Gedicht zum Sonntag – „Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht“

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„Ein Lied hinterm Ofen zu singen“ von Matthias Claudius (1740-1815)

Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
er krankt und kränkelt nimmer,
weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
und läßt’s vorher nicht wärmen
und spottet über Fluß im Zahn
und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
haßt warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn’s Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;

wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich‘ und Seen krachen;
das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
dann will er sich tot lachen. –

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
beim Nordpol an dem Strande;
doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.

So ist‘ er denn bald dort, bald hier,
gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren.

matthiasclaudiusMatthias Claudius (1740-1815) wurde am 15. August 1740 in Reinfeld in Holstein geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule in Plön studierte er zunächst Theologie in Jena, wechselte dann zum Fach Rechtswissenschaften. Ab 1768 war er als Journalist tätig. 1772 heiratete Claudius; aus der Ehe gingen zwölf Kinder hervor. Die Familie lebte in Wandsbeck. Zwischen 1775 und 1812 veröffentlichte er zahlreiche Texte und Gedichte. Ein freundschaftliches Verhältnis verband Claudius mit Johann Gottfried Herder (1733-1803). Während einer Reise nach Kopenhagen 1764/1765 lernte er Friedrich Gottfried Klopstock (1724-1803) kennen, dessen Schaffen tiefen Eindruck auf den Schriftsteller hinterlassen sollte.

Matthias Claudius starb am 21. Januar 1815 in Hamburg, wohin er vor den französischen Truppen geflohen war. Er wurde in Wandsbeck bestattet. Er gilt als bedeutender Vertreter der Empfindsamkeit.

Quelle: Britta Dörre, zenit.org.

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