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Ein Aufruf zur Umkehr

Buchbesprechung: Liane Bednarz, Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirche unterwandern

von Harald Stollmeiner

Liane Bednarz stellte sich im Herbst 2013 gegen einige Weggefährten im konservativ-katholischen Milieu und warf ihnen öffentlich eine „Rechtsdrift“ und das Paktieren mit Gegnern der offenen Gesellschaft vor. Viele der Betroffenen sehen darin vor allem einen Loyalitätsbruch, wenn nicht einen Verrat, und verweigern sich einer gewissenhaften Prüfung der Vorwürfe selbst. Jetzt legt Liane Bednarz eine verbesserte Diagnose vor – auf so hohem Niveau, dass man sie ernst nehmen sollte, auch wenn die Botschaft schmerzt.

Die reißerische Aufmachung ist irreführend. Anders als Titel und Klappentext („Rechte Christen sind seit Jahren auf dem Vormarsch …“) ist der Inhalt durchweg seriös. Gestützt auf Gewährsleute wie Andreas Püttmann und Armin Nassehi arbeitet Liane Bednarz die Entwicklung der Neuen Rechten einerseits und die Annäherung eines Teils der konservativen Christen an sie heraus. Dabei widerlegt sie die häufige These, nach der die AfD nur die CDU von früher sei. Zwar habe die CDU unter anderem eine konservative Wurzel. Aber dieser Konservatismus, für den etwa Alfred Dregger stehe, unterscheide sich vom völkisch-antimodernen Vorkriegskonservatismus, besonders schroff durch seine Westorientierung; vor 1945 waren deutsche Konservative in der Regel antiamerikanisch, und die Neue Rechte von heute ist es überwiegend auch.

Thematisch hat das Buch drei Blöcke: „Wie aus konservativer Frömmigkeit ein Denken in Feindbildern wurde“, „Themen, Feindbilder und Akteure“ und „Die Angstprediger und ihre Mitstreiter“. Dabei rekapituliert die Autorin Aussagen und Positionierungen, die man aus früheren Publikationen kennt, skizziert aber auch gut informiert jüngere Entwicklungen. Besonders interessant sind die Berichte von AfD-Veranstaltungen, die sich ausdrücklich an Christen richten.

Die Kernfragen, die sich mehr oder weniger deutlich durch das Buch ziehen, sind aber andere:

  1. Wo verläuft die inhaltliche Grenze zwischen christlich-konservativem und dem nicht mehr christlichen sondern rechten Gedankengut?
  2. Was sind die Gründe dafür, dass Christen „rechts“ werden?
  3. Wie soll man mit „rechten Christen“ umgehen?

Am leichtesten ist die erste Frage beantwortet: Das christliche Menschenbild mit der Gottesebenbildlichkeit JEDES Menschen widerspricht völkischen oder gar rassistischen Kategorisierungen völlig. Außerdem verlangt es bei durchaus gebotener Deutlichkeit in der Sache, etwa der Ehevorstellung, Achtung vor der Menschenwürde des Anderen, auch und gerade des Sünders und natürlich Barmherzigkeit mit den Schwachen.

Die Gründe dafür, dass Christen dennoch rechts werden oder mit rechten Verbündeten paktieren, liegen in realen Marginalisierungserfahrungen (man denke an die öffentliche Schelte der Bundeskanzlerin für Papst Benedikt während eines gemeinsamen Auftritts mit dem weißrussischen Diktator!) und zunehmender Verzweiflung über Tatbestände wie den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit den über 100.000 Schwangerschaftsabbrüchen pro Jahr. Liane Bednarz bekennt teils Übereinstimmung mit den betreffenden christlichen Positionen, teils Verständnis für sie.

Zum Thema „Genderwahn“ sieht sie ursprünglich berechtigte Kritik an übergriffigen Lehrplänen in Baden-Württemberg (das war der Auslöser der „Demo für Alle“), die aber schnell generalisiert und übertrieben worden sei. Ein anderes relevantes Thema ist die Diskriminierung oder gar Verfolgung von Christen, namentlich durch Muslime, auch in Deutschland. Hier scheinen die Aufklärungen der Autorin zu Beispielen wie der Umbenennung von Martinszügen, die fast nie auf Muslime zurückgehen, vollkommen angemessen.

