Dignare me laudare te, Virgo sacrata

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Eine Buchbesprechung von Christoph Matthias Hagen

Freunde des Gregorianischen Chorals, besonders solche, die selbst in einer Schola singen, werden mit dem Buch, auf das ich heute hinweisen möchte, viel Freude haben. Kenner der Geschichte der Choralforschung sind mit dem Namen P. Joseph Pothier OSB (1835-1923) wohlvertraut. Der amerikanische Theologieprofessor, Kirchenmusiker und Komponist Peter Kwasniewski hat das Verdienst, Pothiers Sammlung Cantus Mariales in einer schönen Faksimileausgabe neu zugänglich gemacht zu haben.

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Links die Originalausgabe (1903), rechts daneben die Faksimile Ausgabe (2016)

Viele Scholen und Chöre, die sich der Pflege der Gregorianik verschrieben haben, klagen, ihnen stünden relativ wenige Gesänge zu Ehren Mariens zur Verfügung. Freilich gibt es die berühmten marianischen Antiphonen, die dem Gang des Kirchenjahres zugeordnet sind, die bekannteste sicher das Salve Regina, doch gregorianische Gesänge, die sozusagen detaillierter und damit abwechslungsreicher auf die zahlreichen Marienfeste des liturgischen Kalenders abgestimmt sind, sind wirklich eher selten. Das gleiche gilt für Mariengesänge, die ad libitum in liturgische Feiern eingewoben werden können, etwa, nachdem der Offertoriumsvers gesungen ist, die Zurüstung des Altares und der Gaben aber noch andauert.

Auch in der Maiandacht oder der Rosenkranzandacht im Oktober ist es schön, wenn neben dem volkssprachlichen Marienlied Choral erklingen kann.

Pothier, der als Choralforscher in zahlreichen mittelalterlichen Handschriften marianische Choräle aufgespürt hatte, wird neben dem Forscherinteresse auch gerade solche praktischen, kirchenmusikalisch-liturgischen Bedürfnisse und Desiderate vor Augen gehabt haben, als er seine Funde in einem eigenen Buch zusammentrug. Dabei handelt es sich teils um Texte, die mit ihrer eigenen Melodie auf uns gekommen sind, teils um solche, denen Pothier anderweitig bekannte Melodien unterlegt; schließlich finden sich Gesänge, deren Melodien von ihm neu geschaffen wurden. Ursprung und Quelle von Text und Melodie sind meist angegeben.

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Die Sammlung umfaßt sage und schreibe fünfzig Gesänge, daneben einen Anhang mit verschiedenen Litaneien, besonders schöne Töne für die Lauretanische Litanei, die mir vor der Lektüre des Buches völlig unbekannt waren.

Eine Kostbarkeit sind fünfzehn Kurzgesänge antiphonalen Charakters, die dazu dienen, vor dem jeweiligen Gesätz das entsprechende Rosenkranzgeheimnis anzukündigen.

Für die Kultur der Römischen Liturgie ist die Pflege des Gregorianischen Chorals unerläßlich, beinahe möchte ich sagen, er ist ihre Seele und ihr Atem. Mit den zuerst 1903 erschienenen Cantus Mariales steht ein reicher Fundus bereit, aus dem Sänger und Hörer schöpfen können, um das Lob Mariens zu singen. Ein Vorteil dabei ist es namentlich, daß die lateinische Sprachgestalt und die ernste Würde des Chorals verläßliche Barrieren bieten, die verhindern, ins Süßliche abzugleiten.

Der einzige Nachteil der faksimilierten Ausgabe ist vielleicht, daß die Reihenfolge der Gesänge zwar dem Verlauf des Kirchenjahres entspricht, aber nicht angegeben ist, für welches Fest ein bestimmter Gesang gedacht ist oder paßt. Nicht immer ist dies ja schon an den Anfangsworten eindeutig erkennbar, und man sollte genügend Lateinkenntnisse haben, um den Sinn eines gesamten Textes zu verstehen und so dem richtigen Marienfest oder der passenden Zeit im liturgischen Jahr zuzuordnen. 1903 konnte man da (erst recht in Klöstern und bei Klerikern) sicher mehr voraussetzen als 2016 und bei von Laien gebildeten Choralscholen.

Für eine Buchbesprechung ungewöhnlich, stellt sie trotz dieser Bemerkung weniger eine Leseempfehlung dar, sondern eine uneingeschränkte Sangesempfehlung: Mach uns würdig, Dich zu loben, heilige Jungfrau!

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  • ISBN-10: 1532745397
  • ISBN-13: 978-1532745393
  • Erhältlich auf Amazon
IMG_4533Christoph Matthias Hagen (*1977) beschäftigt sich journalistisch mit theologischen und kirchenpolitischen Fragestellungen und mit rechtstheoretischen und -historischen Problemen. Er wurde in Bernkastel-Kues an der Mosel geboren und lebt und arbeitet in Innsbruck.

 

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