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Was soll „Modernismus“ sein? – Eine Anfrage an den Cathwalk

Lateranbasilika / Bild: WikimediaImages / pixabay.com

Von Clemens Victor Oldendorf

Der 9. November ist nicht nur ein als schicksalhafter Tag immer wiederkehrendes Datum deutscher Geschichte, sondern für die Kirche vor allem der Weihetag der Lateranbasilika, omnium urbis et orbis ecclesiarum Mater et Caput. Jedenfalls soll dieses Datum für den Cathwalk das Ereignis einer Wende hin zum Anti-Modernismus einläuten und markieren.

Vielleicht ist das der kleinste gemeinsame Nenner zwischen dem liturgischen Kalender der Römischen Kirche und der deutschen Geschichte. Doch was soll Modernismus sein?

Ich schicke voraus, dass sich an meinem Lieblingsrosenkranz, der entsprechend auch der am meisten gebrauchte ist, eine Silbermedaille neben dem Kreuz befindet, die 1954 zur Heiligsprechung Pius‘ X. geprägt worden ist. Auch besuche ich, wenn ich praktiziere, die überlieferte Römische Liturgie ausschließlich, nicht außerordentlich.

Das vielleicht nur zur Sicherheit, denn was folgt, mag ruhig provozieren und anregen – auch zu begründetem Widerspruch, soll aber nicht Unklarheit oder Missverständnis über den Standpunkt des Autors dieser Zeilen nähren, die sich zunächst nur als ein kurzer Impuls verstehen und deshalb auch ohne opulenten Apparat an Fußnoten, Belegen und Nachweisen auskommen.

Modernismus ist ein schillernder Begriff

Der Begriff Modernismus ist von mir schon lange kritisch bedacht worden. Er soll eine Häresie bezeichnen, deren Charakteristikum in dieser Bezeichnung gerade nicht zum Ausdruck kommt. Deswegen die Frage: Was soll Modernismus, was soll modernistisch sein? Die Antwort: „Das Sammelbecken aller Häresien!“

Wenn der Begriff also alles umfassen soll, kann man ihn quasi gegen jeden und alles wenden, jedem vorwerfen, Modernist zu sein. Folglich bezeichnet Modernismus alles und nichts. Ein schwacher, nichtssagender Begriff, gerade dadurch eine schwere Keule, will mir scheinen.

Man müsste vielleicht genauer fragen: Was macht den Modernismus zum Sammelbecken aller Irrlehren? Doch hinzu kommt noch vor dem Versuch einer Antwort, dass der Modernismus wie jeder -ismus, ein System ist oder sein soll, ein Gedankensystem, ein geschlossenes Weltbild, eine Ideologie, somit die in sich schlüssige Lehre einer Gesamtheit oder eines Zusammenhanges von Ideen.

An diesem Punkt platziere ich mein zweites großes Fragezeichen. Ist der Modernismus das System, zu dem ihn das Dekret Lamentabili und die Enzyklika Pascendi Dominici Gregis erklären? Ich glaube, und zwar in einem logischen und theologischen Sinne, eher, dass es ein Phänomen, richtiger: eine Vielzahl von Phänomenen gab, die von Pius X. beziehungsweise von den von ihm beauftragten Ghostwritern überhaupt erst in ein System gebracht wurden.

Möglicherweise, weil sie selbst ein sehr systematisiertes, scholastisch geschultes Denken gewohnt waren, das aber in der Schultheologie und in ihren Handbüchern teilweise doch auch sehr verschult war, wenig originell, selbständig und spekulativ.

Modernismus als Verschwörungstheorie

Wo jedoch nachträglich ein System hineininterpretiert wird, wo keines ist, begegnen wir dem typischen Merkmal einer Verschwörungstheorie. Ist der Modernismus also bloß eine Verschwörungstheorie und entsprechend wenig ernstzunehmen?

Jedenfalls sinkt er nach meinem Dafürhalten in seiner popularisierten Gestalt in traditionalistischen Zirkeln zu einer solchen Verschwörungstheorie herab, da spielt es auch keine entscheidende Rolle, ob man sich jetzt mit Piusbrüdern, Petrusbrüdern oder Sedisvakantisten unterhält oder besser gesagt mit deren durchschnittlichem Publikum.

Lebendige und statische Tradition

Ich möchte mich einer Antwort annähern. Wenn man wirklich einen Begriff sucht, der das „Wesen“ des schwammig-unklaren Terminus „Modernismus“ besser trifft und gleichzeitig einen kleinsten gemeinsamen Nenner auf inhaltlicher (!) Ebene bietet, dann ist es ein vitalistisches Offenbarungsverständnis.

