„Einen Augenblick schweigt die Welt“ – Kardinal Ratzinger über die Herzmitte der Kirche

„Einen Augenblick schweigt die Welt“ – Kardinal Ratzinger über die Herzmitte der Kirche

Von Thorsten Paprotny

Vor wenigen Tagen publizierte der Berufsverband der Pastoralreferent*innen unter der provokativ gemeinten Überschrift „Reicht beten?“ ein kleines Manifest: „Wer meint, das Wirken Gottes bzw. des Heiligen Geistes exklusiv durch Rolle, Gebetsform oder Ausprägung bestimmter Spiritualität sicher zu kennen und einsetzen zu können, irrt nicht nur, sondern handelt missbräuchlich. Und wenn sich geistlicher Prozess rein auf Beten, Schweigen und Gottesdienste beschränkte, bestünde die Gefahr, dass diese zum spirituellen Deckmäntelchen würden, anstatt wirklich Gottes Geist in seiner Vielfältigkeit auf den Prozess des Synodalen Wegs wirken zu lassen. Vielfalt in Einheit zu leben ist geistlicher Weg.“

Natürlich bekennt sich dieser Berufsverband zum Wert der Demokratie in der Kirche und redet darüber. Vom „Synodalen Weg“ ist auch in den Medien und in der Kirche oft die Rede. Nur Gott spielt keine Rolle mehr – so als hätte Er ausgedient, so als sei Er überflüssig, so als ob für einige Gruppen und Akteure, ob Kleriker oder Laien, nun endlich der Zeitpunkt gekommen sei, eine neue provinzkatholische Kirche der endgültigen Reformation zu errichten. Eine von Menschen gemachte Kirche braucht kein Mensch. Worum soll es in der katholischen Kirche heute gehen? Um Formen einer weltlichen Partizipation und Mehrheitsbeschlüsse – oder um Gott?

Ganz normale Katholiken freuen sich immer noch über „Beten, Schweigen und Gottesdienste“ im Haus des Herrn und sind dankbar für die Schönheit der Liturgie, an der sie teilhaben dürfen. Die Liturgie bildet auf gewisse Weise ein Gegenbild zu diesen wortreichen Bekundungen, die mündig gemeint sind und manchmal schneidig vorgetragen werden. Kardinal Joseph Ratzinger hat 2000 in „Der Geist der Liturgie“ daran erinnert, dass die Kirche als Ganze für Gott nach dem Höchsten trachten müsse und sich über die Würde der Liturgie geäußert, über die Feier der heiligen Messe, in der der dreifaltige Gott demütig angebetet, singend gelobt, andächtig verherrlicht und verehrt wird.

Wir schenken dem Credo der Kirche Raum, um uns zu Gott und zu der Kirche des Herrn zu bekennen, zu der Kirche, die alle Orte und Zeiten umschließt und die Stiftung Jesu Christi ist.  Über die Herzmitte der heiligen Messe schreibt Kardinal Ratzinger: „Denjenigen, der glaubend und betend an der Eucharistie teilnimmt, muss der Augenblick zuinnerst erschüttern, in dem der Herr herniedersteigt und Brot und Wein umwandelt, so dass sie nun sein Leib und sein Blut werden. Es kann gar nicht anders sein, als dass wir vor diesem Geschehen in die Knie sinken und ihn grüßen. Die Wandlung ist der Augenblick der großen «actio» Gottes in der Welt für uns. Sie reißt unseren Blick und unser Herz hoch. Einen Augenblick schweigt die Welt, schweigt alles, und in diesem Schweigen ist Berührung mit dem Ewigen – treten wir für einen Herzschlag aus der Zeit heraus, in Gottes Mitsein mit uns hinein.“

Quelle: Joseph Ratzinger: Gesammelte Schriften. Bd. 11: Theologie der Liturgie. Verlag Herder: Freiburg im Breisgau 2008, 179.

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