The Cathwalk

Das Onlinemagazin für katholische Lebensart

Schlagwort: Nationalsozialismus

Robert Spaemann zum Neunzigsten

Eine Hommage von Hannes Kirmse

Der Philosoph und bekennende Katholik Robert Spaemann feiert am 5. Mai seinen 90. Geburtstag – Bild: Jörg Noller, Wikipedia

Robert Spaemann hatte eine Wendung vollzogen. Er verstand sich nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst selbst als Marxist-Leninist, die Ideen des Humanismus und der hegelianischen Dialektik hatten ihn beflügelt und ließen in ihm die Bereitschaft auch zu direkter politischer Betätigung aufkeimen. Die Chimäre einer propagierten Menschheitsbefreiung begann sich aufzulösen, der Schleier des Idealismus zu lüften, als der junge Student der Philosophie, Geschichte und Theologie von dem uferlosen Kommunismus in Rußland erfuhr. Im Dienste einer aus betuchten Elternhäusern stammenden Söhnen entwickelten Weltidee, zementiert durch eine vermeintliche Notwendigkeit aus dem postulierten linearen Verlauf der Geschichte wurden Millionen von Menschenleben geopfert. Der junge Spaemann muß erkannt haben, daß aus der innerweltlichen Heilsverheißung mit ihrem Anspruch, einen neuen Menschentypus zu kreieren, die dunkelste Dystopie geworden ist, die man sich nur vorstellen kann. Das Ideal wurde zum Trugbild, die ehemals schöpferische Kraft des Geistes zur Zersetzung auf allen Ebenen, der verkündete Sinn des Verlaufs der Geschichte zur absoluten Sinnlosigkeit in der Gegenwart.

Von der Ideologie eines Kulturmarxismus wandte sich Spaemann folglich mit Entschiedenheit ab, um dann aber nicht Kompensation bei einer erneuten, irgendwie andersgearteten Ideologie zu suchen, wie es etwa Horst Mahler getan hat, der als ehemaliges SDS- und RAF-Mitglied zum Rechtsextremen wurde. Nein, Spaemann behielt bei seiner Wendung Maß und ist auch bis heute ein Denker des Maßes geblieben. Seinen für das Denken notwendigen Raum fand er gerade dadurch, daß er fortan zu allen innerweltlichen Verheißungen und Versuchungen den gebotenen Abstand hielt. Dem Revolutionären setzt er das Evolutionäre, das mit Bedacht Gewordene entgegen. – „Wichtig ist, was immer ist.“ – So brachte er es selbst einmal in einem Interview auf den Punkt. Ihm wird es daran gelegen sein, die anthropologische Grundkonstante freizulegen, die uns nicht auf das Aufgehen im Diesseits weist, sondern auf das Jenseits. Im Menschen ist immer mehr angelegt, als er in der ihm gegebenen Lebensspanne zu verwirklichen imstande wäre. Es ist etwas, das über ihn hinausweist und das die Theologie mit dem Begriff der Gottesebenbildlichkeit beschreibt. In dem Bewußtsein der Notwendigkeit von gewissen Grundkonstanten wurde dann so aus dem einstigen Befürworter der Liturgiereform innerhalb der katholischen Kirche ein Spaemann, der einer vorschnell verordneten Reformierung nunmehr mit Skepsis gegenübersteht und dadurch Martin Mosebach zum Verfassen der bis heute kontrovers diskutierten Schrift „Häresie der Formlosigkeit“ inspirierte. Darüber hinaus wurde er zu einem Apologeten der bis 1996 verbindlichen Rechtschreibung und Sprachregelungen, die einer politischen Korrektheit dienlich sein sollen erteilte er eine klare Absage. Die Sprache gerät, so stellt Spaemann fest, in einen infiniten Regress, wenn sie Unsagbarkeiten und alleingültige Begrifflichkeiten definieren will, die sich dann abnützten, um wiederum als solche unsagbar zu werden. Ihm geht es auch hierbei vielmehr um das rechte Maß, mit dem wir den Dingen in der Welt begegnen sollten. Durch vorschnelle Eingriffe droht unser vor allem Denken nicht nur sich zu dekontextualisieren, sondern gibt sich einer Banalisierung und Profanierung preis. Was der Philosoph folglich an der heutigen Gesellschaft beklagt, ist ihr Hang zum Aufgehen im Konsumrausch, den Theodor W. Adorno als „Kulturindustrie“ zusammen mit Nationalsozialismus und Kommunismus als weltliche Hölle bezeichnete.

