Dienstag, 6. Dezember 2022

Tolkiens Brief über Männer und Frauen


J. R. R. Tolkien schrieb vom 6. bis 8. März 1941 einen langen Brief an seinen Sohn Michael über die Ehe und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Der Cathwalk fasst den Brief zusammen.

[Brief Nr. 43]

Tolkien schreibt diesen Brief sehr offen und beginnt: „Der Umgang eines Mannes mit Frauen kann rein körperlich sein … oder ‚freundlich‘ oder er kann ein ‚Liebhaber’ sein (der all seine Zuneigungen und Kräfte des Geistes und des Körpers in einer komplexen Emotion vereint, die durch ‚Sex‘ stark gefärbt und angeregt wird).“

Man darf nicht vergessen, dass Tolkien durch und durch katholisch war. Deshalb fährt er gleich fort: „Dies ist eine gefallene Welt. Die Entgleisung des Sexualtriebes ist eines der Hauptsymptome des Sündenfalls. Die Welt ist durch alle Jahrhunderte ‚zum Schlechten‘ gegangen. Die verschiedenen Gesellschaftsformen wechseln, und jede neue Form hat ihre besonderen Gefahren: aber der ‚harte Geist der Konkupiszenz‘ ist seit Adams Sündenfall durch alle Straßen gewandert und saß lüstern in jedem Haus.“

Erfrischend ist, dass Tolkien realistisch denkt und auch der Idee der „Freundschaft“ zwischen den Geschlechtern eine klare Absage erteilt: „‚Freundschaft‘ also? In dieser gefallenen Welt ist die ‚Freundschaft‘, die zwischen allen menschlichen Wesen möglich sein sollte, zwischen Mann und Frau praktisch unmöglich. Der Teufel ist unendlich erfinderisch, und Sex ist sein Lieblingsthema. Er ist genauso gut darin, dich mit großzügigen romantischen oder zärtlichen Motiven zu fangen, wie mit niederen oder tierischen. Diese „Freundschaft“ ist schon oft ausprobiert worden: die eine oder andere Seite scheitert fast immer. Später im Leben, wenn der Sex abgekühlt ist, ist es vielleicht möglich. Es kann zwischen Heiligen geschehen. Bei normalen Menschen kann es nur selten vorkommen: Zwei Seelen, die in Wirklichkeit eine primär geistige und spirituelle Affinität haben, können zufällig in einem männlichen und einem weiblichen Körper wohnen und dennoch eine „Freundschaft“ ganz unabhängig vom Geschlecht wünschen und erreichen. Aber niemand kann sich darauf verlassen. Der andere Partner wird ihn (oder sie) mit ziemlicher Sicherheit im Stich lassen, indem er sich ‚verliebt‘.“

Denn, so resümiert Tolkien: „Ein junger Mann will (in der Regel) nicht wirklich eine ‚Freundschaft‘, auch wenn er das behauptet. Er will Liebe.“

In unserer westlichen Kultur, so Tolkien, sei die romantische ritterliche Tradition immer noch stark, obwohl sie als Produkt des Christentums, das nicht mit der christlichen Ethik gleichzusetzen sei, von der heutigen Zeit angefeindet werde.

Tolkien schreibt übers Verlieben: „Bevor die junge Frau weiß, wo sie ist (und während der romantische junge Mann, wenn es ihn gibt, noch seufzt), kann sie sich tatsächlich ‚verlieben‘. Was für sie, eine unverdorbene, natürliche junge Frau, bedeutet, dass sie die Mutter der Kinder des jungen Mannes werden will, auch wenn ihr dieser Wunsch keineswegs klar und deutlich ist.“

