Es geht darum, Seelen zu retten – Interview mit Pater Recktenwald (FSSP)

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Petrusbruderschaft in St. Maria Thalkirchen

Cathwalk: Herr Pater Recktenwald, Sie sind Priester der Priesterbruderschaft St. Petrus. Was ist die Aufgabe der Petrusbruderschaft und wie verstehen Sie Ihren Dienst als Priester? 

Pater Recktenwald: Christus hat seine Kirche gegründet, ihr den Heiligen Geist verheißen und das Priestertum eingesetzt, um sein Erlösungswirken fortzusetzen und Seelen zu retten. Im Grunde will die Petrusbruderschaft nichts anderes. Sie will der Kirche Priester schenken, die sich aus übernatürlicher Gesinnung ganz in den Dienst des Herrn stellen, um sich und die Seelen zu heiligen. Leider leben wir heute in einer Zeit, wo es in der Kirche nicht mehr selbstverständlich ist, das Heil vom Herrn zu erwarten, von Seinem Wort und von Seinen Sakramenten. Sondern man verspricht sich mehr Erfolg von einer Anpassung an die Welt, von Reformen, die ihr Maß nicht aus der Offenbarung nehmen.

Wenn man bedenkt, dass Theologen wie Herbert Haag oder Josef Blank jahrzehntelang offen und unbehelligt geleugnet haben, dass Christus das Priestertum eingesetzt bzw. die Kirche gestiftet hat, dann wird einem klar, dass die heutigen Auseinandersetzungen um Reformen wie das angestrebte Frauenpriestertum nur Stellvertreterkriege sind um Positionen, die ans Eingemachte des Glaubens gehen. Wenn diese Theologen recht haben, dann kann ich auch nicht mehr in der Beichte die Vergebung meiner Sünden empfangen. Wenn solche Theologie sich ausbreitet, ist es logisch, dass ein großer Teil der Priester nicht mehr beichtet. Die Sehnsucht, der Welt die Liebe Christi zu bringen, wird ersetzt durch den Ehrgeiz, der Kirche die Errungenschaften der Moderne zu bringen, z.B. Demokratie, Autonomie und sexuelle Freiheit. Das ist in etwa das Programm des Theologen Magnus Striet. Aufgrund dieser Verschiebung des ganzen Koordinatensystems erscheint die Petrusbruderschaft als etwas Exotisches, obwohl sie nur normal katholisch und glaubenstreu sein will. 

Cathwalk: Sie sprechen von Seelen retten? Wo bleibt der Leib? Ist das nicht leibfeindlich? 

Pater Recktenwald: Diese gute, alte Redeweise, die von vielen Heiligen benutzt wurde, legt den Fokus auf die große Glaubenswahrheit, dass wir eine unendlich kostbare, durch das Blut Christi erkaufte Geistseele haben, die unsterblich ist. Obwohl wir, wie es an Aschermittwoch heißt, Staub sind und zu Staub zurückkehren, ist das doch nicht alles. Wir sind keine Eintagsfliegen, sondern wir sind von Gott für die Ewigkeit erschaffen, oder, wie Karl Rahner sagt: Mit jedem Menschen, der gezeugt wird, beginnt eine neue Ewigkeit. Aber gleichzeitig glauben wir an die Auferstehung des Fleisches am Jüngsten Tag.

Unser Leib gehört zu unserem Menschsein dazu. Die Leibfeindlichkeit sehe ich eher auf Seiten jener, die nicht an eine leibliche Auferstehung glauben, sondern die Auferstehung spiritualisieren. Nach Auffassung dieser unter Theologen verbreiteten Theorie ist die Auferstehung Jesu nicht ans leere Grab gebunden, und unsere eigene Auferstehung vollzieht sich im Moment des Todes. Das bedeutet: Unser konkreter Leib, der hier und jetzt zu unserem Menschsein gehört, ist von der Auferstehung gar nicht betroffen. Das nenne ich leibfeindlich. Davon ist die katholische Auffassung weit entfernt. 

Cathwalk: Die Petrusbruderschaft feiert die Alte Messe, was ist das Besondere an der überlieferten Messe?

