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Filmkritik

The Circle

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Eine Filmkritik von Dr. José García

Vor etwa drei Jahren stand der Roman „Der Circle“ von Dave Eggers wochenlang auf Platz eins der „Spiegel“-Bestseller-Liste. „The Circle“ heißt ein Internet-Konzern, der als eine Art Zusammenschluss von Google, Apple, Facebook, Twitter und YouTube für absolute Transparenz eintritt: „Wenn du Circle-Tools benutzen wolltest, und es waren die besten Tools, die dominantesten und omnipräsent und gratis, musstest du das als du selbst tun, als dein wahres Selbst, als dein TruYou. Die Ära der falschen Identitäten, des Identitätsdiebstahls, der mehrfachen Benutzernamen, komplizierten Passwörter und Zahlungssysteme war vorüber. Jedes Mal, wenn du irgendwas sehen, irgendwas benutzen, irgendwas kommentieren oder irgendwas kaufen wolltest, genügte ein Button, ein Konto, alles war miteinander verknüpft und rückverfolgbar und simpel, und alles funktionierte per Handy oder Laptop, Tablet oder Netzhaut.“

Das Credo dieser omnipräsenten Firma namens „Circle“: Wenn die Menschen keine Geheimnisse mehr haben, wenn sie alles miteinander teilen, wird es keine Verbrechen mehr geben. Dafür bleibt alles, was gesprochen, geschrieben und fotografiert wird, in der „Cloud“: „Wir löschen nicht.“ Das Unternehmensprinzip „Teilen ist Heilen“ bedeutet aber auch, dass das Private verschwindet, dass das Individuum nur noch Teil einer Gemeinschaft ist, die sich immer mehr ausbreitet. Damit bietet Dave Eggers die dystopische Vision einer mit totalitärem Gehabe in die Politik eingreifenden und das Leben aller Bürger bis in jeden Winkel bestimmenden Firma, in der immer wieder von Gemeinschaft, aber nie von Freiheit die Rede ist. Eggers´ Roman rief kontroverse Reaktionen hervor: Die einen warfen ihm vor, gegen Internet-Firmen pauschal zu polemisieren. Die anderen lobten die dystopische Vision als Mahnung an eine Gesellschaft, die sich den „Sozialnetzwerken“ immer mehr verschreibt. Von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ beispielsweise wurde „Der Circle“ als „der Roman unserer Epoche“ gefeiert. Eine Verfilmung war deshalb nur eine Frage der Zeit. Der Film, der auch in Deutschland unter dem Originaltitel „The Circle“ das Licht des Kinos erblickt, beginnt vielversprechend: Mae (Emma Watson) hat einen grauen Job in einer ebenso grauen Versicherungsfirma, als sie plötzlich durch die Vermittlung einer Freundin zu einem Vorstellungsgespräch bei der angesagtesten Internet-Firma überhaupt, dem „Circle“, eingeladen wird. Der Gegensatz zwischen einer traditionellen Welt, in der junge Menschen kaum eine Zukunftschance bekommen, und der schönen, neuen Internet-Welt, die ihnen unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten bietet, wird durch Seitenhiebe gegen das amerikanische Gesundheitssystem ergänzt. Denn die Behandlungskosten für Maes schwerkranken Vater (Bill Paxton) werden von der Versicherung nicht gedeckt. Der „Circle“ übernimmt hingegen alle Kosten der modernsten Behandlung.

Nicht nur deshalb kennt Maes Begeisterung über ihren neuen Arbeitsplatz keine Grenzen. Sie ist besonders angetan von den Visionen des charismatischen Firmengründers Eamon Bailey (Tom Hanks): „Wissen ist gut, aber noch mehr wissen ist besser.“ Nach und nach verwandelt sich das Firmengelände für Mae zu einer perfekt erscheinenden, aber geschlossenen Welt. Deshalb schlägt sie die Warnungen eines mysteriösen Kollegen (John Boyega) in den Wind, der zwar im Gegensatz zu allen Firmenmitarbeitern nirgends verzeichnet noch zu orten ist, der aber das gesamte Firmengelände samt geheimen Gängen und Speicherplätzen wie seine Westentasche zu kennen scheint. Nicht einmal, als sich eine Senatorin, die gegen die vom Circle propagierte „gläserne Politik“ Widerstand leistet, einer Schmutzkampagne gegenübergestellt sieht, wird Mae hellhörig.

James Ponsoldt gestaltet den Circle als futuristische Welt, wie sie sich in etwa der Leser des Romans vorstellt: Junge, gutgelaunte Mitarbeiter sitzen in gläsernen Bürohallen vor Computerbildschirmen. Darüber hinaus verbringen sie ihre Freizeit gemeinsam, denn sie sollen alle anderen an ihrem Leben teilhaben lassen, wenn sie nicht dem Geschäftsführer wie einem Guru bei den wöchentlichen Versammlungen zujubeln. Dennoch: Die Frage, inwieweit private Informationen öffentlich beziehungsweise den Internet-Firmen zur Verfügung gestellt werden dürfen oder sollen, die Auseinandersetzung über Vorteile, Risiken und Nebenwirkungen der totalen medialen Transparenz werden in Ponsoldts Film kaum gestreift. Die teilweise großartigen Schauwerte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Dramaturgie über weite Strecken nicht stimmt. Es entsteht sogar der Eindruck, dass der Film meistens lieblos die Ereignisse aus dem Roman einfach abhakt. Abgesehen davon, dass sich die Wahl einiger Schauspieler — John Boyega ist mit seinen 25 Jahren für seine Rolle schlicht und einfach viel zu jung — fragwürdig ausnimmt, fehlt im Film vor allem ein wesentliches Element des Romans: der Widerstand gerade eines der Circle-Gründer gegen die Richtung, die der Konzern immer mehr einschlägt.

Wohl deshalb und auch wegen des Bestrebens, ein typisches Hollywood-Ende anzubieten, wartet „The Circle“ mit einem weichgespülten Filmschluss auf, der das weitaus schrecklichere, dafür aber konsequente Ende in Eggers´ Roman auf den Kopf stellt — und der nicht einmal den Kreis schließt.

Filmische Qualität:   2,5/5
Regie:James Ponsoldt
Darsteller:Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega, Karen Gillan, Ellar Coltrane, Patton Oswalt, Glenne Headly, Bill Paxton
Land, Jahr:USA 2017
Laufzeit:119 Minuten
Genre:
Publikum:ab 12 Jahren
Einschränkungen:X –
im Kino:9/2017
Quelle: textezumfilm.de
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