja.

C.P. Um es positiver zu betrachten: das keusche Leben wurde seit dem Neuen Testament als die beste Lebensform empfohlen. „Denn nach der Auferstehung heiratet man nicht, noch wird man geheiratet, sondern die Menschen sind wie Engel im Himmel“[3]; durch die Taufe ist „das Reich Gottes mitten unter euch“.[4] Daraus folgt, daß dieses Leben hier und jetzt bereits hervorragend geeignet ist für den christlichen Mann.

Was mich aber am meisten berührt hat, ist die Erläuterung des Heiligen Dorotheos von Gaza: wenn wir Gott seine Gnade vergelten durch den Glauben und das Einhalten seiner Gebote, dann geben wir Gott das, was wir ihm ohnehin schulden. Wenn wir unsere Dankbarkeit zeigen und etwas mehr geben wollen, können wir freiwillig auch gute Dinge unserer Liebe zu Gott aufopfern. Das eigene Leben insgesamt zum Opfer zu bringen, ist die bestmögliche Weise. Quid retribuam Domino, pro omnibus quae retribuit mihi?[5]

Q.C.: Gibt es besondere spirituelle Übungen oder Bücher, die Du empfehlen könntest?

C.P.: Die Menschen sind zu verschieden, die Tradition ist zu reich und der wertvollen Meinungen gibt es zu viele, wenn es um besondere Empfehlungen für eine große Gruppe geht. Ich will aber sagen, was ich sagen kann. Erstens, die Anweisungen der Heiligsten Jungfrau zu Fatima bezüglich des Rosenkranzes und anderer Übungen sind die weitaus bedeutendste geistige Kur unserer Zeit. Ich empfehle Meditationen wie in „The Cloud of Knowing“ von Renato Antonio beschrieben, wobei man die Warnungen des Buches beherzigen sollte.

Befolge unerbittlich die mittelalterlichen Fastenregeln mit Hilfe des liturgischen Kalenders, um Dich auf das große Mysterium auszurichten. Schlußendlich, Litaneien sind gut, weil sie die Kirchenfrömmigkeit vermitteln, aber wir müssen auch frei beten, wenn wir Gott kennen und gerettet werden wollen. Ich rate Dir, daß Beständigkeit mit ein wenig Beten besser ist als daran zu scheitern, regelmäßig mehr zu beten – ziele aber ein tägliches Minimum von 15 Minuten an. Finde eine Zeit, einen Platz und eine Gebetshaltung, die das Heilige vom Profanen trennt.

Was Bücher betrifft: die Heilige Schrift brauche ich nicht zu erwähnen, aber lies sie so, wie die Kirche sie liest. Wer gibt etwas drauf, was Du denkst, was die Bibel bedeutet? Wenn Christus sagt, der Heilige Geist „wird euch in die ganze Wahrheit leiten“[6], dann meint Er eben den Plural – und Er sprach zu den Aposteln.

Als Crashkurs in christlicher Spiritualität empfehle ich „The Life in Christ“ des Seligen Columba Marmion, „Der geistliche Kampf“ von Francisco Scupoli, „The Purpose of Christian Mortification“ von Kardinal Désiré-Joseph Mercier und das regelmäßige Lesen der Heiligenlegenden, da nichts das Ethos der christlichen Spiritualität so herausdestilliert wie sie.[7]

Aber ich könnte einen ganzen Nachmittag damit zubringen, verschiedene Bücher für verschiedene Bedürfnisse zu empfehlen, belassen wir es also dabei.

Q.C.: Was sind die großen Fehler, die Männer heute machen? Wie können sie diese korrigieren?

C.P.: Die wichtigsten sind die schon dargestellten – Modernismus und Liberalismus; dieses Gefühl des Rechtsanspruchs, dieses Anspruchsdenken, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen leben zu wollen, statt zu erkennen, daß Natur und Vernunft uns ihre eigenen Bedingungen diktieren, und daß Weisheit nicht darin liegt, der Wirklichkeit zu widerstehen, sondern ihr zu entsprechen.

Daneben, würde ich sagen, ist der Zynismus ein Problem, besonders im Verbund mit Hedonismus. Der Mann wurde geschaffen, um Freude daran zu haben, Gott treulich zu dienen. Zynisch dem Nihilismus zu dienen, besonders im Hedonismus, ist das genaue Gegenteil unseres gewachsenen Zustandes und Zwecks. Diese falsche Art ist kein Zufall, sondern logische Konsequenz von Modernismus und Liberalismus.

