Die Wahrheit über die Kreuzzüge

Die Wahrheit über die Kreuzzüge

Von Katharina Weinhardt | letztes Update: 25.01.2021

Es scheint heute allgemeiner Konsens zu sein, dass die Kirche im Mittelalter unter dem Deckmantel der Religion in sich ungerechtfertigte und brutale Kreuzzüge geführt habe, die – so die gängige Meinung – in Wahrheit lediglich der Sicherung politischer Machtstrukturen dienten. Oft wird dabei der Islam dem Christentum gegenübergestellt mit der Unterstellung, dass beide Religionen einheitlich grausam in ihren Eroberungskriegen vorgegangen seien. Diese Hypothese nützt der islamischen Religion insofern, dass heutige gewaltsame Ausschreitungen mit dem Verweis auf die Kreuzzüge verharmlost und relativiert werden können. Zudem soll dabei möglichen Kritikern suggeriert werden, dass religiös motivierte Handlungen im Allgemeinen erst im Nachhinein als gut oder schlecht bewertet werden können und es die Aufgabe der Gesellschaft sein müsse, diese Ausschreitungen an unseren heutigen zivilisatorischen Werten zu messen, wie dies z. B. im Christentum bereits geschehen sei.

Das Christentum kennt das Recht auf Notwehr und Selbstverteidigung, doch es stellt sich die Frage, in welchen Bereich die Kreuzzüge eingeordnet werden müssen: Waren sie Angriffskriege? Akte der Aggression und der religiösen Intoleranz den Muslimen gegenüber? Oder war der Entschluss zu den Kreuzzügen doch vielschichtiger und mit dem Glauben mehr vereinbar als allgemein angenommen?

Dieser Artikel über die Kreuzzüge soll jenseits der öffentlichen Meinung darüber, die leider oft eine Diskreditierung des Christentums zum Zweck hat, Fakten und Informationen offenlegen, die zu einer differenzierten Betrachtung der Kreuzzüge anregen können. Dabei geht es nicht darum, Schuldzuweisungen oder Anklagen zu formulieren, sondern zu versuchen, dem Leser einen detaillierten Einblick in die einzelnen historischen Geschehnisse zu ermöglichen.

Wie alles begann

Die Erfahrung lehrt uns, dass alle Dinge immer in ihrem jeweiligen Kontext gesehen werden müssen. Jeder, der sich ein objektives Urteil über bestimmte Kapitel der Vergangenheit bilden möchte, muss dabei auch die Vorgeschichte der jeweiligen Ereignisse mit in Betracht ziehen. Somit fängt unsere Schilderung der Kreuzzüge mit der Entstehung des Islam an.

Mohammed, um 570 n. Chr. in Mekka als Sohn eines kleinen Kaufmanns geboren, verdiente sein Geld als Viehhüter und Kameltreiber im Dienst einer reichen Kaufmannswitwe, der heterodoxen Christin Chadidscha, die schließlich seine erste Frau wurde.

Auf seinen vielen Reisen lernte Mohammed von Juden, Christen und Gnostikern einige Elemente ihrer Religionen kennen. Der Monotheismus erschien ihm – im Gegensatz zu dem damaligen arabischen Götzenkult – als einzig wahre Religion. Einige Jahre später gab er an, Visionen zu haben, von denen er glaubte, sie seien Offenbarungen des Erzengels Gabriel. Diese Visionen erfolgten nach starken Krampfanfällen und waren mit Zuständen der Bewusstlosigkeit verbunden. Die Offenbarungen erstreckten sich über einen Zeitraum von 22 Jahren und fanden ihre Zusammenfassung in schriftlicher Form im Koran.

Mohammed berief sich darauf, dieselbe Religion zu verkünden wie einst Moses und Jesus. Er warf aber gleichzeitig den Juden und Christen vor, ihre einst wahre Religion im Laufe der Zeit verfälscht zu haben. Nun fühlte sich Mohammed – bestärkt durch seine Visionen – als Prophet berufen, seine Religion zu verkünden. Er fand in seiner Heimatstadt jedoch nicht viele Anhänger. Nur die engsten Familienangehörigen Mohammeds schlossen sich ihm an. Die Adelsgeschlechter von Mekka bedrohten den Unruhestifter mit dem Tode, sodass er 622 mit wenigen Anhängern nach Medina fliehen musste. Dort sammelte er neue Anhänger um sich und zog mit einer gut ausgebildeten Armee gegen Mekka.

Seit der Eroberung Mekkas erklärte Mohammed den Dschihad (den „Heiligen Krieg im Namen Gottes“) als ein legitimes Mittel zur Verbreitung der Religion. Christen sollten sich entweder bekehren, Steuern zahlen oder durch das Schwert sterben: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten!“ (Sure 9,29).

In Mekka hatte sich Mohammed als religiösen Propheten gesehen, in Medina aber zugleich auch als politischen Führer. Deshalb begründete er nicht nur eine neue Religion (Islam = „Unterwerfung“), sondern auch ein neues Staatswesen. Die unterworfenen Heiden wurden dabei zur Annahme seiner Religion gezwungen, Juden und Christen zur Entrichtung von Abgaben. Wer diese Bedingungen erfüllte, wurde verschont, wer Widerstand leistete, wurde getötet.

Die Verbreitung des Glaubens durch den „Heiligen Krieg“ wurde im Koran zur Pflicht eines Moslems erklärt: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf. Wenn sie jedoch in Reue umkehren und das Gebet verrichten und die Steuer zahlen, lasst sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig“ (Sure 9,5). „Und kämpft gegen sie, bis niemand (mehr) versucht, (Gläubige zum Abfall vom Islam) zu verführen, und bis nur noch Allah verehrt wird!“ (Sure 8,39a).

Dem gefallenen Krieger wurde das Paradies versprochen, dem Überlebenden eine großzügige Belohnung: „Und so soll auf Allahs Weg kämpfen, wer (unter den Gläubigen) das irdische Leben für das Jenseits verkauft. Und wer auf Allahs Weg kämpft, ob er nun fällt oder siegt, wahrlich, dem geben Wir gewaltigen Lohn“ (Sure 4,74); „Allah hat ihnen Gärten (das Paradies) bereitet, durcheilt von Bächen, ewig darin zu verweilen. Das ist die große Glückseligkeit!“ (Sure 9,89).

