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Men going their own way

Folge 5: MGTOW: Machst du ein Video? Bravo!

Unter dem Kürzel MGTOW formiert sich eine rasant wachsende Gruppe von Männern, die sich radikal vom Umgang mit Frauen zurückziehen. Welche Gründe hat das und was sind die Folgen insbesondere für Katholiken?

Pixabay-Kollage MGTOW Cathwalk
Bild: CC

Von André Thiele

„Ich habe einen Fall von Selbstmord erlebt. Irgendein Liebeskummer trieb den jungen Menschen dazu, sich mit größter Genauigkeit die Kugel mitten ins Herz zu jagen […] Ich mußte daran denken, wie sehr ich diese traurige Schaustellung nicht als vornehm, sondern als erbärmlich empfand. Nichts, gar nichts hatte also hinter dieser Menschenstirn über dem freundlichen Gesicht gesteckt, nichts als das Bild eines albernen kleinen Mädchens, das nicht anders war als tausend andere auch.

Gegenüber diesem kläglichen Schicksal erinnere ich mich eines wirklichen Mannestodes, des Sterbens eines Gärtners, der mir sagte: ‚Wissen Sie, manchmal habe ich beim Graben tüchtig geschwitzt, und das Reißen im Bein war kaum auszuhalten, und ich habe über die Knechtschaft geflucht. Und heute, da möchte ich graben, das Land umgraben; nichts kommt mir schöner vor als graben. Dabei ist man doch frei. Und wer wird nun meine Bäume beschneiden?‘

Er ließ urbares Land zurück, eine urbare Welt. Denn allem Fruchtland und allen Fruchtbäumen der ganzen Welt war er in Liebe verbunden. Er war der Freigebige, er war der Verschwender, der große Herr. Er war wie Guillaumet der tapfere Ritter, als er im Namen seiner Schöpfung mit dem Tode rang.“ – Antoine de Saint-Exupéry

Ihr Instagram-Account ist noch online. „Küßchen, eure Tizzi“ hat sie als Motto darübergeschrieben.

Wenn der Feminismus den Dämonen der Frauen die Tore geöffnet hat, dann beliefern die Sozialen Medien sie mit Koks. Ein Geschlecht, das sich wesentlich über Aussehen und dessen Wirkung auf andere versteht, das Schönheit als Leistung begreift und Aufmerksamkeit als Währung, die kostbarer ist noch als Gold, kann dem Sog des Digitalen gerade dann wenig entgegensetzen, wenn es meint, es zu beherrschen.

Tiziana Cantone glaubte auch, sie wüßte, was sie tut.

Wer nicht schon eine schlechte Meinung von den „klassischen“ Medien hat, bekommt sie, wenn er sich mit dem Fall dieser Frau befaßt. Hunderte, wenn nicht tausende Artikel europaweit sind online – darin finden sich so gut wie keine gesicherten Informationen, fast alles ist Wertung, Getöse, Gequatsche.

31 Jahre alt war sie oder 32, vielleicht auch 33, als sie sich am 13. September 2016 im Haus ihrer Mutter in einem Vorort von Neapel selbst richtete. Im April 2015 hatte sie entweder fünf oder sechs Pornofilmchen von sich über WhatsApp an eine Gruppe von vier, fünf oder sechs Freunden versandt, denen sie, heißt es, „vertraute“. Unter diesen fand sich auch ihr langjähriger Partner Sergio Di Palo, mit dem sie eine „offene Beziehung“ geführt hatte. Aber dann war sie eifersüchtig geworden und hatte ihn hinausgeworfen, heißt es. Sie habe die Filme, heißt es, versandt, um ihn, Sergio Di Palo, eifersüchtig zu machen.

Die Filmchen tauchten binnen weniger Tage in den Sozialen Medien und auf Pornoseiten auf. Eines davon, in dem sie einem Unbekannten auf einem Parkplatz einen Blowjob gibt, kurz hochsieht und fragt „Machst Du ein Video?“, er antwortet: „Ja“ und sie sagt: „Bravo!“, sollte ihr zum Verhängnis werden. Es verbreitete sich online wie ein Steppenfeuer. Anfang Mai 2015 tauchten von diesem Clip die ersten Parodien auf, die sich zumeist darauf bezogen, daß es in Italien einen bekannten billigen Fruchtsaft namens „Bravo“ gibt. Trinktüten dieses Saftes wurden in den Film montiert, Männer und Frauen stellen die Szene – Bravo trinkend – nach. Der Satz wurde mit Musik unterlegt und in Endlosschleifen gebracht. Es gab sofort T-Shirts und straßbesetzte Handy-Hüllen mit dem „Stai facendo il video? Bravo!“. – Kapitalismus, baby!

