Eine Geschichte von zwei Orationen: Unterschiedliche Weltanschauungen in alten und neuen Gebeten

Anmerkung: Der Artikel wurde mit der freundlichen Genehmigung von Dr. Peter Kwasniewski vom cathwalk übersetzt und veröffentlicht. Die Orationen wurden aus dem Volksmissale (Ramm 2017) und dem aktuellen Schott (2019) übersetzt, für die Übersetzungen der Heiligen Schrift wurde die Einheitsübersetzung (2016) genutzt. Den Originalartikel (englisch) finden Sie auf der Homepage New Liturgical Movement.


Jedes Jahr, wenn wir uns dem Fest des heiligen Albert des Großen am 15. November nähern, fällt mir erneut der enorme Unterschied auf, der zwischen der Theologie der traditionellen Oration für sein Fest (wie sie im Missale von 1962 zu finden ist) und der umgeschriebenen Oration besteht, die im Missale von Paul VI. veröffentlicht ist. Man kann dieses besondere Paar als Sinnbild für den Übergang von einem Verständnis des Christentums zu einem anderen sehen.

Die alte Oration lautet (Übersetzung aus dem Volksmissale von P. Ramm FSSP):

„Gott, der Du Deinen heiligen Bischof und Lehrer Albert in der Unterwerfung der menschlichen Weisheit unter den göttlichen Glauben groß gemacht hast, lass uns, so bitten wir, so den Spuren seiner Lehre anhangen, dass wir einst das vollkommene Licht im Himmel genießen dürfen.“[1]

Die neue Oration (Übersetzung vom Schott der Erzabtei Beuron):

„Gott, du Quelle aller Weisheit du hast dem heiligen Bischof Albert die Gabe geschenkt, das Wissen seiner Zeit und den Glauben in Einklang zu bringen. Gib uns die Weite seines Geistes, damit der Fortschritt der Wissenschaft uns hilft, dich tiefer zu erkennen und dir näher zu kommen.“[2]

Im ersten Gebet macht Gott Albert groß, weil er die menschliche Weisheit dem göttlichen Glauben unterworfen hat (in humana sapientia divinae fidei subjicienda). Das Gebet erinnert an den heiligen Paulus, der an die Korinther über die Zerstörung der weltlichen Weisheit schreibt: „Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht irdisch, aber sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen; mit ihnen reißen wir alle hohen Gedankengebäude nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen. Wir nehmen alles Denken gefangen, sodass es Christus gehorcht;(2 Kor 10, 4-5 [Einheitsübersetzung]). Er erinnert auch an den Vers aus den Psalmen: „Hinaufgestiegen bist du zur Höhe, hast Gefangene mitgeführt, hast Gaben genommen von Menschen – auch von Aufsässigen -, HERR, Gott, um dort zu wohnen.“ (Ps 68,19).

Die Perspektive ist nicht, dass menschliche Weisheit schlecht ist, sondern dass sie dazu neigt, rebellisch zu sein, wenn sie nicht dem göttlichen Glauben untergeordnet wird, und dass sie „voll zur Geltung kommt“, wenn der Stolz, mit dem sie angestrebt wird, gebrochen wird und die Erkenntnis sozusagen gehorsam bis zum Tod gemacht wird, wie es Christus in seiner Menschlichkeit war. Es muss eine gewisse Abtötung und Neuausrichtung der menschlichen Weisheit stattfinden, wenn sie mit den unaussprechlichen Geheimnissen Gottes in Einklang stehen und ein Werkzeug der Heiligung sein soll. Deshalb schließt die Oration mit dem Hinweis auf die Himmelfahrt und den Genuss des vollkommenen Lichts im Himmel: Dort befindet sich die Quelle der Wahrheit und der Weisheit schlechthin, und sie muss der Maßstab für alles sein, was wir auf dieser irdischen Pilgerreise tun. Wir bitten darum, uns von der Lehre Alberts leiten zu lassen, denn „unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20). Wir können nicht irdisches Wissen um seiner selbst willen suchen: „Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist“ (Kol 3,1). In dieser Oration sind die Melodien der Askese und des Mystizismus deutlich zu vernehmen.