Der Aufruf im Koran, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, wurde von Mohammed und seinen Nachfolgern umgesetzt. 70 Jahre nach Mohammeds Tod breitete sich das islamische Reich bis zum Altantischen Ozean aus. Zuerst wurde das Perserreich eingenommen, dann folgten Palästina mit Jerusalem, Syrien, Ägypten und Nordafrika bis Spanien und Frankreich. Die Existenz des Christentums und der abendländischen Kultur stand auf dem Spiel.

Die wenigsten wissen heute, dass Sizilien rund 200 Jahre lang arabisch war, dass sich Araber (Sarazenen) für lange Zeit in Süditalien und Südfrankreich aufhielten, dass sie im 9. Jahrhundert Marseilles plünderten, einen Angriff auf Rom unternahmen, den Kirchenstaat und das Gebiet um Genua verwüsteten, das Kloster von Monte Cassino zerstörten und Streifzüge über die Alpenpässe bis ins Wallis hinein und bis nach Sankt Gallen durchführten. Immer wieder wurde die Mittelmeerküste Italiens von arabischen Raubzügen heimgesucht.

Als die Moslems 638 unter ihrem zweiten Kalifen, Mohammeds Gefolgsmann Umar, Jerusalem eroberten, leisteten die Christen keinen Widerstand. Die Moslems zeigten sich tolerant und die unterworfenen Christen und Juden wurden als „Schriftbesitzer“ in islamischen Staaten weitgehend geschont. Sie durften ihren Besitz behalten, vorausgesetzt, sie entrichteten die Grundsteuer an die Moslems.

Diese noch annehmbaren Verhältnisse änderten sich unter der Herrschaft des schiitischen Kalifen al-Hakim aus der Dynastie der Fatimiden. Er rächte sich bei den in seinem Reich lebenden Christen für das Scheitern seines Angriffs auf Byzanz: Öffentliche Prozessionen wurden fortan verboten, Christen wurden aus allen öffentlichen Ämtern verdrängt oder zur Annahme des Islam gezwungen. Rund 30.000 Kirchen wurden enteignet oder geplündert und auf seinen Befehl hin geschah auch das Ereignis, das die gesamte christliche Welt zutiefst erschütterte: die Zerstörung der Grabeskirche (1009 n. Chr.), bei der der Patriarch in den Flammen ums Leben kam. Diese Zerstörung eines ihrer wichtigsten Heiligtümer löste bei den Christen des Abendlandes verständlicherweise große Empörung und Verbitterung aus, doch das allein war noch nicht der Auslöser für den ersten Kreuzzug.

Wallfahrten waren schon seit frühesten Zeiten des Christentums üblich. Durch die fortschreitende Islamisierung wurden die Pilgerwege aber zunehmend unsicherer. Im Jahre 1054 wurde der Pilgerzug des Bischofs von Cambrai bei Antiochia zur Umkehr gezwungen. Bald darauf waren die Ostchristen wie auch Pilger ins Heilige Land einer weiteren Gefahr ausgesetzt: den Seldschuken. Obwohl das kriegerische Nomadenvolk aus Innerasien – die Vorfahren der Türken – selbst Moslems waren, fielen sie in Persien ein und stürzten 1055 den Kalifen von Bagdad, schlugen 1071 die Byzantiner, eroberten 1076 Syrien, 1077 Jerusalem und töteten letztendlich gegen ihr Versprechen 3000 moslemische Zivilisten.

Als sich die Seldschuken ein mächtiges Reich in Kleinasien errichtet hatten, verwehrten sie den Pilgern den Zutritt zur Heiligen Stadt. Erzbischof Wilhelm von Tyrus, der Verfasser der Hauptwerke über die Kreuzzüge und unsere wichtigste Quelle zur Geschichte der Kreuzzüge, schrieb folgende Zeilen: „Aber die Armen, die auf der langen Wanderschaft alles verloren hatten und kaum mit heilen Gliedern an ihr Ziel gekommen waren, woher sollten sie nehmen, was ihnen als Tribut abgefordert wurde? Da lagen nun Tausende von ihnen, des Eintritts harrend, zusammengepfercht vor den Toren der Stadt, nackt und hungernd; lebend wie tot waren sie den Bürgern eine Last … Wenn sie ihren Gottesdienst hielten, stürmten die Ungläubigen tobend in die Kirche, setzten sich auf die Altäre, warfen die Kelche um, rissen den Patriarchen an Haaren und Bart zu Boden.“

Trotzdem waren die Christen nicht gewillt, die Heilige Stadt aufzugeben. Im Jahre 1064 wurde eine große Wallfahrt nach Jerusalem zum Osterfest 1065 veranstaltet. Am Karfreitag wurden die Wallfahrer bei Caesarea angegriffen und das Massaker dauerte bis Ostern. Die Mehrheit der Pilger war unbewaffnet. Tausende von ihnen starben, darunter auch Frauen und Kinder.

Der erste Kreuzzug (1096–1099)

Kaiser Alexios I. Komnenos wusste, dass das Byzantinische Reich in seinem Fortbestand bedroht war. Die Eroberung Jerusalems durch die Seldschuken, die damit verbundene Erschwerung des Zugangs zu den heiligen Stätten sowie die Bedrohung des Oströmischen Reiches durch die neuen Herren Kleinasiens gaben Anlass zur Sorge. In seiner Bedrängnis richtete er – trotz des Schismas – einen Hilferuf an das Abendland. Der Chronist Bernold von St. Blasien hielt fest, wie „der Kaiser von Konstantinopel den Herrn Papst und alle Christgläubigen inständig anflehte, ihm einige Hilfe gegen die Heiden zur Verteidigung der Heiligen Kirche zu bringen, welche die Heiden in jenen Gegenden schon fast vernichtet hatten, da sie jene Gegenden bis an die Mauern von Konstantinopel eingenommen hatten.“  Dieser Hilferuf war der offizielle Anlass zum ersten Kreuzzug.

Auf der Synode von Clermont-Ferrand forderte Papst Urban II am 27.11.1095 die Christenheit zur Befreiung des Heiligen Grabes auf. Er schilderte die Lage der Christen im Orient, von der Entweihung und Zerstörung ihrer Kirchen bis hin zur Bedrohung und Ermordung der Pilger und Christen vor Ort.

Sein Hilfeaufruf zeigte große Wirkung! Da die christliche Lehre das Recht auf Notwehr und Selbstverteidigung kennt, versprachen Papst und Bischöfe feierlich, „Hilfe zu leisten gegen die Bedrohung durch die Heiden“. Von den europäischen Großmächten nahm niemand teil, der erste Kreuzzug war alleinige Werk Urbans II.