Von hier an gibt es nun drei Versionen der weiteren Ereignisse: die offizielle, die wahrscheinliche und die traurige.

Offiziell sind sich alle einig: schuld waren „das Internet“ und Sergio Di Palo. Er habe die Filme online gestellt und verbreitet, habe also die „Rache“ gewendet und an Tiziana Cantone wiederum „Rache“ genommen und den „wunderschönen, aber zerbrechlichen Engel“ dabei, typisch Mann, zerstört. „Es war wie ein von langer Hand geplanter, krimineller Akt“, sagte die Mutter später. [FN 01] Das stimmt zwar nicht, die harten, selbst hochproblematischen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergaben keine Vorwürfe gegen die beteiligten „Freunde“ und insbesondere nicht gegen Sergio De Palo, aber dieser Teil der Geschichte stand von nun an fest. „Er hat mir nicht geholfen, ihr Leben zu retten“, klagte die Mutter später öffentlich. [FN 02] So sehr offen scheint diese längst beendete, offene Beziehung folglich nicht gewesen zu sein.

Der zweite Täter, das waren „das Internet“ – und vor allem „die Männer“ darin. Die, die eben noch vor Lachen nicht ein noch aus wußten angesichts der Videoparodien, waren nun sehr betroffen. Die Meaculpisten, eine der einträglichsten Branchen des 21. Jahrhunderts, schritten ans Werk. Mehrere bekannte Autoren veröffentlichten Artikel, die schon im Titel feststellten, sie, die Männer, seien schuld. Spezielle Gründe für diese Annahme gab es keine: viele der Parodien und beschämenden Äußerungen im Netz kamen von Frauen. Aber was soll’s, Männer als Täter gehen immer gut.

Tiziana Cantone hingegen muß nach der Heiligsten Jungfrau die reinste und tugendhafteste Frau im katholischen Italien gewesen sein. Sie hatte nichts falsch gemacht, bloß eine ganz kleine Dummheit begangen. Man darf halt Männern nicht vertrauen und ihnen keine Videos senden. „Die Leute verwechseln eine hemmungslose Frau mit dem Wunsch, viral zu werden“, sagte die sehr beliebte Bloggerin Selvaggia Lucarelli. Und zitierte auch gleich aus dem bekannten Gesetz der Verhaltensregulation im Internet (GdVRiI): „Man kann einen Film aufnehmen und es mit einigen Leuten teilen, aber es gibt ein stillschweigendes Übereinkommen, das nicht weiter zu teilen.“ [FN 03] Nun, das „Bravo!“ bewies einmal, daß das Opfer das Aufnehmen eines Pornos in der Öffentlichkeit gewollt hatte, und das Teilen über eine nahezu offene Plattform wie WhatsApp sowie ihre Anmerkung, es habe sich um ein „Spiel“ gehandelt, waren weitere Hinweise, daß die Grenzen zwischen Ja und Nein bei Tiziana Cantone nicht sehr trennscharf waren.

Die öffentliche Beschämung des Stars wider Willen war spätestens in dem Moment Volkssport geworden, als die beiden Top-Fußballer Paolo Cannavaro und Antonio Floro Flores sich mit einer Parodie meldeten. Jetzt gab es sogar verschiedene Webseiten, die sich ausschließlich ihr widmeten. Tiziana Cantone gab ihre Wohnung auf, änderte ihren Namen und zog zu ihrer Mutter nach Mugnano. Man redete ihr ein, sie solle sich wehren, und sie wehrte sich – leider mit Erfolg. Anfang September 2016 errang sie ein bemerkenswertes Urteil: das Gericht sprach ihr tatsächlich den Anspruch zu, das Video auf zentralen Webseiten wie Facebook löschen zu lassen. Man könnte meinen, die Vorsitzende der Kammer sei eine Richterin namens Barbra Streisand gewesen – so durchschlagend war der Effekt: das Video tauchte an allen möglichen anderen Orten auf, ganz neue beliebte Parodien entstanden. Zudem bekam Tiziana Cantone die Gerichtskosten von 20.000 EUR auferlegt. Zwei Wochen später war sie tot.