Im letztgenannten Gebet sind jedoch alle diese Elemente absichtlich abgeschwächt worden. Hier heißt es, Gott habe Albert groß gemacht, weil er die menschliche Weisheit mit dem göttlichen Glauben (componenda) verbunden hat. Die beiden stehen parallel zueinander, wie zwei Glieder einer Kette, wie zwei Erbsen in einer Schote oder wie zwei tapfere Mitstreiter. Es kommt keine Hierarchie, keine Abhängigkeit, keine Unterordnung zum Ausdruck; kein Misstrauen gegenüber dem eigenwilligen menschlichen Denken, keine Notwendigkeit, das Weltliche dem Himmlischen unterzuordnen, keine implizite Askese. Hier wird die Vernunft nicht vom Glauben beherrscht und zu einem Ziel jenseits ihrer selbst bestimmt, sondern die beiden sind sich wie Kirche und Staat nach der Vorstellung des modernen Liberalismus.

Es überrascht nicht, dass das, was wir durch die Befolgung der von ihm gelehrten Wahrheiten gewinnen sollen, nicht der asketisch-mystische Aufstieg zum himmlischen Licht ist, der alles irdische Wissen in die richtige (endliche) Perspektive rückt. Vielmehr heißt es, dass es darum gehe „tiefer zu erkennen und dir näher zu kommen“ [wortwörtlich aus dem Englischen: „eine tiefere Kenntnis und Liebe zu dir“] – in der Art von einem inspirierenden Gefühl, das man auf den hochpreisigen Hallmark-Karten findet. Das Gebet verlagert den Schwerpunkt weg von Albertus Magnus als großem Philosophen und Theologen der Eroberung des Wissens für die himmlische Seligkeit und wird zu einer Plattitüde, indem es ein sentimentales „Näher kommen“ [„Liebe“] mit der Paarung „Wissenschaft“ anführt. Niemand würde bezweifeln, dass ein kanonisierter Heiliger ein Leben der heldenhaften Nächstenliebe geführt hat; aber das ist allgemein und nebensächlich, wenn es um das Gedenken an diesen besonderen Heiligen geht. Was er im Mystischen Leib verkörpert, ist genau das, was das alte Gebet zum Ausdruck bringt und was dem neuen Gebet fast widerspricht.

Um die Diesseitigkeit des Paradigmas zu unterstreichen, das hier im Spiel ist, stellen wir fest, dass das Mittel, das uns vorgeschlagen wird, um zu dieser tieferen Erkenntnis und Liebe zu gelangen, kein anderes ist als – Sie haben es erraten! – „Fortschritt der Wissenschaft“ (scientiarum progressus). Damit wird dem modernen Ideal schlechthin gehuldigt, dem des Fortschritts, den man als Evolution interpretieren könnte, dem Leitmotiv des gesamten modernen Denkens. Könnte dies der Fortschritt sein, durch den wir modernen Christen gelernt haben, das Sechste Gebot beiseite zu legen, von dem wir heute wissen, dass es mehr ist, als ein normaler Mensch vernünftig ertragen kann? Oder der Fortschritt, durch den wir unseren blutrünstigen Vorfahren so überlegen geworden sind, dass wir das Fünfte Gebot völlig neu interpretieren müssen?

Der Kontrast zwischen den beiden Orationen ist äußerst aufschlussreich. Er zeugt von einem bewussten Wechsel von einer hierarchischen Weltanschauung, die im Glauben verwurzelt ist und auf die seligmachende Vision abzielt, hin zu einer humanistischen Weltanschauung des wissenschaftlichen Fortschritts durch verschiedene „Quellen“ des Wissens, die auf nicht näher bezeichnete Weise unsere Kenntnis und Liebe zu Gott vertiefen sollen.

Wie Lauren Pristas und andere gezeigt haben, ist diese Verschiebung in der Haltung oder Bewertung der weltlichen Realitäten in den stark redigierten Orationen des Missale Pauls VI. im Vergleich zu den Orationen im Missale des usus antiquior programmatisch präsent. Die Zahl der Beispiele ist unüberschaubar; um mich zu beschränken, habe ich mich auf einen einmonatigen (!) Zeitraum des liturgischen Jahres beschränkt, nämlich den 18. September bis 19. Oktober. Die biblische, patristische und mittelalterliche christliche Bewertung der terrena oder der irdischen Dinge, wie wir sie in der alten Oration von St. Albert finden, taucht immer wieder auf.

