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Der Sonne entgegen – Ein Kommentar zum Höhenflug des heiligen Albert des Großen

Von Monsignore Florian Kolfhaus

„Mittelalter“, „Aberglaube“ und „Katholische Kirche“ sind für nicht wenige Synonyme einer dunklen Zeit, in der die Menschen – bis endlich das Licht der Aufklärung sie befreien sollte – in Unwissen und Unmündigkeit lebten. Bis heute glauben viele ohne es zu wissen, dass damals nur wenig gewußt und daher fast alles geglaubt wurde.

Und immer noch halten die klugen Geister unserer Zeit die Kirche mit all ihren Dogmen und Moralvorstellungen für das letzte Relikt einer finsteren Zeit, die längst überwunden gilt. Dabei vergisst man, dass es gerade die Kirche war, die in ihren Klöstern Kultur und Wissenschaft vorangetrieben und die Würde des Menschen gegenüber Ausbeutung seitens staatlicher Willkür verteidigt hat.

Ohne die christlichen Wurzeln Europas wäre dieser Kontinent niemals zu seiner geistigen Höhe gelangt. Einer der großen Wegbereiter und keineswegs ein sinisterer Kirchenmann des Mittelalters ist der heilige Albertus Magnus (um 1200-1280) – Kirchenlehrer, Wissenschaftler und Bischof von Regensburg – dessen die Kirche heute gedenkt.

Fides et Ratio, Herz und Hirn

Albert der Große war eine der vielen Lichtgestalten der Geschichte. Sein große Gelehrsamkeit verschaffte ihm den Titel Doctor universalis. In ihm begegnen wir einem Mann, der in herausragender Weise zeigt, dass die menschliche Seele sich mit den „Flügeln der Vernunft und des Glaubens“ – dieses Bild gebraucht der Heilige Johannes Paul II in seiner Enzyklika „Fides et Ratio“ – zu Gott emporschwingen kann. Albert war ein großartiger Naturwissenschaftler, von dem man sagt, er habe das ganze damalige Wissen studiert und sei so der letzte wahrhafte Universalgelehrte gewesen. Er war, im Gegensatz mancher seiner Zeitgenossen, auch ein wirklich kritischer Geist, der zum Beispiel sehr deutlich die Möglichkeit leugnete, aus Blei Gold herzustellen, was manche Alchimisten immer wieder behaupteten. Albert war es, der bereits die Möglichkeit erwogen hatte, dass es westwärts des Ozeans eine große, von Menschen bewohnte Insel geben könne, das zwei Jahrhunderte später entdeckte Amerika…

An Gottes Dasein zu zweifeln, ist nicht vernunftwidrig – ja unsinnig!

Wer die Natur betrachtet – sei es mit dem Fernrohr, um die unendlichen Weiten des Alls zu durchmessen; sei es mit dem Mikroskop, um den Reichtum ihrer Vielfalt zu erkennen – stößt unweigerlich auf die Frage nach dem Ursprung all dessen, was uns umgibt. Wer diese Frage nicht verdrängt und krampfhaft ausklammert wird auch zu der Erkenntnis gelangen, dass diese Ursache all dessen, was ist, alles Geschaffene überragt – ja ganz anders sein muss: ewig, das heißt ohne Anfang und Ende, ohne Ursprung und Abhängigkeit.

Wenn ein aufrichtiger Wissenschaftler über den überbordenden Reichtum der Welt mit all ihren Pflanzen und Lebewesen ins Staunen kommt, dass es solche Vielfalt und Schönheit gibt, die sich nicht in Zahlen fassen lässt, so ahnt er unweigerlich von der Größe und Güte des Ursprungs aller Dinge. Die suchende Vernunft führt den Menschen über sich selbst hinaus und bringt ihn zur Erkenntnis, dass sich diese Welt nicht selbst verdankt, sondern von einem Schöpfer ins Dasein gerufen worden ist. Freilich vollzieht sich diese Suche nach dem Grund allen Seins nur in menschlicher Freiheit, die sich öffnet und offenhält für die Wahrheit.

