Die säkulare Gesellschaft und die Rückkehr der Religion

3
769
Bild: Pexels - pixabay.com
Bild: Pexels - pixabay.com

Wie konnte es dazu kommen, dass das Christentum in Europa fast vollständig an Bedeutung verloren hat? Natürlich sieht man noch Kirchen, es gibt noch Religionsunterricht und der Staat treibt weiterhin die Kirchensteuer ein. Ein Blick hinter die Fassade offenbart jedoch: Es gibt kaum noch Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit. Jenseits kleiner Gruppen und Gemeinschaften hat das Christentum keine Ausstrahlungskraft mehr. Dabei können folgende zwei Protagonisten als Paradebeispiele für gescheiterte Vermittlungsversuche mit der Gegenwart gelten:

„Ratzinger und Kamphaus [stehen] für zwei Wege der Kirche in Deutschland … Beide versuchten, das Christentum unter veränderten Bedingungen neu zu verkünden und irgendwie in die moderne Welt hinüberzuretten … Aber jetzt, am Lebensende, verbindet die beiden über alle Distanzen hinweg eine gemeinsame Bilanz des Scheiterns: Das Christentum in Deutschland ist ideell bankrott.“

MARKUS GÜNTHER, FAZ ONLINE VOM 29.12.2014

Wir bewegen uns nun in einer post-religiösen und säkularen Gesellschaft. Man kann diese Gesellschaft auch als „pluralistisch“ bezeichnen, wenn man damit ausdrücken will, dass viele Lebens- und Religionsformen nebeneinander existieren. Wenn man jedoch über das Christentum in Europa spricht, wird der Begriff „Pluralismus“ nichts an der geringen Relevanz des Christentums in der heutigen Gesellschaft ändern.

Die Gründe für den Status quo

Warum ist es so, wie es ist? Eine einfache Theorie besagt: Je moderner und entwickelter eine Gesellschaft sei, desto weniger religiös, desto säkularer sei sie. Dem liegt eine Art Aufklärungstheorie zugrunde, nach der Religion und Glaube vor allem ein Anzeichen für Rückschritt und Primitivität sei, aus der dann Bildung und Wohlstand hinausführten, da man dann Religion nicht mehr bräuchte. Hier wird Religion schon von vornherein, ähnlich wie im Kommunismus, als eine Art Vertröstungsinstanz gesehen, von der man sich lösen wird, wenn man sie nicht mehr braucht. Trost brauche nur der Mangelhafte. Vor allem atheistische Gruppen, wie die „Giordano Bruno Stiftung“, vertreten diese Theorie.

Die andere Theorie geht eher in die Richtung einer Dekadenztheorie: Es gehe der heutigen Gesellschaft schlicht zu gut, sie habe den Sinn und die Wahrheit im Konsum, Wohlstand und Hedonismus verloren. Die Lösung liege in einer „Restauration zur „Wahrheit“, das heißt einer Rückwendung zu Gott, Glauben und Kirche. Der Mensch müsse umkehren. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. und konservativ-katholische Gruppen stehen dieser Theorie nahe.

Warum ist es so, wie es ist? Dafür gibt nicht nur einen Grund, sondern ein ganzes Amalgam von Gründen. Evolution, Hirnforschung und Naturwissenschaften haben in den vergangenen Jahren Religion und Glaube massiv angegriffen und viele glauben der naturalistischen Propaganda. Aber sie hat keine Beweise. Vielmehr ist der Atheismus eine gute Rechtfertigung der Herrschenden, um im Spiel um den Thron nicht die Macht zu verlieren.

Außerdem ist der Atheismus eine viel zu gute Ausrede, um in Sünde und Egoismus zu verbleiben. Nach dem Motto: besser ein schlechtes Leben ohne Gott, als ein Risiko einzugehen.

Dabei gilt: wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Wie die Gesellschaft die postreligiöse Zeit umsetzt

Es scheint drei Hauptrichtungen zu geben, die für die post-religiöse Gesellschaft kennzeichnend sind: Säkularhedonismus, Überlebensstrategien und Säkularhumanismus.

Die erste Hauptrichtung, also der Säkularhedonismus, sieht im Ende der Religion eine Art Befreiung zur Lustmaximierung gegeben. Es gilt, was Brecht Galileo im gleichnamigen Theaterstück sagen lässt: „Eine neue Zeit ist angebrochen, ein großes Zeitalter, in dem zu leben eine Lust ist.“ Dies ist die Interpretation, die auch in vielen Serien Filmen und Zeitschriften vertreten wird, vor allem in Telenovelas, Soaps und Sitcoms. Es gibt eine Art Pädagogik zum Hedonistischen, die daran glaubt, dass es eine Art optimistische Selbsterlösung durch mehr Selbstentfaltung gibt. Wichtig für diese Richtung ist auch die sexuelle Befreiung und dass aus individuellen Bedürfnissen „Rechte“ werden, da nur so die selbsterlösende Selbstverwirklichung vollends garantiert werden kann. An die Stelle einer Religion treten eigene Gefühle und Bedürfnisse.