Die soziale Schicht, die der Papst zum Kreuzzug aufrief, war die abendländische Ritterschaft. Im frühen Mittelalter als Stand berittener Krieger entstanden, war sie aufs Engste mit der frühmittelalterlichen Heeresorganisation verbunden. Im Unterschied zum Heer kämpften die Ritter jedoch nicht in der Kolonne, sondern fochten im Einzelkampf. Später entwickelte sich aus dem Rittertum die Aristokratie.

Nach einer 14-jährigen Ritterausbildung, zu der wesentlich auch die Erfahrung von Kampf und Krieg gehörte, ist anzunehmen, dass es zu einer gewissen Verrohung der Gepflogenheiten und Sitten innerhalb der Ritterschaft kam. Gegen diese Missstände setzte die Kirche alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel ein und rief den Rittern unermüdlich die moralischen Grundsätze des Evangeliums wieder in Erinnerung. In seiner berühmten Ansprache in Clermont äußerte sich der Papst folgendermaßen: „Ihr, die ihr Witwen und Waisen beraubt, die Unschuldigen unterdrückt, die Kirchen mit Waffengetümmel erfüllt und entehrt …, legt ab den Gürtel eines solchen Rittertums, das von Gott fern ist, werdet Ritter Christi und eilt herbei zum Schutz der morgenländischen Kirche“ .

Papst Urban II beließ es aber nicht nur bei Ermahnungen, sondern er schloss auch zwei Abkommen. Beim sog. „Gottesfrieden“ erklärten sich die Ritter bereit, die Leiden des Krieges von denjenigen abzuwenden, die sich nicht selbst verteidigen konnten. Der andere Vertrag, die Treuga Dei (der „Waffenstillstand Gottes“), bestimmte, dass Kriegshandlungen in gewissen Zeiträumen untersagt waren.

Mit der Zeit gelang es dem Papst, die aristokratische Kriegerkaste wieder zu christianisieren, und aus den ehemals gewalttätigen Feudalherren bildeten sich die Kreuzfahrer.

Heute werden den Rittern oft niedere Motive für den Entschluss zur Teilnahme am Kreuzzug unterstellt. Eine besonders oft gegen sie vorgebrachte Anschuldigung ist die der Hab- und Ehrsucht. Dagegen spricht die Tatsache, dass für die Teilnahme am Kreuzzug keine materiellen Belohnungen in Aussicht gestellt wurden. Im Gegenteil: Der Papst stellte im Dekret des Konzils von Clermont eindeutig klar: „Nur, wer aus Frömmigkeit und nicht zur Erlangung von Ehre und Geld zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem aufgebrochen ist, dem soll die Reise auf jede Buße angerechnet werden.“

Große, wohlhabende Persönlichkeiten nahmen am Kreuzzug teil, darunter Robert von Flandern, Raimund von Toulouse, Gottfried von Bouillon u. v. m. Viele der Kreuzritter verkauften und verpfändeten nahezu ihren gesamten Besitz zugunsten des Kreuzzugs. Angesichts all jener enormen persönlichen Aufwendungen können Habgier und Ruhmsucht als Motivation nicht infrage kommen und man kann getrost auf jene überlieferten Beweggründe für den Kreuzzug zurückgreifen, die unserer Gegenwart so unglaubwürdig erscheinen: Frömmigkeit und der Wunsch, für eine gerechte Sache zu kämpfen.

Die Ausgangssituation vor dem ersten Kreuzzug:

Die Moslems sind wortbrüchig geworden: Kirchen wurden massenhaft verwüstet und zerstört, Christen wurden drangsaliert, die Zukunft der christlichen Präsenz an den heiligen Stätten war massiv bedroht.

Das christliche Bruderland im Osten hatte in seiner akuten schwierigen Situation den Papst um Hilfe gebeten. Jede Verweigerung von Hilfe wäre einer unterlassenen Hilfeleistung gleichgekommen.

Der Volkskreuzzug

Es sei hier festgehalten, dass es bei dem ursprünglichen Kreuzzugsgedanken nie um Imperialismus, Kolonialismus oder Zwangsbekehrung der Moslems ging, sondern einzig und allein um das Überleben der Christen im Osten und die Sicherheit der Jerusalem-Pilger aus dem Westen. Exzesse, zu denen es in Verlauf des Kreuzzugs kam, erfüllten den Papst mit Abscheu und hatten mit der eigentlichen Kreuzzugsidee nichts mehr gemeinsam. An den großen Massenmorden, die bald stattfanden, hatten die großen Ritterheere keinen Anteil.

Während sich das gut organisierte Kreuzzugsheer zum Abmarsch bereit machte, entwickelte sich parallel eine andere Bewegung, welche nicht von der Kirche angedacht worden war: Noch ehe das Expeditionsheer losgezogen war, strebten – mehr unkoordiniert als geplant – mehrere Vorausabteilungen nach Konstantinopel. Die größte unter ihnen wurde als der „Volkskreuzzug“ bekannt.

Dieser wurde von Peter von Amiens, auch Peter der Einsiedler genannt, initiiert. Es sammelten sich am Rhein Haufen niedrigen Volkes, „Keusche und Unkeusche, Mörder, Diebe, Meineidige, Räuber“, wie der Chronist Albert von Aachen berichtet, Bauern und ganze Familien samt Kindern, insgesamt mehrere Zehntausend. Diese Volksmenge strebte nach Konstantinopel, wandte sich aber zuvor gegen die jüdische Bevölkerung in den rheinischen Städten. In ihrer falschen, primitiven Auffassung des Kreuzzugsgedankens, meinten sie, sie müssten die Ungläubigen umbringen. Und wozu denn in die Ferne reisen, wenn es davon genug im eigenen Land gab?

Überall am Rhein wurden die Judengemeinden von den Kaisern wie auch von den Bischöfen durchaus gefördert und beschützt. Der Bischof von Köln gewährte Tausenden von Juden in seinem Palast Zuflucht, doch die fanatisierten Massen schlugen die Tore ein und brachten die Juden um. Dasselbe geschah auch in Speyer, Mainz, Worms.

Schließlich doch in Kleinasien angekommen, wurden die Teilnehmer des Volkskreuzzugs im Jahre 1096 von den Seldschuken blutig niedergemacht.

Der Volkskreuzzug richtete enormen Schaden an und bereitete der großen und berechtigten Idee des Kreuzzuges Schande. Die Idee vom „Krieg im Namen Gottes“ wurde pervertiert. Der Kreuzzugsgedanke hatte – falsch aufgefasst – beim Volk Fanatismus ausgelöst und sich so verselbstständigt. Nicht einmal die Autorität der Kirche konnte den Massakern Einhalt gebieten.

