Der Weg in die Stille

Der Weg in die Stille

Von Thorsten Paprotny

»Fugitiva relinquere et aeterna captare« – das Flüchtige aufgeben und das Ewige ergreifen, das legte der heilige Bruno dem Propst Rodolphe von Reims im 11. Jahrhundert nahe. Der Gründer des Kartäuserordens bekannte, „captus ab Uno“ zu sein, ergriffen von dem Einen, von Gott. Wir denken heute, dass wir fern sind vom Mittelalter, von der Zeit, in dem der in Köln geborene Heilige seine Berufung zu einem kontemplativen Leben erkannte. Ohne das Gebet, ohne die geistliche Sammlung verdorrt heute nicht anders als früher der Dienst des gläubigen Christen in einer Welt, in der zentrifugale Kräfte zu wirken scheinen und eine sich dynamisch ausbreitende Konfusion sichtbar ist.

Das Gebet ist auch eine zentrale pastorale Aufgabe. Papst Benedikt XVI. hat am 9. Oktober 2011 bei seinem Besuch des Kartäuserklosters in Serra San Bruno daran erinnert. Der Kern der Spiritualität sei „das starke Verlangen, in die lebendige Vereinigung mit Gott einzutreten, während alles Übrige, alles, was diese Gemeinschaft behindert, aufgegeben wird und man sich von der unendlichen Liebe Gottes ergreifen lässt, um nur von dieser Liebe zu leben“. In den geistlichen Wüsten der Postmoderne scheint die Sehnsucht nach Gott bisweilen verschwunden zu sein. Aufregungen und Gereiztheit herrschen im Alltag vor, in der großen Politik, der es doch so oft an moralischer Größe, Orientierung und Demut zu mangeln scheint. Mit Sorge hat Benedikt XVI. damals die Macht der Virtualität angesprochen: „Die Menschen tauchen, ohne sich dessen bewusst zu werden, durch audiovisuelle Botschaften, die ihr Leben von früh bis abends begleiten, immer tiefer in eine virtuelle Dimension ein.“ Schenkt die Kirche heute noch Orientierung oder verliert sie sich auf säkularen, synodalen Wegen? Wovon ist in der Kirche eigentlich die Rede? Pater Engelbert Recktenwald macht in seinem hörenswerten Podcast „Wie groß darf Gott sein?“ auf die beispiellose Entfremdung der postmodernistischen katholischen Theologie von Gott aufmerksam.

Wir suchen in den Wüsten dieser Zeit nach Oasen, nach Lebensräumen, in denen wir geborgen sind und aufatmen können, nach Stätten, an denen das Schweigen und die heilige Stille in besonderer Weise gehütet werden, nach den Kartausen der Gegenwart. Benedikt sagte in dem Kloster seinerzeit: „Wenn sich der Mensch in die Stille und Einsamkeit zurückzieht, setzt er sich in seiner Nacktheit sozusagen der Wirklichkeit, jener scheinbaren »Leere«, auf die ich vorhin hingewiesen habe, aus, um statt dessen die Anwesenheit Gottes, die Fülle der realsten Wirklichkeit, die es geben kann und die jede sinnlich wahrnehmbare Dimension übersteigt, zu erleben. Eine Anwesenheit, die in jedem Geschöpf wahrnehmbar ist: in der Luft, die wir einatmen, im Licht, das wir sehen und das uns wärmt, im Gras, in den Steinen… Gott, »Creator omnium«, Schöpfer aller Dinge, durchdringt alles, steht aber darüber und ist eben deshalb der Grund von allem. Der Mönch, der alles verlässt, geht sozusagen ein Risiko ein: Er setzt sich der Einsamkeit und der Stille aus, um nur vom Wesentlichen zu leben, und gerade dadurch findet er auch zu einer tiefen Gemeinschaft mit den Brüdern, mit jedem Menschen.“

Könnte es uns heute – als Weltchristen, in der Familie, in Arbeit und Beruf – gelingen, auf diese Weise zu leben? Für mich klingt der Weg in die Stille wie eine kostbare Verheißung, ja wie ein Auftrag – nicht teilzuhaben an der Geschwätzigkeit des Alltags, auf die müßige Wehklage und die eingeübten Formen des Jammers zu verzichten. In der Stille des Gebets öffnen wir Gott die Tür, um uns, unser Herz, unsere ganze Person zu erfüllen.

Es gelte, so Benedikt XVI., „Gott Zeit zu geben, durch seinen Geist zu wirken, und dem eigenen Menschsein Zeit zu geben, sich zu formen, nach dem Maßstab der Reife Christi in jenem besonderen Lebensstand zu wachsen“: „In Christus ist das Ganze, die Fülle vorhanden; wir brauchen Zeit, um uns eine der Dimensionen seines Geheimnisses anzueignen. Wir könnten sagen, dass dies ein Weg der Verwandlung ist, auf dem sich das Geheimnis der Auferstehung Christi in uns erfüllt und offenbar wird.“ Unser ganzes Leben hindurch können wir in diese Vereinigung mit Gott eintreten, wenn wir ihn an uns wirken lassen. Vielleicht ruft der Herr auch uns heute in die Stille und in das Gebet.

Im Alltag, ja in allen Wirrnissen und Verwerfungen, denen wir ausgesetzt sind, bleibt das Kreuz Christi gegenwärtig, wie der Leitspruch des Kartäuserordens sagt: „»Stat Crux dum volvitur orbis.«“ Das Kreuz steht, solange sich der Erdkreis dreht. Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

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