Zum traditionellen Fest des heiligen Josef von Cupertino am 18. September – das im Novus Ordo-Kalender gestrichen wurde – betet die Kirche mit einem schönen Hinweis auf die berühmten Levitationen des Heiligen:

„Gott, der Du es gefügt hast, dass alles zu Deinem von der Erde erhöhten Sohn gezogen werde, bewirke gnädig, dass wir durch die Verdienste und das Vorbild Deines seraphischen Bekenners Joseph, der über alle irdischen Begierden erhoben war, zu dem zu gelangen verdienen, der mit Dir lebt.“

Oder für den Heiligen Franz von Assisi am 4. Oktober:

„Gott, der Du Deine Kirche durch die Verdienste des heiligen Franziskus um einen neuen Spross erweitert hast, gewähre uns, durch seine Nachahmung das Irdische zu verachten und uns immer der Teilhabe an den himmlischen Gütern zu erfreuen.“

(Zum Vergleich: So lautet die neue Oration für Franziskus: „Gott, du Vater der Armen, du hast den heiligen Franz von Assisi auserwählt, in vollkommener Armut und Demut Christus ähnlich zu werden. Mache uns bereit, auf den Spuren des heiligen Franz deinem Sohn nachzufolgen, damit wir in Freude und Liebe mit dir verbunden bleiben. Darum bitten wir durch Jesus Christus.“)

Oder, für die Kommemoration am 9. Oktober an die Märtyrer Denis, Rusticus und Eleutherius, die nach dem neuen Kalender ebenfalls abgeschafft wurden:

„Gott, der Du am heutigen Tag Deinen heiligen Martyrer und Bischof Dionysius mit der Tugend der Standhaftigkeit im Leiden gestärkt hast und, um den Heiden Deine Herrlichkeit zu verkünden, ihm Rusticus und Eleutherius beigesellen wolltest, gewähre uns, so bitten wir, in ihrer Nachfolge aus Liebe zu Dir die Güter der Welt gering zu achten und keine ihrer Widrigkeiten zu fürchten.“ [pro amore tuo prospera mundi despicere, et nulla ejus adversa formidare].

Am 10. Oktober, dem Fest des heiligen Franziskus Borgia, das auch im Novus Ordo unterdrückt wird, betet die traditionelle Liturgie:

„Herr Jesus Christus, Du Vorbild und Lohn wahrer Demut, wir bitten Dich, gewähre, dass, wie Du den heiligen Franz in der Verachtung irdischer Ehren zu Deinem glorreichen Nachahmer gemacht hast, so auch wir dieser Nachahmung und Glorie teilhaftig werden, Der Du lebst.“

Am 16. Oktober, dem Fest der heiligen Hedwig – einer Heiligen, die auf wundersame Weise im modernen Kalender geblieben ist -, finden wir im usus antiquior diese starke Oration:

„Gott, der Du die heilige Hedwig gelehrt hast, vom zeitlichen Prunk mit ganzem Herzen zur demütigen Nachfolge Deines Kreuzes zu gelangen, gewähre, dass wir durch ihre Verdienste und ihr Vorbild lernen, die vergänglichen Freuden der Welt mit Füßen zu treten und in der Umarmung Deines Kreuzes alles zu überwinden, was uns zuwider ist, der Du lebst.“

(Die Oration des neuen Messbuchs für die heilige Hedwig ist ein dünner Brei: „Allmächtiger Gott, du hast die heilige Herzogin Hedwig zu einer Botin des Friedens gemacht und ihr die Gnade geschenkt, inmitten weltlicher Aufgaben ein Beispiel barmherziger Liebe zu geben. Hilf auf ihre Fürsprache auch uns, für Versöhnung und Frieden unter den Menschen zu wirken und dir in den Notleidenden zu dienen.“). Anmerkung vom Cathwalk: Der obere Text ist aus dem Schott. Hier ist die wörtliche Übersetzung des englischen Original-Artikels viel schwammiger: „Gib, allmächtiger Gott, dass die verehrte Fürsprache der heiligen Hedwig uns himmlischen Beistand bringt, so wie ihr wunderbares Leben ein Beispiel der Demut für alle ist.“

Die besondere Postcommunio zum Fest der heiligen Margareta Maria Alacoque im usus antiquior (17. Oktober) enthält die Bitte: „Gewähre uns, so bitten wir, auf die Fürsprache der heiligen Jungfrau Margarita Maria, dass wir, der stolzen Nichtigkeiten der Welt [superbis saeculi] entkleidet, uns mit der Sanftmut und Demut Deines Herzens zu bekleiden verdienen“. Im neuen Messbuch findet sich nichts dergleichen. (Tatsächlich taucht das Wort „Stolz“ [Superbia] im aktuellen Missale nicht auf).