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Katholizität in Extremsituationen: Die erstaunliche Geschichte des Soldaten Aloys Pappert

Bewegendes Zeitzeugnis, wie ein katholischer Soldat der Wehrmacht mit der Hilfe Gottes die Reise in das Herz der Finsternis überlebte

Aloysius Pappert während des Zweiten Weltkriegs (nach der Rückkehr aus Frankreich)

Aloysius Pappert während des Zweiten Weltkriegs (nach der Rückkehr aus Frankreich).

Der 1924 geborene und aus Hünfeld im Landkreis Fulda stammende Aloysius Pappert wuchs in einer katholischen, das Nazi-Regime ablehnenden Familie auf. Von jung auf praktizierender Katholik, wurde er 1942 gegen seinen Willen in die Wehrmacht eingezogen. An verschiedenen Kriegsschauplätzen in Einsatz (u.a. in Italien bei der Schlacht um Monte Cassino), half ihm sein Glaube, den er auch an seine Kameraden weitergab, in mehreren lebensgefährlichen Situationen. Nach Kriegsende geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und musste in den Kohleminen der Donbass-Region unter schwersten, häufig menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Auch während der Zeit der Lagerhaft, die vielen seiner Kameraden das Leben kostete, erlaubte ihm sein unerschütterlicher Glaube das Durchhalten.

von Michel Lemay, ins Deutsche übersetzt von Dr. Thomas Stauder

Obwohl er aus einer katholischen und das Nazi-Regime ablehnenden Familie stammte, musste Aloys Pappert 1942, erst siebzehnjährig, seine Angehörigen verlassen, um sich der Wehrmacht anzuschließen. Am Tag des Abschieds machte seine Mutter mit Weihwasser das Kreuzzeichen über ihn und überreichte ihm eine Medaille der Heiligen Jungfrau sowie ein Kreuz, die er beide ständig mit sich tragen sollte. Dann fügte sie hinzu: „Möge die Jungfrau Maria dich beschützen und wohlbehalten zu uns zurückbringen.“ Diese Bitte wurde erhört, denn der junge Mann konnte mehrfach dem Tod entgehen, sowohl als Soldat an der Front wie auch als Kriegsgefangener in der Sowjetunion. Diesmal hören wir die Schilderung des heute 92jährigen, der mittlerweile zusammen mit seiner Gattin Isabelle in Monaco lebt, von seiner schrecklichen Zugreise, die ihn von der Stadt Brünn in der Tschechoslowakei bis in das Kohlerevier des Donbass brachte, eine an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland gelegene Region. Die Art des Transports erinnert, wie wir gleich sehen werden, an die Züge, in denen die Juden in die für sie bestimmten Vernichtungslager gebracht wurden.

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Neuer Kinofilm über Stefan Zweig

Interview mit Regisseurin und Mit-Drehbuchautorin Maria Schrader zum neuen Film: „Vor der Morgenröte“

Stefan Zweig emigrierte aus Österreich bereits im Februar 1934, nachdem der Einfluss der Nazis auch in Österreich spürbar und Zweigs Haus durchsucht wurde. 1935 wurde er in Deutschland in die Liste der durch die neuen Machthaber verbotenen Autoren aufgenommen. Nachdem sich Stefan Zweig 1938 von seiner ersten Frau Friderike hatte scheiden lassen, heiratete er seine Sekretärin Charlotte (Lotte) Altmann. Dennoch blieb er im freundschaftlichen Kontakt zu seiner ersten Frau. Mit Lotte reiste er von London nach Amerika: Über New York, Argentinien und Paraguay kam Stefan Zweig 1940 in Brasilien an, wo er stürmisch gefeiert wurde. Am 23. Februar 1942 nahm sich Zweig in Petrópolis bei Río de Janeiro das Leben. Lotte folgte ihm in den Tod.