Die siamesischen Zwillinge Lüsternheit und Empörung tobten nun erst recht: bei den Filmchen explodierten die Klickzahlen, zugleich flossen mehr Tränen, als alle Krokodile auf Erden aufzubringen vermöchten, wenn man sie denn zwingen könnte. Nichts klingt so süß und hohl wie das Klopfen auf die eigene Brust – es ist der eigentliche Techno-Beat unserer Tage.

„Tiziana mußte nicht wegen ihres Lebenswandels sterben oder weil sie etwas Schlimmes getan hat. Sie starb, weil das Verhältnis zu Sexualität in Italien krank ist“, schrieb der Bestseller-Autor Roberto Saviano, wobei er mit „krank“ nicht meinte, daß eine 31jährige einem Unbekannten auf einem Parkplatz einen Blowjob gibt, sich dabei filmen läßt und den Film dann über WhatsApp weiterreicht, um ihren Ex-Freund eifersüchtig zu machen. „Die Frau, die Spaß am Sex hat, ist eine Hure, der Mann macht es richtig.“ [FN 04] Antonia Bozzaotra, Präsidentin einer Psychologenvereinigung, war ähnlicher Meinung: „Diese Frau wurde Opfer einer zutiefst sexistischen Gesellschaft. Sexuell aktive Frauen werden hier bislang schikaniert.“ [FN 05]

Tiziana Cantone als Opfer. Das war die offizielle Version. „Wir müssen dies, wir müssen das.“ Die Endlosschleife der Besorgten. „Unsere Töchter müssen lernen, daß … Alle Männer haben zu verstehen, daß …“ Schon der erste Schritt einer brauchbaren Analyse des Vorgefallenen wurde nicht gemacht: die simple Feststellung der Tatsache, daß sie, das Opfer, die beteiligten Männer für ihre Pornofilmspielchen mißbraucht und damit erheblicher sozialer Gefahr ausgesetzt hatte.

Die Wirklichkeit kennt kein Sicherungsnetz und keinen doppelten Boden. Die Dinge hören nicht auf zu sein, nur weil soziale Gruppen das so beschließen. Die Realität ist der einzige Bereich, in dem niemand diskriminiert wird. Vor der Macht der Ereignisse, treten sie einmal ein, sind alle gleichermaßen hilflos.

Die wahrscheinlichste Version der Ereignisse, wobei zu viele Lücken ungefüllt bleiben im Netz der Fakten, als daß ein solides Urteil möglich wäre, ist, daß es sich bei den Vorgängen um die logischen Folgen einer gescheiterten Geschäftsidee von Tiziana Cantone handelte.

Die vom Feminismus und dessen ubiquitärer sozialer Anwendungsform propagierte Vorstellung, Frauen seien irgendwie unfähig, das Eigene zu erkennen und zu regeln, ist genau der Sexismus, den er zu bekämpfen vorgibt. Der Feminismus ermächtigt Frauen nicht, er wirft sie der Realität zum Fraße vor.

Der „Fall“ Tiziana Cantones könnte für einen talentierten Rechercheur und brauchbaren Denker zu einem Scharnierfall werden, an dem eine ganze Epoche zu erklären geht, wie der Fall Hartmann oder der von Pierre Rivière. So wurden die elf Bilder ihres Instagram-Accounts an zwei Tagen hochgeladen: am 15. und 17. Mai 2015, also kurz nachdem die Pornofilme im Internet aufgetaucht waren. [FN 06] Tiziana Cantone hat die Welle kommen sehen und sie wollte sie reiten.

Nichts wissen wir über ihren Lebensunterhalt: wovon lebte sie, was hatte sie gelernt, wie verdiente sie ihr Geld? Ihre Mutter wohnte in einfachen Verhältnissen und ging arbeiten. Tiziana Cantone war also nicht reich geboren. Keiner der vielen hundert, wo nicht tausend Artikel sagt irgendetwas zu dieser doch recht wichtigen Frage. Ihre Photos scheinen einen teuren Lebensstil zu dokumentieren, sie hatte offensichtlich ihre Brüste operieren lassen, wahrscheinlich noch mehr. Woher kamen die benötigten Gelder?