Signifikant ist dabei, dass er sich – kombiniert mit einem sehr positivistischen Lehramtsbegriff, in dem Tradition letztlich lediglich das gerade vom jeweils aktuellen Papst Behauptete wird – ausgerechnet als angeblich authentisches Traditionsverständnis im Motuproprio Ecclesia Dei findet, in dem 1988 die Exkommunikation von Erzbischof Lefèbvre festgestellt wurde. Nicht wegen einer Häresie, sondern wegen Bischofsweihen, die Johannes Paul II. ausdrücklich untersagt hatte.

Aber doch gibt man ein inhaltliches Problem an. Nämlich einen unvollständigen, statischen, Traditionsbegriff. Richtig und zutreffend sei hingegen eine lebendige Tradition. Diese aber fällt in meinen Augen mit dem Vitalismus zusammen, mit dem ich versucht habe, irgendeinen greifbaren Inhalt zu fassen, den man vielleicht wirklich als gemeinsame modernistische Grundüberzeugung benennen kann. Wird diese von den Trägern des Lehramtes übernommen und paart sich auf diese Weise mit Lehramtspositivismus, dann sitzt „die Tradition“ in der Sackgasse.

Das müssen aber auch Traditionalisten erkennen, die gerne Anti-Modernisten sein wollen. Denn sie begehen nur die entgegengesetzte Ideologisierung. Eine gewisse Künstlichkeit dieser Situation sieht man schon dem Status an, den die sogenannten „liturgischen Bücher von 1962“ sowohl bei der Piusbruderschaft als auch in auf Summorum Pontificum sich stützenden Kreisen haben. Sie waren vielleicht zwei Jahre gesamtkirchlich uneingeschränkt in Geltung und sollen nun die liturgische Tradition, la messe de toujours, normieren und repräsentieren?

Alle Konzilsbischöfe wurden antimodernistisch ausgebildet

Abschließend sei nochmals zusammengefasst: Wenn jemand vielleicht in einem einzelnen Punkt, vielleicht auch in einigen, im Horizont neuer Herausforderungen weiterdenkt, kann man ihm meines Erachtens nicht gleich unterstellen, sozusagen ein ganzes geschlossenes Gedankensystem zu vertreten.

Ein Fehler, der in der Modernismuskrise sicherlich vielfach passiert ist. Er liegt auch der landläufigen Konzilskritik unter Traditionalisten zugrunde. Wer war denn die angeblich modernistische Konzilsmehrheit, seien es Väter oder Theologen? Es waren allesamt Priester und Bischöfe, die antimodernistisch und neoscholastisch, ultramontan ausgebildet worden waren, die Bischöfe, die als Konzilsväter versammelt waren, waren alle mindestens von Pius XII. ernannt.

Es hatte schon seinen Grund, wenn Benedikt XV. die systematische „Inquisition“ nach Modernisten nicht fortführte und eher auf Ausgleich in den innerkirchlichen Lagerbildungen setzte. Ich persönlich bin auch überzeugt, dass Benedikt XVI. in seinem Pontifikat eine ganz ähnliche Aufgabe zu erfüllen sah – wenn er sie dann auch nicht mehr bewältigen konnte – und sich nicht nur nach Benedikt von Nursia nannte, sondern an Benedikt XV. anschließen wollte, wenn er sich auch und sicher zu Recht in Kontinuität zu Benedikt XIV., dem großen Theologen- und Gelehrtenpapst des 18. Jahrhunderts sehen konnte.

Nicht auf Papst Franziskus schimpfen

Und Papst Franziskus braucht niemand zum großen Buhmann zu erklären. Maximal ist er der konsequenteste Vitalist und Autoritätspositivist unter den nachkonziliaren Päpsten. Und der Autoritätspositivismus, der jetzt dem Vitalismus zu lehramtlicher Verbindlichkeit verhilft, geht sogar mindestens auf Pius IX. zurück.

Es scheint mir auch ein Trugschluss zu sein, Antimodernismus löse im Cathwalk den Lifestyle ab. Es etabliert sich ja zunehmend bis ins Modische oder Unmodische hinein eine traditionalistische Konformität und Uniformität, und man wird gleich zum Modernisten, wenn man davon auch nur in einem Punkt äußerlich oder erst recht im Denken abweicht: Es lebe der Catholic Amish-Style!

_____________________

Literaturempfehlung: Otto Weiß, Aufklärung. Modernismus. Postmoderne, Das Ringen der Theologie um eine zeitgemäße Glaubensverantwortung, (Friedrich Pustet) Regensburg 2017, ISBN 978-3-7917-2876-6.

