Das Abendland und sein Minnesang oder Liebe im Mittelalter

Das Abendland und sein Minnesang oder Liebe im Mittelalter

Jaja, das Mittelalter war so böse, prüde, finster und auch so bitterkalt … Peinlich, wer solche Äußerungen tätigt, beweist das doch mangelnde Bildung, mitunter gar historischen Analphabetismus. Krude, böse, bieder und brutal – alles, vor dem wir uns heute fürchten, gilt vor allem für die Auswüchse des späten 18. und des langen 19. Jahrhunderts, welche im vergangenen Jahrhundert explodierten.

In England krochen Arbeiter in dunkle Kohleschächte, um die industrielle Revolution zu befeuern. Glücklich war, wer mit 30 noch lebte und nicht todkrank starb. In Preußen verschmolzen Militarismus und protestantischer Moralismus zu nationalistischer Großmannsucht und entluden sich in französischen Schützengräben und russischen Wintern.

Ganz anders das bunte Mittelalter. Man glaubte an Gott, Gnade, Schönheit, Sakramente, den Tanz und die Liebe. Ja, es gab keinen technologischen Fortschritt, aber Lebensfreude und Minnesang: „Küsste er mich? – Wohl tausendmal! Tandaradei, seht, wie rot mein Mund ist!“, sang Walther von der Vogelweide in „Unter der Linden“ – und das sind die harmlosen Verse. Expliziter als dieses Gedicht geht es kaum. Was im 19. Jahrhundert keiner Zensur entkommen würde, galt ehedem als Kunst.

Das Mittelalter steht wie kein anderes Zeitalter für die Verschmelzung von Christentum und Kultur. In der Vorzeit von Nationalismus, religiöser Spaltung und zynischer Depression wurde Notre Dame gebaut, gefeiert und getanzt. Mönche brauten Bier und junge Männer sangen den Frauen. Und sie entschieden, wer würdig war.

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