Im Gegensatz zum Volkskreuzzug herrschte unter den Kreuzrittern eine weit bessere Ordnung und Disziplin, wofür die jeweiligen Führer genauestens Sorge trugen. So ließ beispielsweise Gottfried von Bouillon im Heer die Todesstrafe für Diebstahl und Raub androhen – eine Schutzmaßnahme für die Menschen der Städte und Dörfer, durch die das Heer ziehen würde.

Das rote, angeheftete Kreuz aus Stoff ermahnte die Ritter an ihre übernatürliche Bestimmung als Pilger und Büßer. Während des Marsches sangen sie geistliche Lieder, verrichteten religiöse Übungen und Gebete, beichteten wöchentlich, hielten hl. Messen und Andachten. Gerade der erste Kreuzzug atmete den Geist einer authentischen Spiritualität.

Der Zug bis ins byzantinische Hoheitsgebiet am Balkan verlief problemlos. Im Bezug auf die ersten militärischen Schritte waren sich der Kaiser und die Kreuzfahrer völlig einig: Um den Weg nach Jerusalem einschlagen zu können, müssen zunächst die Straßen durch Kleinasien freigemacht werden. So wurde im Sommer 1096 Konstantinopel für das byzantinische Heer wieder zurückerobert, ein Jahr darauf Kleinasien und – nach Monaten großer Bitterkeit und schwerer Verluste, Hunger, und Seuchen – auch Antiochien. Als das Heer im Jahre 1099 Jerusalem erblickte, brachen die Kreuzritter in Jubel und Freudentränen aus. Sie fielen nieder, dankten Gott für die überstandenen Mühsale, küssten den Boden und vergossen Tränen der Rührung. Der Berg, von dem sie das erste Mal Jerusalem gesehen hatten, hieß von nun an Mons Gaudii, Montjoye, „Berg der Freude“.

Zu Beginn des 11. Jahrhunderts war Jerusalem – trotz massiver Verfolgungen durch den Kalifen al-Hakim – immer noch überwiegend christlich. Als das Kreuzzugsheer die Stadt erreichte, musste der Großteil der Christen auf Geheiß der moslemischen Herrscher die Stadt verlassen. Es gab für die Christen in Jerusalem keine Verwendung mehr, denn als Kampftruppen gegen ein christliches Heer waren sie wohl nicht einsetzbar. Außerdem war ihnen das Waffentragen schon lange verboten gewesen. Bei ihrer Vertreibung wurde von ihnen eine Strafsteuer in Gold erpresst.

Die Verteidiger waren zahlenmäßig stärker als die Kreuzritter. Es gelang dem europäischen Heer lange Zeit nicht, in die Stadt zu einzudringen. In dieser Belagerungszeit herrschte großer Brotmangel im Heer. Das Holz für die Belagerungsgeräte fehlte ganz. Die Kreuzritter quälte der Durst, da die Moslems alle Quellen in der Umgebung der Stadt zerstört oder verunreinigt hatten. Von weit her musste das Wasser geholt werden, aber auch einige dieser Wassertransporte wurden von kleinen Trupps, die unbemerkt aus der Stadt geschickt wurden, überfallen.

Erst nach einer fünfwöchigen Belagerung gelang schließlich die Einnahme der Stadt und es kam zu einem entsetzlichen Straßenkampf. Von langen Kämpfen, Entbehrungen und Demütigungen der Feinde geprägt und in Mitleidenschaft gezogen, vergaßen die Kreuzritter ihren eigentlichen Auftrag: Es gab keine Schonung, alle wurden erbarmungslos niedergemacht.

Als die Ritter begriffen, was sie getan hatten, empfanden sie großen Abscheu vor dem angerichteten Blutbad. Daraufhin veranstalteten sie eine große Bußprozession und schritten unter Weinen und Seufzen zu den heiligen Stätten. Wilhelm von Tyrus berichtete: „Die einen bekannten dem Herrn die Sünden und gelobten, sie hinfort nicht mehr zu begehen; die anderen schenkten alles, was sie hatten, mit verschwenderischer Großmut den Armen und Gebrechlichen …“ . Das war das Ende des ersten Kreuzzuges.

Im zurückeroberten Gebiet wurden wieder die alten staatsrechtlichen Formen eingeführt und Gottfried von Bouillon zum Herrscher über Jerusalem ernannt. Er selbst verweigerte übrigens den Königstitel bzw. die Königskrone mit der Begründung, er sei nicht würdig, dort eine Königkrone zu tragen, wo Jesus Christus nur die Dornenkrone getragen habe. Stattdessen nannte er sich nur „Beschützer des Heiligen Grabes“.

Ritterorden

Nach der Gründung des Königreichs Jerusalem 1099 blieben nur wenige Kreuzfahrer im Heiligen Land. Die meisten kehrten wieder in ihre Heimat zurück. Die Mehrzahl der Bewohner blieb somit heidnisch und begegnete den nunmehr dort lebenden Christen mit Ablehnung und Hass. Das neugegründete Königreich war jedoch in sich schwach und litt stark unter den beständigen Angriffen der Moslems. Schon im ersten Monat nach der Zurückgewinnung Jerusalems griff der Sultan von Ägypten mit einem gewaltigen Heer an, wurde aber dennoch von Gottfried bei Askalon besiegt.

Aufgrund der ständigen Bedrohung benötigten die Christen eine stets kampfbereite Verteidigungstruppe. Diese Aufgabe fiel den Ritterorden zu.

Ritterorden verbanden das Mönchtum mit dem Rittertum. Ihre Aufgabe war es, Angriffe von außen abzuwehren, die Pilger unter militärischem Schutz in das Heilige Land zu begleiten, sie vor Überfällen zu schützen sowie Herbergen zur Verfügung zu stellen und sich um die medizinische Versorgung zu kümmern.

So entstanden im Laufe der Zeit verschiedene Orden, wie die Templer, die Johanniter, später auch die Malteser und die Marienritter. Die Mitglieder dieser Orden bildeten in drei Klassen: Ritter, Priester und dienende Brüder.

Mit Sätzen wie: „Nie mehr hat die religiöse Begeisterung für die Kreuzzugsidee eine solche Intensität erreicht wie beim ersten Kreuzzug“, beenden viele Autoren ihre Ausführungen über die Kreuzzüge. Sicherlich würde es den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Kreuzzüge bis ins Detail genau zu beschreiben. Aber ich möchte einen kurzen Überblick über die anderen Kreuzzüge geben.