Die Idee, mit verwackelten Pornofilmchen über die Sozialen Medien berühmt und dadurch reich zu werden, hat viele Vorbilder. Die wichtigsten sind wohl Paris Hilton und die Kardashians. Beide finden sich unter den Instagram-Accounts, die Tiziana Cantone dem ihren als erste hinzugefügt hat – wohlgemerkt, nachdem die angeblich nur privatim verschickten Pornofilmchen viral geworden waren. „Instagram model“ ist heutzutage ein aussichtsreicher Beruf – wobei man eine entspannte Haltung zu der Frage haben muß, was diese Aussicht konkret bietet. Denn ähnlich wie in ihrem Verhalten bei der Partnerwahl zielen die meisten medial sozialisierten Frauen dabei so hoch, daß sie fast zwangsläufig scheitern müssen, und sie vergessen fast immer zwei Dinge: die materiellen Kosten für den Weg zum Erfolg und die langfristigen seelischen und sozialen Folgen.

Daß Tiziana Cantone ihr Instagram-Account eröffnete, nachdem die Pornofilmchen viral wurden, die Auswahl der Bilder (eines zeigt sie nackt vor der Dusche mit neckischem Entenschnabelkußmündchen) und daß sie es auch später nicht offline nahm, zeigt, daß sie koordiniert handelte. Wahrscheinlich ist, daß sie die Filmchen selbst veröffentlichte und sich durch das „WhatsApp-Spiel“ mit den Männern, denen später keine Beteiligung nachgewiesen werden konnte, geschickt gegen mögliche Vorwürfe absicherte. Wahrscheinlich ist, daß sie sehr schnell verstand, daß das „Bravo!“-Filmchen Geld bringen würde. Wahrscheinlich ist, daß die Initiative zum Reiten der Welle von ihr kam. Sie tat genau das, was Paris Hilton und die Kardashians auch getan hatten: sie bekämpfte den Sturm der Empörung und bediente ihn zugleich. Im Juli 2015 tauchten zwei neue Pornofilmchen von ihr auf, die offensichtlich nach dem Mai gedreht worden waren. Der Gerichtsprozeß machte nur Sinn, wenn er, wie bei Hilton und den Kardashians, als Versuch der wenigstens teilweisen Kontrolle oder sogar Monopolisierung der Einnahmen verstanden wird.

Um in den Sozialen Medien berühmt und reich zu werden muß man nichts verstehen, außer wie man in den Sozialen Medien berühmt und reich wird. Aber so schlau Tiziana Cantones Verhalten auch gewesen sein, und wie wenig es dem Bild vom reinen Engelchen auch widersprochen haben mag: sie verstand, aber nicht genug, um zu bestehen. Und dann hatte sie auch noch das für ihre Klasse übliche Pech.

Denn Paris Hilton und die Kardashians waren schon sehr wohlhabend, bevor sie das Spiel zu spielen begannen. Sie hatten Geld, das sie einsetzen und verlieren konnten. Tiziana Cantone aus dem Arbeitervorort Mugnano hatte das offensichtlich nicht. Sie hatte nur den Status, den ihre Schönheit ihr in den Sozialen Medien und unter den Männern verlieh, die auf solches reagieren. Eines der komischsten feministischen Märchen ist, daß Attraktivität kein Alter kennen soll. Allen Beteuerungen der Frauen untereinander – und der ebenso enthemmten Männer ihnen gegenüber – zum Trotz beginnt die Attraktivität der Frau im öffentlichen Kontext mit Ende Zwanzig schnell zu sinken. Gerade darum, denke ich, war Tiziana Cantone auch zu diesem „Spiel“ bereit: sie war wesentlich realistischer, als die Öffentlichkeit dem „Engel“ zugestehen will. Sie spielte vabanque, weil ihre Zeit ablief, und sie verlor. Denn sie war einmal nicht die Bank. Und die Bank gewinnt immer.