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Pius XII. und die Shoah (2/2)

Sein „Schweigen“ zur Judenfrage im 2. Weltkrieg

von Matthias Jean-Marie Schäppi

Finanzielle Hilfsaktionen und Unterstützung jüdischer Emigranten in aller Welt

Durch unmittelbar von Pius XII. ausgehende Aktion konnten 85 % der 9600 in Rom lebenden Juden von der Kirche versteckt und so vor der Deportation bewahrt werden.1 Aber auch auf andere Weise half der Papst den römischen Juden nach Kräften.“2 …

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Papst Pius XII. während der Krönungsfeier 1939 auf der Sedia gestatoria

Nicht nur durch diese persönlichen Akte tätiger Nächstenliebe, sondern auch durch wichtige finanzielle Hilfsaktionen hat Papst Pius XII. die Juden tatkräftig unterstützt.“3 Als Oberhaupt der katholischen Kirche gab er große Summen aus dem vatikanischen Vermögen für Hilfsaktionen aus, sein Privatsekretär Robert Leiber bezeugt sogar, wie weit der Papst dabei ging: „Er gab sein gesamtes Privatvermögen zu ihren Gunsten aus […] Pius gab aus, was er als ein Pacelli selbst von seiner Familie erbte.“4 So konnte Pius XII. bereits in einem Schreiben an den Berliner Bischof Konrad Graf von Preysing vom 30. April 1943 eine erste Zwischenbilanz über seine finanziellen Hilfsaktionen ziehen: „Von den sehr hohen Summen, die Wir in amerikanischer Währung für Übersee-Reisen von Emigranten ausgeworfen haben, wollen Wir nicht sprechen; Wir haben sie gerne gegeben, denn die Menschen waren in Not; Wir haben um Gotteslohn geholfen, und haben gut daran getan, irdischen Dank nicht in Rechnung zu stellen.“5

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Pius XII. und die Shoah (1/2)

Sein „Schweigen“ zur Judenfrage im 2. Weltkrieg

von Matthias Jean-Marie Schäppi

His Holiness Pope Pius XII

Pius XII. (bürgerlicher Name Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli; * 2. März 1876 in Rom; † 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo) war vom 2. März 1939 bis Oktober 1958 Papst.

Als Papst Pius XII. am 9. Oktober 1958 starb, stand er „weltweit in hohem Ansehen“, wie der christliche Schriftsteller Bret Easton Ellist schreibt. Sein Hinscheiden war deshalb auch noch mehr als das seines Vorgängers von der Würdigung und Anteilnahme der Weltöffentlichkeit begleitet, auch von jüdischer Seite. Die damalige israelische Außenministerin Golda Meir beispielsweise dankte dem verstorbenen Papst, dass er für die Verfolgten „die Stimme erhoben“ habe; Roms Oberrabbiner Elio Toaff würdigte seine „große mitfühlende Güte und Hochherzigkeit“.

Ganz andere Worte wählte der Dramatiker Rolf Hochhuth fünf Jahre nach dem Tod des Papstes in dem Drama „Der Stellvertreter“, mit dem er das Weltbild der Katholiken nachhaltig beschädigte. „Wenn er mehr mit den Menschen gesprochen hätte“, so Hochhuth, „hätten sich viele Juden retten können.“ Er nennt den Papst „einen satanischen Feigling“ und wirft ihm vor, in der Hitler-Zeit niemals öffentlich zum Holocaust-Verbrechen der Nationalsozialisten die Stimme erhoben zu haben. Sein Theaterstück wurde 1963 in Berlin uraufgeführt. Was die Öffentlichkeit damals nicht ahnen konnte, war, dass die Hauptquellen des Autors der Nazi-freundliche Bischof Alois Hudal (1885-1963) und der Leiter der deutschen Sektion im Staatssekretariat, Msgr. Bruno Wuestenberg, waren, die sich beide auf diese Weise an Pius XII. rächen wollten: Hudal, weil er vom Papst zum Rücktritt als Rektor der „Anima“ abgesetzt worden war, nachdem seine Tätigkeit u.a. als Fluchthelfer für Nazigrößen nach dem Krieg publik wurde (Ein Vorgang, der heute absurder Weise meist Pius XII. von seinen Gegnern zur Last gelegt wird!), Wuestenberg, da ihn der Papst – angeblich wegen Homosexualität – nicht befördert hatte.1

