Das Naturrecht: Grundlage von Recht und Moral

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Thomas von Aquin. Bild: Carlo Crivelli [Public domain]
Thomas von Aquin. Bild: Carlo Crivelli [Public domain]

Was heißt Naturrecht? Naturrecht meint die Quellen des Rechts. Es geht also um ein Recht, das nicht kodifiziert, also nicht schriftlich verfasst ist. Aus der unterschiedlichen Deutung der Wirklichkeit ergeben sich zwei aus der griechischen Antike kommende Formeln darüber, was Naturrecht ist.

Die erste Formel für das Naturrecht lautet: secundum naturam vivere – gemäß der Natur leben und kommt von Heraklit, diese bildet die Grundlage der Stoa und bestimmt bedeutend die neuscholastische Naturrechtslehre. Hierbei wird eine durchwaltende objektive Ordnung angenommen, die überzeitlich und allgemeingültig ist.

Thomas von Aquins Verständnis von Naturrecht

Die zweite Formel sieht Natur stärker der Veränderlichkeit unterworfen und lautet: secundum rationem esse vivendum – gemäß der Vernunft ist zu leben. Diese Formel geht vor allem auf Aristoteles zurück. Dieser sah das Naturrecht nur in einer vernünftigen Ordnung wie der Polis gegeben. Damit meint Naturrecht also keine losgelöste Seinsordnung, sondern etwas, das sich in der konkreten geschichtlichen Vernunft findet. Thomas von Aquin hat den stoischen und augustinischen Gedanken von der Teilhabe der menschlichen Vernunft an der göttlichen Vernunft umgeformt. Thomas von Aquin sah den Menschen als aktiven Teilnehmer an der göttlichen Vorsehung, daher ist für ihn das Naturrecht Teilhabe an der normsetzenden Aktivität des Menschen, also nicht eine Ableitung aus einer Ordnung, sondern, ähnlich wie bei Aristoteles, etwas, das eine konkrete Gestalt angenommen hat. Daher verstand der Dominikaner Naturrecht als secundum rationem – als das, was gemäß der Vernunft ist.

Nach Thomas von Aquin gewinnt die Naturordnung erst über die Vernunft sittlichen Charakter. Gut ist damit das, was vernunftgemäß ist. Sittlichkeit kann bei Thomas daher nicht einfach durch Ableitung der natürlichen Gegebenheiten gewonnen werden. Die Vernunft ist das normierende Prinzip der Schöpfungsordnung. Doch beide Ordnungen, die der Schöpfung und die des Glaubens, gehen auf Gott zurück.

Pius XII. über das Naturrecht

Das Verhältnis von Natur- und Menschenrechen hat besonders Pius XII. besonders deutlich in seiner Weihnachtsansprache 1944. beschrieben. Nach diesem Papst besteht die Würde des Menschen in dessen Gottebenbildlichkeit. Die Kirche habe die Aufgabe „die größte und wichtigste Botschaft zu verkünden, die es nur gibt: die Würde des Menschen, seine Berufung zur Gotteskindschaft.“

Der Papst geht von einer „absolute[n] Ordnung des Seins und Sollens“ aus. Für Die Soziallehre hieße diese Ordnung in einem Begriff: „Das Naturgesetz! [„la legge naturale“] Dies ist das Fundament auf dem die Soziallehre der Kirche ruht.“ (Pius XII. Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen Kongresses für humanistische Studien vom 25. September 1949). Die Kirche führe mit diesem Fundament Kämpfe „für die wahre und für die Grundrechte des Menschen.“ Pius XII. spricht weiterhin von einem „kollektive[n] Schicksal der Menschheit“, das „den absoluten Wert jeder einzelnen Persönlichkeit als Aufbauelement vorrausetzt“ (Pius XII. Ansprache an die Teilnehmer der XI. Vollversammlung der ‚Pax Romana‘ vom 25. April 1957).

Vor allem die Familie sei der Ort, der „als erster Gemeinwesen für die Entfaltung der menschlichen Person gegründet wurde“ (Päpstlicher Brief Giovanni Montinis an den Kardinal-Erzbischof Siri von Genu vom 10. September 1954).

Benedikts Rede im Bundestag

Benedikt wies in seiner Rede im Bundestag darauf hin, worauf die abendländische Kultur ruht:

„Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben.

Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte.

In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts. In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist.

Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.“

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