Von Georg Dietlein

Gemälde von Matthias Grünewald, 16. Jahrhundert

Am Karfreitag werden wir in unseren Kirchen wieder die Liturgie vom Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus begehen. Das, was wir da lesen, hören und betrachten, ist keine Erfindung, sondern hat sich tatsächlich so, vermutlich im Jahr 30 nach Christus, historisch ereignet. Einen guten Einblick in die letzten Stunden des „historischen“ Jesus von Nazareth geben uns die Zeugnisse seiner Grablegung. Werfen wir einen Blick auf die großen Ikonen des Christentums: das Grabtuch von Turin, das Schweißtuch von Oviedo und den „Schleier“ von Manoppello. Die gut erhaltenen und seit langer Zeit verehrten Textilien zeigen den Leichnam und das Gesicht eines gekreuzigten und mit Wunden übersäten Mannes. Über die Authentizität der Zeugnisse ist in den letzten Jahrzehnten viel gestritten worden. Abschließend ist die Frage der Echtheit nicht geklärt. Vieles deutet aber doch darauf hin, dass die drei Ikonen mit den historischen Grabtüchern Jesu übereinstimmen, die das Johannesevangelium nennt:

„Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle“ (Joh 20, 6f.).

Auf dem hellen Grabtuch von Turin, das den gesamten Körper Jesu bedeckt haben soll, lässt sich mit dem bloßen Auge kaum etwas erkennen. Die Abdrücke eines Körpers wurden hier erst in der Neuzeit mittels Fotografie und Negativabdrucks erkennbar. Eines ist klar: Die Spuren auf dem Tuch sind nicht aufgemalt. Es sind Lichtspuren ohne Farbe, keine Blutspuren. Sie schweben gleichsam auf dem Stoff und müssen durch die wundersame Einwirkung eines Menschen auf das Tuch entstanden sein. Wenn man das Tuch noch weiter untersucht, fallen geheimnisvolle Schriftzeichen auf, die aus dem ersten Jahrhundert stammen. Die Abdrücke des heiligen Antlitzes stimmen zwischen Turin, Oviedo und Manoppello überein. Die Wunden auf den Tüchern sind genau dieselben, als hätten die Tücher aufeinandergelegen oder nacheinander das Antlitz Jesu bedeckt. Selbst im Abbild der durch die Dornen verursachten Kopfwunden sind die Tücher identisch, die jeweils Pollen aus der Gegend von Jerusalem aufweisen, die im März und April blühen, also genau zu jener Jahreszeit, als Jesus gekreuzigt wurde. An den Fußsohlen und den Knien des Gekreuzigten fand man Straßenstaub, der mit dem in Jerusalem zu findenden Aragonit identisch ist. Und an einem Augenlied entdeckte man eine Münze, die einer Fehlprägung des Pilatus aus dem Jahr 29 / 30 entspricht. Eine Blutprobe des Umhüllten ergab die im vorderen Orient weit verbreitete, in Europa nur sehr seltene Blutgruppe AB. Und auch der Weg des Bluttuches von Oviedo lässt sich gut anhand von Pollenproben aus dem Heiligen Land über Nordafrika nach Spanien verfolgen. Dieser Weg des Tuches von Jerusalem nach Spanien lässt sich aufgrund von Schriftzeugnissen bis ins siebte Jahrhundert zurückverfolgen. Eine ganz genaue Erklärung, wie die Spuren des Gekreuzigten auf die Tücher gekommen sein können, ist zwar bisher noch nicht gefunden worden. Vieles spricht aber dafür, dass die drei Tücher mit dem Körper Jesu von Nazareth in direkter Berührung standen. Allein das Grabtuch von Turin ist ein so komplexes und kaum durchschaubares historisches Zeugnis, dass es sich kaum durch Fälschung oder Reproduktion von Menschenhand erklären lässt.

