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Buchkritik

Vom Aufeinanderprallen zum Verstehen

Zu Valerie Schönians Buch Halleluja – Wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen

Von Kaplan Raphael Weichlein

„Wir müssen aufstehen, aufeinander zugehen, / voneinander lernen, miteinander umzugehen. / aufstehen, aufeinander zugehen / und uns nicht entfernen, wenn wir etwas nicht verstehen“, lautet ein von Valerie Schönian in ihrem Buch Halleluja. Wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehenselbst zitierter Liedtext (75 f.). [1]

Das Lied kommt für nicht wenige, die Kindergottesdienste von klein auf kennen, vielleicht etwas naiv daher, es passt aber durchaus gut als Motto für ein in dieser Form bisher nicht gekanntes Experiment. Denn alles andere als kindlich-naiv ist die Begegnung zwischen Valerie Schönian, einer mittzwanzigjährigen politisch linken und feministisch orientierten Journalistin und dem Priester Franziskus von Boeselager, der als Kaplan in Münster tätig ist. Diese facettenreiche und spannende Begegnung beschreibt Valerie [2] auf 368 Seiten in dem kürzlich im Piper-Verlag erschienenen Buch.

Der dem Buch vorausgehende Weblog Valerie und der Priester [3]war von Anfang an darauf angelegt, dass zwei völlig unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinandertreffen. So kommt es schnell zu einer einzigartigen Spannung zwischen Orientierungslosigkeit, Widerständen, Annäherungsversuchen, Entfernungs- und Verstehensprozessen, wie einige Kapitelüberschriften des Buches nahelegen. Dass dies nicht ohne innere und äußere Anstrengungen auf beiden Seiten möglich ist, ist zu vermuten. Valerie beschreibt dies ironisch damit, dass sie mehrfach „mit Tabernakel-Monstranz-Kopfschmerzen im Bett“ lag (27,293).

Das Buch selbst ist stilistisch anregend geschrieben. Valerie lässt die Leserinnen und Lesern an ihrer Sicht der Dinge teilhaben, blendet dabei weder ihre persönlichen Biografie noch ihre Empfindungen, Freuden, Wut und andere Emotionen aus. Nicht nur aus katholischer Sicht bewegend ist beispielsweise ihre Wertschätzung des täglichen Friedensgrußes in der Heiligen Messe weltweit („wunderschön“ 45) und deren über Jahrhunderte im Kern unverändert gebliebene Ablauf („weiche Knie“ 88). Valerie fällt mehrfach „der glückliche Blick“ und das Lächeln (89, 91) der Männer auf, die in Freising bei München zum Priester geweiht wurden. Sie ist sehr betroffen vom Tod einer älteren Dame, der zuvor Franziskus die Krankenkommunion gespendet hat und deren Grab sie schließlich besuchen („irgendwie beruhigend“ 200). Die Kirchen sind für sie „Garanten dafür, dass es immer irgendwie weitergeht“ (228), das kirchlich begangene Weihnachtsfest auch gemeinsam mit ihrer eigenen Familie lässt in ihr „etwas nachwirken, zum ersten Mal“, und legt ihren „weiche[n] Kern offen“ (271). Schließlich wird sie selbst situationsbedingt zur Seelsorgerin, indem sie einer am Sterben liegenden Frau Worte der christlichen Hoffnung zuspricht: „Sie werden Ihre Männer und Geschwister wiedersehen“ (298).

Doch dazwischen stehen immer wieder Gesprächssituationen zwischen Valerie und Franziskus, die im Dissens, mitunter im Streit enden: Bringt das Bittgebet überhaupt etwas angesichts allen Übels in der Welt bis hin zu Auschwitz? Ein möglicher Verweis darauf, „dass die Wege des Herrn unergründlich seinen“, ein Rückzug ins Mysterium, wird von Valerie zurecht als „Totschlagargument“ verworfen (49). Dass es zwischen willkürlicher Promiskuität und ausschließlich in der Ehe gelebter Sexualität „einige Möglichkeiten dazwischen“ gibt (61), betont sie in aller Deutlichkeit. Es scheint jedoch, als gäbe es nicht nur für „überzeugte Singles mit erfüllendem Sexleben“ (208) in der Kirche keinen Platz. [4] Valeries persönlicher Eindruck macht durchaus nachdenklich: „Die Aufbauschung des Themas durch Worthülsen –»ein Geschenk«, »ein Geheimnis«, »die höchste Form der Kommunikation«finde ich seltsam, ja“ (61). Doch geht es Kaplan Franziskus nur darum, Valerie so etwas eine „blaue Sonne“ einzureden (49, 61)? Kommunikation stößt hier an harte Grenzen. Unterschiedliche Welten prallen aufeinander.