Über den Unterschied zwischen Männern und Frauen entfaltet er eine interessante Typologie: „Ein Mann hat eine Lebensaufgabe, eine Karriere (und männliche Freunde), die alle den Schiffbruch der „Liebe“ überleben können (und es auch tun, wenn er den Mut dazu hat). Eine junge Frau, selbst wenn sie ‚wirtschaftlich unabhängig’ ist, wie man heute sagt (was in Wirklichkeit die wirtschaftliche Unterwerfung unter männliche kommerzielle Arbeitgeber und nicht unter einen Vater oder eine Familie bedeutet), beginnt fast sofort … von einem Heim zu träumen. Wenn sie sich wirklich verliebt, kann das Schiffswrack wirklich auf den Klippen enden.“

Des Weiteren sieht Tolkien Romantik vor allem als eine männliche Eigenschaft, denn „Frauen sind im Allgemeinen viel weniger romantisch und eher praktisch veranlagt. Lassen Sie sich nicht von der Tatsache täuschen, dass sie ‚sentimentaler’ sind – freier mit „Liebling“ und so weiter. Sie wollen keinen Leitstern. Sie mögen einen schlichten jungen Mann zum Helden idealisieren, aber sie brauchen keinen solchen Glanz, um sich zu verlieben oder um in der Liebe zu bleiben. Wenn sie eine Illusion haben, dann die, dass sie Männer „reformieren“ können.“

Dann sagt Tolkien, dass Monogamie nicht natürlich für den Mann sei: „Monogamie (obwohl sie seit langem grundlegend für unsere ererbten Vorstellungen ist) ist für uns Männer ein Stück ‚geoffenbarter‘ Ethik, die dem Glauben und nicht dem Fleisch entspricht. Jeder von uns könnte in seinen etwa 30 Jahren voller Männlichkeit ein paar hundert Kinder zeugen und sich daran erfreuen. Brigham Young war (glaube ich) ein gesunder und glücklicher Mann. Wir leben in einer gefallenen Welt, und unser Körper, unser Geist und unsere Seele stehen nicht im Einklang miteinander. Das Wesen einer gefallenen Welt besteht jedoch darin, dass das Beste nicht durch freien Genuss oder durch das, was man ‚“‚Selbstverwirklichung“‚ nennt (gewöhnlich ein netter Name für Selbstverliebtheit, die der Verwirklichung des anderen Selbst völlig zuwiderläuft), erreicht werden kann, sondern durch Verleugnung, durch Leiden. Die Treue in der christlichen Ehe bringt das mit sich: große Abtötung. Für einen Christenmenschen gibt es keinen Ausweg. Die Ehe kann ihm helfen, sein sexuelles Verlangen zu heiligen und auf das richtige Ziel zu lenken; ihre Gnade kann ihm in seinem Kampf helfen; aber der Kampf bleibt.“

Eine glückliche ehe hat für Tolkien oft wenig mit Romantik zu tun, denn sei sei bekannt, dass glückliche Ehen häufiger dort geschlossen würden, wo die Wahl der jungen Menschen noch stärker durch die elterliche oder familiäre Autorität eingeschränkt sei. In den Ländern, in denen die romantische Tradition die gesellschaftlichen Verhältnisse so weit beeinflusst hätten, dass die Menschen glaubten, die Partnerwahl sei allein Sache der jungen Menschen, führe nur das seltenste Glück einen Mann und eine Frau zusammen, die wirklich füreinander bestimmt seien.

Tolkien ermutigt auch, die Schwierigkeiten des Lebens anzunehmen: „Ich war ein junger Mann mit einem mäßigen Abschluss, der gerne Gedichte schrieb.“ Dennoch entschied er sich 1916, als Soldat im Ersten Weltkrieg, mit wenig Geld und Überlebenschancen, zu heiraten und bereits ein Jahr später, im „Hungerjahr 1917“ wurde sein erstes Kind geboren.

Ein leichtfüßiges und fröhliches Temperament hatte Tolkien nicht. Er verbrachte viele Stunden alleine in seinem Dachboden und schrieb bis in die frühen Morgenstunden. So schließt er auch seinen Brief – dunkel und voll Hoffnung: „Aus der Dunkelheit meines Lebens, das so sehr frustrierend war, stelle ich Dir die eine große Sache vor, die man auf Erden lieben kann: das Allerheiligste Sakrament.“

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