Pater Recktenwald: Es sind drei Dinge, die die überlieferte Liturgie unübersehbar zum Ausdruck bringt: den Opfercharakter der hl. Messe (durch ihre Gebete z.B. bei der Opferung, und die Zelebrationsrichtung), den Glauben an die wahre Gegenwart des Herrn im allerheiligsten Sakrament (z.B. durch die sofortige Kniebeuge nach der Wandlung, die Vorschriften zur Purifikation, das Zusammenhalten der Finger, die den Leib des Herrn berührten, die Mundkommunion) und die Sakralität der Handlung (durch die Verwendung der Sakralsprache und die Kanonstille).

Ohne viel Belehrung zwischendurch erahnt der Teilnehmer von selber, dass es sich um ein heiliges Geschehen handelt, und bekommt er ein Gespür dafür, dass die Liturgie nicht etwas ist, das von uns gestaltet wird, das unserer Verfügungsmacht untersteht. Vielmehr ist sie ein heiliges Erbe, gestiftet vom Herrn und in ihrer konkreten Gestalt historisch gewachsen. 

Cathwalk: Was verstehen Sie unter Tradition? 

Pater Recktenwald: Ich bin nicht glücklich darüber, wie heute dieses Wort oft verwendet wird. Nach katholischer Auffassung sind Schrift und Tradition die beiden Glaubensquellen. Heute wird BEIDES in Frage gestellt, die Schrift genauso wie die Tradition. Wenn man einseitig von Tradition spricht, entsteht für den unbedarften Hörer der Eindruck, dass es bloß um gewisse Traditionen und Gewohnheiten gehe. Aber es geht ums Ganze. Es geht um die Fundamente des Glaubens, nicht um nostalgische Vorlieben. Leider befördern manche Diskussionen unter den traditionsverbundenen Katholiken diesen Eindruck.

Da wird z.B. mit großem theologischem Geschütz auf angebliche Verfälschungen der Tradition wie etwa die Schubertmesse, das Singen deutscher Lieder, die Verwendung einer verständlichen Sprache in der Verkündigung bzw. auf die Idee der Verkündigung selber geschossen. Das ist lächerlich. Wie schön wäre es, wenn das unsere einzigen Sorgen wären! 

Cathwalk: Heute reden viele von einer Glaubenskrise. Was sind die Ursachen dieser Krise? 

Pater Recktenwald: Ursachen gibt es viele. Zu allen Zeiten war der Glaube angefochten, sei es durch die eigene menschliche Schwäche angesichts des hohen moralischen Anspruchs des Evangeliums (denken wir etwa an das Gebot der Feindesliebe oder an die Unauflöslichkeit der Ehe), sei es durch Irrlehren und die angebliche Rückständigkeit des Glaubens. Das Besondere der heutigen Krise besteht darin, dass die inneren Abwehrmechanismen der Kirche zusammengebrochen sind. Das Hirtenamt versagt zu großen Teilen in seiner Aufgabe, die unverfälschte Weitergabe des Glaubens sicherzustellen: in der Verkündigung, im Religionsunterricht, in der Priesterausbildung.

Erzbischof Dyba meinte einst, die theologischen Fakultäten seien zersetzt. Der Kirchenrechtler Georg May hat jahrzehntelang in vielen Veröffentlichungen faktenreich belegt, wie defizitär die universitäre Theologenausbildung ist. Schon 1970 beklagte sich Ida Friederike Görres darüber und schrieb: “Das Schweigen der lehramtlichen Obrigkeit bestürzt den Gläubigen angesichts der fröhlich wuchernden Ketzereien aller Schattierungen.” Ich selber kann das bestätigen aufgrund des Religionsunterrichts, den ich in den Siebziger Jahren genossen habe und der ganz geprägt war von der Gott-ist-tot-Theologie Gotthold Hasenhüttls. Das Besondere an der gegenwärtigen Krise besteht also darin, dass innerhalb der Kirche die Glaubensweitergabe abgerissen ist und dass dieser Umstand von vielen Bischöfen konsequent ignoriert wird. Die Möglichkeiten der Glaubensweitergabe, die sie selber haben, werden nicht genutzt.

Ein Beispiel aus der neuesten Zeit: Es gibt ein Bistum, in dem das Ordinariat ein paar Mal im Jahr eine Zeitschrift in Millionenhöhe an alle katholischen Haushalte kostenlos verschickt. Was für eine Chance! Aber der Anteil an Glaubenskatechese darin nähert sich der Null-Grenze. Im Osterwerbeprospekt von Aldi war seinerzeit mehr über den Auferstehungsglauben der Christen zu erfahren als in der zeitgleichen Ausgabe dieser Bistumszeitschrift. 

