Mogador – Stilsicherer Eskapismus

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Neuer Roman von Martin Mosbach – Eine Buchbesprechung von Hannes Kirmse

3465801638411849highresfeu_cover_mosebach_22081_4cDer erfahrene Mosebach-Leser mag erahnen, auf welche Art von Reise er sich einlässt. Es ist keine existentielle Sinnsuche à la Hermann Hesse, man wird mit keinem Einsiedler allein gelassen oder mit Hemingways Selbstbehauptung in der Wildnis konfrontiert. Wer mit Martin Mosebach nach Mogador reist, der tut dies nicht aus einem Bedürfnis der Selbstprüfung oder Selbststeigerung heraus, sondern lässt sich ein auf eine sinnlich ganz andersartige Welt fernab von postmodernem Lärm und Massentourismus.

Patrick Elff, der Held des bei Rowohlt neu erschienen Mosebach-Romans ist ein in dubiose Finanzgeschäfte verwickelter Bankier, der so Hals über Kopf aus seiner Arbeitsstadt Düsseldorf fliehen muss und im 2500 km entfernten, an der marokkanischen Atlantikküste gelegenen Mogador strandet. Es mag auf die Eigenart des Elff-Erschaffers zurückzuführen sein, dass er diesen als einen verkappten Schöngeist zeichnet, der mit Hingabe Philologie studiert hatte und dem so genauso gut eine akademische Laufbahn offen gestanden hätte. Wem die Biographie Mosebachs nicht fremd ist, mag dort einen unterschwelligen Querverweis auf dessen eigenes Schicksal erkennen: Mosebach, der, 1951 geboren, bis 1979 Rechtswissenschaften studierte, hätte sich, wie er selbst einmal bemerkt hat auch als „mittelmäßiger Rechtsanwalt“ niederlassen können. Doch entschied er sich nach dem zweiten Staatsexamen für die Schriftstellerei, was für ihn ein Wagnis bedeutet hat und mit jedem Roman immer wieder neu bedeutet. So kann Elff auch als hypothetisches Gedankenspiel, als eine kritische Auseinandersetzung darüber gedeutet werden, wie es in diesem anderen Milieu des handfesten Geschäftemachens mitunter zugehen kann, was sensitiv gesinnten Menschen wie eben auch Elff sehr schnell zur Pein und Verhängnis werden kann.

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Magisches marokkanisches Mogador

Mosebach spannt einen weiten, facettenreichen Erzählbogen, ist dabei gleichwohl darauf bedacht, diesen nicht zu überspannen und behält für alles das rechte Maß. Sein Refugium findet Elff bei der pythischen Khadija, die ihm die tiefe Welt des Orients zu eröffnen scheint. Ihr vielschichtiger Charakter zeigt sich in ihrem Hang zur Esoterik – Kartenlegen und die gewisse Verbindung zur Welt des Übersinnlichen, sowie zur Prostitution. Elffs Ankunft bei ihr und beginnende Abhängigkeit von ihr wird von dem Anklingen eines Kulturschocks begleitet. Nur mit äußerster Schwerfälligkeit gelingt es ihm, sich in die dort herrschenden Lebensbedingungen einzufügen, doch zerbricht er nicht daran. Selbst wenn man mit Patrick Elff zu den in der marokkanischen Lebenswelt schlummernden Abgründen – Armut, Korruption und Bigotterie – herabsteigt, erscheint dies alles mit der für Mosebach typischen Façon, welche Klonovsky als sein „kalligraphisches Ebenmaß“ bezeichnet hat.1 – Charaktere, Schauplätze und Leitmotive erscheinen behutsam geordnet und harmonisch ineinandergefügt. Was manche seiner Kritiker ihm als „Detailversessenheit“ vorhalten wollen, entspringt doch viel eher dem Bedachtsein auf Ausgeglichenheit, Harmonie und dem immerwährenden Versuch, dem Augenblick dessen maximales künstlerisches Potential abzugewinnen. Die sich durch Bilderreichtum auszeichnende Sprache wird beispielsweise auch gegen Ende seines Romans deutlich, als damit begonnen wird, Elffs Reise zu resümieren: „Die Zeit, die er in Mogador verbracht hatte, würde im Rückblick als Aufenthalt in einer Art Schleuse erscheinen – als eine Nicht-Zeit, eine Saison wie unter Wasser in ungewissem Helldunkel.“

Mosebach hat vielleicht selbst einmal den Schleier um seine Erzählkunst etwas gelüftet, indem er im „Wortschätze“-Interview bekannte: „Wenn ich eine Geschichte schreibe, dann denke ich in musikalischen oder abstrakten farblichen Vorstellungen und ich denke sozusagen symphonisch. Das kommt mir am nächsten für eine längere Erzählung.“2

Mosebach geht es in seinen Erzählungen um das Erfahren während einer Reise. Er offeriert uns Einladungen zum Nachdenken, Sinnieren, Innehalten, Reflektieren und Sich-Finden. – Wo hat man das im Zeitalter von Konsumgesellschaft und Massentourismus noch? – So bleibt zu hoffen, dass er uns noch auf zahlreiche Reisen mitnehmen wird.

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1 http://www.michael-klonovsky.de/adoration/martin-mosebach

2 https://www.youtube.com/watch?v=iwf00UXemj0

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