Eben daher ist es dem Menschen möglich, die Frage nach Gott auch auszuklammern und das Staunen über die Schönheit eines Sonnenuntergangs mit der Ausschüttung irgendwelcher Hormone zu banalisieren. Und natürlich kann ein Mensch vor Gott davonlaufen, noch ehe er ihm begegnet ist, weil er unausgesprochen ahnt, dass seine Existenz nicht gleichgültig bleibt für den Sinn und das Ziel seines Lebens. Noch ehe also jemand überhaupt zum Glauben kommt, kann er sich Gott verschließen und seiner suchenden Vernunft Grenzen setzen, die sie in diese materielle Welt einsperren.

Atheisten sind, dank der Wissenschaft, längst ausgestorbene Dinosaurier

Atheisten – so die gewagte Behauptung – gibt es gar nicht mehr. Die Leugnung einer ewigen Ursache des Kosmos ist wissenschaftlich nicht zu beweisen, ja die Entstehung des Kosmos ist nur denkbar, wenn es ein sinnstiftendes Ewiges gibt. Kein Naturwissenschaftler kann sagen, warum es etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Kein Philosoph kann die Wirklichkeit begründen nimmt er nicht an, dass alles göttlich sei oder alles, was ist, von dem einen Göttlichen kommt und getragen wird.

Die Leugnung Gottes ist wissenschaftlich (!) unsinnig, weswegen die meisten sich stolz Agnostiker nennen, um zu sagen, dass diese Frage nicht zu lösen sei. Was nicht sichtbar und messbar sei, zähle nicht und fände keine befriedigende Antwort. Doch! Aber anstatt „Gott“ zu sagen – das hätte ja erschreckende Konsequenzen – zucken die sonst so eifrig Forschenden mit den Achseln und hören auf wie kleine Kinder immer weiter „warum?“ zu fragen. Selbst die Kleinsten wissen, dass ein Gemälde nicht von selbst an der Wand hängt, sondern an einem „unsichtbaren“ Nagel, der es trägt. Die Welt schwebt nicht von allein im All, sonder wird von einer Macht gehalten, die wir Gott nennen. Eigentlich sonnenklar!

Wir wissen um Gottes Dasein, wir glauben an Seine Liebe

Die Vernunft sagt uns – wenn wir diese wunderbare Welt betrachten – dass es Gott gibt; der Glaube aber, jener zweite Flügel der menschlichen Seele, hilft uns zu erkennen, wer dieser Schöpfer ist. Albert der Grosse hat beide Dimensionen klar unterschieden, aber nicht getrennt und gegeneindar gesetzt. Jeder Mensch erkennt mit Gewissheit die Existenz Gottes, wie das Erste Vatikanische Konzil feierlich lehrt; aber nur der Glaubende, dank der Offenbarung Gottes, weiß wer und wie dieser Gott wirklich ist. Glaube und Offenbarung sind die zwei Seiten einer Medaille. Paulus sagt: Scio cui credidi – Ich weiß, wem ich geglaubt habe. Ich weiß, dass Gott Wirklichkeit ist. Und nicht nur eine geheimnisvolle Macht, sondern liebende Person, die zu mir spricht.

Würde sich Gott nicht aus freier Initiative offenbaren und sagen, wer er ist, so wäre Glaube nicht Zustimmung zur Wahrheit, sondern bloße Meinung, Spekulation, vielleicht sogar Wunschdenken und Projektion. Vielfach wird „glauben“ heute als Idee und persönliche Überzeugung verstanden. In Wahrheit meint es aber – wie das lateinische Wort dafür credere – cor dareandeutet – das Herz schenken. Und zwar jemanden. Ich glaube jemanden das, was er mir sagt. Ich glaube Gott das, was er mir offenbart, was mich die Kirche in seinem Namen lehrt. Ich verstehe manches vielleicht nicht, aber ich vertraue, dass Gott nicht lügt und die Kirche nicht irrt.