Die alte Oration zum Lukasevangelium (18. Oktober) ist der Abtötung gewidmet:

Es trete für uns ein, so bitten wir, Herr, Dein heiliger Evangelist Lukas, der zur Ehre Deines Namens die Abtötung des Kreuzes beständig an seinem Leib getragen hat.“

Die neue Oration ist zwar mehr auf den heiligen Lukas zugeschnitten,[3] lässt aber jeden Bezug zur Askese fallen, was der von Pristas und anderen dokumentierten Tendenz entspricht.

Am 19. Oktober schließlich feiert die Kirche in ihrer traditionellen Liturgie den Triumph des heiligen Petrus von Alcantara (ebenfalls aus dem neuen Kalender gestrichen) und betet:

Gott, der Du Deinen heiligen Bekenner Petrus mit der Gabe bewundernswerter Buße und höchster Kontemplation geschmückt hast, gibt uns, so bitten wir, dass wir mit Hilfe seiner Verdienste, am Fleisch abgetötet, um so leichter das Himmlische erfassen.“

Bei all dem handelt es sich wohlgemerkt um Erhebungen aus einem Monat, nämlich vom 18. September bis 19. Oktober. Können wir ein Muster erkennen? Ja, ohne jeden Zweifel. Die dogmatische und disziplinarische Fracht der lex orandi ist unverkennbar. Die Liturgie bittet den Herrn um eine bestimmte Haltung des contemptus mundi, die der heilige Albert gerade deshalb so eindrucksvoll illustriert, weil er ein Gelehrter, Autor, Wissenschaftler, Naturforscher und Mann der Tat ist, der dennoch am Primat des Himmelreichs festgehalten hat. Jahrhundert für Jahrhundert, Oration für Oration hat die Liturgie diese erhabene Vision von der Berufung des Menschen, der Endgültigkeit des himmlischen Vaterlandes und der Relativität der irdischen Angelegenheiten klar zum Ausdruck gebracht und unermüdlich eingeimpft – bis in die 1960er Jahre, als Fortschritt in einer Kirche Fuß fasste, die einst die Aussage mit dem Anathema [Kirchenbann] versah: „Der Papst kann und muss sich mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und der modernen Zivilisation versöhnen und abfinden.“[4]

„Wie ist diese gefährliche Liaison mit dem Fortschritt für Sie verlaufen?“, fragt das historische Bewusstsein.

Heiliger Albert der Große – groß, weil du das Menschliche dem Göttlichen, das Zeitliche dem Ewigen, das Natürliche dem Übernatürlichen, das Weltliche dem Heiligen, das Irdische dem Himmlischen untergeordnet hast – bitte für uns, auf dass wir würdig werden der Verheißungen Christi.

Fußnoten

[1] Deus, qui beatum Albertum Pontificem tuum atque Doctorem, in humana sapientia divinae fidei subjicienda magnum effecisti: da nobis, quaesumus, ita ejus magisterii inhaerere vestigiis, ut luce perfecta fruamur in coelis.
[2] Deus, qui beátum Albértum epíscopum in humána sapiéntia cum divína fide componénda magnum effecísti, da nobis, quǽsumus, ita eius magistérii inhærére doctrínis, ut per scientiárum progréssus ad profundiórem tui cognitiónem et amórem perveniámus.
[3] Herr, unser Gott, du hast den Evangelisten Lukas auserwählt, in Wort und Schrift das Geheimnis deiner Liebe zu den Armen zu verkünden. Gib, dass alle, die sich Christen nennen, ein Herz und eine Seele sind, und lass alle Völker der Erde das Heil schauen, das du ihnen bereitet hast.
[4] Papst Pius IX. Syllabus Errorum, Nr. 80, promulgiert mit der Enzyklika Quanta Cura am 8. Dezember 1864.

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