Die göttliche Vorsehung nach der Lehre von Thomas von Aquin

Was ist die göttliche Vorsehung? Dieser Beitrag erklärt die göttliche Vorsehung nach den Grundsätzen des heiligen Thomas von Aquin. Dazu wird aus der katholischen Dogmatik von Franz Diekamp zitiert (Band 1, 1938):

„Unter der göttlichen Vorsehung verstehen wir den im Geiste Gottes von Ewigkeit vorherbestimmenden Plan der Hinordnung der Dinge zu ihrem Ziele, besonders zu ihrem letzten und höchsten Ziele, das in der Verherrlichung Gottes besteht. Necesse est, quod ratio ordinis rerum in finem in mente divina praeexistat. Ratio autem ordinandorum in finem proprie providentia est [Es ist notwendig, dass der maßgebende Grund für die Ordnung in den Dingen in Gott vorher besteht. Dieser Grund nun für die Ordnung der Dinge zum Zwecke hin wird eben Vorsehung genannt] (1.q. 22a. 1; Quodlib. 12 a. 3; De verit. q. 5 a 1 ad 1).

Die Vorsehung ist also wesentlich ein Akt praktischen Erkennens, sie schließt aber auch das Wollen des Zieles und der geeigneten in der Zeit anzuwendenden Mittel ein ( 1 q.22 a. 1 ad 3). In Gott ist nur eine Vorsehung, weil alles auf den einen höchsten Endzweck der Schöpfung hingelenkt wird. Aber insofern dieses Ziel nach Gottes Plan und Willen in sehr verschiedener Weise erstrebt und erreicht wird, unterscheidet man:

  1. Providentia generalis, specialis und specialissima. Die erste erstreckt sich auf alle, selbst die geringsten Geschöpfe und nicht bloß im großen und ganzen, sondern auf alle Einzelheiten ihres Seins und Wirkens. Die zweite hat die Vernunftwesen und ihre Hinführung zum Endziele, das sie auch selbst bewusst erstreben sollen, zum Gegenstande. Die dritte ist der Gedanke Gottes von der Art und Weise, wie er seine Prädestinierten zur himmlischen Seligkeit führen wird. – Nur die spezielle und speziellste Providenz, nicht die generelle, werden bezüglich der Tiere verneint 1 Kor. 9,9: Numquid de bobus cura est Deo?
  2. Providentia ordinaria und extraordinaria. Die letztere sieht außergewöhnliches Eingreifen der göttlichen Fürsorge vor, zum Beispiel in Wundern, in der Inspiration, in der Bewahrung des obersten kirchlichen Lehramtes vor Irrtum bei Glaubensentscheidungen;
  3. Providentia naturalis und supernaturalis, je nachdem ihre Wirkungen an sich in der natürlichen oder in der übernatürlichen Ordnung liegen. Man kann aber auch mit Recht die gesamte göttliche Vorsehung übernatürlich nennen, weil das natürliche Endziel der vernünftigen Geschöpfe in der gegenwärtigen Weltordnung keine selbstständige Bedeutung hat, sondern im übernatürlichen Endziele aufgehoben ist, und weil die ganze niedere Schöpfung dem Menschen zur Erreichung seines Zieles dienen soll und somit ebenfalls in die übernatürliche Zielstellung mit aufgenommen ist.

I. Es gibt eine göttliche Vorsehung, die sich auf die ganze geschaffene Welt erstreckt. De fide.

Positiver Beweis

  1. Kirchliches Lehramt. – Das [Erste] Vatikanische Konzil stellt fest: Universa, quae condidit, Deus providentia sua tuetur atque gubernat, attingens a fine usque ad finem fortiter et disponens omnia suaviter (S. 3 cp. 1, Denz. 1784) [‘Sein gesamtes Schöpfungswerk leitet aber erhält und lenkt Gott durch seine Vorsehung, mächtig waltend von einem Ende zum andern und alles ordnend mit Milde (Weish 8,1)’. Quelle der Übersetzung: kathpedia] Dieses Dogma findet Gegner besonders im heidnischen Fatalismus, in allen Formen des Monismus und im Deismus.
  2. Die Offenbarungsquellen.
    • hl. Schrift. – Das Alte Testament stellt in den geschichtlichen Büchern die besondere Leitung des auserwählten Volkes und einzelner Gerechten in den Vordergrund. Auch die Ergüsse des kindlichen Vertrauens auf die göttliche Fürsorge, denen wir namentlich in den Psalmen 22, 26, 30, 36, 90 begegnen, beziehen sich auf diese besondere Vorsehung. Doch fehlt es nicht an Zeugnissen für die ganz allgemeine Providenz, z.B. Weisheit 6,8 Pusillum et magnum ipse fecit, et aequaliter cura est ille de omnibus [Den Kleinen wie den Großen hat er selber geschaffen und sorgt für alle auf gleiche Weise.] … Noch anschaulicher stellt und das Neue Testament die Vorsehung Gottes vor Augen, die auch die geringsten Geschöpfe umfasst. Für die Vögel des Himmels und die Lilien und das Gras des Feldes sorgt er voll Güte und Weisheit; um wieviel mehr wird also der Mensch Gegenstand seiner Fürsorge sein (Matth. 6, 26 ff.; 10, 29 ff.). ‘Allen gibt er Leben und Atem und alles’ (Apg. 17, 25). Darum sollen wir unbegrenztes Vertrauen hegen.“ Hier zitiert Diekamp aus dem Petrusbrief: „Beugt euch also in Demut unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht, wenn die Zeit gekommen ist! Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch!“ (1. Petrus 5, 6).
    • „Die Väter mussten diese Offenbarungswahrheit gegen mancherlei Irrungen schützen. Sie widerlegten den seichten Epikureismus, der die Sorge der Götter für die Menschen bestritt, die Torheiten des Fatalismus und des astrologischen Aberglaubens und die manichäische Annahme, dass das als absolutes Wesen gedachte Böse die Pläne Gottes durchkreuze. Auch die Synode zu Braga 561 can. 9 (Denz. 269) verwarf den Fatalismus …

