Die Alte Messe – lichtreich und schön

Die Alte Messe – lichtreich und schön

Von Thorsten Paprotny

Die Basilika Sankt Clemens in Hannover – der Name der Stadt ist auch ein Synonym für die norddeutsche Diaspora – schenkt Sonntag für Sonntag ganz normalen Katholiken ein gottesdienstliches Obdach. In der Kirche versammelt sich auch die sogenannte „Stadtgesellschaft“ zur heiligen Messe, der zumeist der Propst von Hannover vorsteht. Im Umfeld von St. Clemens wohnen heute kaum noch Katholiken. Die Basilika ist platziert zwischen Ministerien und einer Reihe von sehr bunten Geschäften. Am 4. November 1718 wurde die Kirche konsekriert.

Ein Bild aus dem 19. Jahrhundert aus dem Archiv von St. Clemens lässt den Betrachter heute staunen und die Schönheit des Bauwerkes bewundern:

Archivbild von St. Clemens (19. Jahrhundert)

Doch die Kirche wurde zunächst durch Luftangriffe auf Hannover im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört, danach zwar schlicht, aber katholisch wiederaufgebaut – und in der Nachkonzilszeit, wertfrei gesagt, umgestaltet. Wie die Kirche heute aussieht, zeigt der „Liturgiefuchs“, der gewissermaßen vor einiger Zeit ein sonntägliches Experiment unternommen – und einen ganzen Sonntag in St. Clemens verbracht hat. Wer heute die Kirche durch das Hauptportal betritt, wähnt sich in einer protestantischen Konzerthalle – und mag sich fragen, ob die prachtvolle Orgel angebetet werden soll. Immerhin wurde der Tabernakel zwar zur Seite gerückt, aber nicht aus der Kirche verbannt. Bestückt ist die Kirche mit farblosen, aber wuchtigen Apostelfiguren. Mitten unter der Kuppel befindet sich ein überdimensional großer Volksaltar, der an einen steinernen Konferenztisch erinnert. In St. Clemens wird an jedem Sonntag um 15.30 h die „Alte Messe“ gefeiert.

St. Clemens:

Basilika St. Clemens in Hannover | Foto: Christian A. Schröder (ChristianSchd) - zugeschnitten und Überkorrektur der Winkel reduziert von Rabanus Flavus [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Basilika St. Clemens in Hannover | Foto: Christian A. Schröder (ChristianSchd) – zugeschnitten und Überkorrektur der Winkel reduziert von Rabanus Flavus [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Viele Freunde der „Alten Messe“ werden oft für liturgische Nostalgiker oder für unbelehrbare Traditionalisten gehalten. Gleichwohl erscheint mir heute – treuer Sohn der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, zugleich auch ein skeptisches Kind der Nachkonzilszeit – nichts so traditionalistisch und angestaubt wie die Themen des „Synodalen Weges“ oder die Agenden kirchlicher Protestgruppen. Staunend und dankbar entdeckte ich vor einiger Zeit diese differenzierten Wahrnehmungen des „Liturgiefuchses“, die vielleicht nicht nur hannoverschen Katholiken, sondern auch allen, die der Liturgie der Kirche verbunden sind, neue Perspektiven schenken oder Räume für sensible Wahrnehmungen öffnen.

Der „Liturgiefuchs“ präsentiert Beobachtungen – und analysiert etwa auch das Phänomen der Priesterzentriertheit in der Messe. Er lobt und unterscheidet, würdigt insbesondere den mittlerweile nicht mehr in Hannover ansässigen damaligen Propst Martin Tenge und dessen Menschenfreundlichkeit. Nach der heiligen Messe um 10 h besucht der Gast einen eher experimentell gestalteten Gottesdienst, der „Spätmesse“ genannt ist. Die Beobachtungen des „Liturgiefuchses“ sind bemerkenswert: Die Variante des „Novus Ordo“, die dort gefeiert wird, entstammt gewiss einer Grauzone der Liturgie. Hannoversche Katholiken erzählen, dass auch Angehörige der lokalen Aktionsgruppe „Wir sind Kirche“ dort die Feier der heiligen Messe mitverantwortlich gestalten.

