Eine geistliche Betrachtung

Wir dürfen sein: Über die Schönheit des Glaubens

Vielleicht erinnern auch Sie sich an diese Frage, die wohlwollende Verwandte und Bekannte uns in jungen Jahren stellten: „Was möchtest du denn später einmal werden?“ Das heißt: Was hast du, liebes Kind, vor mit deinem Leben? Was willst du einmal aus dir machen? Wie möchtest du in der Welt bestehen? Wohin soll die Reise deines Lebens gehen? Fragen wie diese erfolgen in bester Absicht.

Die „Civitas terrena“, wie der heilige Augustinus sagt, also die „irdische Bürgerschaft“ ist eine Leistungsgesellschaft. Ihrem Credo nach ist jeder Mensch seines Glückes Schmied. Wir alle können – wenn wir nur wollen – etwas aus uns machen, und dann sind wir auch etwas. Das ist das Credo dieser Welt. Mein Credo ist es nicht.

Ich war etwa zehn oder zwölf Jahre alt, als ich diese Frage hörte – und hatte schon genug von der Lebenswirklichkeit Schule erlebt, deren Dressurmethoden, die brüllenden Hausmeister und die Sporthalle samt Kasernenhofton. Wir sollten nach Leistung, Geltung und Erfolg streben, ehrgeizig und selbstbewusst. Trotzdem waren wir alle nur Kinder, irgendwie aus dem Paradies vertrieben.

Ja, die „irdische Bürgerschaft“ hatte ihre eigenen Gesetze und Vorschriften. Vieles darin war Lüge, Unwahrheit und bloßes Getue. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Motivation hielt ich immer eher für eine Art Krankheit. Auf die Frage „Was möchtest du einmal werden?“ fiel mir damals also nichts ein. Die Verwandten und Bekannten schauten mich dann verunsichert an. Wollte ich wirklich nichts aus mir machen? Meine Ahnung damals habe ich so im Gedächtnis: Ich muss nichts aus mir machen, und ich muss nichts werden wollen. Bin ich nicht schon? Darf ich nicht einfach sein? Muss ich irgendwem etwas beweisen? Bin ich, sind wir dazu berufen, dazu verpflichtet, ja dazu verdammt, Konstrukteure unseres eigenen Lebens zu sein? Ich glaubte nicht an Selbstverwirklichung.

Erhellend für mich war, als ich auf das Abitur zuging, ein nahezu erlösender Sprach einer besonderen weltlichen Majestät, nämlich des „Fußballkaisers“ Franz Beckenbauer, damals Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. Auf die Frage eines Reporters, was er erreichen wolle und welche Ziele er noch habe, knapp antwortete: „Ich habe keine Ziele mehr.“ Dem Reporter fiel darauf nichts mehr ein – und ich freute mich, denn seine Antwort war meine Antwort. Diese Antwort hatte ich auf meine ganz eigene Weise den Vertretern der „irdischen Bürgerschaft“ immer gegeben.

Ja, Hausmeister, Lehrer und andere konnten mich noch so oft anschreien, anfeuern oder motivieren. Wie immer man dieses cholerische Verhalten auch bezeichnen mag. Alles das, was sie wollten oder wollen, ist ohne Bedeutung. Mein Gedanke war: Ich strebe nicht, ich will auch nicht, aber ich glaube, ich darf sein – hier und jetzt. Ausgedacht habe ich mir das nicht, doch erfahren. Diese Erfahrung „Ich darf sein“ verdanke ich der Kirche Gottes, nicht den „Mitmachgottesdiensten“, die es in der Nachkonzilszeit gab und an die ich mich kaum noch erinnere – mir scheint, das macht nichts –, sondern der Geborgenheit, die ich im Kirchenjahr und in der Liturgie erlebt habe. Ich muss nicht hervortreten, und ich musste nicht auf mich aufmerksam machen.

Mein Kindergebetbuch begleitete mich in die heilige Messe, später dann der Schott. Der Sonntag war ein festlicher Tag der inneren Ruhe, wohlgeordnet, nicht menschlicher Planung entsprungen. Die Farben der Liturgie, der Weihrauch und die geistliche Musik nahm ich als sehr besonders, einfach als schön war. Mit großer Dankbarkeit erinnere ich mich an die Prozessionen zum Fronleichnamsfest, an die eucharistischen Hymnen, an den Weihrauchschwaden, an die leise Freude, die der Schmuck der Adventszeit schenkte und an den Tannenduft zur Weihnachtszeit, an den Karfreitag und an das österliche Halleluja.

Nicht die Mächte dieser Welt, sondern die Allmacht Gottes, die in Barmherzigkeit, Güte und Schönheit aufleuchtet, habe ich in der Liturgie der Kirche erfahren. Dort durfte ich, damals wie heute ein Bettler vor Gott, zu Hause sein. Das ist ein schönes, ein großes und unverdientes Geschenk. Ich musste keine weltlichen Ziele haben, und ich musste nichts aus mir machen. So durfte ich mich, immer wieder, Christus zuwenden. Wie schön das doch ist.