Solche scheinbar unüberwindbare Grenzen im wechselseitigen Verstehen lassen sich etwa bei der Frage feststellen, welche Relevanz verschiedenen Gender-Theorien zukomme (64-66, 237-246), was der Verweis auf die Natürlichkeit einer Norm leiste („Natürlichkeitskeule“ 67), die von der Kirche ausgeschlossene Möglichkeit der Priesterweihe von Frauen (93-101), die von Valerie sehr häufig ins Gespräch gebrachte Frage des Umgangs mit homosexuell empfindenden Menschen und der „Ehe für alle“ (68-70, 208-215 und passim) und schließlich, ob überhaupt bestimmte Ideale und Normen im Bereich des persönlichen Lebens angebracht seien (136-139, 242). Konsequenz aus jenen Gesprächen ist nach Auffassung Valeries immer nur dies: „Wir drehen uns im Kreis. Und ich weiß noch nicht, wie wir dort herauskommen sollen“ (139), und: „Katholikinnen, Christen allgemein, glauben den einen Weg zu kennen, der für alle am besten sei. Das ist das Ideal, über das Franziskus und ich immer streiten“ (222).

Valerie beschreibt einen Punkt, in der nach Franziskus’ Auffassung das Projekt letztlich zu scheitern droht oder zur reinen Pflichtübung für beide verkommen könnte (155). Sie vereinbaren, mehr „neutrale Zeit“ miteinander zu verbringen, in denen sie nicht die Journalistin und der Priester sind, sondern „einfach Valerie und Franziskus“ (156). Sie besuchen sich später in Franziskus’ Elternhaus und in Valeries Wahlheimat Berlin. Dies markiert einen entscheidenden Wendepunkt im wechselseitigen Verständnis füreinander (157) und ermöglicht es Valerie und auch Franziskus verstärkt, gedanklich mehrfach einen Perspektivwechsel zu vollziehen: „Dabei gehe ich verschiedene Dinge durch, die mich in Gesprächen mit einigen Katholiken stören, und versuche, mich an ihre Stelle zu denken, indem ich ihren Glauben durch meine Überzeugungen ersetze“ (225). Die Übung scheint zu gelingen. Die Differenzen zwischen beiden liegen nach wie vor offen zutage, nicht selten tut sich, bildlich gesprochen, gerade auch in den ganz großen Fragen nach der Existenz Gottes eine Wand auf, in der jedoch eine Öffnung liegt: „Diese Wand, die mich davon abhielt, auf Franziskus’ Seite zu gelangen, in der jetzt aber ein Loch ist, weil die Steine an der Seite liegen, sodass ich nur hindurchgehen müsste“ (324). Allerdings: „Aber sobald das klappt, muss ich wieder anhalten. Weil da auf einmal wieder eine Mauer steht. […] Auf jeden Fall ist sie ein von mir selbst errichtetes Hindernis“ (324).