4 Kommentare

  1. […] Clemens Victor Oldendorf fragte den Cathwalk, was Modernismus sei. Er gab zurecht die Definition von Pascendi wieder: „Sammelbecken aller Häresien“. Also nix Gutes. Die Frage ist nun: muss man Häresien im Detail kennen? Wir glauben nicht. Daher sehen wir unsere Aufgabe nicht darin, das Höllenfeuer zu studieren, sondern im Gegenteil: wir feiern die Tradition! […]

  2. D(e)r Feingold 12. November 2018

    Ein echter Oldendorf ausgezeichnet wie immer
    Ich erlaube mir nur folgende Anmerkungen zu machen

    1.) kein Papst vor und nach Pius X hat an die These der Existenz des Modernismus als „Super Häresie“ vertreten
    Pius XII vertritt in seinen Enzykliken Divino Afflante Spiritu und Mediator Dei Aspekte die ihn ein paar Jahrzehnte vorher auf die Abschussliste der Modernisten Jäger des Sodalitium pianum gebracht hätten
    2.) Warum sollte dieser merkwürdigen These von Pius X heute noch mehr Bedeutung zu kommen‘
    als den Bekleidungsvorschriften die der verrückte Papst Paul IV in der Bulle Cum nimis absurdum 1555 festgelegt
    hat ?

    • zeitschnur 12. November 2018

      …und wie lange wurde der Antimodernsteneid den Priestern abverlangt? Muss man da ausdrücklich vertreten, oder war der Antimodernismus nicht schlicht eine defensive Strategie, um eine damalige „Truther“-Bewegung innerkirchlich zu unterbinden und nach außen hin zu diffamieren?
      Denn dass das so einiges faul im Staate Dänemark bzw Vatikan war, entdeckt jeder, der ein Zipfelchen der Geschichte hebt…
      Ich denke vielmehr, dass der Antimodernismus direkt anknüpft an die Antifreimaurerhysterie, die im 19. Jh von der SJ massiv geschürt wurde und im Taxilschwindel, der bis heute Rätsel aufgibt und Ende des 19. Jh zu einem Antifreimaurerkongress in Trient geführt hatte, auf dem mit dem ausdrücklichen Beifall Leos XIII. nebem Taxil hunderte von Prälaten anwesend waren. Kurz drauf flog die Sache als ein einziger Schwindel auf, den der Hochstapler Taxil inszeniert hatte. Es blieb daraufhin erst mal kurz still, danach brachte Pius X. einen neuen Aufguss dieser Hysterie auf.
      Ein unbeschreiblicher Hass gegen ergebnisoffene geisteswissenschaftliche Forschung durchzieht das gesamt 19. Jh, etwa im Syllabus Piu IX. erkennbar oder dem unsäglichen Breve an den bayerischen Erzbischof von München, der jegliche eigenständige, unabhängige theologische Forschung verbietet. Ghostwriter dieses Breves war damals Kleutgen SJ, der selbst als formeller Häretiker verurteilt, dennoch auch maßgeblich das Vaticanum I anheizte und die Dogmen formulierte, die eben den „Lehramtspositivismus“ in Stein meißelten.
      Bohrt man aber nach, entdeckt man, dass die Freimaurerei direkte Ideengeberin des neuzeitlichen Papstabsolutismus ist, der dogmatisch als angeblich von Gott geoffenbart worden sein soll. Traditionalisten hören das nicht gern und stecken den Kopf in den Sand.
      Als nüchterner Mensch muss man daher sowohl in der Antifreimaurerhysterie des 19. Jh, die bis heute lebendig ist (sicher auch nicht nur zu unrecht, aber darum geht es mir nicht) als auch im Antimodernismus ein dialektischer Graben aufgerissen wurde, dessen andere Seite aber ebenfalls von Vatikan bedient wurde und wird.
      Frage ist daher: Zu welcher Synthese will man uns führen?
      Ein kluger Katholik macht dieses unwürdige Spiel jedenfalls schon aus Vernunftgründen nicht mit. Aber noch viel mehr erlaubt ein gelegentlicher Seitenblick auf den eigentlichen Herrn der Kirche das alles erst recht nicht.

      • D(e)r Feingold 12. November 2018

        Gnädige Frau kompliment
        ich wollte etwas zurückhaltender sein sie haben völlig recht in 19 Jhd viel das Papsttum in Panik
        als typisches Beispiel
        das ein verurteilter Häretiker Vater des Unfehlbarkeitsdogma wurde sag alles über den Ultramontanismus der skurrilitäten produzierte wie z.b. die verrückte Luise Beck die den Redemptoristen extrem schadete oder jenem Kriminalfall von San Ambrogio der den päpstlichen Theologen Kleutgen vor die Inquisition brachte
        wer sich dafür näher interessiert dem seien diese Bücher empfohlen
        Hubert Wolf „die Nonnen von Sant Abrogio“
        Otto Weiß „Die Macht der Seherin von Altötting“

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