„Es waren Traditionalisten, die Jesus umbringen ließen“

„Es waren Traditionalisten, die Jesus umbringen ließen“

Traditionalisten haben sich schon an viele Beleidigungen gewöhnt. Gottesmord war bisher noch nicht dabei. Aber genau das ist der Vorwurf von Pfarrer Stefan Jürgens aus dem Münsterland an die Traditionalisten – glaubt man einem Artikel auf RP online. Der Visionär einer geschwisterlichen Kirche, eines synodalen Wegs, stellte sein Buch „Ausgeheuchelt“ vor und erntete Beifall für den Satz „dass es Traditionalisten waren, die Jesus umbringen ließen“.

Dieser Vorwurf hat es in sich. Mehr geht nicht. Gottesmord ist die Sünde schlechthin oder wie Nietzsche sagt: „Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“ Bei dem Vorwurf kommt es auf jede Nuance an. In diesem Fall geht es um einen Auftragsmord: „umbringen ließen“. Damit werden Traditionalisten nicht mit den römischen Soldaten verglichen, denn diese haben Jesus aktiv umgebracht. Zudem ist „Traditionalist“ heute vor allem eine religiöse Bezeichnung. Hier können nur traditionalistische Juden gemeint sein, denen vorgeworfen wird, den Mord Jesu gefordert zu haben.

Was sind Traditionalisten, dass ihnen solch schlimme Dinge vorgeworfen werden? Philosophisch gesehen handelt es sich beim Traditionalismus um eine Lehre, nach der die Tradition, auch Überlieferung genannt, die höchste normative Quelle ist, deswegen die Endung „-ismus“. Verbindlich ist damit nicht das Neue, sondern das Alte. Historisch gesehen gab immer wieder extreme traditionalistische Ausprägungen wie den Integralismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das aber ist ein anderes Thema. Hier geht es um den Vorwurf, Traditionalisten hätten Jesus umbringen lassen. Jürgens behauptet dies wohl deshalb, weil er die für engstirnige Menschen hält, die Jesus als Bedrohung für ihren Glauben gesehen hätten – und ihn deshalb los werden wollten. In diesem Narrativ gilt Jesus als der große Reformer und Erneuerer, als Kritiker des Judentums und der tradierten Religion, gewissermaßen als Modernist. Sicher hätte er die Weihe von Frauen begrüßt und den Zölibat niemals gewollt …

Das Problem bei dieser Jesus-Rezeption ist nur: sie ist falsch, hat keine biblische Grundlage und missbraucht Jesus Christus für ein subversives Programm innerhalb der katholischen Kirche. Bei diesem Programm steht nicht Gott, sondern Weltlichkeit im Vordergrund. Die Fakten: Jesus hat als frommer Jude gelebt, wurde beschnitten und hat die Feiertage gefeiert. Im Evangelium äußert er sich ganz klar gegen eine Frömmigkeit des Bruchs: „Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich“ (Mt. 5, 18 f.). Dann fuhr er fort und verschärfte die Gebote sogar. Das Aufheben der Speisegebote und die Heilung am Sabbat sind Teil seiner messianischen Sendung.

Auch lehnte er die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht ab. Zwar kritisierte er ihren Lebensstil, ihre religiöse Autorität erkannte er jedoch an: „Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht“ (Mt. 23, 1-3).

Es kommt sogar noch schlimmer. Zu weltlichen Versuchungen, die in Jesus einen netten Prediger sahen, der nicht durch Kreuz und Auferstehung die Welt erlösen werde, äußerte er sich klar: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mt. 16,23).

Nein, es waren nicht die Traditionalisten, die Jesus umbringen ließen. Es waren nicht die frommen Juden, die den Glauben ernst nahmen und Jesus vielleicht nicht immer verstanden haben. Jesus kam nicht, um zu zerstören, sondern um zu erfüllen. Er war denen ein Dorn im Auge, die nichts vom Evangelium, von Umkehr und Buße hören wollten. Er war denen ein Stein des Anstoßes, die das Irdische mehr liebten als das Ewige und auf seinen Anspruch mit Gewalt antworten. Und sein Anspruch hatte es in sich: Jesus behauptete, Gott zu sein und verkündete das Reich Gottes. Damit sahen ihn vor allem jene als Gefahr, die diesen Anspruch als politische Bedrohung verstanden, weil die römischen Kaiser seit Augustus Gleiches für sich beanspruchten („Divi filius“). So machte sich Jesus in den Augen der Politiker zum Staatsfeind. Dann gab es jene wie die Zeloten, denen Jesus nicht politisch genug agierte, die einen revolutionären Umsturz wollten und keine Verkündigung des Gottesreiches.

Und so ist es auch heute. Jesus ist jedem ein Dorn im Auge, der sein Heil in der Welt sucht. Er ist jedem ein Dorn im Auge, der die Sünde mehr liebt als das Heilige, der den bequemen Weg gehen will und die Umkehr scheut. Christi Anspruch ist damit nicht vereinbar: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh. 14,6).

Was an dem Satz gegen die Traditionalisten am meisten abstößt, ist seine Botschaft. Der Vorwurf Traditionalisten hätten Jesus umbringen lassen, ist kein sachliches Argument, sondern ein persönlicher Angriff. Bei dem Angriff geht es um Verächtlichmachung und Ausgrenzung unliebsamer Christen. Und sowas steht Christen gar nicht an. Denn Christus lehrt das Gegenteil: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt. 5, 44 f.).

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