Schönheiten des Glaubens: Heilige bewundern

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Die Vorläufer Christi mit Heiligen und Märtyrern, Fra Angelico (1423–24) – Fra Angelico [Public domain]
Die Vorläufer Christi mit Heiligen und Märtyrern, Fra Angelico (1423–24) – Fra Angelico [Public domain]

Ein Mann hat eine religiöse Begeisterung, will Ordensmann werden. Der erste Orden weist ihn ab – ungeeignet. Der zweite Orden weist ihn ab – ungeeignet. Der dritte, die Trappisten, nimmt ihn schließlich als Novizen auf. Nach ein paar Wochen flieht er aus dem Kloster – er kommt mit dem Leben dort überhaupt nicht zurecht. (Eine Sünde?) Was nun tun? Wird er sich nun doch als landwirtschaftlicher Arbeiter niederlassen oder ins Geschäft seiner gar nicht armen Eltern einsteigen? So würden zweifelsohne viele fromme Morallehrer raten; vielleicht haben sie es ihm damals geraten. – Einige Zeit später erreicht die Eltern ein Brief: Er führe das Leben eines Aussteigers, eines Bettlers, der zwischen christlichen Pilgerstätten hin- und hervagabundiere, und sei, endlich, völlig glücklich. Ein ungewaschener Langhaariger, ein Hippie auf katholisch, ein warnendes Beispiel für Kinder, die nicht brav sein wollen? – Dies ist die Geschichte von Benoît Joseph Labre. Die katholische Kirche zählt ihn zu den kanonisierten Heiligen.

Ein erfolgreicher Anwalt gewinnt jeden Prozeß, ist bei Kollegen und Richtern beliebt. Einen, endlich, verliert er – wegen einer Intrige, heißt es hier; er bringt ein unzutreffendes Argument vor, heißt es dort – und ist dann zutiefst bestürzt: wie konnte ich nur? Der Richter, der ihn mag, beschwört ihn, er möge sich das nicht so zu Herzen nehmen. Sein Versehen, sein Unglück in Demut tragen, ohnehin sind andere viel erfolgloser: weitermachen auf dem Platze, wo Gott ihn hingestellt usw.: wir können die Ratschläge schon hören, und sind sie etwa nicht naheliegend? – Er schmeißt alles hin und stellt sich beim Bischof vor: „ich habdas mit dem Leben in der Welt nicht geschafft, jetzt will ich Priester werden.“ Ein sicherer Kandidat für die Abweisung? – Dies ist die Geschichte von Alfonso Maria Liguori. Die Kirche zählt ihn zu ihren Priestern, Bischöfen, Ordensgründern, Kirchenlehrern; sein Name steht im Verzeichnis der kanonisierten Heiligen.

Ein Mann hat sich buchstäblich dem Teufel verschrieben. Irgendwann bekommt er mit, daß dieser sich vor Christus fürchtet. Sein Stolz ist es, nur dem Stärksten zu dienen, also sucht er halt Christus – und erfährt, als Christ muß man fasten. „Kann ich nicht.“ Na dann wenigstens beten. „Kann ich auch nicht.“ Ein hoffnungsloser Fall? – Dies ist die Legende von Christophorus. Die Kirche zählt ihn zu den kanonisierten Heiligen.

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„Auch wer den Christen Thomas von Aquin nicht größer als Aristoteles nennen will, ist gezwungen, ihn breiter zu nennen.“ (G. K. Chesterton)

Ein anderer schließlich kann fasten, kann beten; er kann auch dichten, und vor allem kann er denken. Ein Intellektueller also. Ob er, mit Franz Joseph Strauß zu sprechen, jemals einen Schraubenzieher in die Hand genommen hat, ist nicht überliefert.i Auf fällt an ihm sofort seine imposante Körperfülle, was ihn bei den moralisierenden Menschen von heute wohl schon diskreditieren würde. In einzelnen Punkten lehrt die Kirche das Gegenteil seiner Meinung.ii Die Rede ist natürlich von Thomas von Aquin. Die Kirche sieht in ihm quasi ihren himmlischen Chef-Theologen; sie verehrt ihn als kanonisierten Heiligen.

