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Religion und Gewalt

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Ein Plädoyer die Symbolsprache der Bibel wieder zu entdecken

von Dr. Robert Harsieber

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Die Bibel ist nicht zu lesen wie ein historischer Roman, sondern wie meine eigene Geschichte. Ich selbst bin der Lahme, der nicht weiterkommt, der Blinde, der unfähig ist zu sehen und der Taube, der nicht hört.

Im Koran steht irgendwo über die Ungläubigen: „Tötet sie, wo immer ihr sie trefft!“ Nicht-Moslems beziehen das auf sich und plustern sich auf.

„Wenn er die Vergeltung sieht, freut sich der Gerechte; er badet seine Füße im Blut des Frevlers.“ So heißt es in Psalm 58. Und Psalm 137 endet mit den Worten: „Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!“ Das steht in den so genannten Rachepsalmen des Alten Testaments. Und auch im Neuen Testament gibt es so manche Sätze, die oberflächlich gesehen nicht sehr friedlich klingen.

Der Vollständigkeit halber sei daran erinnert, dass gegen Ende vorigen Jahrhunderts gewisse ansonsten zurechnungsfähige Geister verlangt haben, Märchen zu entrümpeln oder umzuschreiben, weil sie so grausam wären.

Allen gemeinsam ist, dass der Feldzug gegen diese Texte ein Kampf gegen Windmühlen ist, oder bloß einer gegen die eigene verbohrte Unwissenheit. Wir haben seit den Anfängen der Naturwissenschaft, also seit Galilei, Newton und Descartes, eine Begriffssprache entwickelt. Seither muss alles eindeutig und simpel sein, denn Naturwissenschaft ist die Beschreibung einfachster Systeme. Zumindest bis 1900. Dann kamen Relativitätstheorie und Quantentheorie, parallel dazu die Psychologie und Psychotherapie, und mit der Einfachheit war es genauso vorbei wie mit dem Menschen- und Weltverstehen. Aber statt sich mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterzuentwickeln, blieb das allgemeine Weltbild um 1900 einfach stehen.

Wir fordern Logik, meinen damit Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit, stellen uns das Atommodell noch immer als Planetensystem im Kleinen vor, und die Welt aufgebaut aus kleinsten „Bausteinen“, obwohl das eigentlich glatte Lügen sind. Das Atommodel wird noch immer in den Schulen gelehrt, und selbst Wissenschaftszeitschriften titeln mit der „Suche nach dem Gottesteilchen“, obwohl es da gar nicht um „Teilchen“ gehen kann. Während Deutung früher etwas für die Geisteswissenschaften war, tüfteln die Physiker seit 100 Jahren an der Deutung der Quantentheorie, und bis heute sind sie sich nicht dabei einig. Wir verstehen die Welt und uns selbst nicht, weil wir noch immer an der Eindeutigkeit und exakten Beschreibung der Welt und des Menschen festhalten, die es nur in der Mathematik, aber nicht in unserem Verstehen gibt.

Außerdem gibt es diese (zweifellos sehr erfolgreiche) Begriffssprache erst seit ca. 400 Jahren. Daher ist aber alles vorherige eigentlich Fremdsprache. Wir sind uns aber auch selbst zur Fremdsprache geworden, denn Naturwissenschaft bezieht sich auf Materie in Raum und Zeit, nicht mehr und nicht weniger. Der Mensch selbst kommt da nicht vor, musste sogar als Subjekt streng herausgehalten werden, damit die Methode funktioniert. Und seit der Quantentheorie funktioniert das auch in der Physik nicht mehr. Die parallel auch ab ca. 1900 sich entwickelnde Psychologie und Psychotherapie blieb ebenfalls unverstanden, sie beschäftigt sich ja mit dem – aus der Naturwissenschaft ausgeschlossenen – Menschen. Daher leben wir heute noch so, als wäre das Unbewusste nie entdeckt worden (Erwin Ringel). Und wir leben im 21. Jahrhundert mit der Technologie des 20. Jahrhunderts (die wir nicht verstehen), und glauben, die heutigen Probleme mit dem Denken des 19. Jahrhunderts lösen zu können (Hans-Peter Dürr). Leider geht das so nicht.

