„Das Leben muss immer angenommen und geschützt werden“

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Rede von Papst Franziskus in der Krakauer Wawel-Burg

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Nach seiner Ankunft auf dem Flughafen „Johannes Paul II.“ und der Willkommenszeremonie mit dem polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda, begab Papst Franziskus sich heute Nachmittag in einem VW zum Krakauer Stadtzentrum, wo er im Arkaden-Innenhof des Wawel-Burgs – der ehemaligen Residenz der polnischen Könige – die Vertreter der Regierung und des öffentlichen Lebens traf. Er hielt dabei die erste Ansprache seiner 15. Auslandsreise, die wir hier in der offiziellen Übersetzung dokumentieren.

***

Herr Präsident,
sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens,
sehr geehrte Mitglieder des diplomatischen Korps,
Magnifizenzen,
meine Damen und Herren,

einen ehrerbietigen Gruß richte ich an den Herrn Präsidenten und danke ihm für den großherzigen Empfang und seine freundlichen Worte. Mit Freude begrüße ich die verehrten Mitglieder der Regierung und des Parlamentes, die Universitätsrektoren, die Vertreter der Woiwodschaften und der Städte wie auch die Mitglieder des diplomatischen Korps und die anderen hier anwesenden Verantwortungsträger. Es ist das erste Mal, dass ich den östlichen Teil Mitteleuropas besuche, und es freut mich, mit Polen zu beginnen, das unter seinen Söhnen den unvergesslichen heiligen Johannes Paul II. hat, den Schöpfer und Förderer der Weltjugendtage. Er sprach gerne von dem Europa, das mit seinen beiden Lungenflügeln atmet: Der Traum eines neuen europäischen Humanismus wird von dem kreativen und harmonischen Atem dieser beiden Lungenflügel und von der gemeinsamen Kultur belebt, die im Christentum ihre kräftigsten Wurzeln findet.

Das Gedenken kennzeichnet das polnische Volk. Immer hat mich das lebendige Geschichtsverständnis von Papst Johannes Paul II. beeindruckt. Wenn er von den Völkern sprach, ging er von ihrer Geschichte aus, um ihren Reichtum an Menschlichkeit und Spiritualität hervortreten zu lassen. Ein Identitätsbewusstsein ohne jede Überheblichkeit ist unerlässlich, um eine nationale Gemeinschaft auf dem Fundament ihres menschlichen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Erbes aufzubauen, um die Gesellschaft und die Kultur zu inspirieren, indem man sie zugleich in der Treue zur Tradition wie auch in der Offenheit für die Erneuerung und die Zukunft bewahrt. Von dieser Warte aus haben Sie vor kurzem den 1050. Jahrestag der Taufe Polens gefeiert. Es war gewiss ein bedeutender Moment nationaler Einheit, der bestätigt hat, wie die Einigkeit – auch bei Verschiedenheit der Meinungen – der sichere Weg ist, um das Gemeinwohl des gesamten polnischen Volkes zu erlangen.

Auch die nutzbringende Zusammenarbeit im internationalen Bereich und die gegenseitige Wertschätzung reifen durch das Bewusstsein und die Achtung der eigenen Identität und der Identität der anderen. Es kann keinen Dialog geben, wenn nicht jeder von der eigenen Identität ausgeht. Im täglichen Leben jedes Einzelnen wie jeder Gesellschaft gibt es jedoch zwei Arten von Erinnerung: die gute und die schlechte, die positive und die negative. Das gute Gedenken ist das, was die Bibel uns im Magnificat, dem Gesang Marias, zeigt, die den Herrn und sein Heilswerk preist. Das negative Gedenken ist hingegen das, was den Blick des Geistes und des Herzens zwanghaft auf das Schlechte fixiert, vor allem auf das, welches die anderen begangen haben. Wenn ich auf Ihre jüngste Geschichte schaue, danke ich Gott, weil Sie es verstanden haben, das gute Gedenken vorherrschen zu lassen: zum Beispiel, indem Sie die fünfzig Jahre der vom polnischen und deutschen Episkopat gegenseitig angebotenen und empfangenen Vergebung nach dem Zweiten Weltkrieg gefeiert haben. Die Initiative, die anfangs die kirchlichen Gemeinschaften betraf, hat auch einen nicht umkehrbaren gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Prozess ausgelöst und so die Geschichte der Beziehungen zwischen den beiden Völkern verändert. In diesem Zusammenhang nennen wir ebenfalls die gemeinsame Erklärung zwischen der katholischen Kirche Polens und der orthodoxen Moskaus – ein Akt, der einen Prozess der Annäherung und Brüderlichkeit nicht nur zwischen den beiden Kirchen, sondern auch zwischen den beiden Völkern in Gang gesetzt hat.

