Dienstag, 6. Dezember 2022

Narzisstische Kleriker oder heilige Priester?

Niemand, der klaren Sinnes ist, bestreitet in der katholischen Kirche und außerhalb von ihr die Realität von Machtausnutzung und Missbrauch. Unverständlicherweise nehmen nur wenige Zeitgenossen die eindeutigen und klarsichtigen Analysen des Missbrauchs und seiner Ursachen wahr. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. etwa könnte hier wahrhaft als theologischer Aufklärer gelten.

In einem neuen Interview des kirchensteuerfinanzierten Portals „katholisch.de“ erörtert Felix Neumann mit dem Psychiater Martin Flesch Formen und Dimensionen des geistlichen Missbrauchs in der Kirche. Verantwortlich gemacht wird der sich hartnäckig haltende Klerikalismus. Flesch gibt Auskunft: „Narzissmus ist ein Grundbaustein für missbräuchliche Strukturen und nur eine Voraussetzung für den sich hartnäckig haltenden Klerikalismus. Es ist ein kirchliches Phänomen, dass Menschen auf die Stühle der Macht steigen, um dem eigenen Gefühl von Unzulänglichkeit zu entkommen, als „normaler“ Mensch nichts zu bedeuten oder nichts zu sein. Psychologische Defizite sollen dadurch kompensiert werden, dass der eigene Wirkungsbereich durch Macht und Einfluss angereichert wird. Deshalb landen wir immer wieder bei narzisstischen Strukturen, denen wir uns stellen müssen, wenn wir missbräuchliche Strukturen auch präventiv angehen wollen.“ Es ist geradezu grotesk, dass allein die Kirche den Raum dafür bieten soll, dass einzelne Personen – wie auch immer – ihre „psychologischen Defizite“ in ihr kompensieren, entsprechende Machtstrukturen etablieren sowie missbräuchlich agieren. Der Psychiater verweist auf die Studie des „fachlich geschulten Autoren“ Eugen Drewermann, der 1989 einen monumentalen Band über „Kleriker“ verfasst hat: „Was Drewermann vor über 30 Jahren festgestellt hat, ist immer noch aktuell und in der Praxis nachweisbar.“ Wer mehr darüber wissen möchte, kann sich in einem Interview von Drewermann mit dem Deutschlandfunk ein Bild davon machen. Dem abtrünnigen Theologen wurde 1991 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen, 2005 trat er aus der katholischen Kirche aus. Heute wird er für irrlichternde Äußerungen, etwa über den russischen Krieg gegen die Ukraine, auch von liberalen Publizisten wie Matthias Drobinski kritisiert.

Der Psychiater Martin Flesch sieht bei Klerikern eine „Faszination für das Religiöse“, die schon in jungen Jahren präsent gewesen sei: „Viele sagen, die Berufung war und ist für sie der einzig gangbare Weg, ohne Alternative – beispielsweise auf Basis eines sogenannten „Auserwähltseins“ die Legimitation zum Priesterberuf ableiten zu können. Die Berufung wird als sicherer Ort gesehen, der Schutz und Sicherheit gibt, aber auch als Tausch von Rolle und Leben erlebt wurde. Viele, die ein gewisses Maß an Introspektion besitzen, sehen, dass sie Berufung als Kompensation von persönlichen Defiziten gesehen haben. Was aber allen gemeinsam zu sein scheint, wenn man sie nur lange genug begleitet, ist die Angst vor der Selbstkonfrontation mit der eigenen Sexualität, Beziehungsfähigkeit und Freiheit zum Zeitpunkt der Entscheidung für die Berufung.“

Aussagen wie diese muten in hohem Maße verwunderlich und provozierend an. Sie sind aber anscheinend vollkommen ernst gemeint. Etliche Priester litten unter einer „Identitätsaufspaltung“, durch die das „Potential und das zunächst noch diffuse Vakuum für den später möglicherweise begangenen Missbrauch“ gegeben sei. Ohne in irgendeiner Form sexuellen und geistlichen Missbrauch – eine traurige, furchtbare und entsetzliche Realität – zu relativieren, muss zumindest gefragt werden, ob auf Missbrauchstäter in Sportvereinen, im Militär, in Schulen, im Bildungsbereich und anderswo – nicht selten handelt es sich um Familienväter – dasselbe zutrifft. In aller Deutlichkeit sagen: Ja – und das ist entsetzlich – es gab Missbrauchstäter, die Priester waren.