Das Turiner Grabtuch, Fotografie des Gesichts, Positiv links, rechts Negativ (Kontrast etwas verstärkt)

Wie sind also der Leidensweg und die Grablegung Jesu Christi verlaufen? Über den Kreuzweg Jesu verraten die historischen Zeugnisse nur relativ wenig: Am Hinterhaupt des Gekreuzigten finden sich die Spuren einer Dornenkrone, die gleichsam wie eine Haube auf sein Haupt gesetzt wurde. Der gesamte Körper des Gekreuzigten ist mit Wunden übersät, vor allem viele kleinere, aber tiefe Wunden von der Geißelung sowie Schürfwunden an den Knien, die durch ein Fallen des Gekreuzigten zu erklären sind. Jesus ist vermutlich durch Ersticken in vertikaler Lage gestorben. Dies belegen die Flecken auf den Grabstüchern Jesu, die aus Blut und ödematöser Lungenflüssigkeit bestehen. Solche Flüssigkeit sammelt sich nach einem Tod durch Ersticken in der Lunge an. Vor diesem Horizont wird auch der Bericht des Evangelisten Johannes näher verständlich, der davon berichtet, aus der geöffneten Seite Jesu traten Blut und Wasser hervor.

Der Schrein, in dem das Schweißtuch von Oviedo aufbewahrt wird

Die forensische Auswertung der Blutflecken auf den Grabtüchern ergibt, dass Jesus nach seinem Tod noch etwa eine Stunde am Kreuz hing. In dieser Zeit erwirkte möglicherweise der einflussreiche Ratsherr Josef von Arimathäa beim römischen Statthalter Pontius Pilatus die Erlaubnis, Jesus vom Kreuz ab- und an sich zu nehmen. Von ihm berichten alle vier Evangelien einheitlich (Mt 27, 57 – 60; Mk 15, 43 – 46; Lk 23, 50 – 54; Joh 19, 38 – 42). Es entsprach jüdischer Sitte, das Antlitz eines Toten unmittelbar zu bedecken. So könnte es auch bei Jesus gewesen sein. Während Jesus noch eine Stunde am Kreuz hing, befestigte man ein Tuch mit Dornen an seinem Kopf. Jesus trug seine Dornenkrone wohl also den gesamten Kreuzweg lang bis hin ans Kreuz.

Eine Stunde nach seinem Tod erfolgte die Kreuzabnahme. Hier wird man Jesus vermutlich bereits in ein Leinentuch gewickelt haben. Wieder eine Stunde später trug man Jesus vom Berg Golgota hinab zu seinem Grab, das nicht weit von der Schädelstätte entfernt gelegen haben kann. Das Schweißtuch von Oviedo belegt, dass beim Abstieg vom Berg Golgota aufgrund der Schieflage Blut aus den Lungen und dem Herzen Jesu durch seine Nase nach außen trat. Da Blut nach jüdischer Anschauung Sitz der Seele und des Lebens ist, darf es bei einem Verstorbenen nicht einfach vom Leichnam getrennt werden. Eine Frau – vielleicht war es Maria aus Magdala – hat offensichtlich mit starkem Druck die Nase Jesu zusammengepresst, um den Blutfluss zu unterbinden. Die Fingerabdrücke und Blutflecken sind noch heute auf dem Schweißtuch Jesu zu erkennen, das Petrus nach der Auferstehung im Grab Jesu fand.

Schleier von Manoppello

Beim Grab Jesu angekommen hat man seinen Leichnam provisorisch gewaschen. Die Salbung mit wohlriechenden Ölen, Myrrhe und Aloe soll erst später, nach dem Sabbat, erfolgen, denn es ist schon Abend. Man legt Jesus, umwickelt mit Leinentüchern, und das Schweißtuch in seine Grabeshöhle und verschließt es mit einem Stein. Nun beginnt die Zeit des Wartens bis zum Tag nach dem Sabbat. Denn so schreibt es die jüdische Ordnung vor.

