Warum wurde Luther exkommuniziert?

Warum wurde Luther exkommuniziert?

Martin Luther und die Reformation werden heute oft positiv gesehen: Der Wittenberger Theologe habe die Kirche mit der Reformation in die Aufklärung und Moderne geführt und das „finstere Mittelalter“ hinter sich gelassen. Er stehe für Friede, Freiheit, Fortschritt. Ist das wirklich so?

„Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ u.s.w. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll“ – so lautet die erste der 95 Thesen Luthers. Sie wurden am 31. Oktober 1517 veröffentlicht, als Beifügung an einen Brief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg. Luther hätte ein katholischer Heiliger und Prophet werden können, hätte er mit heiligem Zorn Missbräuche in der Kirche und beim Ablass angeprangert, hätte er wirklich Buße und Umkehr gepredigt. Aber es kam anders.

Man muss diese 95 Thesen noch nicht als Abfall vom katholischen Glauben sehen, jedoch stehen die kommenden Jahre für genau das: Für die Abkehr vom Glauben und die Hinwendung zu neuen Ideen, die die Grundlage der Reformation bilden.

Prägend für die Gottsuche Luthers waren seine Jahre als Augustinermönch von 1505 bis 1521. Seine Grundfrage war die nach einem gnädigen Gott. Luther erlebte sich selbst als schwach und sündig, als unfähig heilig zu leben. Er fühlte sich ständig von der bösen Begierlichkeit, der so genannten Konkupiszenz gefangen. Sein Menschenbild war von Augustinus‘ Anthropologie und schlechten Erfahrungen geprägt. Solche soll er nach Behauptungen einiger Zeitgenossen auf seiner Romreise 1510 gemacht haben. Doch darüber gibt es keine historische Gewissheit.

Allerdings scheint der Spalt zwischen Idealismus und Realismus Luther letztlich in den Pessimismus geführt zu haben. Er erfuhr, dass er auch im Kloster nicht heilig wurde, ja, dass das Kloster auch nichts anderes war als Welt, dass die Mönche ihren Gelübden nicht genügten und die Heilsangst niemals wich. Auch sah er wie Ablasshandel und Machtmissbrauch der Kirche zusetzten. Geißelung und Marter, Buße, Schweiß und Tränen: Luther mühte sich ab, und doch er hatte stets den Eindruck sein Ziel nicht zu erreichen: die Gnade Gottes.

Die Leiden Luthers mögen auch daran gelegen haben, dass er einen Weg ging, der nicht der seine war. Aber es blieb nicht beim Leiden. Luthers „Damaskus“ soll das „Turmerlebnis“ um 1517 gewesen sein, eingeleitet durch einen Satz im Römerbrief: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“. Damit schwanden für Luther die Ängste vor der Strafe Gottes, denn es kommt, so Luthers Lehre, nicht auf unsere guten Werke, sondern nur auf unseren Glauben, nur auf die Gnade an. Luther fühlte sich gerettet: Gott erlöse uns allein durch Glauben, nicht weil wir gut sind. Was befreiend klingt, führte aber bald zu einer neuen Lehre über die Gnade und den Menschen.

Das Menschenbild Luthers und das der katholischen Kirche

Zwar wird nach Luther der Mensch aus Glauben gerecht, aber er bleibt ein Gefangener und Getriebener, er bleibt verdorben. Nichts kann nach Luther die gefallene Natur des Menschen ändern – auch nicht die Taufe. Luthers augustinische Interpretation ist dunkle Nacht und tiefer Pessimismus. Es gibt bei ihm keine heiligmachende Gnade (gratia gratum faciens), sondern nur ein Nichtanrechnen der Strafe: simul justus et peccator – sowohl gerecht als auch Sünder, so ist der Mensch nach Luther. Die mittelalterliche Theologie der Scholastik hingegen, die vor allem durch Thomas von Aquin geprägt wurde, ist menschenbejahend. Deutlich wird dies in der Gnadenlehre der katholischen Kirche, ausformuliert im Rechtfertigungsdekret des Konzils von Trient. Der Katechismus formuliert es so:

„Die Gnade ist eine Teilhabe am Leben Gottes; sie führt uns in das Innerste des dreifaltigen Lebens: Durch die Taufe hat der Christ Anteil an der Gnade Christi, der das Haupt seines Leibes ist. Als ein „Adoptivsohn“ darf er nun in Vereinigung mit dem eingeborenen Sohn Gott „Vater“ nennen. Er empfängt das Leben des Geistes, der ihm die Liebe einhaucht und der die Kirche aufbaut.