Die moderne Frau ist umgeben von einem ideologischen Schaum, der sie vor aller Realität beschützen soll. Sie darf keine Härten erleiden, sie darf nicht kritisiert werden, was sie nicht selber versteht, wird ihr nicht beigebracht. Frauen sind Engel – wer erzieht schon einen Engel?

Wo nichts mehr über den Status eines Menschen entscheidet als die Meinung der Sozialen Medien, setzte Tiziana Cantone wahrscheinlich darauf, in diesen mit Mut und Einsatz bestehen zu können. Sie wollte, vermute ich, für sich die einträglichste aller Positionen in der Mediengesellschaft erobern: sehr viel Opfer und etwas Verruchtheit.

Wer einmal ein paar Dutzend dieser unzähligen Instagram-Schönheiten am Monitor an sich vorüberziehen läßt, erkennt sehr schnell, was diese alle, die jede für sich betörend schön sind, im Wesen ausmacht: als Gruppe sind sie erschreckend einheitlich, langweilig, öde. Und so betörend schön Tiziana Cantone auf ihren Bildern ist, so beliebig sind diese im Schneegestöber der sich medial räkelnden Schönheitsheere der nachdrängenden Jüngeren. Alles hieran hängt ab vom Urteil der anderen – und Tiziana Cantone geschah das größte Unglück auf diesem Feld: sie wurde von Menschen mit höherem Status gedisst und sie kollidierte mit der Wirklichkeit.

Spätestens als die beiden Fußballstars Cannavaro und Flores sich einschalteten, wirkte schlagartig das Tensid, das den ideologischen Schaum der Überhöhung des Weiblichen als Folgenverhütungsmittel abspült: der höhere Status des Kritisierenden. Vor fünfzig Jahren noch hätte niemand etwas auf einen vulgären Witz zweier Fußballspieler gegeben. Heute sind sie Stars, mächtiger als Könige, italienische jedenfalls; ihr Witz „macht oder bricht“ Karrieren und Existenzen. Vom Moment des Kickerscherzchens an war Tiziana Cantones Versuch, sich über massive Aufmerksamkeit zur Marke zu machen, gescheitert. Von jetzt an war alles reine Verzweiflung. Umso mehr, als sie als nicht mehr ganz junge Frau sehr viel angreifbarer war, da ihr in den Sozialen Medien über alles entscheidender sexueller Marktwert eben schon deutlich zurückging. (Paris Hilton war 24, als „1 Night In Paris“ erschien, Kim Kardashian bei Erscheinen des Ray-J-Videos 25.) Und dieses Urteil fällen weniger die Männer, wie man meinen sollten, sondern insbesondere Frauen über Frauen. Denn sie, die von sich sagen, sie seien weniger „hierarchiefixiert“ als Männer, sind wesentlich hierarchiefixierter als Männer: sie tragen ihre Hierarchiekämpfe bloß anders aus. Die Hähnenkämpfe der Männer, grotesk und leicht zu erkennen, unterbleiben; der Kampf zwischen Frauen ist wesentlicher subtiler – und erbarmungslos.

Die Sozialen Medien mit ihrer – im Falle Tiziana Cantone wie in dem vieler anderer – tödlichen Aufmerksamkeitshierarchie sind hierfür das beste Beispiel: die wirksam werdenden Elementarmittel menschlichen Verhaltens entziehen sich der sozialen Gestaltung. Die männliche Gegenstrategie zur weiblichen Aufmerksamkeitskontrolle sind Memes, die im Falle Tiziana Cantone noch viel verheerender waren als die Parodien oder Beschimpfungen. Memes sind online trotz ihrer simplen Struktur extrem effektiv; Big Red und Hillary Clinton können ein langes und trauriges Lied hiervon singen. Tiziana Cantone versuchte, ihre öffentliche Beschämung mit Beschämung zu bekämpfen, indem sie ihre männlichen Freunde und „das Internet“ zu Schuldigen erklärte und die Hilfe das Staates einforderte, der sie letztlich auch gewährte. Aber so wenig, wie der Protest der Feministinnen mit „slut walks“ und „fat acceptance“ gegen Beschämung irgendeine Wirkung zeigt, zeigten Tiziana Cantones Gegenstrategie oder gar das Gerichtsurteil Wirkung. Was wie Konvention wirkt, ist nicht verhandelbar, es hat tiefere Ursachen und wirkt wenig linear, dafür umso unnachsichtiger.