Der Hauptvorwurf gegen Pius XII. […], er habe zur Massenvernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten geschwiegen und ihr tatenlos zugesehen – sei es aus Feigheit wegen drohender Konsequenzen, aus Gleichgültigkeit aufgrund wirtschaftlicher Interessen, aus Staatsräson oder gar aus antisemitischen Motiven –,“2 hat sich derweil seit Hochhuth hartnäckig in den Köpfen der Menschen festgesetzt und vielfach auch Eingang in die Geschichtsbücher gefunden. Er basiert auf der aus heutiger Sicht nur naiv zu nennenden Annahme, der Papst hätte durch einen eindeutigen öffentlichen Protest das unsägliche Leid verhindern oder zumindest begrenzen können; „somit sei er gemäß dem Sprichwort ‚Wer schweigt, stimmt zu‘ an den Verbrechen mitschuldig geworden.“3 Der vorliegende Artikel geht diesem Vorwurf des „Schweigens“ nach und versucht, im Spiegel von Selbstzeugnissen und Äußerungen sowohl Pius’ XII. als auch seiner Mitarbeiter und Vertrauten Licht hinter diesen Vorwurf zu bringen.

Beginn des Pontifikats und Kriegsausbruch

Die Wahl Eugenio Pacellis zum Pontifex Maximus am 2. März 1939, seinem 63. Geburtstag, wurde damals begeistert aufgenommen – übrigens auch von jüdischen Medien –, vom NS-Regime indes kritisiert, weil der Neugewählte als Gegner des Nationalsozialismus bekannt war. Im Völkischen Beobachter hieß es am 3. März 1939 dazu: „Wir in Deutschland haben von diesem Papst nichts zu erwarten! […] Die Kirche unter Pius XII. wird mehr als sonst Politik machen, aber nicht so roh und polternd wie unter Pius XI., feiner, diskreter und steiler.“4 Gleich zu Beginn seines Pontifikats wurde Pius XII. mit der Kriegsgefahr konfrontiert. Am 31. August erwog er, direkt nach Berlin und Warschau zu reisen, musste diesen Plan aber wieder aufgeben und appellierte von Rom aus an die deutsche und polnische Regierung, keine Zwischenfälle zu provozieren und die Spannungen nicht zu verschlimmern. Zu spät – denn beide Seiten hatten die Mobilmachung ihrer Armeen schon eingeleitet.5

Wie sein Vorgänger Benedikt XV. im Ersten, so veröffentlichte Pius XII. im Zweiten Weltkrieg zahlreiche allgemeine Friedensappelle, wobei er klare Schuldzuweisungen konsequent vermied und keine Kriegspartei namentlich nannte. „Man darf jedoch auch die Pflicht des Papstes zur politischen Neutralität nicht vergessen, die ihm von der Natur seines Amtes her auferlegt ist; schließlich ist er nicht nur Oberhaupt eines militärisch neutralen Staates, sondern in erster Linie Priester und Pontifex maximus“.6

Am 14. September 1939 beklagte Pius XII. erstmals den Kriegsausbruch und erklärte seine Absicht, einen für alle Beteiligten ehrenhaften Frieden zu vermitteln. Dies wiederholte er bis zum Kriegsende öfter. Am 26. September 1939 nannte er den Krieg eine „entsetzliche Gottesgeißel“ und hoffte auf Frieden durch „versöhnenden Ausgleich“, der auch der katholischen Kirche künftig „größere Freiheit“ schenken möge.

Stellungnahmen und Proteste zugunsten der Juden

Als 1941 die ersten Informationen von der Deportation tausender Juden an den Heiligen Stuhl vordrangen, benutzte Pius XII. die Gelegenheit der jährlich in aller Welt beachteten Weihnachtsbotschaft zu einer ersten öffentlichen Stellungnahme, indem er sagte: „Unser Segen […] dringe in herzlicher Innigkeit zu all denen, welche die Hauptleidträger dieser Notzeit sind.“7 Noch deutlicher wurde er in der Weihnachtsbotschaft des folgenden Jahres vom 24. Dezember 1942. Der Papst spricht darin von „den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind“.8 Auch das Naziregime konnte sich nicht über diese unmissverständliche öffentliche Kritik hinwegtäuschen. Ein Meisterwerk „klerikaler Verfälschung“ sei diese päpstliche Rede, und es sei klar, dass Pius XII. hier als Fürsprecher der Juden auftrete, so ein interner Bericht des Reichssicherheitshauptamts vom 22.1.1943.