Der zweite Kreuzzug (1147–1149)

1114 n. Chr. wurde Edessa, der östliche Eckpfeiler des christlichen Reiches im Orient, wieder durch die Moslems zurückerobert. Das Königreich Jerusalem verstand dies als ernsthaftes Warnsignal. Die darauf folgenden Entwicklungen im Heiligen Land ließen einen weiteren Kreuzzug notwendig erscheinen. Papst Eugen III. ließ den hl. Bernhard von Clairvaux für einen neuen Kreuzzug predigen. Diesem Ruf folgte diesmal auch der französische König Ludwig VII. und der deutsche König Konrad III.

In manchen Gegenden Deutschlands kam es hierdurch wieder vermehrt zu Judenverfolgungen, wahrscheinlich wegen einer bewussten Fehlinterpretation des Kreuzfahrergedankens. Der hl. Bernhard forderte in seinem Aufruf die rheinischen Bischöfe eindringlich dazu auf, gegen die Judenverfolgung einzuschreiten.

Der dritte Kreuzzug (1189-1192)

Nach dem gescheiterten zweiten Kreuzzug gerieten die Kreuzfahrerstaaten immer stärker in Bedrängnis. Mit einem großen Heer zog Sultan Saladin nach Palästina, wo er am 4. Juli 1187 in der Schlacht von Hattin die christlichen Ritter vernichtend schlug und die Überlebenden hinrichten ließ. Als es Saladin im Oktober desselben Jahres gelang, Jerusalem einzunehmen, wurde der dritte Kreuzzug ausgerufen, an dem der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa, der englische König Richard („Löwenherz“) und der französische König Philipp II. beteiligt waren.

Als sich das christliche Heer Antiochien nährte, zeigte sich Saladin zu Verhandlungen bereit, jedoch traf das Heer gleichzeitig ein furchtbarer Schlag: Kaiser Friedrich Barbarossa war beim Baden ertrunken. Schwer getroffen fehlte dem Heer fortan der ordnende und leitende Geist, und der Kreuzzug entwickelte sich wieder zu einem Misserfolg. Die Wiedereroberung Jerusalems gelang den Kreuzfahrern nicht, doch zumindest konnte der Küstenstreifen zwischen Tyrus, Akkon und Jaffa eingenommen und behauptet werden. Es war gelungen, in der Zeit, als sich Saladin auf dem Höhepunkt seiner Macht befand, die drohende völlige Vernichtung der Kreuzfahrerstaaten zu verhindern. Schon 1193 verstarb Saladin, und die Wirren um seine Nachfolge verschafften den Kreuzfahrerstaaten eine weitere Atempause.

Der „vierte Kreuzzug“ (1202-1204)

Ursprünglich als wirklicher Kreuzzug geplant, wurden die Kreuzfahrer in einem komplexen Zusammenspiel von Politik, Intrigen und Machtinteressen von begabten, skrupellosen venezianischen Raubfahrern und Plünderern bestochen und zum Verrat an ihrer eigentlichen Aufgabe überredet. Das ursprüngliche Ziel, Palästina, erreichten sie gar nicht. Die Aufgabe des Kreuzzuges wurde pervertiert und diente nur mehr der Machtausbreitung. Trotz des päpstlichen Verbots führten die Kreuzfahrer ihr Vorhaben durch, nahmen das christliche Konstantinopel ein und plünderten die Stadt aus. Das Ereignis vertiefte die sich ohnehin bereits abzeichnende Spaltung von griechisch-orthodoxem Osten und römisch-katholischem Westen um ein Vielfaches. Papst Innozenz III. exkommunizierte das Kreuzfahrerheer.

Nach der Einnahme der Stadt am Bosporus wurde einer der Führer des Kreuzheeres, Balduin II. von Courtenay, zum „lateinischen Kaiser“ des östlichen Reiches erhoben. Allerdings wurde er im Jahre 1261 durch den Rückstoß byzantinischer Truppen in die griechischen Restgebiete unter Michael VIII. wieder gestürzt.

Der Kinderkreuzzug (1212)

Dass der religiöse Charakter der Kreuzzüge nicht gestorben war, zeigt sich in der absonderlichen Form des Kinderkreuzzugs. Im Jahr 1212 entliefen Zehntausende Kinder, Jugendliche und Knechte aus Frankreich und dem Rheinland ihren Eltern Vormündern und Herren und wollten unter der Leitung „visionärer Knaben“ ins Heilige Land ziehen, um es aus der Herrschaft der Moslems zu befreien. Sie dachten, dass Gott durch die Unmündigen, Unschuldigen und Armen bewirken würde, wozu die stolzen und verrohten Ritterheere nicht fähig waren, nämlich das Heilige Grab zu befreien.

Die Kinder folgten dem Befehl der Kirche und des französischen Königs zur Rückkehr nicht und die Aktion endete in einer Katastrophe: Gewissenlose Schiffsreeder versprachen den französischen Kindern, sie unentgeltlich ins Heilige Land überzusetzen. Auf der Reise gingen mehrere Schiffe unter, die Überlebenden aber wurden als Sklaven an die Sarazenen verkauft. Von den deutschen Kindern überlebten viele die Reise über die Alpen nicht. In Genua angekommen traten viele wieder den Rückzug an. Die Übrigen kamen bis Brindisi in Süditalien, wo ihnen – zum Glück – die Weiterfahrt verweigert wurde. Der Kinderkreuzzug muss als Entartung der Kreuzzugsidee betrachtet werden.

Der fünfte Kreuzzug (1228–1229)

Dieser Kreuzzug des römisch-deutschen Kaisers Friedrich II. ging als „Kreuzzug der Verhandlungen“ in die Geschichte ein. Aufgewachsen in Sizilien, zur damaligen Zeit ein Völker- und Religionsgemisch, war er in religiösen Dingen ein Skeptiker – er sprach einst von den „drei Schwindlern Mose, Jesus und Mohammed“, die die Menschheit betrogen hätten[1] –, obwohl er sich öffentlich immer wieder zum Christentum bekannte.

