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Der Gongschlag des Roberto de Mattei

Die Verteidigung der Tradition

Eine Buchkritik von Hannes Kirmse

Der Titel „Verteidigung der Tradition“ klingt reißerisch. Er verweist auf das in der Kirche in allen Zeiten gültige Prinzip der Überlieferung, aber auch der Auslieferung an die sich im Wandel befindliche Welt. De Mattei ist es daran gelegen, uns zu zeigen, daß sich dieses Traditionsprinzip nicht ausschließlich auf die apostolische Sukzession in Form der Weitergabe einer Amtsvollmacht bei Bischofsernennungen beschränkt, wie gemeinhin angenommen werden könnte. Die Tradition will sich gar nicht als eine rein bürokratisch-ernüchternde Kategorie verstanden wissen. Sie will durch ihre universelle und reichhaltige Vitalität nicht nur überzeugen, sondern gerade auch den Menschen inspirieren und erfüllen. Sie will in ihrer Schönheit in die Welt der unübersichtlichen Obskurität und Ungewissheit hineinstrahlen.

Da ist es in diesem Zusammenhang nicht zu leugnen, daß es die Missa tridentina ist, die durchweg die großen Komponisten immer wieder angeregt hat. Ohne die wie ein Schatz gehütete traditionelle Liturgie mit ihrer Ästhetik und Formensprache, die nicht von dieser Welt ist, könnten wir heute genauso wenig die Klänge von Haydns grandioser Paukenmesse, von Mozarts Krönungsmesse, wie die von Verdis Messa da Requiem vernehmen. Die Töne dieser Werke mit ihrem Verweis auf die Transzendenz wären uns unwiederbringlich abhandengekommen. Die Welt wäre laut, sehr laut sogar, könnte aber keine wahren lichthaften Momente für uns bereithalten. 2017 als Erscheinungsjahr der deutschsprachigen Ausgabe von de Matteis‘ Schrift ist dann auch neben dem Fátima-Jubiläum das Jahr, in dem sich das Summorum Pontificum Benedikts XVI. zum zehnten Mal jährt, aus dem ein besonderes Bewußtsein für die überlieferte Liturgie neu erwachsen ist.

Auf dem Umschlag der im St. Grignion Verlag bei Altötting erschienenen Übersetzung von Roberto de Matteis „Apologia della Tradizione“ prangt Erzengel Michael, wie er auch auf dem römischen Castel Sant’Angelo anzutreffen ist. Er erscheint uns keinesfalls drohend, aber sehr wohl sich seiner Bedeutung bewußt. Es ist ihm anzusehen, daß er in die Welt hineinragen, sich behaupten und seine Fittiche gebrauchen will. Der als Büchnerpreisträger und Verfasser der „Häresie der Formlosigkeit“ bekanntgewordene Martin Mosebach empfängt den Leser mit einem knappen, aber fundierten Prolog. Er will uns heranführen zu jenem neuralgischen Punkt, an dem die katholische Amtskirche nunmehr angelangt ist.

Es wird bei ihm nicht gefragt, wie der amtierende Papst handelt, wie sein Handeln unter bestimmten Gesichtspunkten zu bewerten sei und gibt sich damit auch keiner gewissen Lagerbildung im Inneren der Kirche hin. Er weist, wie Roberto de Mattei es dann fortführt, auf die Frage hin, der wir uns angesichts der gegenwärtigen Lage ausgesetzt sehen: Was ist das Wesen des Papstamtes und wie ist die Kirche, für die er wirkt, beschaffen? Es wird versucht, das anklingen zu lassen, woran sich der Papst in seinem bewussten Handeln selbst bemessen sollte. Theologisch greift Mosebach hierfür die von Benedikt XVI. 2005 eingeführte Hermeneutik der Kontinuität auf, der die Hermeneutik der Diskontinuität, des Bruches gegenübersteht. Daß dies kein Alleingang des gerade frisch in das Amt Eingeführten war, zeigt sich auch daran, daß sein Vorgänger Johannes Paul II. 1980 während seiner Reise nach Lisieux zwei Tendenzen ansprach, die dem katholischen Glauben abträglich seien: Integralismus und Progressismus.

