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Mit Tolkien und Don Camillo katholisch sein

Quelle: http://www.giantbomb.com/j-r-r-tolkien/3040-47777/

Tolkien war katholisch und liebte die Tradition. Im Ersten Weltkrieg wurde er zum Kriegsdienst einzogen und als er nach England zurückkehrte, waren fast alle seine Freunde tot gefallen an der Somme oder erschossen an der Marne. Bereits 1904, als Tolkien erst 12 Jahre alt war, starb seine Mutter an Diabetes. Wenige Jahre zuvor konvertierte sie, nach dem Tod ihres Mannes, mit ihren Kindern zum katholischen Glauben – so wurden Tolkien und seine Geschwister katholisch. Die Folge war, dass Tolkiens Mutter von ihrer anglikanischen Familie verstoßen wurde, was Tolkien nie vergessen sollte. Der englische Priester Francis Xavier Morgan wurde Tolkiens Vormund.

Zeitlebens blieb er ein Freund der Alten Messe und ein Skeptiker der Moderne. Suspekt waren ihm vor allem die Thesen der modernen Ideologie, nach der alles besser, schöner und menschlicher werde, je mehr Fortschritt es gebe. Er sah den Menschen nicht als zu optimierendes Subjekt, sondern als ein verwundetes Geschöpf, das das wahre Leben nicht in der Entfremdung von der Natur, sondern im richtigen Verhältnis zu ihr finde.

Als Professor für alte Sprachen interessierte Tolkien sich vor allem für nordische Mythologien und Sagen. Er suchte Urgeschichten und erfand Sprachen, mit denen er literarisch beschrieb, was es heißt, Mensch zu sein. Das hieß für ihn vor allem: sich mit dem Tod zu beschäftigen:

Wenn es um eine lange Geschichte geht, in der die Aufmerksamkeit der Leute nicht verloren geht, geht es immer um ein Thema: den Tod, die Unausweichlichkeit des Todes. Es gibt ein Zitat von Simone de Beauvoir, das es auf den Punkt bringt: „So etwas wie einen natürlichen Tod gibt es nicht. Nichts, das einem Menschen passiert, ist jemals natürlich, denn seine Gegenwart stellt die gesamte Welt in Frage. Alle Menschen müssen sterben, aber für jeden einzelnen Menschen ist sein Tod ein Unfall. Selbst wenn er es weiß, würde er es als eine ungerechtfertigte Verletzung empfinden.“ Man mag den Worten zustimmen oder nicht, aber sie sind das Schlüsselthema (key spring) im Herrn der Ringe. (Tolkien im BBC-Interview 1968).

Tolkiens Werke sind beeinflusst von seinen Lebenserfahrungen, sollen aber nicht allegorisch verstanden werden, im Unterschied zu „Die Chroniken von Narnia“. Eine direkte Allegorie, in der die Figuren der Fantasy-Welt für echte Personen in der Wirklichkeit stehen, so wie man im Narnia-Löwen „Aslan“ schnell eine Allegorie auf Christus sehen kann, lehnte er ab. „I dislike allegory whenever I smell it“ – Ich mag keine Allegorie, wo auch immer ich sie rieche, so Tolkiens Antwort in einem Interview, ob „Der Herr der Ringe“ allegorisch zu verstehen sei.

Der Einfluss des Katholischen

Wenn man „Der Herr der Ringe“ nicht als platte Allegorie lesen soll, so kann man katholische Einflüsse dennoch herauslesen: Das ewige Leben wird durch die Fahrt zu den „Grauen Anfurten“, den unsterblichen Landen, symbolisiert. Die Elben, die sehr an klassische Engeldarstellungen erinnern, sind unsterblich und segeln zum Jenseits. Das Böse ist geprägt durch die Verführung zu grenzenloser Macht. Es nutzt die Gier und andere Schwachstellen des Menschen, um seine Verführungskunst voll auszuspielen. Durch die Ringe, schöne, doch falsche Geschenke, will das Böse den Menschen und alle Geschöpfe auf die dunkle Seite ziehen:

„Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,

Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron

Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,

Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden

Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.“

Aber auch das Gute ist in der Welt. Sam sagt im Film zu Frodo, als dieser keine Hoffnung mehr hat: „Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo und dafür lohnt es sich zu kämpfen“.