In der heiligen Messe zur Amtseinführung am 24. April 2005 sagte Papst Benedikt XVI. in der Predigt: „Erst wo Gott gesehen wird, beginnt das Leben richtig. Erst wo wir dem lebendigen Gott in Christus begegnen, lernen wir, was Leben ist. Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken.“ Wir dürfen sein, von der Empfängnis bis in die Sterbestunde hinein, wir sind gewollt, geliebt und gebraucht, als Gottes geliebte Kinder. So dürfen auch wir alle zu unseren Kindern, die uns als Eltern oder als Paten geschenkt sind, sagen: Du bist gewollt, du bist geliebt, du wirst gebraucht. Dafür musst du nichts leisten, dafür musst du mir nichts beweisen. Du darfst sein. So dachte ich in diesem Jahr, als ich meiner Patentochter in der Feier der Taufe das Kreuz auf die Stirn zeichnete: Ich hoffe, dass ich immer für dich da sein kann, möglichst lange auf Erden und eines Tages von droben.

Am 8. Januar 2006 sagte Benedikt XVI. bei der Spendung des Sakraments der Taufe in der Sixtinischen Kapelle. Danken wir dafür, dass „Gott den Himmel geöffnet und sich uns gezeigt hat, mit uns spricht und bei uns ist, mit uns lebt und uns führt in unserem Leben. Danken wir dem Herrn für dieses Geschenk und beten wir für unsere Kinder, damit sie wirklich das Leben, das wahre und ewige Leben, haben mögen“. Auch darum bleibt mein Credo, im Leben und im Sterben, das Credo der Kirche.

2 KOMMENTARE

  1. Schön, dass Sie am 2. November „angekommen“ sind. Danke auch für Ihre guten Worte und Ihr Zeugnis. Möge Ihnen die Kirche des Herrn, die alle Zeiten und Orte umschließt – und damit immer weiterreicht als der Horizont, vor dem wir uns bewegen -, Obdach, Heimat und eine Stätte der Stärkung sein.

    In der hl. Theresia vom Kinde Jesus haben Sie gewiss auch eine gute Weggefährtin von oben her – in gewiss nicht einfachen Zeiten. – Wer sich und seine Anliegen der Fürsprache der kleinen, einfachen Heiligen – ich denke auch an Bruder Konrad und Bernadette Soubirous sowie vielen anderen anvertraut -, der wählt gut.

    In allem und über alle hat ohnehin der Herr das letzte Wort, das im Glauben zu wissen und in Demut anzunehmen, kann auch Trost und innere Befreiung sein.

  2. Danke, für diesen wunderbaren Artikel, der für mich wie gerufen kommt und sehr wichtig ist.

    Ich „oute“ mich ganz kurz: ich bin so etwas wie eine gescheiterte Existez und abhängig von „Vater“ Staat. Und habe „nur“ einen Minijob, und muss mich bewerben, weiterhin um einen sozialversicherungspflichtigen „Job“ ( wie ich dieses Wort „Job“ verabscheue … auch das Wort: „Jobcenter“ für die Hartz4er .. bei denen die Arbeitslosengeld bekommen, heisst es noch: Agentur für Arbeit … die anderen können nur noch „Job“, wenn überhaupt. Und ich bin 58, und habe nicht viel gelernt.
    Diese gesamte Situation ist für mich beängstigend,immer wieder – und ich habe nachdem ich meinen „Traumberuf“ aufgeben musste, nie wieder „Ziele“ gehabt.
    Also auch keinen Wert und gemacht habe ich auch nichts aus mir.

    Seit ich katholisch bin, wieder und überhaupt zum ersten Mal so richtig, seit dem 2.11. gehöre ich wieder voll dazu und darf alle Sakramente haben, spüre ich, wie ich heil werde, wie Jesus Christus mich heilt, die Gottesmutter Maria mich an die Hand nimmt und mir ihren Sohn zeigt und beide den VATER. Den Hl Josef nicht zu vergessen ….

    Und, was die kleine Therese v Lisieux sagt – Teresa vom Kinde Jesu:

    „Mich größer machen ist unmöglich, ich muss mich ertragen wie ich bin, mit all meinen Unvollkommenheiten“.

    Welch ein Trost.

    Und ich habe das Glück, trotz der Liberalität in meiner Heimatstadt, was Regenbogen und Maria 2.0 betrifft, einen Pfarrer auch als Beichtvater zu haben, der weiss, wovon er spricht und ausser, dass er Christus über alles liebt, auch Rom und dem Lehramt treu ist – wenn man das so richtig ausgedrückt ist.
    Und das gibt auch einen Halt.

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