Bei ihrer Bewertung des Themas „Christenverfolgung“ (Zugegeben: Dieser Begriff ist nicht selten zu dick aufgetragen) würde man sich dennoch eine etwas größere Vorsicht wünschen: Der öffentlich geäußerte Verdacht des Open-Doors-Geschäftsführers Markus Rode, die Kirchen würden als Betreiber von Flüchtlingsheimen selbst Vorfälle vertuschen, ist zwar definitiv unfreundlich. Anstatt ihn aber ausschließlich als Beleg für eine mangelnde Vertrauenswürdigkeit Rodes zu betrachten, könnte die Autorin für einen Moment darüber nachdenken, wie absurd sie vor 2010 den Vorwurf gefunden hätte, die Kirchen würden den Missbrauch Minderjähriger vertuschen.

Der endgültige Auslöser für die Überschreitung der Grenze nach „rechts“ ist für Liane Bednarz regelmäßig die Verabsolutierung eines an sich berechtigten Anliegens, wie etwa des Eintretens für das Lebensrecht ungeborener Menschen. Wenn man dieses Anliegen (oder etwa die klassische Ehevorstellung) absolut setzt, nimmt man nicht mehr wahr, welchen Preis man für die Unterstützung von Verbündeten wie Vladimir Putin zahlt, die in dieser Frage Übereinstimmung zeigen.

Für den Umgang mit „rechten Christen“ wie überhaupt mit Rechten setzen manche Zeitgenossen auf Abstempeln und Ausgrenzen. Liane Bednarz nennt Beispiele wie die aus der AfD ausgetretene Anette Schultner und setzt auf offene Debatten und geduldige Dialoge mit dem Ziel der Umkehr.

„Sowohl rechten Christen als auch AfD-Gegnern, die jedes „mit Rechten reden“ schon für eine Anbiederung halten, müssten Menschen wie Anette Schultner zu denken geben, auch wenn man wie die Verfasserin diverse ihrer Positionen immer noch gerade aus konservativer Sicht sehr kritisch betrachtet: Wenn solche Gläubigen erkennen können, dass Christentum und ein neurechter Blick auf die Welt letztlich inkompatibel sind, dann lohnt es sich, bei nach rechts gedrifteten Christen und AfD-Anhängern für diese Erkenntnis zu werben“ (Seite 240 f.).

Anders als der Titel vermuten lässt, ist Die Angstprediger ein sachliches und seriöses Buch. Die Autorin berücksichtigt regelmäßig entlastende Faktoren und verzichtet auf die Begleichung alter Rechnungen. Die Angstprediger ist das Beste, was Liane Bednarz bisher publiziert hat.

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11 Kommentare

  1. Tommy 18. April 2018

    Im Buchladen konnte ich einen Blick in das Buch werfen. Wenn ich ihre kryptische Weise zu zitieren bzw. die Fußnoten richtig deute, dann betrachtet sie auch „The Cathwalk“ als eine Ausgeburt rechter Verschwörer. Sie wird gewiss dankbar dafür sein, von der Seite der Geschmähten bescheinigt zu bekommen, dass ihr Buch „sachlich und seriös“ sei.

    • Markus Thomas 23. April 2018

      @Tommy
      Da muss ich widersprechen: „The Cathwalk“ wird im Buch positiv als Beispiel für eine nicht-rechte, konservative Plattform zitiert.
      Trotzdem ist ist das Buch m.E. fragwürdig. Spätestens nach seinen jüngsten Äußerungen über „radikalen Lebensschutz“ müsste Frau Bednarz ja auch Kardinal Woelki zu den rechten Kräften in der Kirche zählen. Das zeigt wie willkürzlich und subjektiv ihre Kriterien sind.

