Retter oder Rebell? Erzbischof Lefebvre und die Alte Messe

Marcel Lefebvre. An ihm scheiden sich die Geister: Heiliger, Fanatiker, Schismatiker – es gibt kaum ein Schlagwort, mit dem er in der katholischen Welt nicht beschrieben wurde. Und katholisch ist hier genau das Stichwort, denn die Bewahrung des katholischen Glaubens war sein Antrieb. Ein Leben lang.

Geboren wurde Marcel Lefebvre 1905 in Tourcoing, nahe der belgischen Grenze. Seine Eltern waren fromme französische Katholiken, sein Vater starb 1944 im KZ Sonnenburg. Lefebvre dachte schon früh daran Priester zu werden und ging 1923 ins Französische Priesterseminar nach Rom, weil seinem Vater das diözesane Seminar missfiel – es wäre zu liberal. Der damalige Regens war Henri Le Floch, ein Spiritaner, dem vorgeworfen wurde ein Anhänger der Action Française zu sein. Louis Kardinal Billot SJ, Professor für Dogmatik an der Gregoriana und ebenfalls Anhänger der Action, war einer der Lehrer Lefebvres.

Prägende Jahre

Die Auffassungen der Action verurteilte Pius XI. 1926 als unvereinbar mit dem katholischen Glauben. Kardinal Billot trat daraufhin als einziger Kardinal im 20. Jahrhundert zurück und ging als einfacher Priester in einen Jesuitenkonvent. Le Floch wurde auf Drängen der französischen Regierung seines Regenten-Amtes enthoben. So erlebte Lefebvre schon früh das Scheitern einer theologisch-politischen Ideologie, die ihn tief prägte. Im Mai 1929 wurde Lefebvre zum Diakon, im September desselben Jahres zum Priester geweiht. Danach blieb er in Rom, um einen Doktorgrad in Theologie zu erlangen. Schon kurz nach seiner Priesterweihe trat er 1931 den Spiritanern (CSSP) bei, einer strengen Ordensgemeinschaft, und wurde Missionar in Gabun.  

Die weltanschauliche und theologische Prägung Lefebvres war eindeutig. Feindschaft gegen die Französischen Revolution und ihre Folgen und Feindschaft gegen den Modernismus. Politik und Theologie bildeten eine Einheit im Kampf gegen jene Änderungen, die er als Häresie verstand, als Infragestellungen der ewigen Wahrheiten, als Auflehnung gegen Gott. 

Ideengeschichtlich kann man die Überzeugung Lefebvres am besten mit jenem Antimodernismus identifizieren, der unter den pianischen Päpsten von 1846-1914 vertreten wurde. Diese Jahre umfassen die Pontifikate von Pius IX. (1846-1878), Leo XIII. (1878-1903) und Pius X. (1903-1914). In abgemilderter Form war der pianische Antimodernismus bis zum Pontifikat Pius XII. (1939-1958) die katholische Richtschnur.

Lefebvre, der große von Freund Pius XII. erhielt 1947 die Bischofsweihe und wurde 1955 der erste Erzbischof von Dakar. Er blieb bis 1962 in Afrika und nahm von 1962-1965 am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Als Erzbischof unterschrieb er die meisten Dokumente des Konzils, war aber auch Mitglied im Coetus Internationalis Patrum, einem konservativen Konzilsflügel. Seine Opposition zeigte sich deutlich bei einem der wichtigsten Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Erklärung „Dignitatis humanae“ über die Religionsfreiheit. Als einer der wenigen verweigerte er die Unterschrift. Das Konzil selbst erklärte, die Religionsfreiheit stehe in der Tradition der Kirche – und das, obwohl Pius XII. noch 1953 sagte: „Was nicht der Wahrheit und dem Sittengesetz entspricht, hat objektiv kein Recht auf Dasein, Propaganda und Aktion.“

Viel mehr noch als das Konzil selbst scheinen aber die nachkonziliaren Jahre Lefebvres Oppositionshaltung gefestigt zu haben. Das Schlagwort, das die nachkonziliaren Jahre der Feier des Bruchs kennzeichnet heißt: „Geist des Konzils“. Die Kirche, wie Lefebvre sie kannte, mit ihren antimodernistischen Säulen, der lateinischen Liturgie und dem klaren Selbstbewusstsein, sie zerbrach. 1968 trat er als Generaloberer der Spiritaner zurück – die nachkonziliaren Reformen wollte er nicht mittragen.

Die Gründung der FSSPX und die Bischofsweihen 

Lefebvre blieb für konzilsablehnende Seminaristen der Ansprechpartner, was 1970 zur Gründung der FSSPX führte. Während die Bruderschaft zunächst kirchlich anerkannt wurde, kristallisierte sich schnell heraus, dass es sich um eine Bewegung handelte, die die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und vor allem die Neuerungen in Folge des Konzils ablehnte – wie die neue Messliturgie, die Religionsfreiheit und Ökumene bis zum Selbstverrat. Lefebvre wurde mehr und mehr zur Stimme des Protests, zum Konzilspolemiker, der Rom den Gehorsam verweigerte. Die Medien nannten ihn „Kirchenrebell“, von seinen Anhängern wurde er verehrt – als Bewahrer und Retter der Tradition.

