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Traditionalismus – eine totalitäre Versuchung und die katholische Antwort

Totalitär und Versuchung – widerspricht sich das nicht? Man muss die Eigenschaften betrachten, die totalitäres Systemdenken in der Geschichte anziehend gemacht haben: absolute Antworten auf alle Fragen, ein geschlossenes Weltbild, Sicherheit und Heilsversprechen. Aber der Preis ist zu hoch und das Ziel bleibt unerreicht.

Bild: The Cathwalk

Was ist hier mit Traditionalismus gemeint? Gemeint ist hier die Absolutsetzung einer Ausprägung des katholischen Glaubens, wie sie in Rückbetrachtung auf eine geschichtliche Epoche als ewig wahre für die Gegenwart und Zukunft gesehen wird. Der Schwerpunkt liegt dabei meist auf dem 19. Jahrhundert. Traditionalismus ist das Festsetzen einer idealisierten Vergangenheit für alle Zeit. Damit man von einer totalitären Versuchung sprechen kann, muss hinzukommen, dass alles außerhalb dieses Systems als Häresie, Abfall, Sünde, Verfall, Irrtum usw. gesehen wird. Außerhalb des Traditionalismus gibt es kein Recht auf Dasein, Verkündigung und Aktion. Es gibt keine Autonomie und keine Freiheit – egal, um welchen Lebens- und Kulturbereich es geht.

Traditionalismus als moderne Spielart des Integralismus

Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte für totalitären Katholizismus ist der Integralist und Kirchenhistoriker Umberto Benigni. Was man heute als Traditionalismus bezeichnet, ist nahezu eine identische Kopie des ehemaligen Integralismus. Der Integralismus entstand im 19. Jahrhundert und hatte seine extremste Phase im frühen 20. Jahrhundert, im Pontifikat Pius X. (1903-1914). 1909 gründete der fanatische Benigni das so genannte „Soldalitium Pianum“, die pianische Sodalität, einen innerkirchlichen Geheimdienst, benannt nach dem hl. Pius V. (1504-1572). Was Benigni über den Integralismus sagte, kann also heute über den Traditionalismus gesagt werden:

„Wir sind integrale römische Katholiken. Wie es dieser Begriff anzeigt, akzeptiert der integrale römische Katholik vollständig (integral) die Lehre, die disziplinäre Ordnung und die Anweisungen des Heiligen Stuhls sowie alle ihre legitimen Konsequenzen für das Individuum und die Gesellschaft. Er ist ‚papal‘, ‚klerikal‘, antimodernistisch, antiliberal und antisektiererisch. Also ist er völlig (integral) konterrevolutionär, weil er nicht nur der Feind der jakobinischen Revolution und des sektiererischen Radikalismus ist, sondern auch des religiösen und sozialen Liberalismus.“

Alles, was nach dem Tode Pius X. 1914 kam, war für Benigni gleichsam Modernismus und Verfall. Sein Ideal war die absolute Unterwerfung in allen religiösen, politischen und sozialen Bereichen unter eine autoritäre Führung der Kirche. Es ist daher auch kein Wunder, dass er 1934 als faschistischer Mussolini-Anhänger starb.

Der Irrtum des Traditionalismus ist sein totalitärer Anspruch

Oswald von Nell-Breuning hat in dem Artikel „Integralismus“ im Lexikon für Theologie und Kirche von 1933 eine Analyse dieser Ideologie geliefert und seine Irrtümer aufgezeigt. Auch hier gilt: Integralismus ist im Grunde synonym zum Traditionalismus.

„Integralismus auf religiösem, Totalitarismus auf polit., Universalismus auf soziolog. Gebiet sind ihrem tiefsten Wesen nach Ausfluß der selben Zeitströmung, die in Rückschlag gegen einen selbstherrl. Individualismus, gegen unerträgl. Zerfaserung des Denkens u. des Lebens zur Geschlossenheit u. Einheit des Weltbildes zurückstrebt, dabei aber nach der entgegengesetzten Seite übers Ziel schießt. […] Der I. als relig. Ganzheitslehre will alle Lebensgebiete ‚aus dem Katholizismus heraus‘ gestalten; er leugnet od. verkürzt doch die sog. relative Eigenständigkeit der Kultursachgebiete, erachtet deren Anerkennung als Säkularisierung, als Pest des Laizismus, kommt damit mehr od. weniger zur Inanspruchnahme einer potestas directa für die Kirche auch über die weltl. Bereiche der Politik, der Wirtschaft usw.“

Integralismus und Traditionalismus müssen also als Antwort auf die Moderne gesehen werden, als Antwort auf einen übersteigerten Individualismus. Der Fehler besteht darin, dass keine Eigenständigkeit für Kultur, weltliche Bereiche, Politik, Wirtschaft usw. anerkannt wird. Damit wird gleichsam das Leben in allen Bereichen dogmatisch-religiös aufgeladen. Das depositum fidei, der Glaubensschatz, kann so schon durch kurze Röcke, Rauchen, moderne Musik, Alkoholgenuss und Internetgebrauch tangiert werden.