Ich weiß, daß unsere Zeiten finstere sind, Niedergang und sozialer Zusammenbruch nehmen überall zu. Ich weiß, daß unsere Väter, körperliche wie geistige, uns so wurzellos zurückgelassen haben wie keine Generation zuvor. Ich weiß, daß in unseren Frauen keine Schönheit, kein Trost und keine Treue mehr sind, und daß die einfache Freude, eine Familie zu gründen, überschattet werden von ewiger Lohnsklaverei und Scheidungssklaverei. Ich weiß, daß es oft so scheint, daß es nichts von dauerndem Wert mehr gibt, das zu erwerben und zu erhalten sich lohnt, und daß die Freuden des Augenblicks das Beste sind, was wir bekommen werden. Das ist alles eine Illusion. Reinige Deinen Geist von dem Müll und weise das langsam wirkende Gift zurück, das Dir in Deine Adern gespritzt wurde durch jenes Gestell der Kultur der Modernisten.

Obwohl es wahr ist, daß die Umstände unsere Möglichkeiten reduzieren, sehen wir, daß jener Schatz moralischer und geistiger Stärke von Dir genossen werden kann, und keine äußere Macht kann Dich hiervon abziehen ohne Deine Einwilligung. Das also ist mein Rat an Männer, wie man Abhilfe schaffen kann: verweigere dem Deine Einwilligung. Wende Dich vom Übel ab, klammere Dich an Gott so, wie an Dein Leben selbst. In einer Welt ohne Ehre und Integrität mußt Du Deine Ehre und Integrität als umso wertvoller betrachten. Kämpfe darum, nicht korrumpiert zu werden. Die, die das in dieser Zeit tun, werden, dessen bin ich gewiß, von Gott nach dem Maß ihres Kampfes belohnt werden. Die Ewigkeit einmal beiseite, ein tugendhafter Mann lebt ein besseres Leben auch im Hier und Jetzt.

Der vorliegende Text erschien am 10. November 2014 unter dem Titel „A Dialogue With A Pious Monk“ in dem Webjournal „Return Of Kings„. Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Autor und Redaktion. Zwei Absätze sowie die Abschlußformeln wurden weggelassen.

Quintus Curtius betreibt u.a. die Webseite www.qcurtius.com, er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Cui Pertinebit ist als regelmäßiger und ausführlicher Kommentator zum Webjournal Return Of Kings anzutreffen.

Aus dem Englischen von André Thiele.

[1] Papst Pius XII, „Ci Riese“, Rede vor dem Nationalen Kongreß Katholischer Juristen, Rom, vom 6. Dezember 1953; zitiert nach http://www.kathpedia.com/index.php?title=Pius_XII._zur_Toleranz [abgerufen am 02.04.2018].

[2] Mit „red pill“ ist die „red pill philosophy“ gemeint, eine Sammlung von Erfahrungssätzen, die das Verhalten moderner Frauen gegenüber Männern beschreiben und die den Männern nahelegen, moderne Frauen zu meiden.

[3] Matthäus 22:30; zitiert nach https://www.bibleserver.com/text/EU/Matth%C3%A4us22%2C30 [abgerufen am 02.04.2018].

[4] Lukas 17,21; angeführt nach https://www.bibleserver.com/text/ELB/Lukas17%2C21 [abgerufen am 02.04.2018].

[5] Psalm 116:12, Vulgata: „Wie soll ich dem HERRN vergelten alle seine Wohltaten an mir?“, zitiert nach https://www.bibleserver.com/text/ELB/Psalm116%2C12 [abgerufen am 02.04.2018].

[6] Johannes 16:13; angeführt nach https://www.bibleserver.com/text/ELB/Johannes16%2C13 [abgerufen am 02.04.2018].

[7] Der Selige Dom Columbia Marmion (1858-1923); statt „The Life in Christ“ wahrscheinlich richtig „Christ, the Life of the Soul“, original „Le Christ, vie de l’âme“ von 1912, deutsch „Christus, das Leben der Seele“ (ISBN 978-3864170744). Kardinal Désiré-Joseph Mercier (1851-1926); das Buch gibt es als eBook auf Englisch hier: https://catholicebooks.wordpress.com/2015/09/01/free-ebook-the-purpose-of-christian-mortification-by-cardinal-mercier/ , eine gekürzte deutsche Version findet sich u.d.T. „Abtötung“ hier: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Abt%C3%B6tung [abgerufen am 02.04.2018].

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