Friedrich II. hatte anlässlich seiner Krönung 1215 die Teilnahme am Kreuzzug gelobt, doch fand er keinen Zugang zu der Kreuzzugsidee und schob die Einlösung seines Versprechens lange Zeit hinaus. Um nicht die Missgunst der Christen in seinem Reich auf sich zu ziehen und ernsthafte Spannungen mit dem Papst zu vermeiden, versprach er wiederholt den Aufbruch zum Kreuzzug. 1227 brach allerdings unter den Seefahrern eine Seuche aus und Friedrich II. verschob ihn erneut.

Der nachfolgende Papst, Gregor IX. misstraute dem Kaiser, sah in seinem Verhalten ein hinterlistiges Manöver und sprach deshalb die Exkommunikation aus. Nun brach Friedrich II. zum Kreuzzug auf – wohl auch, um den Papst öffentlich ins Unrecht zu setzen.

Dank seiner guten Kontakte zu sizilianischen Arabern einerseits und einer günstigen politischen Situation bei den Arabern andererseits konnte Friedrich Verhandlungen durchführen, sodass ihm schließlich der Sultan von Ägypten Jerusalem, Bethlehem und Nazareth, sowie die Verbindungen zu den Küsten abtrat. Allerdings waren die Verhandlungserfolge nicht von langer Dauer. Schon 1244 eroberten die Moslems Jerusalem wieder zurück.

Die beiden letzten Kreuzzüge (1248–1254 und 1270)

Die letzten beiden Kreuzzüge fanden auf Initiative und unter Führung des hl. Königs Ludwig IX. von Frankreich statt. Er war ein frommer Asket und praktizierte mit großem Eifer die christlichen Tugenden, vor allem die Nächstenliebe. Er gründete Hilfsanstalten für Bedürftige, lud sie an seine Tafel ein und bediente sie persönlich. Sein ganzes Streben war darauf gerichtet, überall in seinem Reich der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. So ist es nicht verwunderlich, dass er auch im Heiligen Land wieder die gerechte Ordnung herstellen wollte.

Zum sechsten Kreuzzug verließ das Heer im Jahre 1248 Frankreich in Richtung Ägypten, um das vier Jahre zuvor von Moslems eroberte Jerusalem wieder zu befreien. Nach einigen anfänglichen Erfolgen wurden die Kreuzfahrer aber von Überschwemmungen des Nils überrascht, von einer Seuche befallen und schließlich von den Moslems überwältigt. Sie waren gezwungen sich zu ergeben, wurden in Gefangenschaft genommen und kamen nur durch hohe Lösegelder wieder frei.

Der siebte Kreuzzug endete nach nur wenigen Monaten nach einer erfolglosen Belagerung von Tunis. Nachdem der Sultan von Tunis dem König vorgetäuscht hatte, er sei gewillt, zum Christentum zu konvertieren und den Franzosen gegen die Ägypter beizustehen, brach Ludwig IX. zum siebten Kreuzzug auf. Der Kreuzzug scheiterte, als die Pest ausbrach. Kurz nach seinem Sohn erlag ihr auch Ludwig IX.

Wie ging es weiter?

Daraufhin zerfielen die letzten Reste der christlichen Herrschaft im Heiligen Land. Am 18. Mai 1291 wurde den Christen die Hafenstadt Akkon als letzter Stützpunkt entrissen. Alle Ritterorden der Johanniter und Templer waren bei der Verteidigung gefallen. Wen die Muslime in der Stadt antrafen, den erschlugen sie. Der Sultan ließ die Stadt plündern und dann zerstören. So endete Akkon und mit ihm die Herrschaft der Christen in Heiligen Land.

Zwischenergebnis

Die heute so bekannten und weitverbreiteten Vorurteile und Anschuldigungen gegen die Kirche aufgrund der Kreuzzüge beruhen letztendlich auf oberflächlicher Geschichtsbetrachtung und Fehlinformation. Die Kreuzzüge waren also kein Akt der Aggression oder religiöser Intoleranz, sondern es handelte sich um einen bewaffneten Beistand für die christliche Minderheit im Heiligen Land und die Sicherheit der vielen Jerusalem-Pilger, die durch die politischen Verhältnisse dieser Zeit nicht mehr gewährleistet war. Was aber nicht geleugnet werden kann, ist, dass auch die Kreuzzüge den Gebrechen allen menschlichen Tuns unterlagen, der Kluft, die zwischen Sollen und Sein, zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer besteht. Obwohl im Endeffekt das Ergebnis zählt, kann das Versagen einer Idee zu einer bestimmten Zeit nicht als Beweis für die Unrichtigkeit dieser Idee selbst geltend gemacht werden.

Es gab einige Gründe, warum die Kreuzzüge ihr Ziel letztendlich langfristig nicht erreichen konnten, z. B. die langen, beschwerlichen und gefahrvollen Wege zum Orient, das häufige Antreten der Kreuzfahrer gegen eine zahlenmäßige Übermacht, die schnelle Heimkehr der Ritter nach den Siegen und die darauffolgende erneute Überwältigung durch die Moslems sowie die vorhandene Gefahr des Missbrauchs des Kreuzzugsgedankens für die egoistischen Interessen einzelner Mächte.

Die Kreuzzüge hätten erfolgreich sein können, wenn die Fürsten immer dem Rat der Päpste und der Heiligen ihrer Zeit gefolgt wären und die Kreuzzugsidee rein und ohne egoistische Nebenabsichten bewahrt hätten. Der Kampf für die Gerechtigkeit hätte heldenhaft, selbstlos und ohne Beimischung irdischer, egoistischer Ziele geführt werden müssen.

Die Kreuzzüge haben zweifellos Leid und Ungerechtigkeit gebracht. Die historischen Schilderungen aus der Zeit und die Berichte von Augenzeugen sind da durchaus eindeutig. Aus gutem Grund hat die Kirche Krieg zumeist strikt abgelehnt. Hier aber haben wir einen der Fälle vor uns, bei dem auch eine andere Seite existiert, wo man hinzuzufügen hat, dass diese Kriegszüge auch viel Leid und Ungerechtigkeit verhindert haben und in einem ganz zentralen Aspekt jedenfalls völlig gerechtfertigt waren: Sie waren legitime Abwehr- und Notwehroperationen einer seit Jahrhunderten islamischem Angriffskrieg ausgesetzten Christenheit.