Dieses Vertrauen ist nicht einfach blind und stumpf, denn auch hier kommt uns wieder die Vernunft zu Hilfe, die zwar ein Dogma niemals beweisen, wohl aber erklären und verständlicher machen kann, ja alle Einwände dagegen zu widerlegen weiß. Alle Versuche, die Wahrheit von „einem Gott in drei Personen“, von der jungfräulichen Geburt Jesu, wahrer Gott und wahrer Mensch, der Existenz der Engel und der armen Seelen und aller anderen Dogmen, weiß der gläubige Verstand zu entkräften.

So bleibt das Dogma zwar immer sinnvoll, aber doch nie beweisbar. Der Verstand bereitet den Weg, aber der Glaube bekennt. Wir glauben – und daran erinnern uns der Hl. Albert und sein großer Schüler Thomas von Aqzin –  was die Vernunft übersteigt, nicht aber, was ihr widerspricht! Immer müssen wir beide Flügel gebrauchen – Glaube und Vernunft – um zu Gott emporzukommen. Der Glaube hat die Wissenschaft nicht zu fürchten, so wie die wahre Wissenschaft nicht besorgt sein muss, dass der Glaube sie ihrer Methodik und Sachlichkeit beraube.

Von Sinn und Unsinn der Liebe 

An uns ist es, den Flügelschlag zu üben, der im Zusammenspiel von Glaube und Vernunft, Hirn und Herz, Gnade und menschliches Tun uns immer näher zu Gott bringt.

Blindes Vertrauen und der klare Blick auf die Wirklichkeit sind für einen Christen kein Widerspruch. So blind und klar, so verrückt und logisch wie die Liebe ist auch der Glaube. Zwei Liebende kennen sich und deshalb wagen sie, einander zu vertrauen. Sie wissen um die Stärken und Schwächen des anderen und gleichzeitig, werfen sie sich ohne Absicherungen in die Arme des Geliebten. Würde sie nur dem Verstand folgen, so bleiben sie wohl ein Leben lang allein und einsam. Würden sie freilich nur blind dem Herzen – oder schlimmer noch den Hormonen folgen – so bliebe es bei kurzen romantischen Episoden, die immer wieder in Schmerz und Trauer enden.

Christen sind Gottliebende, die es wagen zu glauben – credere, cor dare – das Herz zu verschenken. Sie sind Staunende, die – wie Albert und Thomas und mit ihnen alle Lehrer der Kirche – immer mehr von Gott erkennen und gleichzeitig ahnen, dass er viel größer, schöner und mächtiger ist. Sie stehen nicht im Dunkel der Unvernunft, sondern im Licht, das nicht selten so stark ist, dass es die Vernunft, es nicht direkt betrachten kann, sondern an ihre Grenzen kommt. Glauben heißt nicht, in der Finsternis der Unwissenheit zu wandern, sondern im Leuchten zu gehen, dass manchmal so hell ist, dass es blenden kann.

Auf diesen Wegstücken ist es gut, sich von den Heiligen führen zu lassen, die vor uns der Sonne entgegen gegangen sind, ohne vom Weg abzukommen.

3 Kommentare

  1. Jens Freiling 15. November 2018

    Das Vatikanische Konzil von 1870 lehrt nicht, dass jeder Mensch die Existenz Gottes mit Gewissheit erkennt, sondern dass jeder Mensch sie Existenz Gottes mit Gewissheit erkennen kann, was eine völlig andere Aussage ist.

    • Jens Freiling 16. November 2018

      Ganz präzise müsste man sogar sagen, das I. Vaticanum lehre, dass jeder Mensch kraft seiner ratio schon rein natürlich mit Gewissheit das Dasein eines Gottes erkennen könne.

  2. D(e)r Feingold 15. November 2018

    Man sieht wunderbar es ist ohne weiteres möglich die Natur und ihre Perfektion zu betrachten und sich daran zu erfreuen ohne von einem Gott aus zu gehen Monsignore stellen hier behauptungen auf die nur vom kath Standpunkt auch logisch sind was aber ja der Sinn dieser Seite ist

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