Pius XII. aber war fest entschlossen, auch in Zukunft seine Stimme zu erheben, wo dies möglich war, ohne das Leid nicht zu vergrößern. So nahm er am 2. Juni 1943 die Gelegenheit wahr, „in seiner Dankansprache für die Namenstagsglückwünsche der in Rom versammelten Kardinäle nochmals ‚mit besonders inniger und bewegter Anteilnahme‘ für die Juden Stellung zu nehmen, um ‚den Bitten derjenigen Gehör [zu] schenken, die sich mit angsterfülltem Herzen flehend an Uns wenden. Es sind dies diejenigen,‘ so der Papst weiter in ganz ähnlichen Worten wie an Weihnachten 1942, ‚die wegen ihrer Nationalität oder ihrer Rasse von größerem Unheil und stechenderen und schwereren Schmerzen gequält werden und auch ohne eigene Schuld bisweilen Einschränkungen unterworfen sind, die ihre Ausrottung bedeuten.‘9 An diese war die Ansprache zwar nicht gerichtet, jedoch zur Veröffentlichung in den Actae Apostolicae Sedis bestimmt und somit für jedermann einsehbar.

Hilfsaktionen für die römischen Juden

In erster Linie sah aber der Papst auf Grund des bestialischen Ausmaßes der Judenverfolgung

für sich und seine Mitarbeiter die Verpflichtung, alles zu tun, ‚was in unseren Kräften steht, um das Volk Israel zu retten.‘10 Doch angesichts der Wirkungslosigkeit des größten Teils seiner Proteste erkannte er schnell: ‚Nicht klagen, sondern handeln ist das Gebot der Stunde.‘1112

Diese Erkenntnis erwies sich als besonders wirksam, als nach dem Sturz Mussolinis deutsche Truppen unter Feldmarschall Kesselring am 10. September 1943 Rom besetzten, „was für die ca. 9600 Juden, die damals in der Stadt lebten […] eine immense Gefahr bedeutete.“13 Bis zum 4. Juni 1944 (D-Day, Landung der Alliierten) setzte sich Pius XII. persönlich in vielfältiger Weise für die verfolgten Juden in Rom ein, wobei vor allem die Öffnung der Klöster und kirchlichen Einrichtungen für alle Verfolgten hervorzuheben ist.14 „Nach dem Einmarsch der Deutschen in Rom traf der Papst angesichts der drohenden Gefahr für die Juden eine sehr wichtige Schutzmaßnahme: ‚Pius XII. hatte wissen lassen, die kirchlichen Häuser könnten und sollten flüchtigen Juden Unterschlupf gewähren‘15, und hob dazu die Klausur der Klöster und Konvente auf, zwei Wochen später auch die kanonischen Schranken, sodass ‚Männer in Nonnenklöstern bzw. Frauen in Männerklöstern aufgenommen werden konnten.‘16 So haben 100 Frauen- und 45 Männerklöster sowie zehn Pfarreien Roms, aber auch zahlreiche andere kirchliche Einrichtungen wie die Päpstliche Universität Gregoriana oder das Päpstliche Bibelinstitut, vor allem aber die exterritorialen, zum Vatikanstaat gehörenden Gebäude im Lateran, in Santa Maria Maggiore und St. Paul vor den Mauern, den Verfolgten ihre Türen geöffnet und ‚während der ganzen deutschen Besatzungszeit etwa 5000 Juden Obdach‘17 geboten.