Nach meiner unmaßgeblichen, aber vielleicht nicht grundlosen Meinung halten mindestens 99 % aller Priester heute das Verbrechen des geistlichen und sexuellen Missbrauchs in jeder Form für verabscheuungswürdig und skandalös. Wenn Missbrauch – allgemein gesagt – die Ausnutzung von Macht gegenüber anderen Menschen, gegenüber Schutzbefohlenen und Minderjährigen ist, dann wird das Problem nicht gelöst, sondern vernebelt, wenn dies als eine spezifisch katholische oder kirchliche Angelegenheit von straffällig gewordenen Klerikern angesehen wird. Flesch fordert weiterhin „deutliche Veränderungen“ am „klerikalen System“ und stellt fest:

„Aber natürlich sind auch Bischöfe selbst Teil dieses Systems und eingebunden in Strukturen des Klerikalismus. Das macht es schwer, das System zu reformieren und zu überwinden.
Fehlen die notwendigen Voraussetzungen zur Einsicht, wird die Wirklichkeit des Psychischen hinter dem Sichtbaren nicht erkannt, insbesondere besteht keine Introspektionsfähigkeit in die Doppelbödigkeit des klerikalen Systems.“ Martin Flesch hat aber „Hoffnung für die Kirche als Ganzes“, wenn sie sich auf die „eigentliche zentrale Botschaft Jesu“ konzentriere: „Bei dieser Botschaft ging es nie um Strukturen von Macht, Einfluss und Klerikalismus. Es ging immer nur um Vermittlung von Selbstannahme auf der Basis von Persönlichkeitsentfaltung, um auf dieser Basis dann befähigt zu sein, Barmherzigkeit zu leben und umzusetzen. Das ist die Hoffnung für die Kirche.“

Solche Litaneien der säkularen Kirchenkritik sind uns bekannt. Worauf können wir uns stattdessen besinnen? Vielleicht helfen uns Gedanken aus der Predigt zur Priesterweihe, die Benedikt XVI. am 4. Sonntag der Osterzeit 2006 gehalten hat: „Das Evangelium dieses Sonntags, das wir gehört haben, ist nur ein Ausschnitt aus der großen Hirtenrede Jesu; darin sagt uns der Herr dreierlei über den wahren Hirten: Er gibt sein Leben für die Schafe. Er kennt die Seinen und sie ihn. Er steht im Dienst der Einheit. … Vielleicht tut es gut, einen Augenblick an das vorhergehende Stück der Hirtenrede zu erinnern, in dem Jesus – bevor er sich Hirte nennt – zu unserer Überraschung sagt: »Ich bin die Tür« (Joh 10,7). Durch ihn muß man in den Hirtendienst eintreten. Diese Grundbedingung verdeutlicht er sehr nachdrücklich, indem er erklärt: »Wer … anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber« (Joh 10,1). Dieses Wort »einsteigt« – griechisch »anabaínei« – schließt die Vorstellung ein von jemandem, der den Zaun hochklettert, um so – den Zaun übersteigend – dorthin zu gelangen, wo er rechtmäßig nicht hinkommen kann. Aufsteigen – das ist aber auch das Bild des Karrierismus, für den Versuch, nach oben zu kommen, sich durch die Kirche eine Stellung zu verschaffen – sich zu bedienen und nicht zu dienen. Es ist das Bild des Menschen, der durch das Priestertum etwas werden und jemand sein möchte, dem es um die eigene Erhöhung geht und nicht um den demütigen Dienst Jesu Christi. Aber der einzig rechtmäßige Aufstieg zum Hirtenamt in der Kirche ist das Kreuz. Das ist der wahre Aufstieg, das ist die wahre Tür. Nicht selber jemand werden wollen, sondern für den anderen da sein – für Christus und so, durch ihn und mit ihm für die Menschen, die der Herr sucht, die er auf den Weg des Lebens führen will.

Man tritt zum Priestertum ein durch das Sakrament – das bedeutet eben: durch die Freigabe seiner selbst an Christus, daß er über mich verfüge; daß ich ihm zu Diensten sei und seinem Ruf folge, auch wenn er meinen Wünschen nach Selbstverwirklichung und Ansehen entgegenläuft. Durch Christus, die Tür, eintreten, heißt: ihn immer mehr kennen und lieben, damit unser Wille eins werde mit dem Seinen und unser Handeln eins mit dem Seinen. Liebe Freunde, darum wollen wir immer von neuem beten, darum uns mühen, daß Christus in uns wächst; daß unsere Einheit mit ihm immer tiefer werde, so daß durch uns wirklich Christus weidet.“

Und mögen wir alle, Sie und ich, dankbar sein für unsere treuen Priester und um geistliche
Berufungen beten.

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