Negativ gesehen: Es gibt keine Freiheit mehr. Positiv gesehen: Das Leben steht unter einer vollkommenen Ordnung, die alles regelt, sichert und bereitet. Um diese unterkomplexe Spielart im Leben umsetzen zu können, sind abgeschlossene Systeme und Gesellschaften nötig. Dazu müssen die Mauern hoch, die Räume eng und das Denken klein werden. Nur so kann der totale Absolutheitsanspruch gewahrt werden. Nur so kann man behaupten, auf alles eine Antwort zu haben und die Wahrheit für alles zu besitzen. Schließlich muss überall die Freiheit eingeschränkt werden, um das System zu stabilisieren.

Wer Angst vor der Welt hat, hat Angst vor Gott

Die Gefangennahme der Freiheit ist eine Handlung der Angst und Unsicherheit, die eher gegen als für den Glauben spricht. Die behauptete Abwehr von Modernismus und Abfall, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Angst vor der Moderne und Scheitern an der Welt. Das wird damit gerechtfertigt, dass die Welt ja böse und gefallen sei, und weltlicher Erfolg ein Garant sei für die Entfernung von Gott. Diese Selbstrechtfertigung übersieht aber zwei wichtige Faktoren: 1. Gott hat die Welt gut geschaffen. Die Welt hat durch den Sündenfall des Menschen Gottes Zuspruch nicht verloren. 2. Das christliche Motto: „In der Welt aber nicht von der Welt“, kann nur dann zum christlichen Zeugnis werden, wenn man zwischen gesundem Weltbezug und gerechtem Erfolg auf der einen und schlechter Weltlichkeit auf der anderen Seite unterscheiden kann. Weltflucht wirkt dabei kontraproduktiv und bestärkt die Ablehnung des Christentums. Die guten Seiten der Welt gilt es zu würdigen und nicht abzulehnen, denn der Mensch ist leiblich geschaffen. Daher gibt es einen rechten Gebrauch der geschaffenen Güter und einen berechtigten Genuss daran, der nichts mit Sünde und Verfall zu tun hat und sogar der Ehre Gottes dienen kann.

Die katholische Antwort

Das Bekenntnis zur Tradition ist katholisch. Aber die Erhebung einer geschichtlichen Epoche zum ewig gültigen Traditionalismus offenbart vor allem Angst, Engstirnigkeit und Weltflucht.
Glaube ohne individuelle Entscheidung und der Bereitschaft zur persönlichen Nachfolge, bleibt klein und unlebendig.
Wer sich aber entscheidet und mit dem Papst und der Kirche geht, kann in jeder Epoche das Wirken des Heiligen Geistes wahrnehmen. Wer auf Christus vertraut und aus den Sakramenten lebt, kann eine gesunde „Eigenständigkeit“ (Nell-Breuning) in weltlichen Dingen anerkennen und voll und ganz katholisch sein. Er kann genießen, sich freuen und damit leben, dass nicht alle Fragen eine Antwort finden und nicht alle Zweifel besiegt werden. Er sucht nicht nach vergrabenen Toten, sondern hält Ausschau nach dem Lebenden.