So zeigt die edle polnische Nation, wie man die gute Erinnerung wachsen und die schlechte fallen lassen kann. Dazu bedarf es einer festen Hoffnung und eines starken Vertrauens auf den, der die Geschicke der Völker lenkt, verschlossene Türen öffnet, die Schwierigkeiten in Chancen verwandelt und neue Situationen schafft, wo es unmöglich erschien. Das bezeugt gerade das geschichtliche Wechselspiel Polens: Nach den Stürmen und Dunkelheiten hat Ihr Volk in seiner wiedergewonnenen Würde wie die Juden bei ihrer Rückkehr aus Babylonien singen können: » Da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel « (Ps 126,1-2). Das Bewusstsein des vollbrachten Weges und die Freude über die erreichten Ziele geben Kraft und Gelassenheit, um die augenblicklichen Herausforderungen anzugehen. Diese erfordern den Mut zur Wahrheit und ein ständiges ethisches Engagement, damit die Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse wie auch die menschlichen Beziehungen stets die Würde der Person respektieren. Alles Tun ist davon betroffen: auch die Wirtschaft, das Verhältnis zur Umwelt und die Art des Umgangs mit dem komplexen Phänomen der Migration.

Dieses letztere verlangt eine zusätzliche Portion an Weisheit und Barmherzigkeit, um die Ängste zu überwinden und das Optimum zu verwirklichen. Man muss die Ursachen für die Auswanderung aus Polen herausfinden und denen, die wollen, die Rückkehr erleichtern. Zugleich ist die Bereitschaft zur Aufnahme derer notwendig, die vor Kriegen und Hunger fliehen; die Solidarität gegenüber denen, die ihrer Grundrechte beraubt sind, darunter des Rechtes, in Freiheit und Sicherheit den eigenen Glauben zu bekennen. Gleichzeitig müssen Formen der Zusammenarbeit und Synergien auf internationaler Ebene vorangetrieben werden, um Lösungen für die Konflikte und die Kriege zu finden, die so viele Menschen zwingen, ihre Häuser und ihre Heimat zu verlassen. Es geht also darum, das Mögliche zu tun, um ihre Leiden zu lindern, ohne müde zu werden, klug und beharrlich für Gerechtigkeit und Frieden zu arbeiten und dabei im Handeln die menschlichen und christlichen Werte zu bezeugen.

Im Licht ihrer tausendjährigen Geschichte fordere ich die polnische Nation auf, hoffnungsvoll auf die Zukunft und auf die Probleme zu schauen, die es in Angriff nehmen muss. Eine solche Haltung begünstigt ein Klima der Achtung unter allen Gliedern der Gesellschaft und eine konstruktive Gegenüberstellung zwischen den unterschiedlichen Positionen. Außerdem schafft sie die besten Voraussetzungen für ein kulturelles, wirtschaftliches und sogar demographisches Wachstum, da sie die Zuversicht nährt, den eigenen Kindern ein gutes Leben bieten zu können. Diese werden ja nicht nur Probleme bewältigen müssen, sondern sie werden die Schönheiten der Schöpfung auskosten, das Gute genießen, das wir zu vollbringen und zu verbreiten verstehen, und die Hoffnung besitzen, die wir ihnen zu geben wissen. Die gesellschaftspolitischen Projekte zugunsten der Familie, der ersten und grundlegenden Zelle der Gesellschaft, um den schwächsten und ärmsten beizustehen und sie bei der verantwortungsvollen Annahme des Lebens zu unterstützen, werden auf diese Weise noch wirkungsvoller sein. Das Leben muss immer angenommen und geschützt werden – beides gemeinsam: angenommen und geschützt – von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, und alle sind wir aufgerufen, es zu achten und für es Sorge zu tragen. Andererseits sind der Staat, die Kirche und die Gesellschaft dafür zuständig, jeden zu begleiten und ihm konkret zu helfen, der sich in einer ernsten Notlage befindet, damit ein Kind niemals als eine Last, sondern als ein Geschenk empfunden wird und die Schwächsten und Ärmsten nicht allein gelassen werden.

Herr Präsident,

die polnische Nation kann sich – wie auf ihrem ganzen langen geschichtlichen Weg bisher – auf die Hilfe der katholischen Kirche verlassen. So weiß sie im Licht der christlichen Grundsätze, die sie orientieren und die die Geschichte und die Identität Polens geprägt haben, unter den veränderten geschichtlichen Bedingungen auf ihrem Weg voranzuschreiten, in Treue zu ihren besten Traditionen und erfüllt von Hoffnung und Zuversicht, selbst in schwierigen Momenten.

Indem ich erneut meinen Dank zum Ausdruck bringe, wünsche ich Ihnen und jedem der hier Anwesenden einen unbeschwerten und nutzbringenden Dienst am Gemeinwohl.

Die Muttergottes von Tschenstochau segne und beschütze Polen!

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

Zitiert nach und mit Erlaubnis von Zenit.org.

 

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