Allgemein Gedicht zum Sonntag – „Wenn es wieder Mondnacht wird“

Gedicht zum Sonntag – „Wenn es wieder Mondnacht wird“

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Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke (1875-1926) aus dem Jahr 1902

Wir wollen, wenn es wieder Mondnacht wird,
die Traurigkeit zu großer Stadt vergessen
und hingehn und uns an das Gitter pressen,
das von dem versagten Garten trennt.
Wer kennt ihn jetzt, der ihn am Tage traf:
mit Kindern, lichten Kleidern, Sommerhüten, –
wer kennt ihn so: allein mit seinen Blüten,
die Teiche offen, liegend ohne Schlaf.
Figuren, welche stumm im Dunkel stehn,
scheinen sich leise aufzurichten,
und steinerner und stiller sind die lichten
Gestalten an dem Eingang der Alleen.
Die Wege liegen gleich entwirrten Strähnen
nebeneinander, ruhig, eines Zieles.
Der Mond ist zu den Wiesen unterwegs;
den Blumen fließt der Duft herab wie Tränen.
Über den heimgefallenen Fontänen
stehn noch die kühlen Spuren ihres Spieles
in nächtiger Luft.

Rainer_Maria_Rilke,_1900
Rainer Maria Rilke um 1900

Rainer Maria Rilke (1875-1926) wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren. René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke zeigte schon früh ein großes dichterisches und zeichnerisches Talent, wurde aber von den Eltern ab 1885 auf eine Militärschule in St. Pölten geschickt. 1891 musste Rilke die Ausbildung abbrechen. Danach begann er eine Ausbildung an der Handelsakademie in Linz, die er aber ebenfalls nicht beendete. Zurückgekehrt in seine Heimatstadt, legte er schließlich 1895 das Abitur ab und studierte Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie. Rilke wechselte im darauffolgenden Jahr nicht nur den Studiengang, er wählte ein Studium der Rechtswissenschaften, sondern auch den Studienort und begab sich nach München.

In München lernte Rilke die Literatin Lou Andreas-Salomé (1861-1937) kennen, mit der ihn bis an sein Lebensende eine enge Freundschaft verbinden sollte. Ab 1897 unternahm er mehrfach Reisen, die ihn nach Venedig, Berlin, Moskau und St. Petersburg führten. 1900 reiste Rilke nach Worpswede und lernte u.a. die Künstlerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) und seine zukünftige Ehefrau, die Bildhauerin Clara Westhoff (1878-1954), kennen. Rilke blieb jedoch nicht bei seiner Familie, sondern zog nach Paris. In dieser Zeit verfasste er u.a. die „Neuen Gedichte“ (1907) und die beiden Requiem-Gedichte (1909). Von der Pariser Zeit beeinflusst sind auch „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, die er 1910 vollendete.

Die Zeit des Ersten Weltkriegs verlebte Rilke, der nicht mehr nach Paris zurückkehren konnte, in München. Ab 1916 musste er Militärdienst leisten, konnte aber noch im selben Jahr in das Kriegsarchiv versetzt werden. Nach dem Krieg reiste er zunächst nach Zürich, danach folgten weitere Wohnortwechsel, bis er sich 1921 im Kanton Wallis niederließ. Hier vollendete Rilke die „Duineser Elegien“ und verfasste den Gedichtzyklus „Sonette an Orpheus“.

Rainer Maria Rilke starb am 29. Dezember 1926 in einem Sanatorium bei Montreux an Leukämie. Rilke zählt zu den bedeutendsten Vertretern der literarischen Moderne.

 

Quelle: Britta Dörre. Dieser Artikel erschien auf dem Nachrichtenportal Zenit.org und darf hier weiterverbreitet werden. The Cathwalk empfiehlt seinen Lesern das Abonnieren des zenit.org-Newsletters.

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