Die Macht der Freundschaft und Liebe und Frodos Opferbereitschaft besiegen in „Der Herr der Ringe“ jede scheinbare Allmacht der Dunkelheit: „Und die Gemeinschaft des Ringes, obgleich ewig verbunden in Liebe und Freundschaft, löste sich auf. Genau vor 13 Monaten hatte uns Gandalf auf unsere lange Reise geschickt. Nun bot sich uns ein vertrauter Anblick. Wir waren zu Hause!“

Frodo hat sein Leben eingesetzt, um das Auenland zu retten, aber der Sieg war nicht für ihn. Frodos Einsatz zur Rettung hat nicht nur Opfer gefordert, sondern ihn selbst zum Opfer werden lassen. Der Preis war so hoch, dass seine Wunden nicht mehr in dieser Welt heilen. So liest man am Ende vom Buch „Die Rückkehr des Königs“:

„Aber“, sagte Sam, und Tränen traten ihm in die Augen „ich dachte, auch du würdest noch Jahr um Jahr am Auenland deine Freude haben, nach alldem, was du getan hast.“

„Das dachte ich auch einmal. Aber ich bin allzu tief verwundet, Sam. Ich habe das Auenland zu retten versucht, und es ist gerettet worden, doch nicht für mich. So geht es oft zu, Sam, wenn etwas in Gefahr ist: Der eine muss es aufgeben, es verlieren, damit die anderen es behalten können.“

In diesen Zeilen hat Tolkien die ganze christliche Heilsgeschichte erklärt. Das Opfer, die Hingabe aus Liebe, hat Rettung und neues Leben geschaffen. Aber Frodo muss das Auenland verlassen und mit den Elben ins Jenseits segeln. Der Preis war sein Leben, der Lohn ist die Ewigkeit:

Und bald war das Schiff auf hoher See und fuhr immer weiter gen Westen, bis Frodo schließlich in einer Regennacht einen lieblichen Duft bemerkte und Gesang hörte, der übers Wasser schallte. Und dann war es ihm … als werde der graue Regenschleier in silbernes Glas verwandelt und weggezogen, und vor ihm lägen weiße Strände und dahinter ein weites grünes Land unter einer rasch aufsteigenden Sonne.

Das ist die Verheißung für Liebe ohne Eitelkeit.

Die traditionelle Gesellschaft

Zuhause, Heimat, Freundschaft, Opferbereitschaft, Geborgenheit, Schicksalsgemeinschaft, Liebe: das macht „Der Herr der Ringe“ aus. Kriege und Veränderungen werden als Bedrohungen dargestellt, die entwurzeln und zerstören. Die Moderne meint, dass sie eine Verbesserung durch Zerstörung des Alten hervorbringt. Tolkien stellt das radikal in Frage.

Das Auenland in „Der Herr der Ringe“ ist der Sehnsuchtsort aller vormodernen Romantik. Dort gelten traditionelle Werte und Tugenden, man schätzt das Beständige, Veränderungen lehnt man ab. So heißt es im Film treffend: „Und so geht das Leben im Auenland weiter, ziemlich genauso wie im vergangenen Zeitalter. Es herrscht das übliche Kommen und Gehen und Veränderungen finden nur langsam statt, wenn überhaupt. Denn im Auenland schätzt man Dinge, die von Dauer sind. Sie werden von einer Generation an die nächste weitergereicht. Schon immer hat ein Beutlin hier unter dem Berg gelebt, in Beutelsend. Und so wird es auch immer bleiben.“

Die ländliche Idylle, bewohnt von Bauern und Handwerkern, ist der Gegenentwurf zu dem dunklen Land „Mordor“, das nicht nur lautmalerisch der englischen Aussprache von „modern“ nahe ist. In Mordor werden in radikal-industrieller Massenproduktion seelenlose Armeen aufgestellt, die das Auenland angreifen und zerstören – so der Plot in den Büchern. Das Böse zieht über Mittelerde auf wie ein dunkler Nebel, der alles tötet, was sich nicht versklaven lässt.