Die andere Richtung, in der Überlebensstrategien im Vordergrund stehen, kommt weniger von den Massenmedien her, als mehr von der Philosophie. Sie kann als eine Zwischenstufe von der angenommen Gottlosigkeit zum neuen „Säkularhumanismus“ gesehen werden, muss sie aber nicht. Seit einiger Zeit ist diese Richtung auch medial vertreten. Als philosophische Beispiele können Nietzsche und Camus gelten. Nietzsche sah den Gottestod für unausweichlich, ihm war jedoch auch klar, welch Heil und Hoffnung damit unumkehrbar zerbrechen.

Als Ausweg gilt der Übermensch, der jenseits aller Hoffnungslosigkeit das Leben bejahend besingt. Einige der heutigen populären Serien setzen Gottestod und verloren gegangene Heilsgeschichte kreativ um, in dem sie eine Welt voller Horror, Verzweiflung und Gefahren zeigen. Nicht wenige Zombieserien oder Computerspiele sind die Konsequenz des verlogenen gegangenen Glaubens. Albert Camus befasst sich mit dem Horror einer Seuche. Diese ist, wie der Titel des Romans, „Die Pest“. Am Ende, nachdem die Seuche vorüber ist, steht die Bilanz der letzten Hoffnungslosigkeit:

„Dem Arzt selbst ist nämlich bewusst, dass der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, „dass er jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

ALBERT CAMUS, DIE PEST

Camus öffnet gleichzeitig aber auch schon den Weg hin zur dritten Richtung, dem so genannten „Säkularhumanismus“, denn es heißt gleichzeitig am Ende des Romans, dass der Arzt einen Bericht anfertigte, „um für diese Pestkranken Zeugnis abzulegen, damit wenigstens eine Erinnerung an die Ungerechtigkeit und Gewalt blieb, die ihnen angetan worden war, und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“

Der Säkularhumanismus ist sich darüber im Klaren, dass die letzte Tragik des Lebens nicht besiegt werden, aber, dass man – wie der Arzt in Camus‘ „Die Pest“ – dafür sorgen kann, dass es wenigstens etwas menschlicher wird. Passend dazu sagt auch Michael Schmidt-Salomon, Sprecher der säkularhumanistischen Giordano Bruno Stiftung, wir seien nur eine „zufällig entstandene affenartige Spezies auf einem Staubkorn im Weltall“, deren Existenz tragisch sei. Helfen würde uns jedoch Mitmenschlichkeit. Außerdem könne man dabei noch einen „Heidenspaß“ haben (Himmel hilf! – Woran glauben wir?, Hessischer Rundfunk ).

Und hier ist genau das Ende aller säkularen Welten: Hoffnungslosigkeit ist ihre letzte Aussage. Eine Anschauung die auf Nihilismus beruht, kann aber keinen Bestand haben.

Die Rückkehr der Religion

Die Stärke des Christentums liegt darin, einen Grund der Hoffnung geben zu können. Es hat die Wahrheit Christi und Umkehr statt „passt schon“ zu verkünden. Versuche der Anbiederung sind nur peinlich und lächerlich. Gefragt ist Echtheit und Tiefe. Die Rückkehr des Christentums wird nicht von Stuhlkreisen und gut gemeinten Aktionen ausgehen. Sie wird in der Rückkehr zur Tradition liegen. In der Rückkehr zu jenem Christentum, das die Jahrhunderte getragen hat und weiterträgt.

3 KOMMENTARE

  1. Gute Darstellung: danke!
    .
    Vielleicht sollte jedoch auch erwähnt werden, dass sich auch die christliche Verkündigung weithin als zu starr erwies.
    .
    Beispiel: Erbsündenlehre.
    Bis vor kurzer Zeit wurde hier noch vom Sünden-Fall der Ur-Eltern Adam und Eva gesprochen, wofür die jetzt Lebenden von einem erbosten Gott bestraft werden.
    Es dauerte einfach zuuuu lange, bis solche Vorstellungen berichtigt wurden.

    • Die Erbsünde ist dogmatisch – sie ist auch eine anthropologische Tatsache, wie Augustinus schreibt. Wie das historische Ereignis genau stattgefunden hat, ist eine andere Frage.

    • Bitte präzisieren Sie was Sie mit „Bis vor kurzer Zeit“ meinen. Und wen Sie als Kronzeugen für die „Berichtigung“ nennen wollen.

IHR KOMMENTAR

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.