Ein Ausweg namens Klugheit (Tugendserie 1/7)

Ein Ausweg namens Klugheit (Tugendserie 1/7)

Wenn das Leben plötzlich todernst wird, die Situation geradezu teuflisch vertrackt, das Zeitfenster der Entscheidung extrem schmal und die Konsequenzen daraus unumkehrbar sind, dann ist selbst die größte Intelligenz nur noch mit dem Mikroskop sichtbar. An solchen Tagen braucht es die begnadete Mischung aus Vernunft und Wissen. Eine Tugend, die sich Klugheit nennt…

Die Geschichte von der Ehebrecherin im Johannesevangelium ist ja hinreichend bekannt und die darin zum Ausdruck kommende Barmherzigkeit Gottes ist es hoffentlich auch. Sie ist darüber hinaus aber eben auch ein Beispiel dafür, wie man als Christ mit Hilfe von Klugheit selbst diabolisch geschneiderte Fangfragen meistern kann, obwohl man auf den ersten Blick nur die berühmte Wahl zwischen den Übeln hat und sich augenscheinlich nur falsch entscheiden kann.

Im konkreten Fall von Jesus und der Ehebrecherin besteht die Falle nämlich gleich aus mindestens vier Teilen:

1. Widerspricht er den Anklägern, dann werden die Leute sagen, dass er Ehebruch gutheiße.

2. Gibt er den Anklägern Recht, dann werden ihn die anderen mit der Steinigung einer jungen Frau in Verbindung bringen und das Wort von Vergebung und Barmherzigkeit nicht mehr ernst nehmen können.

3. Bringt man ihn mit einer staatlich nicht genehmigten Steinigung in Verbindung, dann werden ihn seine Feinde an die Besatzungsmacht ausliefern, weil er sich über das römische Durchführungsprivileg der Todesstrafe eigenmächtig hinweggesetzt hat. Man müsste dann wahrscheinlich ein Exempel statuieren und über seinem Kreuz würde stehen: „Selbstjustiz ist strafbar“.

4. Ein ganz besonders teuflisches „Feature“ dieser Geschichte, das nur sehr selten gewusst und erwähnt wird, findet sich im Fußnoten-Kommentar von Peter Ketter in der Stuttgarter Kepplerbibel wieder:

„[„Nun hat uns Moses im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen…“] Es handelt sich also um eine Braut, deren Untreue so bestraft wurde, weil sie rechtlich als Ehefrau galt. Die Untreue einer eigentlichen Ehefrau wurde durch Erdrosselung gesühnt. Da ein jüdisches Mädchen damals mit 13 Jahren verlobt zu werden pflegte, ist die Sünderin nach unseren Begriffen fast noch ein Kind gewesen.“ *

Oder in anderen Worten: Hier wurde keine sittenschwache Gattin beschuldigt, die ihren treusorgenden Mann böswillig betrogen hat, sondern im Grunde eine Siebtklässlerin, welche höchstwahrscheinlich auch noch unter Zwang verlobt wurde. Darüber hinaus darf auch bezweifelt werden, ob ihr „Bräutigam“ (evtl. selbst noch ein Kind) vor der Vermählung überhaupt gefragt wurde. Außerdem treibt die Verheiratungspolitik im Nahen Osten bis heute brutale Blüten, die dazu führen, dass Bräute unter aufgebauschten oder gar erfundenen Vorwänden beseitigt werden, wenn ein Teil des Clans nicht mit der Verheiratung einverstanden ist. Übrigens eine Unseligkeit, die sich bis vor wenigen Generationen auch bei so mancher europäischen Bauersfamilie eingeschlichen hatte.

Diese ganzen Details rücken die Barmherzigkeit Christi in dieser Situation nicht in den Hintergrund, aber sie zeigen vielmehr, wie man mit begnadeter Klugheit selbst teuflisch-genial verstrickte Probleme relativ leicht überwinden kann. Die wortkarge, aber treffende Antwort Jesu hatten die Fallensteller nämlich bestimmt nicht auf dem Radar und von Bischof Sheen stammt hierzu eine bemerkenswerte Auslegung, warum der dezente Hinweis auf die fehlende Schuldlosigkeit der Ankläger genügte, um die aggressive Meute zu bändigen:

„Wir wissen nicht, was unser HERR dort mit dem Finger auf die Erde schrieb, aber ich gehe davon aus, dass es die heimlichen Sünden der Ankläger waren und als diese plötzlich ihre eigene Anklageschrift mit den Titeln „Lügner“, „Dieb“, „Mörder“ und „Ehebrecher“ im Sand lesen mussten, erschraken sie so sehr, dass sie wieder zur Besinnung kamen…“

Schlagfertigkeit und Wissen kann und soll man sich aneignen, aber um die Tugend der Klugheit gilt es zu beten. Einsatzfelder gibt es dann ja genug für jeden.

* Die erwähnte Fassung des Neuen Testaments mit ihren äußerst lehrreichen Kommentierungen ist unter anderem übrigens hier erhältlich:

St. Stephani Verlags GmbH

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