Rezension: „Das Zweite Vatikanische Konzil: Eine bislang ungeschriebene Geschichte“

Rezension: „Das Zweite Vatikanische Konzil: Eine bislang ungeschriebene Geschichte“

„Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte“ ist ein epochales Werk von nahezu 700 Seiten, unzähligen Fußnoten und einem gewaltigen Personenregister, geschrieben vom italienischen Historiker Roberto de Mattei. De Mattei ist kein typischer Historiker vom Schlage eines linksgerichteten „Kulturprotestanten“, der Kirchenkritik oder Unkenntnis als „Neutralität“ etikettiert. Im Gegenteil. Besonders in den letzten Jahren hat de Mattei sich zunehmend als „Tradi-Aktivist“ betätigt, eine Rolle, die im deutschen Universitätsbetrieb gänzlich fehlt. Und so liest sich auch sein Buch. De Mattei verwendet in der Tradi-Szene verbreitete Schmähbegriffe wie „Progressist“, um Konzilstheologen einzuordnen. Solche Bezeichnungen lassen zwar jedes Polemikerherz höher schlagen, aber einer wissenschaftlichen Betrachtung hätte mehr Zurückhaltung nicht geschadet.

Alles zusammen genommen ist das Buch von de Mattei ein wichtiges Werk. Vor allem, weil es eine „Gegengeschichte“ zur Konzilsverklärung deutscher Provenance ist, für die der Heilige Geist erst seit dem Zweiten Vaticanum weht. Während zu viele deutsche Historiker und Theologen sich für alles schämen, was nach Tradition riecht, will de Mattei sie verteidigen. Er schätzt die Tradition und wittert einen Coup. Er fragt: Welche Kräfte wirkten auf dem Konzil, davor und danach? Was ist in den Jahre davor geschehen und geplant wurden? Wie lief das Konzil ab und was geschah danach? De Matteis Werk liest sich wie ein Krimi, wie die Chronik des Kampfes zwischen Tradition und Moderne. Als großer Plan der progressiven Kräfte, die Kirche für immer zu verändern – durch das Zweite Vatikanische Konzil. Die historische Betrachtung beginnt mit dem Pontifikat Pius XII. (1939-1958) und reicht bis zum Ende des Pontifikats Pauls VI. (1963-1978).

De Mattei beginnt mit der Skepsis über die „Hermeneutik der Kontinuität“, die gleichsam das Konzil von den nachkonziliaren Jahren trennt. Stattdessen behauptet er: „Nach dem Konzil passierte etwas, das eine logische Folge davon war“ (S. 31). De Mattei möchte daher die Jahre 1959, in der die Ausrufung des Konzils begann bis zu seinem Abschluss 1965 neu reflektieren und in diesem Sinne „die Geschichte des Konzils (…) neu (…) schreiben“ (Ebd.)

Bereits unter dem Pontifikat Pius XII. sei die Versuchung zum Modernismus immer stärker geworden. Pius XII. hätte sich schon nicht mehr so durchzusetzen vermocht wie einst Pius X., um die Kirche zu verteidigen. Besonders eindrücklich ist die Beschreibung der Anbiederung Montinis, des späteren Pauls VI., an einen französischen Philosophen im Jahre 1950. Montini tat die Maßregelung französischer Theologen durch Pius XII. als eine Art Ritterschlag ab, da diese nur geschehen sei, weil die Theologen so „eifrig, lebendig, schöpferisch und intelligent“ seien (S. 44). Man bekommt den Eindruck, dass schon damals etwas gewaltig schief lief in der Kirche. Nicht selten hört man in diesem Zusammenhang, das der Zweite Weltkrieg auch für den Gottesglauben eine Zäsur bedeutet habe. Nach der Grausamkeit von Holocaust und Krieg sei der Gottglaube in den Schatten geraten. Und wenn Gott verschwindet, gewinnt die Welt.

Bei der Darstellung des Konzils ist die dritte Sitzungsperiode (1964) von Interesse, auf der u.a. die Frage der Religionsfreiheit diskutiert wurde. Sehr ausführlich thematisiert de Mattei die unterschiedlichen Lager, die er in „Konservative“ und Progressisten“ einteilt. Deutlich wird, dass auf der progressiven Seite für den Bruch mit der tradierten Lehre gekämpft wurde – und sie sich letztlich mit der Unterstützung Pauls VI. auch durchsetzte.

Eine Reaktion auf den Bruch in Lehre (Konzil) und Liturgie (Einführung der Neuen Messe 1969) war die Gründung der Priesterbruderschaft St. Pius X. durch Marcel Lefebvre. De Mattei beschreibt ihn als den „sichtbarste(n) und durch die Massenmedien am meisten genährte(n) Ausdruck eines Phänomens, das weit über seine Person hinausging“. Der Widerstand gegen die „Konzilsreformen“ sei nämlich kein Phänomen der Hierarchie gewesen, sondern sei vom niederen Klerus und den Gläubigen ausgegangen.

De Matteis Buch ist als konservative „Gegengeschichte“ geschrieben, und endet als solche. Am deutlichsten macht das ein Zitat von Plinio Corrêa de Oliveira auf den letzten Seiten: „Es ist hart, dies zu sagen. Aber die Evidenz der Tatsachen zeigt das Zweite Vatikanische Konzil in diesem Sinn als eines der größten Unglücke, wenn nicht das größte Unglück der Kirchengeschichte, an“ (S. 656).

Wie das Konzil letztlich zu bewerten ist, kann nur die Kirche selbst entscheiden. Und jedes persönliches Urteil bedarf einer intensiven Auseinandersetzung.

Literatur:

De Mattei, Roberto, Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. Auflage, Stuttgart 2012. Zu erwerben bei: https://www.st-stephani-verlag.de/

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