Die Kirche darf sich der Welt nicht verschließen, muß aber gleichwohl sich ihres Sendungsauftrages bewußt bleiben. De Mattei gräbt sich dann durch die Tiefenschichten des Werdens der Kirche wie wir sie heute vorfinden – durch das Zeitalter der Verfolgungen, die Krise von Avignon, bishin zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Kirche hatten in diesem Werden zahlreiche Krisen und Zerwürfnisse erlebt, die aber nie eine Sinncrisis werden konnten durch die Rückkopplung an die Ursprünge, an das Mysterium, an die Heilsnotwendigkeit, an die Tradition.

Bezeugt wird durch de Mattei besonders das Ringen um Wahrheit, wenn sich die Kirche in der Auseinandersetzung mit der Welt und deren Problemen befand. Der neuralgische Punkt, können dann nicht überwunden werden, so geht es hervor, wenn die Suche der Wahrheit nicht fortgesetzt würde. Wenn die hehren Werte der Kirche nicht auch in ihrem Anspruch Ausdruck finden und lediglich als chimärenhafte Floskeln fortbestehen, wären tatsächlich ihr Sinn und Wesen gefährdet, der dann eine reelle und energische Verteidigung unumgänglich machen würde.

Durch die immerwährende Wahrheitssuche kann es einem gelingen, sich seinen Weg durch die Tiefenschichten zu bahnen, das Wesen der Kirche zu ergründen, ihre Geschichte zu verstehen und sich mit ihr zu identifizieren. Denn nichts anderem ist die Kirche mit ihrer Geschichte ähnlicher als der menschlichen Seele, die sich immer wieder Herausforderungen und tiefgreifenden Fragen ausgesetzt sieht. Da eignet sich die Lektüre der Verteidigung der Tradition nicht nur für einen Expertenkreis von hochgeschulten Theologen, sondern gerade auch für den einfachen Laien, dem die Wahrheit nicht gleichgültig ist. Er kann, indem er von dem 1948 geborenen Geschichtsprofessor Roberto de Mattei durch die Tiefenschichten der Kirche und des Glaubens geführt wird, die Töne vernehmen, die das eigene Leben bereichern.

In dieser Tiefe, so kann man nach der Lektüre feststellen, ertönt das mos maiorum, das Bewußtwerden der Tradition. Durch die Zeiten hindurch hat sie sich herausgebildet. Die Lektüre kommt dann einem Gongschlag gleich, sie gibt uns als Leser das Gefühl der tiefen Verwurzelung im Gewordensein der Kirche. Es werden die Wurzeln deutlich, die weit in das Erdreich vorgedrungen sind, die sich nicht mehr leichtfertig aus ihrem Gefüge herausreißen lassen.

Roberto de Mattei Verteidigung der Tradition. Die unüberwindbare Wahrheit Christi Vorwort von Martin Mosebach; übersetzt von Wolfram Schrems St. Grignion-Verlag 2017 //  ISBN-13: 978-3932085673 // Mit Schutzumschlag und Lesebändchen versehen: 192 Seiten; 29,95 Euro // Fotos: Verteidigung der Tradition – Bildquelle: Grignion-Verlag

2 Kommentare

  1. Felix 28. April 2017

    Leider gehört zur „Tradition“ auch der Pater, der nach der Messe die Hexen mit glühenden Zangen quälte; und bis heute viele Glaubensbrüder, die im Namen Gottes Andersdenkende (wie Protestanten oder Freimaurer) ausgrenzen und verunglimpfen. Der Geist der Katholizität ist bis heute noch kaum in unsere Kirche herrschend!

  2. ´Lars Bancini 27. April 2017

    Ob die Himmelsmutter von Fátima auch zur „Tradition“ gehört?
    Hier habe (nicht nur) ich meine Zweifel!

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