Was ist eigentlich „Chanukka“ und warum?

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von Franziska Holzfurtner

Ich wurde gebeten, in meiner Funktion als Religionswissenschaftlerin und auch als „Die-mit-dem-Juden“ – eine Rolle, die ich einerseits als Verantwortung wahrnehme, die mich manchmal aber auch ein bisschen unangenehm festlegt (wer selbst Jude ist, kann über eine solche Beschwerde freilich nur lachen) – zu erläutern, was Chanukka, das wegen der zeitlichen Nähe oft mit Weihnachten in Verbindung gebracht wird, für ein Feiertag ist.

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Bildlizenz: 123rf.com/46992342

Wann feiern die Juden Chanukka?

Die jüdischen Feiertage folgen nicht dem gregorianischen Kalender, sondern dem jüdischen, der im Gegensatz zu diesem kein Sonnen-, sondern ein kombinierter Lunisolarkalender ist. Die Monate folgen dem Mondumlauf, um die Fehlzeit zum Sonnenjahr auszugleichen, muss regelmäßig Ausgleich durch einen Schaltmonat geschaffen werden.

Daher erscheint es so, als fiele Chanukka jedes Jahr auf einen anderen Tag im November oder Dezember. Im hebräischen Kalender beginnt es jedoch fest am 25. Kislev und dauert acht Tage bis zum 2. Tewet. In diesem Jahr wird das Fest vom 25. Dezember bis zum 1. Januar 2017 gefeiert.

Was feiern die Juden an Chanukka?

Wie die meisten jüdischen Feiertage bezieht Chanukka sich nicht nur auf ein einziges Ereignis. Erinnert wird auch des Noachidischen Bundes und dessen Besiegelung mit dem Regenbogen (der am Anfang dieses Monats stattgefunden hat) und der Heldentat Judiths, die Holofernes zur Strecke gebracht hat. Der eigentliche Anlass aber ist ein für Christen kaum thematisiertes Ereignis.

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Der Triumph des Judas Maccabeus, Rubens

Es bezieht sich auf eine Erzählung aus Makkabäer (1 Makk 4,36–59). Der Tempel war von griechischen Besetzern entweiht und zum Zeustempel gemacht worden. Jerusalem wurde von den Makkabäern zurückerobert und der Tempel gereinigt. In den Makkabäer-Büchern schließt sich ein achttägiges Freudenfest an. Der Talmud aber berichtet zusätzlich Folgendes: Zur Beleuchtung der Menora war nur noch Öl für einen einzigen Tag übrig und nach den Geboten korrektes neues Öl anzusetzen würde sieben Tage dauern. Durch ein Wunder aber ging die Menora nach diesem Tag nicht aus, sondern leuchtete weitere sieben Tage, bis das neue Öl bereit war.

In der Vergangenheit stellte Chanukka kein so großes Fest dar wie heute und manche Juden wehren sich auch dagegen, es so „aufzublasen“. Solche Ansinnen kennen wir ja auch in Bezug auf Weihnachten aus anderen christlichen Konfessionen.

Aber da Chanukka eben oft mit der Weihnachts- oder Adventszeit zusammenfällt, genießen viele Juden in der Diaspora gerne die seltene Gelegenheit, zeitgleich mit ihrer christlichen Umgebung zu feiern und nehmen an der festlichen Stimmung Anteil. Umgekehrt finde ich es schön, mit meinem Freund zusammen diese so intensive Zeit zu erleben. Schließlich eint uns mit den Juden fest der Glaube an die Wunderkraft des Herrn, die im nahen Weihnachtsfest ebenfalls im Vordergrund steht.

Wie wird Chanukka gefeiert?

Wie viele jüdische Festtage findet ein großer Teil des Festes im häuslichen Umfeld statt. Die verschiedenen Bräuche habe ich in drei Kategorien zusammengefasst: Das Entzünden der Kerzen, Geschenke/Zeitvertreib und Essen.

Das Entzünden der Kerzen

Bis ich selbst am eigenen Leib erfuhr, wie viele Kerzen ein Jude in seinem Leben so anzündet, dachte ich immer, Katholiken seien die größten religiösen Pyromanen. Das Entzünden der Kerzen ist der zentrale Akt dieses Festes.

An Chanukka wird in den meisten Fällen ein spezieller Leuchter mit neun Armen entzündet, die „Chanukkia“, nicht zu verwechseln mit dem siebenarmigen Leuchter aus dem Tempel, der Menora (die häufige amerikanische Bezeichnung als „Hanukka Menorah“ trägt zur Entschärfung dieser Ungenauigkeit natürlich nichts bei). Auf jüdischen Internetseiten liest man gelegentlich, es seien acht. Der Grund für dieses Missverständnis ist, dass der neunte, mittlere Arm nur eine „Hilfskerze“ ist, die nicht mitgezählt wird. Es wird also am ersten Abend durch ein Familienmitglied die Kerze in der Mitte angezündet, mit dieser dann eine ganz rechts und immer so weiter jeden Tag eine mehr (wie die hebräische Schrift), wobei die neueste Kerze immer zuerst angezündet werden muss.