II. Die Übel in der Welt fallen unter die Ordnung der göttlichen Vorsehung. Sententia communis.

  1. In der geschaffenen Welt sind physische Übel notwendig. Die Ordnung, die Gott festgelegt hat, bringt es mit sich, dass das eine Ding zur Ernährung und Erhaltung des anderen dient, dass das eine von dem anderen umgestaltet wird, wie Schnee vor der Sonne schmilzt usw. Ein vielfaches schnelles und langsames Vergehen ist die notwendige Folge. Zur Strafe für den Sündenfall Adams sind diese physischen Übel im Vergleich zu dem glücklichen Zustande im Paradiese bedeutend vermehrt, verschärft und empfindlich geworden. Sie sind aber kein Beweis gegen die göttliche Vorsehung. Gott will sie ja nicht direkt und um ihrer selbst willen, nicht als Ziel, sondern nur indirekt und per accidens, sei es um durch Strafe die gestörte sittliche Ordnung zu schützen, sei es im allgemeinen, weil das Übel des einen Dinges dem anderen oder auch dem ganzen Weltall zum vorteile gereicht. Gott ist, wie Thomas (1 q. 22 a. 2 ad 2) hervorhebt, der universalis provisor tutius entis, dessen Vorsehung alles umfasst, er lässt darum zu, dass ein Einzelding leidet, damit die Vollkommenheit des Alls nicht gehindert werde. Wenn alle physischen Übel beseitigt würden, so würde dem Weltganzen auch manches sittlich Gute fehlen, z.B. Übung der Geduld, Werke der Barmherzigkeit, heroische Tugenden, und vieles andere, das jetzt den Menschen veranlasst, mit Eifer Gott zu suchen. Besonders im Lichte des Glaubens an das übernatürliche Endziel leichtet uns dies ein (Vgl. 1 q. 48 a. 2; 49 a. 2; C. gent. III, 71; Augustninus Enchir. 11).
  2. Auch das sittlich Böse untersteht der göttlichen Vorsehung. Gott will es weder direkt noch indirekt, sondern lässt es nur zu. Er könnte es zwar verhindern, aber er lässt es mit vollster Freiheit geschehen und beherrscht und leitet es mit höchster Macht, Weisheit und Langmut, sodass es dem Guten dient.
    • Obwohl die mit Freiheit begabten Geschöpfe vom Guten abweichen und sich zu der Sünde wenden können, hat Gott sie dennoch frei erschaffen wollen. Denn der Missbrauch dieser Freiheit vermag die Vorsehung Gottes nicht zu stören, und ihr rechter Gebrauch gereicht in so hohem Maße zur Verherrlichung Gottes und zum Wohle der Geschöpfe, dass der Ratschluss Gottes, die mit der Natur der geschaffenen Vernunftwesen gegebene Möglichkeit der Sünde nicht aufzuheben, vollkommen begründet erscheint (C. gent. III, 94).
    • Gott will durch seine Vorsehung auch den wirklichen Missbrauch der Freiheit nicht vollständig verhüten. Darin, dass er alles Böse zum Guten lenkt, tritt uns seine unendliche Macht, Weisheit und Güte in herrlichstem Glanze vor Augen. Seine Langmut, Barmherzigkeit und Strafgerechtigkeit kämen überhaupt nicht zur Offenbarung, wenn er die Sünde nicht zuließe. Auch die Reue der Menschen, die oft zu den erhabensten sittlichen Großtaten anregt, hat Sünde zur Voraussetzung. So wird das sittlich Böse, obwohl Gott es in seiner Weise, auch nicht als Mittel zum Guten will, durch seine Vorsehung dem Zwecke des Weltganzen dienstbar gemacht, wenn uns auch das volle Verständnis der Stellung der Sünde in Gottes Plänen hienieden verschollen bleibt (mysterium iniquitatis 2. Thess. 2, 7) (1 q. 23 a. 5 ad 3; 103 a. 8).““

Quelle: Diekamp, Franz, Katholische Dogmatik nach den Grundsätzen des heiligen Thomas, Band 1 (Lehrbücher zum Gebrauch beim theologischen Studium), Münster 1938, S. 229-233.

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