Wehrhaftigkeit oder Selbstaufgabe? Ein christlicher Blick auf Krieg und Frieden

Wehrhaftigkeit oder Selbstaufgabe? Ein christlicher Blick auf Krieg und Frieden

Der Umgang des Christentums mit der Frage von Krieg und Frieden ist seit jeher eine kontrovers diskutierte. Denn war Jesus Christus nicht Pazifist und haben sich Christen nicht eindeutig aus allem herauszuhalten, was mit Gewaltanwendung zu tun hat?

Christoph Rohde, Politikwissenschaftler aus der Denkschule des politischen Realismus, hat sich dieser komplexen Thematik gewidmet. Ihm kommt das Verdienst zu, das Verhältnis vom Kreuz und dem Krieg aus der moralistischen Schablone befreit und argumentativ schlüssig dargestellt zu haben.

Rohde beginnt damit, die besonderen historischen Sensibilitäten im deutschen sicherheitspolitischen Diskurs herauszustellen, die die Dominanz pazifistischer Strömungen in weiten Teilen der säkularen und kirchlichen Öffentlichkeit begründen. Indem er das deutsche Denken in Bezug setzt zu den weltpolitischen Machtrealitäten und -rivalitäten, zeigt er, dass sich die Deutschen in einer moralisch bequemen, aber häufig verantwortungsaversen Position eingerichtet haben. Abstrakte menschenrechtliche Ansprüche zu verbalisieren, darin sind die deutschen Weltmeister. Im konkreten Handeln hingegen sind sie meist auf der Rückbank zu finden.

Die Trennung individueller und kollektiver Ethik

Der zentrale Gedanke des Buches ist, dass Christen gehalten sind, eine Trennung zwischen der hochstehenden individuellen Ethik des Evangeliums und einer politischen Ethik vorzunehmen. Basierend auf Gedanken Augustinus‘ und Luthers mit ihren Lehren der zwei Reiche zeigt Rohde, dass sowohl eine Politisierung des Glaubens als auch eine Theokratisierung des Staates negative Folgen für das Glaubensleben der Individuen als auch für die gesellschaftliche Stabilität zeitigen. Sowohl Jesus Christus als auch der Apostel Paulus hatten die Trennung zwischen persönlicher Opferbereitschaft in pazifistischem Sinne und einer unvermeidlichen staatlichen Ordnungsmacht, die in der gefallenen Welt tätig sein müsse, vorgenommen. Durch diese analytische Trennung werden Exzesse politischer Selbstgerechtigkeit und Moralisierung vermieden. Die pessimistische Anthropologie, das Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit kann Menschen und staatlich handelnde Akteure zu einer Demut führen, die friedensfördernde Haltungen und Handlungen bewirken kann. Diese These versucht der Autor am Beispiel kirchlicher Versöhnungsinitiativen in der Kirche zu belegen.

Die konstruktive Rolle der katholischen Kirche in der internationalen Politik

Rohde zeigt die doppelte Rolle, die die katholische Kirche als geistlicher und politischer Akteur in der Welt einnimmt. Ist der Bischof von Rom das Oberhaupt über die Weltkirche, so steht er auch als Souverän dem Vatikanstaat vor. Rohde zeigt an den Beispielen der Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus auf, dass diese Persönlichkeiten auf ihre individuelle Art Einfluss auf politische Prozesse nehmen konnten. In der Praxis erweisen sich die Graswurzelinitiativen katholischer Laienorganisationen, die mit anderen Akteuren interagieren, als besonders wirksame Maßnahmen in Friedensprozessen. Denn die Kirche vor Ort verfügt eine hohe moralische Glaubwürdigkeit. Dem Verfasser ist es wichtig, dass eine in Deutschland von Krisen geschüttelte Kirche nicht repräsentativ ist für eine global wachsende und positiven Einfluss ausübende Weltkirche. Am Beispiel der Laienorganisation St. Egidio wird dargestellt, wie die Kirche in Mozambique und anderen Konfliktregionen zur Herstellung eines nachhaltigen Friedens beitragen konnte.

Katholische Werte als Maßstäbe für die Zukunft

Unter Bezugnahme auf die Philosophien der jüdischen Autoren Martin Buber und Michael Walzer verweist Rohde auf die Möglichkeit der Etablierung eines katholischen Kommunitarismus. Der Kommunitarismus ist eine philosophische Richtung, die das Leben in moralisch begründeten Gemeinschaften betont und in der Tradition des Neo-Aristotelismus steht. Der Autor glaubt, dass geistliche Werte über zivilbürgerliches Engagement in eine häufig zu technokratische Gesellschaft hinein gebracht werden können. Somit kann sich der Glaube in der Praxis bewähren und neue Glaubwürdigkeit auch in einer säkularen Gesellschaft erlangen, ein interessanter Gedanke, der sogar vom großen Philosophen Jürgen Habermas geteilt wird.

Des Weiteren werden die Friedensschriften der beiden großen deutschen Kirchen thematisiert und bewertet. Bei allem guten Willen der Verfasser dieser Schriften, so Rohde, bleibt der Eindruck, dass die Vergangenheit durch einen kompensierenden Moralismus gut gemacht werden soll – ein Vorhaben, dass nicht realistisch ist, sondern unvermeidlich den Eindruck unbewusster Heuchelei erzeugt.

Glaube und Vernunft passen zusammen

Es ist kein Zufall, dass das zentrale Denken Benedikt XVI. in zahlreichen Passagen des Buches offenkundig wird. Eine vernunftgeleitete Politikanalyse und eine glaubensbasierte Sicht auf die Welt schließen sich nicht aus – im Gegenteil. Wo die Vernunft mit seiner positivistischen Analysetechnik und seinen Reziprozität einfordernden Normen an ihre Grenze stößt, dort überwindet die vergebende Kraft der Liebe verhärtete, oft historisch und emotional gewachsene Grenzen. Das historische gewachsene Naturrecht ist hier von großer Bedeutung. Rohde: „Das katholische Naturrecht stellt eine vorpolitische Bestimmungsgröße dar, an der sich gesellschaftliche Ordnungen messen lassen. Den Gefahren eines Kulturrelativismus und sich verschärfender Identitätskonflikte kann mit Hilfe dieses historisch bewährten Maßstabes entgegengewirkt werden“ (S. 333). Das Buch Das Kreuz und der Krieg ist für Menschen zu empfehlen, die das Spannungsfeld zwischen ihren persönlichen Maßstäben und einer immer paternalistischeren Politik empfinden. Es ist fachspezifisch für Politikwissenschaftler, Theologen und auch kirchliche Praktiker unbedingt zu empfehlen.

Das Kreuz und der Krieg – Prämissen einer realistischen katholischen Friedensethik, Lepanto Verlag, Rückersdorf ü. Nürnberg 2021, 386 Seiten.

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