  2. Markus Thomas 18. April 2018

    Ich habe das Buch gelesen und konnte weder die behauptete Sachlichkeit noch hohes Niveau darin entdecken.
    Die Autorin kennt z.B. offensichtlich die wesentlichen Debatten und Richtungen in der Kirche nicht und setzt sich mit keiner der von ihr angesprochenen Positionen inhaltlich auseinander. Sie zitiert weitgehend nur zusammenhanglos Aussagen, die aus ihrer Sicht irgendwelche Reizwörter enthalten. Der Versuch zu verstehen worüber sie schreibt, wird kaum erkennbar.
    An vielen Stellen begibt sie sich auf das Niveau der Verschwörungstheorien. Sie konstruiert dann mutmaßliche Verbindungen, indem sie z.B. behauptet, X „hat keine Berührungsängste gegenüber“ Y, oder A sah „keine Notwendigkeit […] sich im direkten öffentlichen Kontakt“ von B „fundamental abzugrenzen“. So entsteht das Bild einer gigantischen Verschwörung, in der alles irgendwie mit allem anderen zusammenhängt.
    Wenn ein christlicher Publizist eine Medienkampagne gegen einen Bischof vermutete, ist das für sie z.B. ein Beleg für Verbindungen zu Pegida, schließlich würden die auch Medienkritik üben. Weite Teile des Buches bestehen aus solchen willkürlich wirkenden Konstruktionen von angeblichen Verbindungen zwischen konservativen Christen und rechten Aktivisten.
    Die Autorin begibt sich zudem m.E. bei vielen ihrer Bewertungen auf sehr dünnes Eis, z.B. wenn sie Papst Franziskus als Gegenbild der von ihr kritisierten „rechten“ Christen darstellt. Tatsächlich sind die Positionen von Franziskus zur Gender-Debatte in vieler Hinsicht noch deutlich radikaler als die der von ihr kritisierten Personen. Es entsteht der Eindruck, dass sie diese Positionen gar nicht kennt, sondern nur über ein sehr vages Bild des Denkens von Franziskus verfügt. Man kann aber kein fundiertes Buch zu einem Thema schreiben, mit dessen Grundlagen man sich scheinbar nicht näher auseinandergesetzt hat.

  3. André Thiele 12. April 2018

    Bednarz, Die Angstprediger
    Bahners, Die Panikmacher
    Wagner, Die Angstmacher

    Gibt es eigentlich eine Art Bundesbehörde gegen die Machenschaften der AfD, in der den Autoren von Amts wegen Buchtitel zugewiesen werden? Anders ist diese Monotonie ja kaum zu erklären.

    Der nächste Autor muß für sein Buch dann den Titel „Die Panikprediger“ nehmen. Der arme Kerl.

  4. Dr. Uli Spreitzer 12. April 2018

    Wenn ich was über die neuen Rechten lesen will, dann empfehle ich

    Thomas Wagner: Die Angstmacher. 1968 und die Rechten. Aufbau 2.Aufl. 2017

    Sehr sehr profund geschrieben von einem eher „Linken“. Echte Interviews mit z B Kubitschek, Böckelmann darin enthalten. Auch eine ausführliche Darstellung von Personen und deren Ideengeschichte wie Benoist, Moeller von Bruck …

    Ansonsten kann ich mir nicht vorstellen, das bei dem Ungleichgewicht der „Medienmacht“ Marco Gallina der Frau Bednarz wirklich beruflich „wehtun“ kann

    • Harald Stollmeier 11. April 2018

      Das ist nicht Gallina auf seinem höchsten Niveau (auf dem er wirklich lesenswert ist); sein Applaus für den anderthalb Jahre zurückliegenden Versuch, Dr. Bednarz beruflich zu vernichten, macht ihm wenig Ehre. Aber auch in der Sache könnte eine Lektüre des ganzen Buches nicht schaden. Übrigens hätte ich von Gallina erwartet, dass ihm auffällt, wie viele Katholiken in Amt und Würde genau damit Probleme haben: streng fromme Positionen auszuhalten.

      • Marco Gallina 12. April 2018

        „Beruflich zu vernichten“ ist wohl eher das, was Frau Bednarz tut. Das zu kritisieren, und dann mir zu unterstellen, ich wollte jemanden vernichten, ist so eine Umpolung der Dinge, die ich hier mal besser nicht weiter ausführe. Meine damalige „Vernichtung“ und auch jetzige summiert sich allein auf Zusammenfassungen, während Bednarz monetär aus Talk-Show-Auftritten, Büchern und Kampagnen gegen Journalisten aus dem katholischen Spektrum Vorteile bezieht.

      • Harald Stollmeier 12. April 2018

        Sie waren das doch damals nicht! Ich halte es nur für unter Ihrer Würde, dass Sie dem jetzt noch applaudieren.

      • Marco Gallina 13. April 2018

        Va be‘.

  5. Nepomuk 11. April 2018

    Es mag ein minder bedeutender Punkt sein, aber ich finde es schade, daß der Rezensent Frau Bednarz anscheinenden Sprachgebrauch von wegen des Wortes „rechts“, anscheinend ohne Anführungszeichen, übernimmt. „rechts“ ist erstmal eine moralisch neutrale (wenn nicht positive) Richtungsbezeichnung, und typisches Beispiel dafür ist nicht die NSDAP, sondern sagen wir der bayrische königstreue Heimatverein.

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