Der Machbarkeits- und Beherrschbarkeitswahn war früher eine rein männliche Domäne; der Feminismus hat es geschafft, ihn zum Alleinstellungsmerkmal der Frauen zu machen. Die „schlaue“ Individualversion moderner Frauen zu sozialen Realitäten ist ein „das mag so sein – mich aber betrifft das nicht“. Nun, Tiziana Cantone betraf es. Sie wollte, sehr wahrscheinlich, den Drachen reiten. Aber der Drache ritt am Ende sie.

Die dritte Version der Ereignisse ist die traurige.

Am Tag nach ihrem Selbstmord wurde Tiziana Cantone beerdigt. Ein Photo ihrer Mutter, einer, wie man halt so sagt, gläubigen Katholikin, wurde in Italien viel beachtet: sie wird von einem kräftigen jungen Mann mit Sonnenbrille, der aussieht wie ein Bodyguard, auf beiden Armen durch das Portal zum Kirchhof getragen. Sie liegt in diesen starken Armen quasi in völliger Auflösung, unfähig, den Schmerz des Todes ihrer geliebten Tochter zu ertragen, so darniedergeschmettert, daß sie getragen werden muß. Das war selbst für italienische Verhältnisse viel der Theatralik.

Maria Teresa Giglio war 2016 58 Jahre alt und arbeitete im Rathaus von Mugnano. Ihre Tochter hatte, nachdem sie zu ihr geflohen war, zwei Selbstmordversuche unternommen. Am 13. September 2016, als der dritte gelang, war Maria Teresa Giglio arbeiten. Sie hat ihre Tochter allein aufgezogen. „Ihr fehlte“, sagt sie in einem Interview, „die Vaterfigur. Sie hat ihn nie getroffen. Das hat ihr ganzes Leben verändert.“ [FN 07] Ihr eigenes Leben sei nun zuende, sagte Frau Giglio der Presse. Sie wolle, sagte sie, ihr Leben nunmehr dem öffentlichen Gedenken an ihre Tochter und politischen Initiativen widmen, um weitere Schicksale solcher Art zu verhindern. Auch machte sie Vorschläge, welche Gesetz man dafür bräuchte. Im Parlament trat sie auf und hielt eine lange Rede.

Sucht man sie über Google, findet man dutzende Bilder, viele Pressephotos von ihr in ihrem Haus, immer ein gerahmtes Bild ihrer Tochter neben sich, viele Photos der jungen Tiziana, die in denen das 14 oder 15 Jahre alte Mädchen bereits aufreizende und laszive Posen einnimmt. Einige Bilder zeigen die beiden Frauen zusammen – dabei wirkt Frau Giglio wie eine ältere Version der Tochter, ähnlich gekleidet, ähnlich in Haltung und Mimik.

„Sie hat an einem bestimmten Punkt verstanden, daß sich die Situation niemals bessern würde“, sagt die Mutter in einem Interview, „daß ein Ehemann, ihre Kinder, diese Videos würden finden können; daß sie nie verschwinden würden.“ [FN 08] Eine Frau, die mit 31 glaubt, nach Jahren der extremen Promiskuitivität noch familiäres Glück finden zu können, und eine Mutter, die hofft, doch noch Enkelkinder zu bekommen – so traurig liegen die Dinge.

Frau Giglio steht für die aggressive Reue der Feministinnen der zweiten Generation, die noch im hohen Alter mit der Schönheit ihrer Töchter konkurrieren müssen, mit der Aufmerksamkeit, die sie bekommen; die, wenn das eine Kind, das sie dann doch haben, tot ist, dessen Aufmerksamkeitsstrategie übernehmen und, wenn auch eher tapsig, deren Erbe antreten, sie, die doch vererben müßten. Die keinen Vater im Leben der Tochter zulassen wollten und dann, nach zwei Selbstmordversuchen, im Rathaus arbeiten, während das gebrochene Kind zuhause an den Folgen der Lügenwelt des Feminismus verreckt. Die für diese Schufterei in den Medien gefeiert werden und als „gute Mutter“ dastehen, wo schon der oberflächlichsten Betrachtung der Photos und der wenigen soliden Informationen Verhältnisse offenbar werden, die sehr viel häßlicher sind als noch die Reaktionen des Mememobs auf Tiziana Calzones Versuch, der Arbeitervorstadt Mugnano und der Karriere, denn moderne Frauen haben seltsamerweise immer Karrieren und nicht einfach nur erbärmlich bezahlte Jobs, im Rathaus zu entkommen.