Es ist sicherlich ein Trugschluss, zu meinen mit Fachtheologie alle existenziellen Fragen beantworten zu können. Theologisierendes Nachdenken indes bekommt von Valerie kein gutes Zeugnis ausgestellt (163-166). Im Hinblick auf die großen Streitthemen, die zwischen ihr und Franziskus liegen, hätte ein Verweis auf die jüngere Lehrentwicklung unter Papst Franziskus zumindest manche Härten in der sachlichen Konfrontation abmildern können. So mahnt der Papst selbst in Nachgang der großen Familiensynoden in seinem Schreiben Amoris Laetitiavom Frühjahr 2016: „Zugleich müssen wir demütig und realistisch anerkennen, dass unsere Weise, die christlichen Überzeugungen zu vermitteln, und die Art, die Menschen zu behandeln, manchmal dazu beigetragen haben, das zu provozieren, was wir heute beklagen. […] [Wir haben] häufig die Ehe so präsentiert, dass ihr Vereinigungszweck […] überlagert wurde durch eine fast ausschließliche Betonung der Aufgabe der Fortpflanzung“ (n. 36). Oder: „Es geht nicht allein darum, Normen vorzulegen, sondern Werte anzubieten und damit auf eine Sehnsucht nach Werten zu antworten, die heute selbst in den säkularisiertesten Ländern festzustellen ist“ (n. 201). Oder: „Es ist wahr, dass man das, was männlich und weiblich ist, nicht von dem Schöpfungswerk Gottes trennen kann […]. Doch es ist auch wahr, dass das Männliche und das Weibliche nicht etwas starr Umgrenztes ist“ (n. 286). Schließlich: „Die Entscheidung für die Zivilehe, oder, in anderen Fällen, für das einfache Zusammenleben, hat häufig ihren Grund […] in kulturellen oder faktischen Gegebenheiten. In diesen Situationen wird man jene Zeichen der Liebe hervorheben können, die in irgendeiner Weise die Liebe Gottes wiederspiegeln“ (n. 294). [5]

Valerie betont an einer Stelle, dass bei der urbanen Mittzwanziger-Generation, „Glaube und Gott keine Rolle spiel[t], dafür aber Klimaschutz, Politik und Feminismus“ (235). Nicht nur für die angesprochene urbane Mittzwanziger-Generation wäre es interessant zu wissen, dass Papst Franziskus mit seinem Lehrschreiben Laudato si’vom Mai 2015 nach dem Urteil namhafter Beobachter entscheidend zur internationalen Vereinbarung auf der UN-Klimakonferenz in Paris beigetragen hat. Weit über die katholische Kirche hinaus hat das Eintreten des Papstes für eine globale Ökologie Respekt und Anerkennung hervorgerufen. [6]Leider wurde dies weder im Blog noch im Buch Valeries auch nur beiläufig thematisiert. [7]

Bei der Frage, die zugleich Kapitelüberschrift ist, was Valerie glaubt, schreibt sie, sie ziehe „die Idee der letzten Gerechtigkeit, der Liebe für alle“ an, weil „ich doch sowieso schon mit Toten rede“ (318). „Ich hoffe, dass es Gerechtigkeit geben wird“ (323).[8]Ein Satz scheint für Valerie besonders tief zu gehen, den sie beim Ableben der bereits erwähnten älteren Frau formuliert und der das ganze Buch beschließt: „Wie traurig wäre es, wenn niemand traurig wäre“ (203, 347). Ihre Eindrücke im Hinblick auf das vielerorts recht traditionsfixierte und oberflächlich gelebte Christentum muss für Glaubende eine bleibende Mahnung sein: „Gleich, gleich, gleich. Sie glauben an Jesus, der Revolutionär war, aber machen selbst nie etwas anders. Sie feiern ihn, weil er sich Aussätzigen zugewandt hat, und machen es doch selbst nicht. […] Ich bin wütend. Ich will hier raus“ (71).

Bei aller Vielfalt möglicher Gesprächsthemen, bleibt am Ende vor allem der Wert der Begegnung und das, was sich letztlich nur non-verbal mitteilen lässt: Authentizität, Vertrauen, Glaube und Empathie: „[S]ein Glaube ist keine Einbildung. Der ist echt. Ich habe ihn gesehen“ (325). „Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube Franziskus“ (326). So wurde sie von der Beobachterin zur Teilhaberin (339). In Bezug auf Franziskus’ Berufungsentscheidung Priester zu werden, schreibt sie: „dieses Leben [ist] kein Verzicht. Es ist ein Geschenk. Und mir fällt kein besseres für ihn ein“ (341). Gibt es ein größeres Kompliment und eine schönere Wertschätzung für das Wirken eines Priesters als solche Worte?

