The Cathwalk

Das Onlinemagazin für katholische Lebensart

Schlagwort: 2. Vatikanisches Konzil

Religion und Moderne (Teil 1): Konflikte und Aufbrüche

Der katholischen Kirche galten und gelten gewisse Ausprägungen moderner Theologie und Philosophie als „Modernismus“ und damit als „Sammelbecken aller Häresien“. Ähnliche Ausprägungen gab und gibt es in den evangelischen Kirchen. Was fanatisch klingen mag ist aber eine Analyse von Religionsverständnissen, die tatsächlich für traditionelle Formen des Christentums vernichtende Auswirkungen haben können. Die Moderne bringt neben naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auch eine neue Interpretation von Mensch, Religion und Gott mit sich. Die Frage, die sich seit dem durch die Geschichte zieht lautet: Sind Moderne und Religion vereinbar oder hat man als moderner Mensch keine andere Möglichkeit als der Religion abzusagen?

von Josef Jung

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Der Begriff Modernismus als Phänomen der Moderne

Der Begriff Modernismus ist eine Zuspitzung von theologischen Ansätzen, die vormals als „liberal“ gescholten worden. Erstmals fassen kann man den Begriff beim belgischen Laien und Nationalökonomen Charles Périn. Er verwendete ihn in seinem Aufsatz Le modernisme dans l’église d’après les lettres inédites de La Mennais“. Dort verstand Périn Modernismus als Begriff für die Versöhnungsversuche liberaler Katholiken mit den Ideen der Französischen Revolution und der Demokratie, weiterhin als das Eindringen humanitärer Tendenzen aus der säkularen Gesellschaft in die Kirche. Der von Périn geschaffene Neologismus Modernismuswar ganz auf der Linie des damaligen päpstlichen Katholizismus.

PÉRIN beschrieb die Essenz des Modernismus als den Versuch, Gott durch denMenschen zu ersetzen. Perins Definition lautet:

L’essence du modernisme, c’est la prétention d’éliminer Dieu de toute vie sociale. L’homme, suivant l’idée moderne, étant à lui-même son dieu et le maître souverain du monde, il faut que dans la société tout se fasse par lui et par la seule autorité de la loi qu’il porte.“ (Perin, 1881, S. 5)

Übersetzung: „Die Essenz des Modernismus beansprucht Gott aus dem ganzen sozialen Leben zu beseitigen. Da nach der modernen Idee der Mensch sich selbst sein eigener Gott und der souveräne Herr der Welt ist, muss in der Gesellschaft alles durch ihn und die alleinige Autorität des Gesetzes, die er trägt, gemacht werden.“

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Franziskus: „Konservativ“ – „Progressiv“ – oder?

Papst Franziskus polarisiert – und er lässt damit in den Reaktionen die Gräben, die das 2. Vatikanische Konzil eigentlich überwunden hat, wieder überdeutlich aufleuchten. 

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Papst Franziskus lacht bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 1. April 2015. Foto: CNA/Petrik Bohumil

Ein Kommentar von Dr. Robert Harsieber

Papst Franziskus wird von vielen als „liberal“ oder „progressiv“ wahrgenommen, von „Progressiven“ begrüßt und von „Konservativen“ verteufelt. Die einen sehen in ihm eine Hoffnung für die Zukunft, die anderen sehen ihn als Übergangspapst oder verfehlten Papst, um in Kürze einem anderen, erzkonservativen Platz zu machen. Aufwind und Gegenwind sorgen dabei für oft erhebliche Turbulenzen. Wobei die Gegenwindfraktion auch diejenige ist, die nicht nur den jetzigen Papst, sondern auch das Konzil mehr oder weniger ablehnt.

Es ist nicht zu überhören, dass Papst Franziskus ganz deutlich die Sprache des Konzils spricht. Das stimmt jene optimistisch, die schon lange konstatiert haben, dass die Entwicklung der Kirche nach dem Konzil wieder erheblich ins Stocken geraten ist und vieles, wofür das Konzil den Weg eröffnet hat, nicht aufgegriffen oder nicht weiterentwickelt wurde.

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Häresie der Hässlichkeit: Katholische Ästhetik und ihr Feind

The Cathwalk im Gespräch mit Dr. Maximilian Krah, Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.

Maximilian Krah, *1977, Deutscher, lebt in Dresden, hat in Dresden Jura (Dr. iur.) und in London und New York Betriebswirtschaft studiert (M.B.A.), interessiert sich für Kunst, Literatur, Philosophie, Theologie, Mode und Politik. Verheiratet, fünf Kinder, katholisch.

Maximilian Krah *1977, Deutscher, lebt in Dresden, hat in Dresden Jura (Dr. iur.) und in London und New York Betriebswirtschaft studiert (M.B.A.), interessiert sich für Kunst, Literatur, Philosophie, Theologie, Mode und Politik. Verwitwet, fünf Kinder, katholisch, Christdemokrat.

Herr Doktor Krah, Sie prägten einst den Ausdruck „lange Wickelröcke sind unmoralisch, weil hässlich“ – durch welche Milieubeobachtungen sind Sie zu diesem Schluss gekommen?

Mir scheint, dass manchen Protagonisten dieses sonderbaren Hangs zu langen Röcken überhaupt nicht klar ist, wie abstoßend sie die ganze katholische Traditionsbewegung erscheinen lassen. Es erzeugt bei geistig gesunden Menschen einen innerlichen Widerstand, sich zu einer so demonstrativ hässlich auftretenden Gruppe hinzu zu gesellen. Die katholische Lehre assoziiert das Gute mit dem Schönen; Gott ist schön, Ästhetik, Stil, Geschmack sind deshalb positiv. Umgekehrt ist das Hässliche schlecht. Eine Moral, die zu hässlicher Kleidung aufruft, ist Widermoral.