Augenzeugenberichten zufolge liegt der Altersdurchschnitt der speziell engagierten Gemeinde aber eher etwas höher. Aber das mag nur ein Gerücht sein. Ich traue den Wahrnehmungen des Beobachters, könnte natürlich selbst meine Vermutungen durch eigene Teilhabe bestätigen oder korrigieren – aber für „heilige Experimente“ fühle ich mich untauglich. Vielleicht bin ich noch zu jung dafür, vielleicht auch zu ängstlich. Und es ist einfach auch nicht „meine Zeit“.

Ein Traditionalist bin ich aber auch nicht, sondern bloß römisch-katholisch. Um 15.30 h – genau zur sonntäglichen Kaffeezeit, für ewig gestrige Traditionalisten, denen Kaffee und Kuchen in geselliger Runde am Nachmittag gewiss heilig sind, also denkbar ungeeignet – wird die „Alte Messe“ gefeiert.

Der „Liturgiefuchs“ berichtet: „Das Alter der Gemeinde hatte sich bedeutend verjüngt. Viele junge Familien saßen oder knieten gemeinsam mit ihren Kindern im Sonntagsstaat in den Bänken. Kugeln von Rosenkränzen liefen durch manche Finger. Andere harrten still der Dinge, die da kommen sollten. Insgesamt vier Ministranten bereiteten den Kirchraum vor, von denen zwei Jugendliche waren und zwei etwa im Studentenalter. … Die Orgel schwieg in dieser Messe. Stattdessen sang eine Schola aus glockenklaren Frauenstimmen das gesamte Ordinarium der 11. Messe. Von bemerkenswerter tonaler Sicherheit respondierte die Gemeinde. Sodass ich hier – an vielleicht unvermuteter Stelle – erlebte, wie alle im Kirchraum an der heiligen Handlung beteiligt waren und alle genau das verwirklichten, was das Neue Testament das priesterliche Volk nennt.

Während der Priester am Altar die Gebete zum Herrn sandte, sang die Gemeinde aus dem »Laudate Patrem« deutsche Choräle, solange es anging. … An die getragenen Gesänge der Gemeinde werde ich mich am längsten erinnern können. Wie mit großer Selbstverständlichkeit selbst schwierige Melismen in getragener Ruhe gesungen wurden. Die stille Anbetung, mit der die gesamte Gemeinde die Handlungen und Gebete des Priesters am Altar verfolgten, entkräfteten wieder manches Vorurteil, das aus den liturgischen Lehrbüchern einer bestimmten Generation gesprochen hatte.“

Wer weitere zutreffende Beobachtungen zur „Alten Messe“ in Hannover oder auch zu den anderen Gottesdiensten in St. Clemens lesen möchte, sei auf den oben verlinkten, lesenswerten Beitrag verwiesen. Aus der Ordensregel des heiligen Benedikt wissen wir, dass dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden soll. Ebenso, glaube ich, bezeugt die Schönheit der Liturgie die Wahrheit des Glaubens.

Da ich kein unvoreingenommener Gottesdienstbesucher in St. Clemens bin, möchte ich, ehemals Dozent für Philosophie und Theologie, heute Schriftsteller und weithin verborgen vor der Welt lebend, Musikliebhaber, aber gewiss kein Musiker – abschließend noch eine Bemerkung hinzufügen: Das absolute Gehör erlebe ich zuweilen wie ein unverdientes Geschenk und manchmal wie ein Kreuz, mitunter auch in der sonntäglichen Liturgie. Darum sage ich: Meine vielfach begabten und nicht selten strapazierten Ohren und ich freuen sich an jedem Sonntag auf die „Alte Messe“.     

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