Dienstag, 9. August 2022

Exodus der Gottgeweihten: Warum so viele Priester ihr Amt aufgeben

„Liebe Gemeinde, ich habe mich verliebt und kann nicht mehr Priester sein.“ Diesen Satz „verkünden“ heute Priester öfter vom Ambo. Es folgt Applaus von der Gemeinde, Glückwünsche zum „mutigen Schritt“ und Schulterklopfen. Der Zölibat sei eh „überholt“, „unmenschlich“, „Blödsinn“.

Leider ist es aber ganz anders. Die Aufgabe des Priesteramtes, auch wenn sie „Auszeit“, „Neuorientierung“ usw. genannt wird, offenbart eine tiefe Tragik, ein Drama im Herzen der Kirche, das sowohl den Priester als auch die Gemeinde betrifft. Die massenhafte Aufgabe des Priesteramts ist dabei nur das Ende einer fundamentalen Krise des Priestertums, die im Priesterseminar beginnt und von modernen Priestern erfahren wird – ob sie ihr Amt aufgeben oder nicht.

Ich selber war im Priesterseminar von Münster, Aachen und Chicago und ich kenne noch weitere Seminare und sie haben alle, in verschiedener Abstufung, dasselbe Problem: Sie können einem jungen Mann nicht sagen, was ein Priester ist. Moderne Priester haben ein Identitätsproblem, es ist gleichsam der „character indelebilis“ des modernen Priesters.

Als ich neu im Seminar war habe ich gemerkt, dass es eine große Unsicherheit darüber gibt, was ein Priester ist. Manche versuchen das mit Rhetorik, Dominanz oder Humor zu überspielen, aber es ist offensichtlich, es ist der sprichwörtliche Elephant in the room. Ich habe mir damals im Seminar das Buch „Funktionär oder privilegierter Heiliger?: Biblisch-theologische Untersuchungen zum Verhältnis von Person und Funktion des sakramental ordinierten Amtsträgers“ vom Freiburger Regens Thomas Ochs gekauft, der mittlerweile auch sein Amt aufgegeben hat. Im Buch wurde meine Frage nicht zufriedenstellend beantwortet: „Was ist ein Priester?“

Der Traditionsbruch

Nach dem Konzil gab es einen radikalen Traditionsbruch, der auf das Konzil zurückgeht. Durch den „Geist des Konzils“, das „68“ der katholischen Kirche, wurde alles in Frage gestellt und revolutionär umgedeutet. Es mag sein, dass es vor dem Konzil gesellschaftliche Übertreibungen und ungesunde Denkweisen über das Priestertum gab, das rechtfertigt aber nicht, was danach passierte: die vollkommene Infragestellung von allem.

Ist der Priester ein Mann Gottes? – Das, so heißt es, entrücke und überhöhe ihn zu stark. Ist der Priester besonders heilig? – Das widerlege die Geschichte. Ist der Priester der Spender der Sakramente? – Das reduziere ihn auf einen Funktionär. Ist der Priester der Verkünder des Wortes Gottes? – Das Wort Gottes könnten alle verkünden, dafür brauche man keine Weihe … So gerät man heute ins ewige Fragen, ohne je zu definitiven Antworten zu gelangen.

Der moderne Priester darf nicht mehr sagen: „Ich bin geweiht, um in persona Christi die heilige Messe zu feiern, die Sakramente zu spenden und dafür zu sorgen, dass meine Gemeinde in den Himmel kommt. In der Nachfolge Christi, der Würde meines Standes entsprechend und um des Himmelreiches willen lebe ich im Zölibat.“ Das gilt als anmaßend, man darf es nicht sagen, Anathema sit …

Der moderne Priester muss so etwas sagen wie: „Ich möchte gemeinsam mit den Menschen Gott entdecken“ , „meine Aufgabe ist es, Menschen in der Kirche zu begleiten“ … Das sind Sätze wie von Pressesprechern, leere Worthülsen, die für nichts stehen, nichts aussagen und absolut schwach sind.