Im Vatikan selbst ‚gewährte der Heilige Vater persönlich für einige Dutzend römische Juden Schutz und Hilfe‘18; offenbar kamen dort aber noch wesentlich mehr unter, deren Zahl jedoch nicht mehr ermittelt werden kann, da sie dort ‚nur illegal sein konnten und man deshalb nicht von ihnen sprach‘19. Sogar den Apostolischen Palast in Castel Gandolfo, seine Sommerresidenz, ließ der Papst für die Verfolgten öffnen, sodass dort etwa 3000 Juden unterkommen konnten. Im Großen und Ganzen wurde die Exterritorialität der Gebäude von den Nationalsozialisten respektiert, sodass die Juden dort wirklich in Sicherheit waren. Durch diese unmittelbar von Pius XII. ausgehende Aktion konnten somit 85 % der 9600 in Rom lebenden Juden von der Kirche versteckt und so vor der Deportation bewahrt werden.20 Aber auch auf andere Weise half der Papst den römischen Juden nach Kräften.“21

Fortsetzung folgt. 

***

Buchempfehlung: Markus Schmitt: Das „Schweigen“ Pius’ XII. zur Judenverfolgung im Spiegel von Selbstzeugnissen und Äußerungen seiner Mitarbeiter und Vertrauten, Aadorf 2008

Rezension hier: http://www.kath.net/news/25384

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Mit Bonhoeffer ins neue Jahr

von Rut Müller

Rut

Rut Müller lebt in Berlin und wurde über die Lektüre der „Brautbriefe Zelle 92“ auf den protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer aufmerksam, der sie als Katholikin überrascht und tief beeindruckt hat.

Am Jahresende schauen wir üblicherweise zurück auf die vergangenen Wochen und Monate, ziehen eine Bilanz. Die meisten Menschen machen daraufhin gute (?) Vorsätze für das neue Jahr. Erstaunlich oft sind diese Vorsätze identisch mit denen des vorjährigen Silvestertages. Sobald wir uns über diese traurige Tatsache klarwerden, denken wir: „Aber im nächsten Jahr schaffe ich das bestimmt! 2016 werde ich mich zweifellos hier und da zum Besseren verändern, meinen Karriereweg konsequenter beschreiten, mich adäquater verhalten und zurückkehren zu manchem, was sich bewährt hat.“

Wir Katholiken hatten übrigens im Dezember schon zweimal Gelegenheit, den Beginn eines neuen Jahres zu feiern: Am ersten Adventssonntag, dem 29. November, begann das neue Kirchenjahr, neun Tage später, am 8. Dezember, ein außerordentliches Heiliges Jahr, welches Papst Franziskus bereits am 12. April ausgerufen und der Barmherzigkeit gewidmet hatte. Ob dieses Heilige Jahr zur wirklichen und wahrhaften Heiligung der Christenheit gereicht und so zu einer nachhaltigen Verbesserung der „Lebenswirklichkeiten“ in den Gesellschaften führen wird… – nun, das entscheidet sich zum einen im Herzen jedes einzelnen Gläubigen, an deren Bereitschaft, Barmherzigkeit dort zu üben, wo sie vonnöten und möglich ist; entscheidet sich aber auch an der Bereitschaft, die angebotene Barmherzigkeit anzunehmen, sich von ihr aufrichten und neu ausrichten zu lassen.

Spätestens seit den Pariser Anschlägen dürfte das unbeschwerte Vertrauen in das neue Jahr nachhaltig erschüttert sein. Hinzu kommt, dass die Flüchtlingsströme, über die rund um die Uhr berichtet wird, zwangsläufig gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen werden. An die Stelle von Zuversicht tritt deshalb wahrscheinlich bei vielen Leserinnen und Lesern eine Beklemmung. Kann Deutschland den Flüchtlingsstrom ohne Europa bewältigen? Wie stark wird sich der Islam aufgrund der demografischen Entwicklung in zehn oder zwanzig Jahren in Deutschland präsentieren, nachdem Hundertausende junge muslimische Flüchtlingsfamilien einer Gesellschaft zugeführt worden sind, die bereits zu 35% konfessionslos ist, in der 90% der Frauen die Erwerbstätigkeit der Kindererziehung vorziehen bzw. aufgrund des Status „Alleinerziehend“ vorziehen müssen, fast 80% der Frauen erst nach der Stabilisierung ihrer beruflichen Karriere Mutter werden möchten und sich zudem durch mehr als ein oder zwei Kinder überfordert fühlen. Von den potentiellen Vätern ganz zu schweigen, die in Kindern häufig nur Spaßbremsen und Kostenfaktoren sehen.

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