Konstantin der Große: ein Christ wie Du und ich?

Konstantin der Große: ein Christ wie Du und ich?

Eine Rezension von Harald Stollmeier

Konstantin der Große ist einer der wenigen römischen Kaiser, die ich nicht aus dem Geschichtsunterricht, sondern aus dem Religionsunterricht kenne – und von diesen ist er der einzige mit einem guten Ruf. Zu Recht: Er machte Schluss mit den Christenverfolgungen, bekannte sich zum Christentum und stellte die Weichen dafür, dass aus Rom das Abendland hervorging. Wer verstehen möchte, wie das möglich war, findet mit dem druckfrischen historischen Roman Konstantin. Der Kaiser und sein Gott von Marco Kunz einen ausgezeichneten Zugang.

Kunz erzählt Konstantins Leben von dessen Taufe her, in Rückblenden, die durch die einzelnen Schritte des historischen Taufritus nach Cyrill von Jerusalem strukturiert sind. Der Leser lernt den jungen Konstantin am Hof des Kaisers Diokletian kennen, wo er als Sohn des Juniorkaisers Constantius zur Führungskraft ausgebildet wird. Ein Musterschüler in jeder Hinsicht, bekommt Konstantin zum ersten Mal Zweifel an der Reichsideologie Diokletians und seines fanatischen Gefolgsmanns Galerius, als er Zeuge wird, wie der christliche Offizier Lucius Servius Crispus sich lieber töten lässt, als den römischen Göttern zu opfern. Im Laufe der Jahre speist sich Konstantins Hinwendung zu Christus aus drei Quellen: der politischen Vernunft, der geistlichen Redlichkeit (mit Hilfe vor allem seines Lehrers Laktanz) und seinem persönlichen Sendungsbewusstsein: Der Konstantin von Marco Kunz ist von Jugend an überzeugt, Auserwählter (eines mächtigen) Gottes für die Alleinherrschaft zu sein. Welcher Gott ihn auserwählt hat, das begreift Konstantin erst Schritt für Schritt, bis er sich vor der Schlacht an der Milvischen Brücke gegen Maxentius im Jahr 312 zu Christus bekennt („In diesem Zeichen wirst Du siegen!“). Seine Taufe verschiebt Konstantin allerdings auf das Ende seiner politischen Laufbahn, mit der Begründung, dass er als Herrscher allzu viel Böses tun müsse und einerseits frei von dieser Schuld sterben, andererseits auf keinen Fall öffentlich Buße tun möchte.

Marco Kunz interessiert sich vorrangig für die Persönlichkeit Konstantins und, wie im Titel versprochen, für dessen Gottesbeziehung. Militärische und politische Details spielen eine untergeordnete Rolle. Anders die Theologie: Es gelingt Kunz, sowohl den Donatistenstreit als auch das Problem des Arianismus – mit beiden hatte Konstantin entscheidend zu tun – begreiflich zu machen. Beim Donatistenstreit ging es vorrangig um die Wiederaufnahme von Christen, die in der Verfolgung abgefallen waren. Im Kern aber ging es um die Frage, ob die Gültigkeit eines Sakraments von der Würdigkeit des Geistlichen abhängt. Die Option für Vergebung ist in diesem Fall deckungsgleich mit der Option für das katholische Sakramentenverständnis. Beim Arianismus geht es letzten Endes um die Göttlichkeit Christi.

Marco Kunz macht die Person und die Zeit Konstantins vorstellbar. Persönlichkeiten wie Laktanz, die warmherzige heilige Helena, der kluge Hofbischof Ossius, und der verschlagene Arius erscheinen wie Menschen aus Fleisch und Blut. Als Erzähler stellt sich Kunz in die Tradition von Robert Graves. Sein Konstantin steht zwischen Graves‘ Claudius-Romanen und seinem Count Belisarius.

Natürlich ist ein historischer Roman eine Hypothese. Niemand weiß, ob es wirklich so gewesen ist. Aber es könnte so gewesen sein: Was Kunz über Konstantin vermutet, ist kompatibel mit dem, was wir über Konstantin wissen. Ob Konstantin wirklich so modernistisch-distanziert über Religion gedacht hat, wie er es bei Kunz tut, das muss offenbleiben. Es wäre aber eine gute Erklärung für die Widersprüchlichkeit, die sich in Handlungen wie der mutwilligen kriegerischen Bekämpfung des im Wesentlichen friedfertigen Mitkaisers Licinius und der weitgehend vertuschten Hinrichtungen von Konstantins Sohn Crispus und Konstantins Frau Fausta äußert. Kunz beschönigt in seiner Konstantin-Erzählung nichts. Aber man darf glauben, dass er seinem Helden dasselbe wünscht wie die heilige Helena in ihren letzten Worten (S. 263): „Der Herr wird dir alles vergeben, du großer Kaiser und du dummer Junge. Der Herr wird dir vergeben, weil er dein Herz kennt.“

Der historische Roman Konstantin. Der Kaiser und sein Gott von Marco Kunz, 276 Seiten, 16,80 Euro, ist im Bernardus-Verlag, Aachen, erschienen, unterhaltsam geschrieben und wirklich lesenswert. Denn die Ähnlichkeiten zwischen der Zeit Konstantins und unserer Gegenwart sind größer, als den meisten von uns vielleicht lieb ist.

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2 Kommentare

  1. Nachdem ich das Buch und nun auch die Rezension gelesen habe möchte ich beiden ein Kompliment machen: Marco Kunz als Autor und Harald Stollmaier als Rezensent. Es ist ein sehr einfühlsames und wohlwollendes Bild, das Marco Kunz von Konstantin zeichnet. Möglicherweise gab es für viele Entscheidungen auch starke politische Momente. Geschätzt habe ich neben dem Bild vom Menschen Konstantin auch den Zugang zur Theologie der Kirchenväter. Hier werde ich gewiss noch einmal einen guten Lesetipp abholen.

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