„Mir fehlt nichts“, betont Valerie mehrfach (187, 188, 327), „[d]och ich kann auch nicht garantieren, dass ich nie wieder in eine Kirche gehen werde“ (327). Nach dem emotional sicherlich bewegenden Abschied von Kaplan Franziskus ist Valerie wieder in Berlin und geht einmal noch nach der Lektüre von Esther Maria Magnis’ Buch Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrungin eine Kirche. [9] Diese spricht autobiografisch fundiert von einem Ziehen zu Gott hin. Valerie hat ein solches Ziehen nach ihrem Selbstzeugnis während des Jahres mit Franziskus mehrfach gespürt, in besonderer Weise wohl während des Weltjugendtags in Krakau im Sommer 2016 („Im heiligen Rausch“ 114-119). Doch zurück in Berlin war nach einiger Zeit „die Idee des Ziehens und das Bedürfnis, es wissen zu wollen, wieder weg“ (352). Hier scheint ihr nichts zu fehlen, zumindest nicht in Bezug auf Gott und der Kirche. Ob sich dieses Ziehen auf Gott hin eines Tages erneut oder in anderer Weise bei ihr zeigen wird, ist nicht mehr Gegenstand des Buches Halleluja. Wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen, das ich – ebenfalls Priester und Kaplan wie Franziskus – nur empfehlen kann.

 

Raphael Weichlein, geboren 1983, ist katholischer Priester und als Kaplan im Pastoralen Raum Friedrichshain-Lichtenberg in Berlin tätig.

[1] Valerie Schönian, Halleluja. Wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen, München: Piper, 2018, hier 75. Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf dieses Buch.

[2] Es passt zum Stil des Projekts und des Buches, die beiden Protagonisten auch in diesem Text mit dem Vornamen zu bezeichnen.

[3] http://www.valerieundderpriester.de(Zugriff am 14.04.2018).

[4] Zur Frage der des Verhältnisses von Kirche und Singles vgl. den Aritkel von Gabriele Höfig, Hat die Kirche Singles genügend im Blick?vom 03.04.2018, veröffentlicht auf: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/hat-die-kirche-singles-genugend-im-blick(Zugriff am 14.04.2018).

[5] Papst Franziskus, Amoris Laetita. Die Freude der Liebe, Freiburg: Herder, 2016 – Zitate nach den fortlaufenden Nummern (n.) zitiert. Zu Amoris Laetitavgl. etwa Martina Kreidler-Kos– Christoph Hutter, Mit Lust und Liebe glauben. „Amoris laetita“ als Impuls für Gemeinde, Partnerschaft und Familie, Ostfildern: Schwabenverlag, 2017, oder Walter Kasper,Die Botschaft von Amoris laetitia. Ein freundlicher Disput, Freiburg: Herder, 2018.

[6] Vgl. John B. Cobb– Ignacio Castuera(Hgg.), For Our Common Home. Process-relational Resonses to Laudato si’, Anoka: Process Century Press, 2015, sowie beispielsweise die anerkennenden Kommentare in internationalen Fachzeitschriften wie Scienceund Nature.

[7] Ebenfalls findet im Buch keine Erwähnung Valeries Auseinandersetzung mit der von Papst Johannes Paul II. inspirierten „Theologie des Leibes“, zu der Franziskus sie durch das Buch von Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger. Einführung in die sexuelle Revolution nach Papst Johannes Paul II., Kisslegg: Fe-Medien, 2005, eingeladen hat. Wie in einem Podcast auf dem Blog des Projekts berichtet wurde, hat sich Franziskus daraufhin mit Valeries gegenwärtigem Lieblingsbuch beschäftigt: Margarete Stokowski, Untenrum frei. Reinbek: Rowohlt, 2016.

[8] Bei aller Verschiedenheit der geistigen Herkunft war es für den lange als Atheist bekannten Berliner Philosophen Holm Tetens gerade das geistige Postulat einer höheren Gerechtigkeit angesichts der Fragilität und letztlich Ungerechtigkeit der Welt, die nur ein Erlösergott gewähren könne, einer der Hauptgründe, sich einem rationalen Gottesglauben zuzuwenden. Vgl. Holm Tetens,Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie, Stuttgart 2015.

[9] Esther Maria Magnis, Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung. Reinbek: Rowohlt, 2014.

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