Das schlimmste am modernen Priestertum ist, dass es oft ein Selbstbetrug ist und weder dem Glauben noch dem Leben gerecht wird. Das moderne Priestertum ist eine hohle Phrase, die aus dem Traditionsbruch geboren ist. Weder die Gemeinde noch der Priester selbst wissen deshalb noch, was ein Priester ist. Weil man das nicht mehr weiß, versteht auch niemand mehr den Zölibat. Dann, nach Tausend einsamen Nächten, nach vielen Zweifeln, nach dem Scheitern von so viel gutem Willen, findet man Trost in den Armen einer Frau oder eines Mannes.

Ich glaube, dass der aktuelle Weg der Kirche keine Zukunft hat. Ich glaube aber auch, dass die Kirche der mystische Leib Christi ist. Sie ist unendlich heilig, kostbar und schön. Um Gottes Willen, um der Priester willen und um der Kirche willen gibt es daher für mich nur eine Antwort: Die Tradition ist die Zukunft der Kirche.

4 Kommentare

  1. Der bekannte und erfahrene Psychiater und Theologe Dr. Manfred Lütz hat bereits vor nunmehr über 10 Jahren einen sehr klugen und fundierten Artikel über den Zölibat geschrieben, den ich nur wärmsten empfehlen kann, selbst zu rezipieren:

    kath.net/news/30034

  2. So lange Selbstverwirklichung um jeden Preis, vor allem in sexueller Hinsicht das Nonplusultra zu sein scheint, wird sich nichts verändern, weil Einsicht und Wille fehlen und das Gebet um Kraft.
    Als ich glaeubig wurde, und dann anfing die Bibel zu lesen, und durch das Evangelikale zum katholischen Glauben gefunden habe, wurde mir aber eins ganz deutlich: ab jetzt gilt Enthaltsamkeit, weil das Gottes Wille ist für Singles, und zwar für alle, egal welcher sexuellem Orientierung.

    Der geweihte Priester hat den Kampf zu kämpfen. Das ist seine Berufung.
    Das ist Selbstverleugnung. Dazu sind wir alle aufgerufen. So schwer das sein mag.

    Ich habe in den letzten 12 Jahren immer und immer die Hilfe Gottes erfahren dürfen… auch was das Thema Selbstbefriedigung betrifft.
    Man muss das aussprechen und bezeugen, auch wenn man denkt:ist das jetzt zu offen? Ist das peinlich?
    Wir leben in einer solch schrecklichen, die Phantasie anheizenden ueberreizenden Bilderwelt… mir tun Männer oft so leid…
    Und man muss es herausrufen:wenn man ehrlich und aufrichtig kaempft:ER hilft.
    Und wenn man stolpert… Zu IHM gehen… Seelsorge beanspruchen, Berichte… keine falsche Scham haben….

    Und für den Zölibat gibt es noch einen Grund: Frauen sind i.d.R gierige Wesen mit viel Ich.
    Es gibt wenig Frauen heutzutage – ich bin sicher, evangelische Pfarrer koennen ein Lied davon singen – die ganz hinter ihrem Mann verschwinden können und wollen, da sie dadurch Gott dienen, weil sie ihm den Rücken frei halten. Ohne sich vernachlässigt zu fühlen.
    Selbstverleugnung eben.

  3. Sehr geehrter Herr Jung, das Priesterbild das hier gezeichnet wird , ist an eine andere , homogene, weniger
    liberale , weniger materialistsch orientierte Gemeinschaft gebunden und steht im krassen Gegensatz zu
    Selbstbestimmungsrechten aller Art, die jede Art von Überordnung ablehnen . Die katholische Kirche von einst
    ist eine Kirche des Altarsakramentes, das der Priester „Verwaltet“ , und auf das sich die anderen Sakramente
    beziehen , denn ohne Vergebung der Sünden keine Kommunion , und ohne diese keine Erlösung. Diese
    alte Sichtweise wurde durch kulturelle Höchstleistungen in Musik, Kunst und Architektur anschaulich gemacht,
    Kultur und Religion bildeten eine Einheit. Diese Symbiose existiert nicht mehr

    • Warum existiert sie nicht mehr? Der Glaube, das was Jesus wollte, was er ist, hat sich doch nicht geändert. Nur die Einstellungen der Menschen dazu.
      Deshalb denke ich, der Autor hat Recht. Rückbesinnung ist angesagt. Die Konzentration aufs Essenzielle.

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