Die im Spezialhandel verkaufte Kerzen für die Chanukkia sind übrigens sehr dünn, damit man sie an einem Abend einfach herunterbrennen lassen kann. Sie sollten mindestens eine Stunde brennen, am besten ins Fenster gestellt, da sie auch im Gegensatz zu den Schabbatkerzen nicht zur Beleuchtung gedacht sind, sondern dafür, das Wunder bekannt zu machen. In Gegenden, wo man als Jude befürchten muss, Opfer von Gewalt zu werden, das trifft leider auch zumindest vorsichtshalber auf unsere Erdgeschosswohnung in Deutschland zu – brauchen die Kerzen natürlich nicht ins Fenster gestellt zu werden.

Geschenke und Zeitvertreib

An Chanukka bekommen üblicherweise ausschließlich die Kinder der Familie Geschenke, und zwar jeweils jeden Tag eines. Die würden dann logischerweise ziemlich mau ausfallen, weil da in acht Tagen einiges zusammenkommt. Da in christlichen Ländern die Klassenkameraden und Freunde ein großes Weihnachtsgeschenk bekommen und die jüdischen Kinder dann mit sieben Paar Socken und einem Autoquartett ziemlich blöd daständen (oder einfach größere Wünsche erfüllt werden sollen), bekommen die Kinder in vielen jüdischen Familien am ersten Abend ein großes Geschenk und manchmal zusätzlich an den folgenden Tagen nur kleine Aufmerksamkeiten. Wie nicht anders zu erwarten, ruft diese Entwicklung Kritik auf den Plan, nicht nur wegen der Vermischung mit Weihnachten, sondern hinsichtlich der auch im Christentum zu dieser Zeit allgegenwärtigen Konsumkritik. Es handelt sich bei dieser also inzwischen um ein interreligiöses Ritual.

Die Nähe zu Weihnachten stellt jüdische Eltern in der Diaspora also oft vor Herausforderungen. Sie kann aber auch zu kleinen Scherzen inspirieren: So erfand beispielsweise die Mutter meines Freundes gemeinsam mit ihren Kindern den „Chanukka-Iltis“, die „Chanukka-Giraffe“ und weiteres Getier, das zu Chanukka die Geschenke bringt, da Weihnachtsmann oder Christkind naturgemäß ausfielen.

In den Beschreibungen ist oft die Rede vom Dreidel-Spielen als traditionellem Familienspiel, was ich aber selbst nie erlebt habe. Es handelt sich um Glücksspiel mit einem vierseitigen Kreisel, bei dem um Schokoladenmünzen in Goldfolie (vielfach unter dem jiddischen Namen „Chanukka-Gelt“ bekannt) oder anderen Süßkram gespielt wird. Vor dem Holocaust waren unter deutschen Juden auch andere Würfelspiele verbreitet. Dreidel, hellblau-weiße Dekoartikel und Münzen werden aber auch öfter einfach zur festlichen Gestaltung des Heims eingesetzt.

Eines der klassischen Chanukka-Lieder benutzt übrigens die gleiche Melodie wie das christliche Advents- und Weihnachtslied „Tochter Zion“.

Essen

Eine der großen Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Katholizismus ist, dass Essen der eigentliche Zeitvertreib für Festtage ist. An Chanukka ist das Festessen sogar vorgeschrieben und es ist verboten, zu fasten.

Zu Chanukka gibt es traditionell in Öl Ausgebackenes, das an das wundersame Öl der Tempelmenora erinnern soll. Das sind zum einen sog. Latkes, also Reiberdatschi mit Apfelmus, zum anderen Sufganiot, vulgo Krapfen (für Preußen: Kartoffelpuffer und Berliner). Letztere sind zum Glück ab dem 11. November wegen der Karnevalisten und später zu Silvester auch in Deutschland leicht aufzutreiben, wenn man keine Lust hat, sie selbst zu machen. Weitere Traditionsgerichte beinhalten Käse, den Judith Holofernes aufgetischt hat, damit er sich vor Durst betrinkt und sich nicht gegen das Kopfabschneiden wehrt.

Durch den Staat Israel ist in die alten Traditionen viel neuer Schwung gekommen.So gibt es inzwischen kreative Latkes-Varianten mit Kürbis, Weißkraut oder Roter Beete und dazu leichte Joghurtcreme und exotische Soßen. Bei den sephardischen Juden (das sind die aus dem arabischen Raum und Spanien) gibt es traditionell Plätzchen mit Lauch, die sogenannten Keftedes de Prasa.

Dadurch, dass Chanukka ganze acht Tage dauert, bietet es die Gelegenheit, sich auch zum Feiern mit Freunden und entfernten Verwandten zu verabreden, sodass diese Besuche tendenziell etwas entzerrter sind als zu Weihnachten. Neidlos gebe ich zu, dass Chanukka dadurch wesentlich entspannter ist.

Beim Anzünden der Kerzen und Schmausen kommt eine behagliche Stimmung auf und wer die Gelegenheit hat, bei Freunden, Bekannten oder einer jüdischen Gemeinde eine Chanukkafeier zu besuchen, der sollte sich das auf keinen Fall entgehen lassen und sich gemeinsam mit den Juden freuen, über die Wunder, die Gott an uns allen tut und dass er auch in der schlimmsten Demütigung und der größten Finsternis unser Licht nicht erlöschen lässt.

Franziska Holzfurtner betreibt den Blog Gardinenpredigerin, auf dem sie versucht, liberale, katholische und religionswissenschaftliche Perspektiven zusammenzubringen. Seit diesem Jahr arbeitet sie an ihrer Promotion in Religionswissenschaft.

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