Aber um wieder zur Religion und religiösen Texten zurückzukommen: auch die sind Fremdsprache für unsere an der Naturwissenschaft gebildeten Sprache. Die entstanden nämlich in einer Zeit, als es diese Begriffssprache noch gar nicht gab – in einer Bilder- und Symbolsprache. Symbole sind nicht eindeutig, sondern vieldeutig, sie betreffen nicht (nur) äußere, sondern innere Wirklichkeiten, und wo es um „Gott“ geht, geht es nicht um Gott, sondern um den Menschen und seine Beziehung zum Transzendenten. Wer das so liest wie eine Begriffssprache, der sollte lieber die Finger davon lassen, egal ob Atheist oder Fundamentalist, er wird so nie verstehen, worum es da geht. Und wenn es um Bibel und Koran geht, dann können wir nur darüber diskutieren, dass es im Islam wahrscheinlich noch mehr Menschen als im Christentum gibt, die ihre eigene Religion, und daher auch die anderen nicht (mehr) verstehen.

Da wir auch die Entwicklung der Psychologie und Psychotherapie nicht mitgemacht haben, und die Psyche noch immer verleugnen und verdrängen, fehlt uns auch das Verbindungsglied zur Religion, die damit ins Reich der Fantasie verbannt wird. Aber die psychische und spirituelle Ebene sind Dimensionen menschlichen Seins, und wer diese verdrängt und verleugnet, läuft als menschlicher Torso herum.

Religiöse Schriften sind tatsächlich wie Märchen zu deuten, da haben die Atheisten nicht so Unrecht, nur verstehen die nicht, was Märchen sind, nämlich Bilder psychischer Wirklichkeiten. Und die Bibel ist nicht zu lesen wie ein historischer Roman, sondern wie meine eigene Geschichte. Ich selbst bin der Lahme, der nicht weiterkommt, der Blinde, der unfähig ist zu sehen und der Taube, der nicht hört. Und Religion ist der Weg aus diesem Unvermögen. Der Ungläubige ist nicht der Andersgläubige, sondern das eigene, abgespaltene Fremde, das „getötet“, verwandelt werden muss. Und so ganz nebenbei: Für eine verstandene Religion war Evolution schon eine Selbstverständlichkeit, da kannte Darwin das Wort noch gar nicht.

Im Psalm 58 geht es darum, was schief gelaufen ist, wieder zurechtzurücken. „Seine Füße im Blut des Frevlers zu baden“ hieße, durch die Überwindung der Fehlhaltungen die darin steckende Energie (Blut) in Lebenskraft zu verwandeln.

Der Psalm 137 handelt vom Heimweh nach dem Ursprung. Vor dem genannten Vers heißt es: „Tochter Babel, du Zerstörerin! Wohl dem, der dir heimzahlt, was du uns getan hast.“ Es geht um die eigene Fehlhaltung, die uns fern vom Ursprung hält. „Ihre Kinder zu packen und am Felsen zu zerschmettern“ hieße, das Fortschreiben der Fehlhaltungen zu unterbinden.

Genauso sind Märchen nicht „grausam“, sondern beschreiben ganz konkrete menschliche Situationen aus der seelischen Innensicht, sowie deren Entwicklung und Verwandlung.

Diese Symbolsprache wiederzuentdecken wäre Aufgabe der heutigen Zeit. Dabei wäre es so einfach, wir hätten ja die Psychologie und Psychotherapie, die uns als Bindeglied dienen könnte. Denn Begriffe sind zwar exakt, kratzen aber nur an der Oberfläche der Wirklichkeit. Symbole sind mehrdeutig, haben aber auf allen Ebenen menschlichen Seins eine stimmige Bedeutung.

Dr. Robert Harsieber ist Philosoph, Autor und Journalist (Wissenschaft, Wirtschaft, Medizin). Er betreibt in Wien eine philosophische Praxis und beschäftigt sich mit einem zeitgemäßen Weltbild, das Quantentheorie und Tiefenpsychologie mit Philosophie und Theologie verbindet.

 

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