Daß man sich selbst ernst nehmen muß – der Feminismus verhindert genau diese Perspektive. Der Feminismus ist nicht „gut“ für Frauen, schon von Beginn an war er es nicht, seine Grundforderung in Übereinstimmung mit dem Liberalismus ist gerade, daß es weder ein „gut“ noch ein „böse“ geben soll. Wie will er es da, die verblasensten unter den Feministinnen behaupten dies ja, für den Mann sein? Individuelles Verhalten darf ihm zufolge keinerlei Auswirkung auf die Kultur haben – an der einstmals katholischen, zum theatralischen Auftritt am Kirchenportal verkommenen Kultur Italiens kann man sehen, wie wenig das stimmt. Jede persönliche Verantwortung wird aufgegeben, die Generationen haben keine gewachsene Beziehung mehr zueinander, sondern eine gewillkürte. In keiner Hinsicht aber war das Verhalten von Tiziana Cantone „gut“, erst recht nicht für sie selbst. Aber wo schon die Mutter, die es doch selbst erlebt hat, an diesem Urteil versagt, weil sie von der Aufmerksamkeit der toten Tochter profitieren möchte, wo eine ganze Horde von Freundinnen, Rechtsanwältinnen, Bloggerinnen, Journalistinnen, die es am Sarg des Schmerzes nicht genug sein lassen konnten und denen anschließend kein Weg in die Öffentlichkeit und in  die Medien zu steinig war, als daß sie ihn nicht gegangen wären, nicht einen Handgriff tut, um Tiziana Cantone vor den Konsequenzen ihrer Fehlentscheidungen zu warnen, als noch Zeit dazu wahr, weil sie es als Ausdruck höchster „Freiheit“ begriffen, kollektiv ins offene Messer zu laufen – da sind die Frauen insgesamt so tief verwoben in das Netz der ständig wertenden Urteilslosigkeit, daß keine Hoffnung bleibt, sie könnten da von allein wieder herausfinden.

Das Leben fordert Liebe und Wahrheit, man muß aber die Wahrheit wählen, wenn man wählen muß. Das macht MGTOW so attraktiv, denn Männer wählen hier die Wahrheit, sie stellen sich in die Pflicht sich selbst gegenüber, weil ein ganzes Geschlecht in 70 Jahren Freiheitsbewegung wenig mehr erreicht hat als Selbsttäuschung und tödliche Aufmerksamkeitsökonomie. Wie beliebig mit den beteiligten Freunden von Tiziana Cantone verfahren wurde, die sicherlich keine sympathischen Gestalten sind, muß jeden Mann, der Besseres zu bieten hätte als diese, Abstand nehmen lassen.

MGTOW, sagen Frauen, ist eine Gruppe von Männern, die Abgehängte sind. Die Arroganz dieser Meinung einmal beiseite – abgehängt wovon? Von der Welt der Tiziana Contane?

Ein Blick auf ihr still ruhendes Instagram-Account macht deutlich, daß das eine gute Sache sein könnte. „Küßchen, eure Tizzi.“

ANMERKUNGEN

 

Am 19. April erscheint der sechste von zwölf wöchentlichen Artikeln der Serie „Geschlecht & Charakter“ unter dem Titel „Komm‘ mir nicht so“ zu Stephan Molyneux‘ ehrlichen Gesprächen.