Cathwalk: Was sind die Lösungen? 

Pater Recktenwald: Das, was Johannes Paul II. und Benedikt XVI. als Losung ausgegeben haben: Neuevangelisierung. Zurück zum Glauben! Und das muss in den theologischen Fakultäten und in der Priesterausbildung beginnen. Als der bekannte Sozial-Bischof Ketteler Bischof von Mainz wurde, war eine seiner ersten Maßnahmen die Erneuerung der Priesterausbildung. Er holte sie aus der miserablen theologischen Fakultät Gießen nach Mainz zurück, wo er Herr im Hause war und für eine katholische Ausbildung sorgte – und das gegen den Widerstand des hessischen Großherzogtums. 

Cathwalk: Was empfehlen Sie jungen Katholiken, die wenig oder keine Altersgenossen haben, die ihren Glaubensweg teilen? 

Pater Recktenwald: Chesterton hat einmal gesagt: “Let your religion be less of a theory and more of a love affair.” Wenn ich jemanden aus ganzem Herzen liebe, dann ist es mir egal, was die Anderen darüber denken. Dann ist es mir ein Herzensanliegen, den Geliebten immer besser kennenzulernen. Das Interesse am Glauben wurzelt in dieser Liebesbeziehung zum Herrn und führt mich immer tiefer in sie hinein. Durch ein gutes Gebetsleben nehme ich mir auch die tägliche Zeit für diese Beziehungspflege. Das Studium des Glaubens, die Glaubensvertiefung, ist keine rein intellektuelle Angelegenheit, sondern findet ihr Maß in der Liebe zum Herrn. Diese Liebe ist der untrügliche Kompass, der dafür sorgt, dass ich das bekomme, was der hl. Klemens Maria Hofbauer die “katholische Nase” nannte und die mich erkennen lässt: Was meine Liebe zum Herrn mindert, mich von Ihm entfernt oder an Ihm zweifeln lässt, kann nicht wahr sein.

Die modernistische Verherrlichung des Zweifels, so als ob er die Bedingung eines lebendigen Glaubens wäre, ist Quatsch. Wenn ich an der Liebe des Herrn zweifle, gebe ich ihm einen Stich ins Herz und stelle meine Beziehung zu Ihm in Frage. Natürlich ist es gut, wenn man eine katholische Gemeinschaft hat, in der man sich gegenseitig stärkt, und man soll eine solche suchen. Aber wenn sie fehlt, sollte man eine große Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom Mainstream zu erwerben suchen und sich stattdessen mit den Heiligen vernetzen. Die Bücher von und über Heilige sind die beste Nahrung für die Seele. 

Cathwalk: Wer ist ihr Lieblingsheiliger und welchen Heiligen können Sie jungen Menschen für die Frage nach ihrem Lebensweg empfehlen?

Pater Recktenwald: Wer mein Lieblingsheiliger ist, variiert je nach Situation und seelischer Verfassung. Mal ist es z.B. der hl. Franz von Sales, mal der hl. Alfons Maria von Liguori, der doctor zelantissimus. Aber mit einer gewissen Konstanz hält sich die kleine heilige Theresia von Lisieux in dieser Rolle. Als ich in meiner Jugendzeit ihre Briefe las, war ich fasziniert von dieser ganz persönlichen Beziehung, die sie zum Herrn hatte, und sie weckten in mir die Sehnsucht, sie auch zu haben. Diese Sehnsucht ist bis heute nicht vergangen.

Hier gehts zur Homepage der Petrusbruderschaft in Deutschland

2 Kommentare

  1. „Das Hirtenamt versagt zu großen Teilen in seiner Aufgabe, die unverfälschte Weitergabe des Glaubens sicherzustellen: in der Verkündigung, im Religionsunterricht, in der Priesterausbildung.“
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    Ich fand in dem Interview keinen einzigen *gangbaren* Weg aufgezeigt, wie dem entgegengewirkt werden könne.
    Und ob der Heilige Alfons Maria Liguori ein nachahmenswertes Beispiel christerfüllten Lebens ist, wage ich zu bezweifeln.

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