Nach diesem „historischen Kreuzweg“ bleibt aber noch eine Frage offen, die Ostern geradezu vorwegnimmt: Wie kamen die Spuren Jesu von Nazareth, seines Körpers und seines heiligen Antlitzes, auf das Grabtuch von Turin, wenn man eine Verfärbung von weniger als einem Mikrometer nicht einfach auf Stoff malen kann? Wie konnte es dazu kommen, dass ein dreidimensionaler Körper ein solch klares Bild erzeugt und der Leichnam spurlos aus den Tüchern verschwinden konnte? – Bei einem Blick unter dem Mikroskop wird deutlich, dass die Spuren auf dem Grabtuch dreidimensionaler Natur sind. Sie stammen von einem dreidimensionalen Objekt, das seine Umrisse auf dem Tuch als Mikrospuren von 0,2 Mikrometern hinterlassen hat, nicht verwest ist und später in sich zusammensackte – fast als wäre das Objekt einfach verschwunden, wie bei einer Auferstehung. Eine Reihe von Forschen (Prof. John Jackson, Prof. Fanti aus Padua, Prof. Eberhard Lindner aus Karlsruhe) vermuten, die minimalen Verfärbungen bzw. Vergilbungen auf der Oberfläche des Tuches seien durch eine von dem betreffenden Objekt ausgehende starke Strahlung auf das Grabtuch gekommen. Eine chemische Reaktionen des Tuches mit einem menschlichen Körper, einem Relief oder einem anderen Objekt scheiden jedenfalls aufgrund der minimalen Tiefe der Verfärbungen auf den obersten Fasern des Tuches aus. Vielmehr sind auf dem Tuch nicht nur die Abdrücke der Oberfläche eines menschlichen Körpers zu erkennen, sondern sogar eine Spiegelung der Knochen, fast wie bei einer Aufnahme durch Röntgen-Strahlung, sowie die Spiegelung zweier Münzen auf den Augen des Gekreuzigten. Im Übrigen finden sich an der Oberfläche des Tuches keine Verwesungsspuren. Sicher ist, dass das Bild auf dem Tuch erst nach den Blutflecken, also nach der Grablegung des blutenden Körpers entstanden ist. Unter den Blutflecken wurde nämlich keine Verfärbung festgestellt. Die Vergilbung des Tuches kann allein auf eine starke Strahlung zurückgeführt werden, die nach der Grablegung vom Leichnam selbst ausgegangen ist. Das Bild entstand, als das Tuch durch den Körper hindurchfiel, weil sich dieser in Energie umwandelte und Strahlung abgab.

Pieter Lastman, Kreuzigung (1616) – Bildquelle: http://www.rembrandthuis.nl

Die Leinentücher Jesu sind geheimnisvolle Zeugnisse der realen und historischen Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und zugleich Hinweise auf seine Auferstehung. Der Glaube daran, dass Jesus Christus in der Nacht zum Ostersonntag aus dem Grab erstanden ist, liefert uns eine Erklärung für unsere offene Frage: Die Kraft und der Glanz der Auferstehung haben die Spuren des Leichnams Jesu gleichsam auf das Grabtuch gebrannt. Sie sind daher für uns bis heute erhalten. Unabhängig davon, wie genau man sich das historische Ereignis der Auferstehung vorstellt: Ganz spurlos wird dieser unbeschreibliche Akt des Eingreifens Gottes in seine Schöpfung nicht an der Grabeshöhle vorbeigegangen sein. Vielleicht dürfen wir uns den auferstandenen Leib Christi so vorstellen wie den Leib seiner Verklärung: Von ihm ging ein helles Licht aus, eine „starkstromähnliche“ und blitzartige Strahlung, die im Grabtuch von Turin bis in diese Zeit hinein seine Spuren hinterlassen hat und an Ostern immer wieder in unseren Herzen leuchtet. „Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee“ (Mt 28, 3). „Denn wie der Blitz bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein“ (Mt 24, 27). Oder mit den Worten von Papst Benedikt XVI. zum Grabtuch von Turin: „Dies ist das Geheimnis des Karsamstags: Genau von dort, in der Dunkelheit des Todes des Sohnes Gottes, kommt das Licht einer neuen Hoffnung, das Licht der Auferstehung. Und mir scheint, dass wir bei der Betrachtung dieses heiligen Leinens mit den Augen des Glaubens etwas von diesem Licht erheischen.“