Die Heiligen! Wir mögen sie alle; wir verehren sie; wir bestürmen sie mit Anliegen – speziell den hl. Antonius von Padua übrigens mit Anliegen, die uns jeder Protestant sofort um die Ohren hauen würde, und sagen, wir sollten unsere Schlampereien gefälligst selbst ausbaden –; irgendwann aber kommt der typische wohlmeinende Zeitgenosse und betont das „et conversatione exemplum“iii (auch wenn in der Heiligenpräfation noch einiges andere steht, die Betonung kann sich der Antwortende nicht aussuchen…) Und es stimmt ja: Sie sollen uns auch ein Vorbild sein. Sie haben es geschafft – wenn wir genauso werden, schaffen wir es auch…

– Moment mal. –

Die Zahl der Heiligen ist groß. Aber die Zahl der Katholiken, die durchaus gläubig, praktizierend waren, die halbwegs gut gelebt oder von schwerer Sünde sich ehrlich bekehrt haben – sie ist doch noch viel größer.

Ist daraus nun zu folgern, wie z. B. Joseph Roth es übrigens tutiv, daß die Kirche dadurch, daß sie die paar Perfekten kanonisiere, implizit die Sündhaftigkeit der Restmenschen gestatte? Oder sollen wir sagen, ja die anderen seien halt im verborgenen heilig gewesen, hätten aber deshalb nicht weniger gelitten, sich nicht weniger aufgeopfert etc.? Zumal es diese Art Heilige ja auch tatsächlich geben wird: aber auch das sind doch, mal ehrlich, nur ein paar. Das Leben hat seine schönen Seiten, und wir, die wir keine Ordensgelübde abgelegt haben, die wir „wenn wir ehrlich sein wollen, gern einen Fuß in beiden Welten haben wollen; deren Ehrgeiz ist, zu bestehen, nicht zu glänzen“v, wollten uns ehrlich gesagt nicht vom Glanz, der Gelassenheit, der Ruhe und der Anstrengung eines Ordenslebens gerade die Anstrengung herauszusuchen.

Die erfreuliche Nachricht: das fordert die Kirche tatsächlich nicht.

Die Moral, wie sie uns die Kirche lehrt, fordert „nichts weiter“ als nicht zu sündigen. „Du kennst doch die Gebote.“ (Mk 10,19) Die Kirche hilft dabeivi – der Patron ihrer Moraltheologen war bezeichnenderweise nicht Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger gewesen, eben der erwähnte hl. Alfons – immer bemüht, genau darzulegen, was zu tun ist und was nicht.vii (Auf einige typische Einwände hierzu soll im nächsten Artikel eingegangen werden.)

Und das Vorbild der Heiligen? Der modernen Welt, die nicht gelassen, aber dafür perfektionistisch ist (deshalb schimpft sie auch alleweil auf den Perfektionismus) mag der Gedanke fremd sein; aber in den Katholiken hat sich der gesunde menschliche Instinkt bewahrt. Wer gut ist, der verehre als Helden einen, der besser ist. Bezeichnenderweise können wir das auch heute noch überall da nachvollziehen, wo wir nicht auf den Gedanken kommen, uns Vorwürfe zu machen. So bei den dilettierenden Freizeitmusikern: Gerade die hören doch mit besonderer Freude und Gewinn die Titel der herausragenden Interpreten. So bei den Fußballspielern der Dorfvereine in der A-Klasse. Gerade die schauen doch mit noch mehr Begeisterung als der Rest der Bevölkerung das Finale der Champions-Leauge im Fernsehen an.viii

So ist es auch bei den Heiligen (also den Christen). Gerade die können von den Heiligen (im landläufigen Sinn) gar nicht genug bekommen. Die Büßer von einem, der ganz übermenschliche Bußwerke geleistet hat wie der hl. Pedro von Alcantara. Die Gastwirte, die mit ihrer Gastfreundschaft Geld verdienen, von einem hl. Julianus, der beim Bewirten auf den Verdienst verzichtet hat. Die Mönche, die den Psalter jede Woche beten, von einem hl. Patrick, der ihn jeden Tag betete. Und so weiter – nur drei Beispiele von vielen, die man aufzählen könnte.

