Katholische Sehnsucht und kirchlicher Gehorsam

Katholische Sehnsucht und kirchlicher Gehorsam

Von Thorsten Paprotny

Wir leben in einer Zeit der großen Stille. Die strenge Klausur entspricht den staatlichen Anordnungen und Weisungen der kirchlichen Oberen. Muss sich ein mündiger Christ heute daran orientieren? Mich bewegte in den letzten Tagen ein Wort des großen Pius XII. aus dem Apostolischen Schreiben „Mentis nostrae“. Der Papst fordert Demut:

„Das Streben nach dieser im Lichte des Glaubens erstrahlenden Demut führt den Menschen zur Aufopferung des eigenen Willens in schuldigem Gehorsam. Christus selbst hat in der von ihm gegründeten Gemeinschaft eine rechtmäßige Autorität eingesetzt, die seine eigene beständig weiterführt, daher gehorcht dem göttlichen Erlöser selber, wer den kirchlichen Vorgesetzten gehorcht.“

Ist das nicht bloß juridisches Denken? Stammt das nicht aus dem Geist eines mittelalterlichen Kirchenverständnisses? Sind wir nicht heute so frei, dass wir mit unserem eigenen Verstand – aufgeklärt, selbstbewusst und ganz katholisch – alle Geschehnisse in der Welt souverän beurteilen und der Kirche widersprechen können? Ja, die öffentliche Äußerung der eigenen Meinung ist frei und ein Grundrecht. Zugleich aber gilt: Der eigenen Meinung kommt kein Geltungsanspruch zu. Das gilt auch heute. Über die Schutzmaßnahmen, die in Zeiten der Corona-Pandemie bestehen, sind kontroverse Ansichten möglich. Sie schneiden tief in unser Leben ein.

Es tut mir weh, dass ich das österliche Halleluja zu Hause am Bildschirm singen werde. Vielleicht auch bei einem Spaziergang durch die Natur, mit sehnsüchtigem Blick zum Himmel. Ich leide darunter, dass ich am hohen Osterfest den Leib Christi – „Panis angelicus“ – nicht empfangen und auch nicht die Vertonung von Cesar Franck in einer heiligen Messe hören kann.

Der Nocturnhymnus des heiligen Thomas von Aquin „Sacris solemniis“ kündet leise von der wahrhaft himmlischen Freude der heiligen Eucharistie. In der dritten Strophe des Hymnus beschreibt der Kirchenlehrer, wie der Herr sich allen und jedem Einzelnen schenkte, sich selbst zur Speise machte, seinen Leib gab für die Gebrechlichen und Fragilen, für die Schwachen, sein Blut für die Traurigen – „Dedit fragilibus corporis ferculum, dedit et tristibus sanguinis poculum“. Können wir dies mit dem Verstand begreifen? „O res mirabilis“, o wunderbare Speise. Wir sind voller Sehnsucht, wir verzehren uns nach dem Brot des Lebens, das wir am Ostersonntag allein in der geistlichen Kommunion empfangen werden können. Das „panis angelicus“, das Brot der Engel, das in der Wandlung zum Brot der Menschen geworden ist, können wir in geöffneten Kirchen im Tabernakel anbeten. Vor einem Jahr habe ich in einem kleinen Artikel in der Osterzeit geschrieben:

„Wer den Leib des Herrn empfangen hat, betet, von der himmlischen Speise erfüllt, zum dreieinigen Gott, zu dem Licht hinschauend, in dem Er wohnt, darum – »per tuas semitas duc nos quo tendimus, ad lucem quam inhabitas« –, dass Er uns auf Seine Wege führen möge, sodass wir, Ihm nachfolgend, unsere Berufung erkennen und zu Osterzeugen Seiner Auferstehung werden.“

Panis angelicus … Wie sehr vermisse ich in den Wochen dieser Wüstenzeit nicht nur die Feier der Eucharistie, sondern auch das gesungene Ordinarium, den Gregorianischen Choral. Natürlich ist der Satz von Friedrich Nietzsche, der mir in den Sinn kommt, eine Übertreibung und auch falsch: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum.“ Trotzdem bezeichnet der Philosoph genau, was gegenwärtig fehlt. Was mir am Ostersonntag 2020 so sehr fehlen wird. Auch darum denke ich oft an diesen Gedanken des traurigen, verzweifelt gottlosen Denkers. Wir leben von Konserven – auch musikalisch, dargeboten von neuen Medien wie YouTube und hören alte CDs. Gut, dass wir diese Möglichkeiten haben, immerhin.

Bewusst wird uns, wie wenig das selbstverständlich ist, was wir für selbstverständlich nehmen. Mir sind die Worte von Pius XII. über den kirchlichen Gehorsam eine große Hilfe. Dadurch wird das Kreuz, das ich trage, nicht leichter. Vielen von Ihnen wird es nicht anders ergehen. Aber ich weiß, dass ich die Weisungen treu befolgen muss, die erlassen sind, weil ich Christus und damit Seiner Kirche Gehorsam schulde. Doch das „Panis angelicus“, den Leib Christi im Tabernakel, darf ich anbetend verehren, in der geistlichen Kommunion, und verborgen vor der Welt das Credo der Kirche sprechen.

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