Kurzer Überblick über die „sieben Kreuzzüge“

Der erste Kreuzzug (1096–1099) führte zur Eroberung Jerusalems und zur Errichtung der Kreuzfahrerstaaten. Der zweite Kreuzzug (1147–1149), der nach dem Fall der Grafschaft Edessa deren Rückeroberung versuchte, scheiterte. Der dritte Kreuzzug (1189–1192) beabsichtigte die Wiedergewinnung Jerusalems, das nach der Niederlage der Kreuzfahrer in der Schlacht von Hattin verloren gegangen war; dieses Ziel wurde nicht erreicht, dafür wurde aber der strategisch zentrale Küstenstreifen zwischen Tyrus, Akkon und Jaffa eingenommen und behauptet. Fälschlicherweise als „vierter Kreuzzug“ wird in der Literatur der Raubzug der Venezianer nach Konstantinopel (1202–1204) aufgelistet, der, ursprünglich zwar als Kreuzzug beabsichtigt, dann aber trotz päpstlichem Einspruch zur Eroberung und Plünderung der kaiserlichen Metropole missbraucht wurde und – zum schweren Nachteil Mitteleuropas – den endgültigen Niedergang des Byzantinischen Reiches einleitete. Der fünfte Kreuzzug (1228–1229) gewann Jerusalem, Bethlehem und Nazareth auf dem Verhandlungswege. Der sechste Kreuzzug (1248–1254) und der siebente Kreuzzug (1270) scheiterten.

Die etwas anderen Kreuzzüge

Üblicherweise waren die Kreuzzüge untrennbar mit der Ausrichtung auf das Heilige Land verbunden. Neben diesen gab aus aber auch noch eine Vielzahl anderer Kreuzzüge, die nicht (immer) die heiligen Stätten zum Ziel hatten. Manche von diesen Kreuzzügen wurden von der Kirche gefördert, weil es notwendig schien, für eine gerechte Sache zu kämpfen, andere sog. „Kreuzzüge“ wurden aber gegen den Willen der Kirche durchgeführt und stellten lediglich eine Perversion des Kreuzzugsgedankens dar.

Zu diesen Kreuzzügen der „etwas anderen Art“ zählten z. B. der gegen Mahdia im Jahre 1390 mit dem Ziel der Eindämmung der muslimischen Piraterie und des damit einhergehenden Menschenhandels oder auch der letzte Kreuzzug von Nikopolis im Jahre 1396 mit dem Ziel, das osmanische Vordringen nach Europa zu verhindern. Weitere wären z.B. der Volkskreuzzug, der Wendenkreuzzug, der Kinderkreuzzug, der Albigenserkreuzzug, die Hirtenkreuzzüge usw.

Der Wendenkreuzzug (1147) war ein Teilunternehmen des zweiten Kreuzzugs und bezeichnet das Vorgehen sächsischer, dänischer und polnischer Fürsten gegen die Elbslawen (Wenden) hauptsächlich im heutigen Mecklenburg-Vorpommern und den benachbarten Gebieten. Nachdem der Nakonidenherrscher Heinrich von Lübeck um 1127 gestürzt worden war, wurden die Grenzen instabil und anfällig für Bedrohungen. Die sächsischen Fürsten lehnten die Teilnahme an einem Kreuzzug nach Palästina mit dem Verweis auf die Bedrohung ihrer Grenzen durch benachbarte heidnische Slawen ab.

Die Zielsetzung war diesmal aber eine andere: Erstmalig ging es nicht mehr nur darum, ein Land wieder christlich zu machen, sondern auch die Bekehrung der Heiden schien jetzt ein Anliegen zu sein. Es ist natürlich sehr fraglich, was mit erzwungenen Taufen bezweckt werden sollte, aber neben den ideellen und religiösen Gründen waren vor allem die weltlichen Motive der Fürsten, wie Herrschaftsansprüche in der Grenzregion, kolonisatorische Bestrebungen und innenpolitische Machtverhältnisse im Reich, von entscheidender Bedeutung. Dabei hatte Papst Eugen III. zuvor jenen mit der Exkommunikation gedroht, die für weltlichen Gewinn ihr Kreuzzugsgelübde brachen.

Die slawische Seite war den beiden Kreuzzugsheeren – das eine angeführt von Heinrich dem Löwen und das andere von Albrecht dem Bären – unterlegen. Deshalb vermieden sie offene Schlachten und zogen sich in die Fluchtburgen, Wälder und Sümpfe zurück. Als die Einnahme der Festungen kurz bevorstand, suchten die Belagerten nach einer diplomatischen Lösung, und es kam zu Friedensverhandlungen.

Der Albigenserkreuzzug (1209–1229)

Auslöser für diesen Kreuzzug war die jahrelange Verfolgung der Kirche durch den Hauptanführer der Albigenser (benannt nach der französischen Stadt Albi) Raimund VI., den Grafen von Toulouse, und letztendlich die Ermordung des päpstlichen Gesandten, Peter von Castelnau, im Jahre 1208. Der seit fast hundert Jahren immer stärker zunehmenden Ketzerei der sich selbst als die „wahren Christen“ bezeichnenden und daher auch Katharer (griech. katharos = „rein“) genannten Albigenser konnte nicht durch friedliche Mittel (Konzilsbeschlüsse, Predigten päpstlicher Gesandter etc.) entgegengewirkt werden, und der Papst musste zum äußersten Mittel greifen: Er beauftragte den König von Frankreich zum kriegerischen Vorgehen gegen die sich ausbreitenden Gotteslästerungen der Albigenser.

Von dem päpstlichen Gesandten, Arnaud de Citeaux, wird behauptet, er habe bei der Belagerung von Béziers (1209) den Kreuzfahrern vor dem angerichteten Blutbad den Befehl gegeben: „Tötet sie alle; Gott wird die Seinigen erkennen“. Doch handelt es sich hier um eine Legende. Keiner der zeitgenössischen Schriftsteller erwähnte diesen angeblichen Befehl. Das Blutbad war vorher nicht geplant, sondern entwickelte sich – ähnlich wie bei der Einnahme Jerusalems im ersten Kreuzzug – aus einer Art Massenhysterie innerhalb des Heeres, die der hartnäckige Widerstand der Belagerten hervorgerufen hatte.

Nach drei Jahren beständigen Kampfes wich die religiöse Idee mehr und mehr einem Eroberungsgedanken. Im Jahre 1228 gab der Sohn und Nachfolger des Grafen von Toulouse Raimund VII. nach einem zermürbenden und zerstörerischen Krieg von fast 20 Jahren den Widerstand endlich auf. Am 12. April 1229 schloss er mit der französischen Krone den Vertrag von Paris, durch den die Eingliederung Okzitaniens in den französischen Staat besiegelt wurde.