Das Gute hingegen sucht das Unscheinbare, um zu siegen. Ein Hobbit wird zum Held und rettet die Welt, die stolzen Krieger versagen im Schlachtfeld. Die ganzen Bücher behandeln im Grunde den Kampf um die Rettung des Wahren, Guten und Schönen, das vor allem da zu finden ist, wo Güte, Freundschaft und Einfachheit gelten. Das Böse bläht sich auf, das Gute bejaht das Leben.

Zurück in unsere Welt

Es geht nicht darum, in Märchenwelten unterzugehen. Aber Märchen können helfen, das Leben zu verstehen. Tolkien hat zu seinen Lebzeiten etwas beobachtet und literarisch verarbeitet, was seine Generation erlebt hat: Viele starben in Kriegen und die bisherige Ordnung löste sich auf. Es begann etwas, das in den 60ern immer mehr an Fahrt aufnahm: eine technische und weltanschauliche Revolution veränderte die Gesellschaft. Die Welt und die Werte, die er schätzte, gingen immer mehr verloren. Die neue Welt erfuhr er als Entfremdung vom wahren und guten Leben. Tolkien sah neuen Zwang, neuen Druck und neue Versuchungen.

Es ist etwas kaputt gegangen, was nur schwer zu heilen ist. Treffend hat dies Giovannino Guareschi in „Don Camillo und das rothaarige Mädchen“ beschrieben.

»Don Camillo, warum bist du so pessimistisch? War mein Opfer denn umsonst? Ist denn meine Mission bei den Menschen gescheitert, weil die Bosheit der Menschen größer ist als die Güte des Herrn?«

»Nein, Herr. Ich will nur sagen, dass die Leute heute an das glauben, was sie sehen und greifen können. Aber es existieren wesentliche Dinge, die nicht gesehen, nicht berührt werden können: Liebe, Güte, Frömmigkeit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Hoffnung. Und Glauben. Das ist die Selbstzerstörung, von der ich dir erzählt habe. Die Menschheit, so scheint es, zerstört ihr gesamtes spirituelles Erbe. Der einzig wahre Reichtum, den sie in Jahrtausenden angehäuft hat. Eines Tages, nicht weit vom heutigen, werden wir genau so sein wie die Steinzeitmenschen in ihren Höhlen. Diese Höhlen werden wie hohe Wolkenkratzer sein, mit den wundersamsten Maschinen angefüllt, aber der Geist der Menschen wird jener der der Höhlenmenschen sein.

Herr: die Menschen fürchten sich vor schrecklichen Waffen, die Menschen und Dinge vernichten. Aber ich glaube, einzig die Sachen, die ich eben erwähnt habe, können den Menschen ihren Reichtum zurückgeben. Am Ende werden sie alles zerstören, und die Menschen, befreit von der Sklaverei und allen irdischen Gütern, werden wieder zu Gott schauen. Sie werden Ihn wiederfinden und ihr spirituelles Erbe neu aufbauen, dessen Zerstörung sie in unseren Tagen beenden. Herr, wenn es das ist, was uns wiederfahren wird – was können wir tun?«

»Dasselbe, was ein Bauer tut, wenn der Fluss über die Ufer tritt und die Felder überschwemmt: die Saat retten. Wenn der Fluss sich in sein Bett zurückzieht, so scheint die Erde wieder auf und die Sonne trocknet sie. Wenn der Bauer den Samen gerettet hat, kann er ihn erneut auf der Erde ausbringen, die durch den Fluss noch furchtbarer gemacht wurde; und der Samen wird heranreifen, und die prallen und goldenen Ähren werden den Menschen Brot, Leben und Hoffnung geben.

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