Maßhalten und die Maß halten (Tugendserie 4/7)

Maßhalten und die Maß halten (Tugendserie 4/7)

Endlose Begeisterung und tobender Applaus brandet in der Halle auf. Endlich ist da jemand, der nicht nur die Sprache der einfachen Leute spricht, sondern auch ihre Probleme verstanden zu haben scheint. Die Masse ist elektrisiert und sogar die schärfsten eingeschleusten Kritiker ertappen sich selbst beim zustimmenden Klatschen. Als er die Rede dann beendet hat, zieht er wie ein Triumphator durch die jubelnde Menge nach hinten in den Backstage-Bereich. Ein gelungener Abend für alle Beteiligten. Doch anders als geplant, gehen die Menschen nicht einfach wieder Heim, sondern rufen wie mit einer Stimme: „Zugabe! Zugabe!“.

Sein Wahlkampfmanager deutet ihm an, er solle doch nochmal kurz auf die Bühne gehen und „eins draufsetzen“. Sein Redenschreiber aber schüttelt nur besorgt den Kopf, als wolle er ihm sagen, dass der „große Redner“ gar nicht auf eine solche Extradarbietung inhaltlich vorbereitet sei. Doch der kritische Geist wird ignoriert und es folgt was am nächsten Tag in allen Zeitungen steht und worauf man den Politiker noch Jahre später peinlich-penetrant reduzieren wird sobald er das Wort ergreift: Er geht nämlich nochmal auf die Bühne und sagt benebelt vom frenetischen Jubel seiner Zuhörer Dinge, die ihm schon Sekunden später unendlich leidtun werden. Aber da ist es schon zu spät. Sie lassen sich nicht mehr einfangen …

Hätte er nur Maß gehalten, nach der Rede vielleicht sogar die eine oder andere Maß Bier gehalten, dann hätte er garantiert auch die Klappe gehalten und seine politische Karriere wäre anders verlaufen.

Mäßigung ist eine Tugend und über ihrer Haustür steht: „Man soll gehen, wenn’s am schönsten ist.“

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