Für wen hältst DU Jesus

Für wen hältst DU Jesus

Eine geistliche Betrachtung von Thorsten Paprotny

Der „synodale Jesus des 21. Jahrhunderts“ könnte auf der neuen deutsch-katholischen Entdeckungsreise – „verbindlicher Synodaler Weg“genannt – in den nächsten Jahren noch erfunden werden. Braucht die Kirche, die Stiftung Jesu Christi, nicht ein regionales Update? Und dazu einen neuen Jesus, der zu Strukturreformen einlädt und beiläufig gefällig Pseudotheologisches sagt wie: „Die Sünden … Ach, den altmodischen Begriff lassen wir lieber weg. Ich sage: Deine Fehler sind dir vergeben und im Grunde gar nicht so schlimm, nun geh hin – und lebe weiter, wie du es für richtig hältst. Hab keine Angst: Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hände, egal was du tust.“ Jesusbilder, Jesuszerrbilder und Jesusfantasien hat es immer gegeben.

Der Philosoph Karl Jaspers, norddeutscher Protestant und philosophischer Skeptiker, ordnete Jesus den „maßgebenden Menschen“ zu. Der Nazarener sei gleichen Ranges mit Sokrates, Buddha und Konfuzius. Auch heute könnte sicher eine solche Meinung noch mancherorts imponieren: Jesus,der Sokrates des Neuen Bundes, der wahre Philosoph der Christenheit, ein Weisheitslehrer. Unter vielen Menschen, die sich heute als Christen verstehen, würde die alte exegetische Meinung Zustimmung finden: Jesus starb am Kreuz, aber die „Sache Jesu“ ging weiter. Oder wie das nicht mehr ganz so neue Geistliche Lied verkündet: „Die Sache Jesu braucht Begeisterte.“ Philosophische Meinungen über Jesus Christus gibt es viele.Auch Immanuel Kant sortierte und arrangierte Zitate aus dem Neuen Testament in der Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ kenntnisreich: Jesus fand seinen Platz darin.

Das Neue Testament ist und bleibt eine Fundgrube für Sentenzen. Daneben verblassen sogar Sokrates und alle Weisheitslehren des Fernen Ostens.Wer dem Religionspluralismus und der Allerlösungslehre huldigt, mag sogar der Auffassung sein, dass es am Ende um eine Sammlung des Beliebigen gehe, nicht um Unterscheidung des Christlichen. Alles, jede Religion, jede Philosophie, jede Weltanschauung, führe am Ende doch zu der Allerlösung, also irgendwie auch zu dem lieben Jesus, dem Philosophen, Bruder und Herrn. Manches meint er auch nur symbolisch,besonders wenn er vom Bösen, vom Teufel und von der Hölle spricht. Das müsse man „im Kontext“ lesen oder „aus dem Kontext heraus“ verstehen.Oder psychologisch. Oder konstruktivistisch. Oder ganz anders. Sprach Jesus nicht zu einem unverständigen, einfältigen Hirtenvolk? Zu Fischern,die schon lange keinen Fisch mehr gefangen hatten?

Die intellektuelle wie kulturelle Überheblichkeit mancher Menschen, die sich heute für postmodern und aufgeklärt halten, bleibt und bleibt erstaunlich. Ein vorzügliches Gegenbeispiel etwa zu den oft milde dargebotenen und gedeuteten Gleichnissen Jesu bietet eine Predigt von Pater Engelbert Recktenwald – und sei jedem Leser ans Herz gelegt. Auch das Neue Testament ist kein Märchenbuch. Der Evangelist Markus berichtet von Jesu Weg nach Jerusalem. Der Weg ist verbindlich. Eine Art Gesprächsforum findet. Der Herr fragt die Jünger: „Für wen halten mich die Menschen?“

Die Jünger berichten von den Meinungen der anderen. Jesus ist im Gespräch, die einen halten ihn für einen Propheten, andere für Johannes den Täufer und manche für Elija. Und dann stellt der Herr die maßgebliche Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mk 8,29) Jeder von uns steht das ganze Leben hindurch vor vielen Fragen, immer wieder.Auf diese Frage des Herrn aber kommt alles an, von der Antwort daraufhängt alles ab. Glaubst du wirklich, liebe Schwester, lieber Bruder im Glauben, an das, was du im Credo der Kirche bekennst? Wer ist Jesus für dich? Für wen hältst du Jesus? Kluge Menschen, die mit einer Sammlung von Ansichten und Meinungen über Jesus Christus aufwarten, sind vielleicht gar nicht so klug, wie sie denken. Sie wissen viel, aber wissen sie auch das Entscheidende? Im Markus-Evangelium versteht Petrus, dass Herr eine sehr persönliche Frage stellt: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“Ihr wisst, was die anderen denken.

Ihr kennt die Ansichten der Philosophen und Theologen. Ihr kennt die Meinungsumfragen und die neueste Shell-Studie. Die Frage des Herrn bleibt. Die Antwort darauf ist das Bekenntnis des Petrus: Du bist der Messias, du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Wer sich zu Jesus Christus bekennt, macht sich mit ihm auf den Weg nach Jerusalem. Dieser Weg heißt Nachfolge, und dieser Weg ist verbindlich.Wer sich zum Herrn bekennt, der bekennt sich zur Teilhabe an der Passionsgemeinschaft mit Ihm. Unser ganzes Leben hindurch wird uns diese Frage des Herrn gegenwärtig sein und bleiben: Du aber, für wen hältst du mich?

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