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4 Kommentare

  1. Laurentius 4. August 2018

    Tut mir leid, aber so geht das nicht! Das berüchtigte „Pinienwäldchen“, wie man das S. pianum auch nannte, war kein Verein, der sich die Beförderung der kirchlichen Tradition verschrieben hatte. Man versuchte mit durchaus modernen Methoden, die man ahistorisch mit der Stasi vergleichen könnte, um in Ländern, die besonders durch antikirchliche und laizistische Regierungen und Verfassungen geschlagen waren, sichere Gewährsmänner und unsichere Kombatanten zu trennen. Wenn man die Zeiten bedenkt (Italien, Frankreich z.B.) und die weitere GEschichte nicht außer acht läßt (franz. Revolution), der wird dieses Ringen um Einfluß etwas anders betrachten. Das die Methoden fragwürdig sind, darüber müssen wir nicht streiten. Man hätte sich wohl besser mit den Schriften eines Donoss Cortez beschäftigen sollen, was ich auch heute noch jedem empfehle, der in einem katholischen Staatswesen einen Hort der Unfreiheit erkennen möchte.
    Ich selbst bin nicht soweit in meinem „Traditionalismus“ gereift, wie der Mitkommentator Gorgosal. Ich merke nach einigen Jahren des Kennenlernens, daß mir meine Hirten und Lehrer wichtige Elemente für eine gelingende Zukunftsgestaltung vorenthalten haben, die ich nun mühsam gegen die eingeschliffenen Gewohnheiten erlernen muß. Angst vor der Zukunft? Ich gehe meinem Gott entgegen!
    Ich weiß nur eines: die sog. Kirche der Zukunft, die angeblich mit dem Vat. II angefangen haben soll, wird keine Zukunft haben, wenn sie sich nicht rückbesinnt!
    Venite! Adoremus! Das kann man vom Dr. Angelicus lernen! Nennen Sie mir einen deutschen Bischof der Gegenwart, der da als Hirte vorangeht.
    Kleine Schlußprovokation:
    Die traditionelle Liturgie hat in aller Stille Heilige hervorgebracht. Der neue Ritus produziert viele Worthülsen.
    Nichts für ungut, Herr Jung, mir ist auch manches in trad. Kreisen etwas fremd, aber so und dann noch mit einer halbverdeckten Faschismuskeule … ne!

  2. Schallauer Christian und 15. Juli 2018

    Josef Jung stellt sich in diesem Artikel einem sehr komplexem Thema. Durch eine für mich etwas zu lang Einleitung, kommt er zu einer sehr guten Analyse und endet mit einem wunderbaren letzten Abschnitt bzw. einem letzten Satz, der unbedingt, zweimal gelesen werden sollte!
    Ich möchte selbst noch anfügen – gerade weil es da schon ein Kommentar gibt, das genau das Problem aufzeigt – es geht um eine persönlich Beziehung zu JESUS und das erkennen, ja das annehmen der Freiheit als Kind Gottes!
    Wenn als Argumentation das Lesen von diesem und jenem, das aufzeigen von Gebetszeit und dergleichen herangezogen wird, dann stimmt dabei etwas nicht…

    Nein, das Thema wurde ganz und gar nicht verfehlt! Es sollte noch viel mehr darum gehen, wie wir in diese wunderbare Freiheit und Macht als Kinder Gottes kommen! Heute haben wir im Evangelium gelesen, das Jesus mit NICHTS die Apostel gesendet hat! NICHTS außer seiner Autorität – das genügt vollkommen!
    Unsere wunderbare katholische Kirche, hat etwas verlernt und zwar, uns genau so zu senden >> in der Autorität und Kraft JESU, als seine Apostel und als Kinder des Allmächtigen Gottes!!!
    PUNKT!

    Danke Josef Jung für diesen wertvollen Beitrag!!

  3. Christoph Hagen 14. Juli 2018

    Ein sehr guter Beitrag.

  4. Gorgasal 14. Juli 2018

    Entschuldigung, aber das ist armselig. Hier wird ein Strohmann aufgebaut, der nur die allerextremste Spielart des Traditionalismus beschreibt, und dann wird der noch verächtlich und lächerlich gemacht. Natürlich ist es einfach, das Gegenüber erstmal zu karikieren und sich dann darüber lustig zu machen. Das muss nicht sein.

    Ich bin Traditionalist, bete als Laie Teile des Breviers nach 1962 (denn das zweite Vaticanum hat die Laien ausdrücklich zum Beten der Tagzeiten ermuntert), lese täglich die Bibel und den Aquinaten, letzteren auf Latein, und freue mich schon auf die neue Ausgabe der „Una Voce“.

    Und nirgends, *nirgends* habe ich gehört, dass das depositum fidei „schon durch kurze Röcke, Rauchen, moderne Musik, Alkoholgenuss und Internetgebrauch tangiert werden“ kann. Meine Güte, selbst die SSPX hat eine Webpräsenz!

    Frage: würden Sie mir ganz persönlich, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen, ins Gesicht sagen, ich würde behaupten, auf alles eine Antwort zu haben? Und mein Denken sei „klein“?

    Fazit: Thema verfehlt.

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