André Thiele (49) wurde 2017 katholisch getauft. Er ist zu erreichen über andre.thiele@etiamsiomnes.de.
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4 Kommentare

  1. Nepomuk 12. April 2018

    Gut denn. Der Autor nimmt sich einen ganzen Artikel lang Zeit, mit einem mühevoll am Ende kurz konstruierten, aber nicht verständlichem Bezug zu seinem eigenen Thema eine Frau herunterzumachen, von der – wenn man seinem Faktenbericht glauben kann – ohnehin jeder, der die Geschichte kannte (wozu ich nicht gehörte), notwendig auch vorher schon wußte, daß sie Mist gebaut hat (newsflash übrigens: damit ist sie nicht die einzige auf Gottes gutem Erdboden, und ich meine damit nicht nur Sünden aus Dummheit und Schwäche), und statt, wie es christlich wäre, sich zu vergegenwärtigen, daß der Sünder bei der Sünde am meisten zu bemitleiden ist, statt, wie es pietätvoll wäre, sich zu vergegenwärtigen, daß die gute Frau sich ohnehin schon umgebracht hat (der Herr sei ihrer Seele gnädig), mithin unter anderem nicht weiter verteidigen kann, scheint er sich – wenn sein Artikel *überhaupt* einen Sinn, ich meine damit ein angepeiltes Ziel, haben soll – darüber aufzuregen, daß sie öffentlich nicht noch *mehr* heruntergemacht wird. In einem kleinen Nebenschauplatz regt er sich dann seltsamerweise freilich auch darüber auf, daß unter denen, die sie heruntergemacht haben, Profifußballspieler gewesen sind, seiner Ansicht nach anscheinend ein Berufszweig, der zum Heruntermachen nicht würdig genug ist. Nebenbei wird noch eine leidende Mutter, die ihr Kind begraben mußte und dann auch noch wegen Selbstmord, als „wie man halt so sagt gläubige Katholikin“ diffamiert.

    Zu meinem entschiedenen Widerspruch gegen den generellen *Inhalt* der von Herrn Thiele vertretenen unkatholischen und unmännlichen Philosophie kommt hier noch auch unabhängig von dieser eine gewisse Fassungslosigkeit über die Sinnlosigkeit und den Anstand in der *Machart* dieses Artikels hinzu (sowie natürlich erneut die Frage nach der redaktionellen Duldung).

  2. Harald Stollmeier 12. April 2018

    Sehr geehrter Herr Thiele,

    lassen wir einmal außen vor, dass es Ihnen nicht optimal gelungen ist, Ihr Mitgefühl für die Verstorbene in Ihre Zeilen einfließen zu lassen, was schon sehr schade ist, um so mehr, als diese traurige Geschichte wirklich Anlass zu asuführlichen Betrachtungen sein kann. Mich interessiert aber wirklich, woher Sie wissen, dass die Mutter der Verstorbenen zu den Feministinnen gehört, die „keinen Vater im Leben der Tochter zulassen wollten“ – einen Beleg für diese These habe nämlich in Ihrem Artikel nicht gefunden.

    Freundliche Grüße

    Harald Stollmeier

    • André Thiele 12. April 2018

      Sehr geehrter Herr Stollmeier,

      Sie lassen außen vor, daß es mir nicht optimal gelungen sei, mein Mitgefühl für die Verstorbene in meine Zeilen einfließen zu lassen, was schon sehr schade sei, um so mehr, als diese traurige Geschichte wirklich Anlaß zu ausführlichen Betrachtungen sein könne, indem Sie das, was Sie außen vor lassen wollen, ausdrücklich anmerken?

      Lassen wir einmal außen vor, wie bescheuert ich solcherlei rhetorische Herumhampeleien finde, Aufgabe meines Essays ist es nicht, mein Mitgefühl für die Verstorbene optimal in meine Zeilen einfließen zu lassen, sondern der Sache gerecht zu werden. Sollte mir letzteres gelungen sein, wäre ich bereit, bei ersterem Abstriche zu machen.

      Essays stehen aus eigenem Recht. Selbst die von mir angeführten „Belege“ sind völlig überflüssig, sie sollen dem Leser nur das Lesen erleichtern. Daß ich nun ausgerechnet in dem von Ihnen stipulierten Punkt den Beleg erbracht habe, ist ein fröhlicher Zufall, der uns beiden zeigt, wie verschieden wir mit der Zeit des jeweils anderen umgehen.

      Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung,

      André Thiele

      • Haral stollmeier 12. April 2018

        Bitte sagen Sie mir doch, in welcher Ihrer Quellen steht, dass die Mutter keinen Vater im Leben ihrer Tochter wollte.

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