Der erste Hirtenkreuzzugfand im Jahre 1251 während der Gefangenschaft des hl. Königs Ludwig IX. im sechsten Kreuzzug statt und wurde angeführt von einem sehr alten Mönch, bekannt als „Meister aus Ungarn“. Das eigentliche Bestreben des Meisters lag ursprünglich darin, den König zu befreien, doch schien auch ein Aufbegehren gegen die französische Kirche und den Adel eine Rolle gespielt zu haben, von denen angenommen wurde, sie hätten Ludwig im Stich gelassen. Die Hirten griffen Klöster an, vertrieben Bischöfe und Priester und verfolgten die Juden solange, bis Blanka von Kastilien, die stellvertretende Regentin Frankreichs und Mutter Ludwigs IX., darauf mit dem Befehl zur Exkommunikation der Hirten antwortete.

Abschließendes Resümee

Es wird deutlich, dass man die Kreuzzüge nicht alle gleichsetzen kann. Sie variieren deutlich in ihrer Zielsetzung und Ausführung. Eine sorgfältige Differenzierung ist daher notwendig, um klar beurteilen zu können, was gerechtfertigt war und was nicht, welchen Standpunkt die Kirche vertreten hat und wer von dem Standpunkt abgewichen ist. Wichtig hierbei ist aber, sich kein übereiltes Urteil über die Menschen der damaligen Zeit zu bilden, sondern die Umstände zu berücksichtigen, in denen sie lebten und so handelten, wie sie es getan haben.

Leider wird heute bei der Beurteilung von Ungerechtigkeiten oft mit verschiedenen Maßstäben gemessen. Für die Kreuzzüge werden die Christen bis heute als die „Ungeheuer“ des Mittelalters angesehen, dabei ging es bei der Eroberung von Städten und Ländern durch andere Religionsgemeinschaften nicht anders zu.

Wer die Kreuzzüge insgesamt als unmoralisch, grausam und nicht mehr zeitgemäß verurteilt, sollte die Massenmorde und Grausamkeiten totalitärer Regime der Moderne – aber auch von heutigen Demokratien, wenn man an die massenhafte Abtreibung ungeborener Kinder denkt – und aktuelle Entwicklungen in der arabischen Welt nicht aus dem Auge verlieren.

Quellen, Literatur und Zeittafel

Zeittafel

Erster Kreuzzug (1096–1099), Ziel: Jerusalem

Volkskreuzzug (1096), Ziel: Jerusalem

Deutscher Kreuzzug (1096), Ziel: eigentlich Jerusalem

Kreuzzug (1101), Ziel: Jerusalem

Kreuzzug Sigurds von Norwegen (1108–1111), Ziel: Jerusalem/Sidon

Zweiter Kreuzzug (1147–1149), Ziel: eigentlich Edessa, letztlich Damaskus

Wendenkreuzzug (1147, Ziel): Germania Slavica

Dritter Kreuzzug (1189–1192), Ziel: Jerusalem

Kreuzzug Heinrichs VI. (1197–1198), Ziel: Jerusalem

Vierter Kreuzzug (1202–1204), Ziel: eigentlich Ägypten/Jerusalem, letztlich Konstantinopel

Kinderkreuzzug (1212), Ziel: Jerusalem

Albigenserkreuzzug (1209–1229), Ziel: Okzitanien

Fünfter Kreuzzug (1228–1229), Ziel: Jerusalem

Sechster Kreuzzug (1248–1254), Ziel: Ägypten/Jerusalem

Hirtenkreuzzug (1251), Ziel: eigentlich Ägypten

Siebter Kreuzzug (1270), Ziel: Tunis/Jerusalem

Kreuzzug des Prinzen Eduard (1270-1272), Ziel: Akkon/Jerusalem

Aragonesischer Kreuzzug (1284–1285), Ziel: Girona

Hirtenkreuzzug (1320), Ziel: eigentlich Andalusien

Kreuzzug gegen Alexandria (1365), Ziel: Ägypten

Kreuzzug gegen Mahdia (1390), Ziel: Eindämmung der Piraterie

Kreuzzug von Nikopolis (1396), Ziel: Eindämmung des osmanischen Vordringens nach Europa

Quellen und Literatur:

[1] Troll, S. 12, aus: Troll, Hildebrand: Kreuzzüge. Vorträge zur Kirchengeschichte.

Hesemann, Michael: Die Dunkelmänner. Augsburg (Sankt Ulrich Verlag) 22008,

Pethö, Albert: Zur Geschichte Österreichs. Kapitel XXXXVII–XXXXIX: Die Kreuzzüge.

http://de.wikipedia.org/wiki/Albigenserkreuzzug

http://de.wikipedia.org/wiki/Wendenkreuzzug

http://de.wikipedia.org/wiki/Hirtenkreuzzug_von_1251

3 Kommentare

  1. Super Artikel.
    Wer Ohren hat, der hõre!
    DIE WAHRHEIT KOMMT ANS TAGESLICHT !!!

    Am 28. und 29. April 2019 feiert die orthodoxe Kirche Ostern. (Karfreitag: 26. April)

    FROHE OSTERN !

  2. Eine entscheidende Tatsache wird hier vernachlässigt! Im Islam gibt es zwei unterschiedliche Konzeptionen des Djihad, die einander gegenüberstehen: Zum einen den INNEREN Djihad, auch genannt „der große Djihad“ welcher den Kampf des Gläubigen gegen Versuchung und Sünde beschreibt (eine Schlacht, die auch letztlich wir Christen immer wieder zu schlagen haben), zum anderen den gewalttätigen, den „kleinen“ Djihad, der von Fanatikern und Islamisten propagiert wird. hier gilt es deutlich zu differenzieren und unsere islamischen Mitmenschen nicht alle in einen Topf zu werfen, vor allem vor dem Hintergrund der Ereignisse in Paris.

    • Welcher von den beiden Djihads der große und welcher der kleine ist, ist leider relativ belanglos, solang nach islamischer Lehre beide geführt werden müssen.

      Insofern ist das zwar eine Tatsache, aber wohl kaum entscheidend.

      Und das dürfte unstrittig so sein. Unsere lieben muslimischen Nachbarn wollen selbstverständlich keinen Krieg gegen uns führen und reden sich mit allerlei Ausreden heraus, daß sie *gerade jetzt in dieser Situation* keinen Djihad führen müssen (oder lassen ihre Religion einfach links liegen… außer beim katholischen Christentum oft nicht das schlechteste^^), aber keiner hat bisher (meines Wissens) behauptet, daß der Islam den (kleinen) Djihad *nicht* an sich vorschreibt.

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