Die Gnade Christi besteht darin, daß uns Gott ungeschuldet sein Leben schenkt. Er gießt es durch den Heiligen Geist in unsere Seele ein, um sie von der Sünde zu heilen und sie zu heiligen. Das ist die heiligmachende oder vergöttlichende Gnade, die wir in der Taufe erhalten haben. Sie ist in uns der Ursprung des „Heiligungswerkes“ [Vgl. Joh 4,14; 7, 38-39].

Zitiert nach: Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1997, 1999.

Luthers Häresien und seine Exkommunikation

Es gibt ganz konkrete Häresien Martin Luthers, die dem Christentum in Ost und West widersprechen, also weder der katholischen noch der orthodoxen Kirche entsprechen, sondern Neuerungen der Reformation sind. Diese bildeten sich ab 1517 bis zur Confessio Augustana 1530 systematisch heraus. Weil die Reformation darauf beruht, kann es keine Einheit zwischen den apostolischen Kirchen (katholisch/orthodox) und den neuen Gemeinschaften der Reformation geben. Fünf grundlegende Häresien werden hier aufgeführt:

  1. Luther leugnet, dass es sieben Sakramente gibt (Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Weihe, Ehe, Krankensalbung) und reduziert die Sakramente auf zwei: Taufe und „Abendmahl“.
  2. Luther leugnet, dass Christus eine Kirche und das Amtspriestertum gründete. Er schafft eine neue Gemeinschaft, die sich „evangelische Kirche“ nennt, aber eine Neugründung der Reformation ist.
  3. Luther leugnet die Notwendigkeit des Weihesakraments und des Amtes. Seine Gemeinschaft steht nicht in der apostolischen Tradition. Gültige Sakramente, die das Amtspriestertum voraussetzen, können daher nicht gespendet werden (das betrifft: Eucharistie, Firmung, Weihe, Krankensalbung).
  4. Luther leugnet, dass Christus den Papst gemäß der Schrift mit dem Petrusamt betraut und auf ihn seine Kirche gegründet hat. Stattdessen nennt Luther den Papst Antichristen und möchte ihn vernichten.
  5. Luther leugnet den Offenbarungscharakter der Überlieferung. Nach Luther ist nur die Schrift Offenbarung: sola scriptura.

Luthers neue Gemeinschaft kennt nur noch zwei Sakramente. Die Reformation entfernte Sinnliches aus Kult und Religion und führte dazu, dass eine ungesunde Vergeistigung und Innerlichkeit einzog. Das wiederrum führte oft zu zwei Extremen: Fanatismus oder Atheismus – je nachdem ob man geistig oder fleischlich gesinnt ist. Ein deutliches Beispiel für den neuen Wahnsinn der Neuzeit waren Hexenverbrennungen. Sie waren kein Phänomen des Mittelalters, sondern der Frühen Neuzeit – durch Luthers Predigten brannten Scheiterhaufen. Luthers Judenhass war ebenfalls ein Kennzeichen der Reformation. Später verbreiteten die Nazis Luthers Judentexte für ihre antisemitische Hasspropaganda. Dass es ohne Reformation keinen 30-jährigen Krieg und keinen deutschen Nationalismus gegeben hätte, darf ebenfalls nicht vergessen werden. Luther hat Europa entzwei gerissen und zerstört, was einig war.

Am 15. Juni 120 kam es zur Bannandrohungsbulle Exurge Domine von Leo X., in der 41 Irrtümer Luthers aufgeführt wurden. Luther verbrannte die Bulle und radikalisierte sich noch mehr. Folglich kam es am 3. Januar 1521 zur Exkommunikation durch die Bulle Decet Romanum Pontificem.