Dr. Maximilian Krah mit Familie: Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.

Dr. Maximilian Krah mit Familie: Vollblutanwalt, Vollblutkatholik und Vollblutvater aus Dresden.

Als Kenner der katholischen Szene verurteilen Sie scharf einen präpotenten, frauenfeindlichen und auf seine eigene Art und Weise unschamhaften Moralismus. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Wurzeln dieses pathologischen Phänomens?

Es gibt viele. Wir müssen uns klar machen, dass die religiöse Welt vieler Katholiken mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammengebrochen ist. Diese Leute halten einfach an dem fest, was bis dahin war. Das ist nicht falsch. Aber sie dehnen es auf alle Bereiche des Lebens aus. Vor 1960 trugen Frauen keine Hosen oder kurze Röcke – also lehnen wir es auch jetzt ab. Man macht einfach aus pastoralen oder geschmacklichen Fragen dogmatische. Das ruiniert die Dogmatik, die Pastoral und den Geschmack. Schauen Sie, die Modernisten erklären jede Wahrheit zu etwas zeitabhängigem. Damit ist letztlich ein seiender Gott nicht mehr zu begründen. Die falsche Antwort zu vieler Konservativer ist es nun, jede Angelegenheit zu unveränderlichen Wahrheiten zu erklären. So wird aus Mode, die schon dem Wort nach zeitabhängig ist, plötzlich ein dogmatisches Problem. Das ist intellektuell unterirdisch und in der praktischen Konsequenz hässlich.

Hinzu tritt eine generelle Verklemmtheit Frauen gegenüber. Bis in die 1950er war wirtschaftlicher Wert eine Konsequenz aus Muskelkraft und damit männlich. Heute ist wirtschaftlicher Wert eine Konsequenz aus Intelligenz und Kommunikation, und darin sind Frauen nicht schlechter als Männer. Also hat sich auch das Rollenverhältnis neu justiert. Das vermögen aber nicht alle nachzuvollziehen und erklären nun das frühere Rollenbild zu einem Dogma, weil sie nicht begreifen wollen, dass Mode, Stil, auch Geschlechterrollen ganz praktische, irdische Ursachen haben.

Und schließlich spielt unerfüllte Sexualität eine Rolle, gerade im konservativen religiösen Milieu mit seiner Überbetonung des Sechsten Gebotes. Wer sich als Mann zu viele Gedanken über die Kleider fremder Frauen macht, sollte beichten gehen und sich eine Freundin suchen.

3. Wie könnte ein sozusagen katholisch-barocker Gegenentwurf zu derlei jansenistischen Engführungen aussehen?

Ich mochte den Versuch des Papstes Benedikt XVI. Er betonte die Vernunftmäßigkeit des Glaubens. Das ist sicher nicht für jeden ein Ansatz, aber in unserer Zeit hat er das Potential, zumindest die tonangebenden Schichten zu erreichen. Und ich würde ihn ausdehnen; nicht nur die Vernunft, auch die Ästhetik sollte Kennzeichen des Katholizismus sein. Ästhetik schützt dabei auch vor Vulgarität, und zwar viel besser als starre Kleidungsregeln, die ja nur solange halten, wie sie auch durchgesetzt werden, aber nie innerlich Wurzeln schlagen.

Die Religion hat die Kultur geschaffen, deshalb kann auch über die Kultur der hinter ihr stehende Glaube wieder erstrahlen. Gerade angesichts des Islam, der keine Musik, keine Bilder, keinen Wein und keine Miniröcke haben will, vermag der Verweis auf die katholische Hochkultur doch überzeugend die Größe unseres Gottes demonstrieren. Wer aber diese Kultur auf Sektenniveau reduziert, der reduziert auch Gott. Das ist die Häresie der Hässlichkeit.

"Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen."

„Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen.“

4. Verfechter eines engherzigen Moralismus verweisen immer wieder auf das Kirchenrecht als Argumentationsgrundlage. Wie bewerten Sie aus juristischer Sicht diese Berufung?

Alle theologischen Argumente für einen religiösen Dresscode sind leicht zu widerlegen. Und kirchenrechtlich gibt es ja nicht einmal mehr das Gebot der Kopfbedeckung in der Messe, das bereits in den 1950ern in Westeuropa keiner mehr praktiziert hat. Zu recht, denn das Christentum ist gerade keine Gesetzes-Religion, sondern eine der Liebe, Vernunft und Schönheit. Man sollte sich mit diesen Haarspaltereien auch nicht zu lange befassen, es ist verlorene Zeit. Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte. Und mit Sektierern lohnt es nicht zu diskutieren.

5. Sie vertreten die Meinung, wer ein Problem mit aufreizender Kleidung hat, habe ein Problem in seiner Hose hängen, mehr nicht – eine bewusste Pauschalisierung?

Nein, die schlichte Wahrheit. Schon als Schüler fiel mir immer auf, dass Jungs immer die Mädchen als „Schlampe“ beschimpften, bei denen sie abgeblitzt waren. Wer sich als Mann an Schönheit, und dazu gehört nunmal ein gewisser Sex Appeal, nicht still erfreuen kann, muss an sich arbeiten. Weder aggressives Anmachen noch aggressives Ablehnen sind angemessene Reaktionen, beide sind aber Ausdruck der selben persönlichen Unreife.

"Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte."

„Wer immer sich über Kleiderregeln religiös absondern will, ist nicht mehr Kirche, sondern Sekte.“

Wer mehr über Maximilian Krah erfahren will: https://maximiliankrah.wordpress.com

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