Im Juni 1976 weihte Lefebvre ohne Erlaubnis Priester und wurde suspendiert. Der Streit, der sich längst angekündigt hatte, war nun offiziell, seine Papst-Opposition öffentlich. Seitdem gibt es in der katholischen Kirche das Zeitalter der antimodernistischen Papst-Résistance, die sich mit scharfer Polemik neuen kirchlichen Entwicklungen widersetzt. Das Jahr 1962, die Vorzeit des Konzils, wurde für Lefebvre zur Endzeit der lehramtlichen Rechtgläubigkeit.

Im Gespräch mit Paul VI. im September 1976 wollte Lefebvre sich konziliant zeigen: Alles sei gelöst, wenn der Papst erlauben würde, dass die Anhänger der Piusbruderschaft in den Kirchen und Kapellen „wie vor dem Konzil“ beten könnten. Paul VI. verweigerte dies: „Wir sind eine Gemeinschaft, wir können es nicht zulassen, dass einige sich autonom verhalten.“ Erst Johannes Paul II. sollte die traditionelle Frömmigkeit und die Alte Messe wieder erlauben.

Für Lefebvre war das Unfassbare eingetreten: Der Papst, Stellvertreter Christi und Nachfolger Petri, war kein traditioneller Katholik mehr und führte überall Neuerungen ein, die Häresien begünstigten. Die Kirche gehe nun den Weg, den sie vorher ablehnte, nämlich den des Modernismus. Er sah sich daher in einem kirchenrechtlichen Notstand, was für ihn die unerlaubten Bischofsweihen des Jahres 1988 rechtfertigte – aber schließlich zu seiner Exkommunikation führte und zur Spaltung der Piusbruderschaft: wer die Exkommunikation nicht wollte, ging zur neu gegründeten Petrusbruderschaft, die traditionell und mit Rom verbunden war. Ein vorheriger Versöhnungsversuch im selben Jahr, begleitet von Kardinal Ratzinger, wurde von Lefebvre zunächst unterschrieben, dann aber wieder zurückgenommen. Der Erzbischof starb 1991 in der Schweiz. Es gab keine Versöhnung mehr mit Rom, aber die Zukunft der Bruderschaft war gesichert: das Werk hatte nach seinem Tod vier Weihbischöfe und hunderte Priester und Priorate auf der ganzen Welt.

Das bleibende Erbe: Tradition und Alte Messe

Waren die unerlaubten Bischofsweihen notwendig? War das Konzil so schlimm? Konnte Lefebvre sich zurecht auf einen Notstand berufen? Diese Fragen gilt es zu klären. Auch steht die Frage im Raum, ob das Festhalten an der Tradition wie es die Piusbruderschaft tut, in einen Traditionalismus abdriftet, insofern man fragen kann, ob hier ein Sozialkatholizismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verewigt werden soll. Das hieße, dass neben dogmatischen Glaubenssätzen, die unveränderlich sind, zeitliche Fragen in den Raum des depositum fidei eingedrungen wären.

Man kann aber auch fragen, ob der Weg Lefebvres der einzige Weg war, um die Alte Messe zu retten. Dann gäbe es zwei Dinge, die ohne den Erzbischof in ihrer heutigen Verbreitung nicht mehr existierten:

1. Die Alte Messe: Ohne Lefebvre gäbe es die Alte Messe im jetzigen Umfang wohl nicht mehr. Die Alte Messe wird heute vor allem von Instituten und Gesellschaften gefeiert, die auf die Piusbruderschaft zurückgehen. Heute erfreut sich die Alte Messe vor allem bei jungen Christen großer Beliebtheit. Viele wurden durch sie überhaupt erst katholisch.

2. Die traditionelle Frömmigkeit: Wie oft hört man pseudo-christliches Gerede von „christlichen Werten“, hinter dem sich oft genug nur gutmenschlicher Unglaube versteckt? Lefebvre hat deutlich gemacht, was zählt: Das Opfer, die Umkehr, die Erlösung. Es geht im Christentum eben nicht um Klimaziele und Gender-Ideologie, sondern um die Rettung der Seele.

Man kommt also nicht darum herum, Lefebvre für zwei Dinge zu danken: für den umfangreichen Fortbestand der Alten Messe und das Überleben der traditionellen Frömmigkeit. Er hat damals ein Erbe bewahrt, von dem wir alle zehren – egal ob wir uns Traditionalisten nennen oder einfach nur katholisch sind.

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2 KOMMENTARE

  1. Der Vorwurf des Schismas wurde 1988 laut, 1976 wurde höchstens behauptet, ein Schisma zeichne sich ab. In Ecclesia Dei adflicta wurde zudem selbst 1988 nur sehr vorsichtig von den Bischofsweihen als von einem „schismatischen Akt“ gesprochen, nicht von einem Schisma. Und tatsächlich könnte ja aus jeder sozusagen „autonom vorgenommenen“, gültigen Bischofsweihe ein Schisma entstehen. Das muss allerdings nicht zwangsläufig eintreten, und das hat die FSSPX nach 1988 bis jetzt insgesamt gut und erfolgreich bewiesen. Das können heute auch die Gründer der FSSP nicht mehr ernsthaft abstreiten.

    Davon abgesehen, ist Ihr Beitrag aber eine gelungene, auch gut lesbare Darstellung!

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