KulturJoseph de Maistre: Vordenker des Traditionalismus

Joseph de Maistre: Vordenker des Traditionalismus

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Joseph de Maistre: Vordenker des Traditionalismus

„An den Verheißungen der Utopie scheint alles bewundernswert und ist alles falsch; an den Feststellungen der Reaktionäre ist alles verabscheuenswert und scheint alles wahr“, schrieb der Philosoph Emil Cioran einst über die Ideen de Maistres, des Ex-Freimaurers und Ultramontanisten, Apokalyptikers und Restaurators, dunkel im Denken und heller als die Siècle des Lumières. Man kann de Maistre lieben oder hassen, bewundern oder verabscheuen, aber eines kann man nicht empfinden: Langeweile. Der Provokateur ist also genau die richtige Beschäftigung für den Cathwalk.

De Maistre bietet brilliante Polemik und dunklen Pessimismus. Ab und an kommen ein paar Bemerkungen über die Liebe und dann geht wieder das Licht aus.

Er verstand sich anscheinend weniger als Gegen-Aufklärer denn als Citoyen-Aufklärer, mit heutigen Worten: Er sah sich als „red pill philosopher.“ De Maistre empfand die Ideen der Französischen Revolution als Hirngespinste der Aufklärung und setzte tradierte Werte dagegen. Für de Maistre war die Französische Revolution der Tod Frankreichs, der Aufstand des Atheismus, das nihilistische Schauspiel schlechthin, eine würdelose Utopie, die im Schlamm der Leidenschaften untergehen musste und dabei ganz Europa in die Katastrophe stürzte.

Alle modernen Gedanken zerstrümmert de Maistre wie Augustinus aus der empirischen Anschauung heraus, um am Ende etwas wieder auferstehen zu lassen: das Alte Europa aus Thron und Altar.

De Maistres Denken vereinte Theologie und Politik. Die Erbsünde war für ihn ebenso evident wie die Notwendigkeit des Christentums. Er war das älteste von 10 Kindern und wurde streng religiös erzogen. Leo XIII. verarbeitete de Maistres Überzeugungen in seinen Enzykliken. Es gibt Ideen von de Maistre, die nicht katholisch sind. Ob es an seiner freimaurerischen Prägung oder an seinen Finsternissen lag, de Maistre lobte Mathus „tiefgedachtes Werk über das Prinzip der Bevölkerung“, überdehnte die Macht des Papstes und ging mitunter in einen Zynismus über, der ihn fast zum „Grinch“ werden lässt. Trotz allem ist er nach wie vor ein Ideologe des Traditionalismus und Vertreter der Gegenaufklärung. Jeder möge sich ein eigenes Urteil bilden, ob er de Maistre „verabscheuenswert und … wahr“, bösartig und gefährlich, genial und prophetisch oder einfach nur unterhaltsam findet.

De Maistre über Freiheit und Souveränität

De Maistre konstatiert über Freiheit: „Wer diese traurige Natur [des Menschen] studiert hat, weiß es, dass der Mensch im allgemeinen, wenn er sich selbst überlassen ist, zu bösartig ist, um frei sein zu können“ (Vom Papste II). Nur innerhalb des Christentums unter der Führung des Papstes könne es zur einer Freiheit kommen, sonst herrsche naturgemäß Sklaverei und Gewalt. Als historischen Beweis nennt er die vorchristliche Antike, Aristoteles Aussagen und die nichtchristliche Welt. In dieses Jammertal habe das Christentum immer wieder segensreich hineingewirkt und Freiheit ermöglicht.

Gott sei der Urheber der Souveränität. Die ganze französische Theologie habe mit Recht „das System der Volkssouveränität als ein antichristliches Dogma“ verworfen (Vom Papste I). De Maistre glaubte nicht an Demokratie und Gesellschaftsverträge, sondern an das Naturrecht und bewährte Traditionen. Die wirksamsten, das heißt stabilsten Dinge waren für de Maiste jene, die unterhinterfragt sind und schon vor jeder schriftlichen Fixierung gelten. In der Monarchie sei Souveränität sicher. Der Papst, weil alt und zölibatär, war für de Maistre die entscheidende Größe gegen Machtmissbrauch der Monarchie: „Es scheint also, daß, um die Souveränitäten in ihren gesetzlichen Schranken zu erhalten, das heißt, jede Verletzung der Staatsgrundgesetze, unter denen die Religion das erste ist, zu verhindern, die mehr oder weniger wirksame, mehr oder wenige tätige Dazwischenkunft der geistlichen Suprematie ein Mittel sein würde, welches wenigstens ebensoviel Beifall verdiente als jedes andere“ (Vom Papste I).

Für de Maistre ist der Priester derjenige, der die moralische Ordnung in der Gesellschaft sichert. Untrennbar verbunden waren für de Maistre Zölibat und Priestertum. Es sei eine herrschende Meinung unter den Menschen aller Zeiten, aller Orte und aller Religionen daß die Enthaltsamkeit etwas Himmlisches habe, was den Menschen erhebe und ihn der Gottheit angenehm mache. Zwar könne man die Ehe einen heiligen Stand nennen und der Mann verkomme oft ohne eine Frau, aber jeder verehelichte Priester werde unter seine Würde herabsinken. Das Übergewicht der katholischen Geistlichkeit sei einzig in dem Zölibatsgesetze gegründet. Priestern würde man nichts verzeihen „weil man alles von ihnen erwartet“. Die Macht des Priesters sei unermeßlich. De Maistre sieht einen Zusammenhang zwischen Ehe auf der einen und Zölibat auf der anderen Seite: „Die nie versiegende Quelle der Bevölkerung … ist die Enthaltsamkeit in dem Zölibat und die Keuschheit in der Ehe. Die Liebe paart; die Tugend bevölkert“ (Vom Papste II).

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Quellen und Literatur:

De Maistre, Die Abende von St. Petersburg oder Gespräche über das zeitliche Walten der Vorsehung, Wien 2008.

De Maistre, Vom Papste. Erster Band, übersetzt von Moritz Lieber, München 1923.

De Maistre, Vom Papste. Zweiter Band, übersetzt von Moritz Lieber, München 1923.

Roeck, Alois, Maistre, Joseph Marie Comte de, in: LThK 6 (1934), Sp. 809 f.

Zitat von Emil Cioran: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_de_Maistre

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