Wenn aber der hl. Patrick unser Vorbild ist: müssen wir dann auch den Psalter jeden Tag beten? Natürlich nicht. Auf diese und verwandte Fragen, oben schon angeschnitten, werden wir im nächsten Beitrag genauer eingehen: aber die knappe Formel hierzu, die selbst von einem Heiligen stammt – dem hl. Bernardino von Siena, der ein durchaus strenger Prediger gewesen sein soll – ist die:

Man muß die Heiligen bewundern, aber braucht sie nicht immer in allem nachzuahmen.“ix

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„Es jubelt aller Engel Chor, es ruft der Heilgen Kreis: Die ganze Schöpfung jauchzt empor zu singen Gottes Preis!“ – „Das Jüngste Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo (1475-1564)

***

i Es ist mir bewußt, daß F. J. Strauß, selbst ein Intellektueller von Rang, mit dieser Wendung nicht dem Antiintellektualismus das Wort reden wollte, sondern nur die Selbstbezeichnung seiner Gegner als „Arbeiter“ angreifen wollte. Nichtsdestoweniger gibt es freilich einen Antiintellektualismus, gerade auch einen typisch Konservativen, der sich in ähnlicher Weise ausdrücken könnte.

ii Dazu demnächst mehr.

iii Die Präfation von den Heiligen, z. dt. „(Du gewährst uns) sowohl ein Vorbild des Lebenswandes …“

iv Die Kapuzinergruft, Reclam 2013 S. 37.

v Der Ausdruck ist von Msgr. Knox, Enthusiasm. A Chapter in the History of Religion. University of Notre Dame Press 1994, S. 2

vi dazu der sel. Johannes Duns Scotus lakonisch: „Viele [als moralische Regeln] notwendige Wahrheiten werden in der Hl. Schrit nicht ausgedrückt, sind sie dort auch implizit enthalten; bei deren Erforschung war die Arbeit der Lehrer und Ausleger von Nutzen.“ (Ordinatio I Prol. II ad 3)

vii Etwa: „Wer, um die Last des Fastens aushalten zu können, [am strengen Fasttag bei der einen vollen Mahlzeit] ein herzhaftes oder üppiges Mahl zu sich nimmt, erfüllt die Fastenpflicht.“ (Catholic Encyclopedia, Artikel „Fast“) Man darf das natürlich noch besser machen.

viii Hat jemand das typische Argument “ich mach lieber selber Sport, statt ihn im Fernsehen anzuschauen” jemals von einem Vereinsspieler gehört?

ixIm Original: „Sancti admirandi sed non imitandi sunt semper in omnibus.“ Gemäß Daniele Solvi, Il culto dei santi nella proposta socio-religiosa dell’Osservanza, Fußnote 41, berichtet dies Z. Zafarana, Bernardino nella storia della predicazione popolare, in Bernardino predicatore nella società del suo tempo. Atti del XVI Convegno internazionale del Centro di Studi sulla Spiritualità Medievale (Todi, 9.-12. Oktober 1975), Todi, 1976,p. 59 sg.; Solvi verweist auch auf Carlo Delcorno (L’«exemplum» nella predicazione di Bernardino da Siena , ibid., p. 79 sg.); er „erkannte die reduzierte Präsenz hagiographischer Beispiele (47 von 756) im reichen Repertoire von Beispielen, die Bernardino gebraucht hat.“ (im Internet abrufbar)

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