Wie man es richtig macht: Ignatius von Loyola

Wie man es richtig macht, zeigte Ignatius von Loyola. Sein Weg der Gnade begann 1521 – dem Jahr in dem Luther exkommuniziert wurde. Ignatius wurde bei der Verteidigung der Schlacht um Pamplona so schwer verletzt, dass er ins Krankenlager gebracht werden musste. Er las religiöse Literatur und bekehrte sich. Sein neuer Weg war jedoch nicht ohne Mühe. Ignatius erinnerte sich an sein früheres Leben als Offizier. Er war bekannt als Spieler und Schürzenjäger, ganz davon eingenommen, nahezu süchtig, weltlichen Ruhm und Lust zu finden – grenzenlos, rücksichtslos. Als ihm die Leere und Sinnlosigkeit seiner bisherigen Bestrebungen klar und deutlich wurde, erkannte er wie weit er sich dadurch von Gott entfernt hatte und erlebte schwere Depressionen und innere Kämpfe.

Ihm wurde klar, dass er sich selbst nicht erlösen konnte, egal welche Mühen, Leistungen und Kämpfe er vollbrachte. In der Verzweiflung fand er tiefer zu Christus. Der eitle Soldat, der keine Kämpfe verlieren wollte, legte seine Waffen nieder und ergab sich Gott. In der dunklen Nacht der Ohnmacht akzeptiere Ignatius Gottes Gnade und fand den inneren Frieden. Er kam als Ritter und ging als Bettler und Pilger.

Nach vielen Problemen, mehrfacher Inquisitionshaft und gescheiterter Wallfahrt nach Jerusalem, studierte Ignatius schließlich in Paris und gründete 1534 zusammen mit 6 Männern eine Gemeinschaft. Sie legten erste Gelübde auf dem Montmartre in Paris ab und nannten sich später „Societas Jesu“ – Gesellschaft Jesu. 1539 konstituierten sie sich als Orden und wurden 1540 Orden durch Papst Paul III. bestätigt. Zu den Gründervätern des Ordens zählen neben Ignatius bedeutende Missionare wie Franz Xaver oder Peter Faber. Schon wenige Jahre nach der Ordensgründung wurde die ganze Welt vom jesuitischen Geist erfüllt. In Europa, Nord- und Südamerika, Indien, Japan und Afrika – überall wurde in missionarischer Hingabe Christus verkündet.

Wir dürfen Fehler in der Kirche kritisieren, manchmal müssen wir es sogar. Aber nichts wird gerettet, indem der Glauben geändert oder neu erfunden wird. Wir werden gerettet, indem wir Demut und Umkehr leben, indem wir den Weg der Heiligkeit gehen, um das ewige Leben zu gewinnen.

2 KOMMENTARE

  1. Ist Luthers „Judenhass“ nicht rein antijudaistisch, also auf einer theologischen Ebene? Meines Wissens hegt er keine ethnische Abneigung? Genauso wenig, wie die Karfreitagsfürbitte für die Juden wie auch die Substitutionstheologie nicht antisemitisch sind?

    • Man unterscheidet heute in der Theologie zwar zwischen Antijudaismus (Ablehnung der Religion des Judentums) und zwischen Antisemitismus (Hass auf Juden aus rassistischen Motiven), aber diese beiden Dinge: Antijudaismus und Antisemitismus sind verwandt und auch in der Literatur werden sie vermischt. Der katholische Sozialethiker Gustav Gundlach unterschied im Lexikon für Theologie und Kirche (1929/30) zwei Arten von Antisemitismus, einen unchristlichen, der rassistisch eingestellt sei und eine zweite Richtung, die erlaubt sei, wenn sie gegen schlechte soziale Einflüsse vorginge. Stattdessen forderte er: „Durchdringung des Gesellschaftslebens mit christl. Geist, Kampf nicht nur gegen semitische, sondern auch ‚arische‘ Schädlinge, Stärkung der positiv sittlich-gläubigen Faktoren im Judentum […]“ (Ebd.). Dem gegenüber betont die Erklärung Nostra Aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils:

      „Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.

      Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben. Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.“

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