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Digitale Revolution

Götter, Menschen und Maschinen

Wie Film- und Serienschaffende über den digitalen Fortschritt nachdenken

Die Digitale Revolution lässt niemanden kalt. Ganz im Gegenteil: Wenn heutzutage Schlagwörter wie Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz fallen, dann springt bei nicht wenigen Menschen unweigerlich das berühmte Kopfkino an.

Bild: Pixabay

Von Stefan Ahrens

Die einen haben dann entweder einen elegischen Arthousefilm vor Augen, in dem die Menschen sich aufgrund des digitalen Fortschritts zurücklehnen können, weil mittlerweile die Maschinen deren Arbeit übernommen haben. Andere jedoch wähnen sich eher in einem Horror- oder dystopischen Science-Fiction-Film,  in dem die Maschinen das Kommando über die Menschheit übernommen haben oder diese im schlimmsten Fall kurz vor der Auslöschung steht.

Die Mutter aller K.I.-Kritiken: Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968)

Doch nicht nur im Kopfkino, sondern auch auf der wirklichen Filmleinwand machen sich bereits seit einiger Zeit Filmschaffende Gedanken darüber, welchen Weg die Digitale Revolution möglicherweise einmal einschlagen könnte. Bereits 1968 – also vor genau 50 Jahren – reflektierte beispielsweise Stanley Kubrick in seinem Science-Fiction-Meilenstein „2001 – Odyssee im Weltraum“ über die Gefahren Künstlicher Intelligenz, in dem er „Hall 9000“, den Bordcomputer des Raumschiffes Discovery One, während einer Jupiter-Mission sich zu einem buchstäblich lebensgefährlichen Gegner für die Besatzung entwickeln lässt. Dass der Name „Hall“ wie das englische Wort „Hell“ („Hölle“) klingt, dürfte wohl kein Zufall sein.

Während im Kontrast hierzu beispielsweise in den bei jung und alt beliebten „Star Wars“-Filmen Mensch, Technik und Roboter (beziehungsweise Druiden) in friedlicher Koexistenz miteinander leben findet sich der Pessimismus Kubricks gegenüber Künstlicher Intelligenz auch in der „Terminator“-Filmreihe mit Arnold Schwarzenegger, den „Matrix“-Filmen  der Wachowski-Geschwister oder dem Marvel-Superheldenfilm „Avengers: Age of Ultron“ wieder, in denen die Menschheit gegen hoch intelligente Maschinen um ihr Überleben kämpfen muss. Und auch Ridley Scott bevorzugt in den jüngsten Filmen der „Alien“- Reihe wie „Prometheus“ (2012) und „Alien: Covenant“ (2017) eher künstlich geschaffene Androiden wie den von Michael Fassbender gespielten „David“ als Hauptantagonisten anstelle der parasitären außerirdischen Ungeheuer der früheren Filmen.

„Die Maschinen haben bereits gewonnen“

Oscar-Preisträger James Cameron („Terminator“, „Avatar“) erschuf am PC komplexe Filmwelten – und steht dennoch der Digitalisierung kritisch gegenüber. | By Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0

Oscar-Preisträger James Cameron („Terminator“, „Avatar“) erschuf am PC  komplexe Filmwelten – und steht dennoch der Digitalisierung kritisch gegenüber.

Die filmische Auseinandersetzung über die Frage der  Auswirkung Künstlicher Intelligenz im Speziellen sowie die der Digitalisierung im Allgemeinen auf die Zukunft der Menschheit ist also nicht neu. Warum diese Auseinandersetzung gerade in jüngerer Zeit so virulent sowohl in Filmen als auch immer häufiger in Serien stattfindet, lässt sich wohl damit beantworten, dass das, was noch vor mehreren Jahrzehnten als Zukunftsmusik oder Science Fiction-Grusel von Autoren wie Isaac Asimov („I Robot“) oder Philip K. Dick („The Man in the High Castle“, „Blade Runner“) betrachtet werden konnte heutzutage von der Wirklichkeit bereits eingeholt zu werden droht. Die seit den 1980er sich entwickelnde Digitale Revolution (deren Ursprünge übrigens hervorragend eingefangen sind in der fiktiven US-Serie „Halt and Catch Fire“ bei Amazon Prime) hat die Zukunft zur Gegenwart werden lassen. So werden Warnungen beispielsweise von Tesla-Chef Elon Musk oder des Physikers Stephen Hawing vor den möglichen Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf sämtliche Arbeits- und Lebensbereiche auch von einem Nichtfachpublikum zur Kenntnis genommen. Und „Terminator“-Regisseur James Cameron antwortete in einem Interview mit dem Branchenblatt „The Hollywood Reporter“ vom September 2017 auf die Frage, ob denn, wie in seinen Filmen, eines Tages die Maschinen gegen die Menschen gewinnen werden: „Schauen Sie sich an, wie Menschen auf ihre Mobiltelefone starren. Die Maschinen haben bereits gewonnen.“

Pilgerziele im 21. Jahrhundert: Apple-Kunden campieren vor dem Münchener Applestore, um als erste das neue Iphone zu erwerben. | Bild: http://www.ipadblog.de

Diese Aussage von James Cameron stößt – vermutlich von ihm gar nicht intendiert – einen Gedankengang an, der sich aus religiöser Perspektive geradezu aufdrängt: Nämlich das Phänomen, dass der Umgang des Menschen mit digitaler Technik sowie mit Technik im Allgemeinen bereits quasireligiöse Dimensionen angenommen hat. Denn im Zeitalter von Internet- und Handysucht, Übernachtungen vor dem nächsten Apple-Store um ja als erster das neueste Iphone käuflich zu erwerben oder dem sorglosen Anvertrauen persönlicher Daten an Facebook, Google und Co. lässt sich unschwer erkennen, dass Anbetung heutzutage nicht mehr in erster Linie Gott oder gar dem Menschen gilt, sondern immer stärker dem Menschengemachten beziehungsweise Selbstgeschaffenen. Der Blick richtet sich nicht mehr „nach oben“ (in Richtung einer Gottheit) oder „auf sich selbst“ (um einen wie auch immer gearteten Humanismus zu formulieren), sondern buchstäblich „nach unten“ – auf den eigenen Ausfluss, auf das Selbstgemachte.

Unsterblichkeit per Bewusstseinsdownload: Die Science-Fiction-Serie „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogram“ – ab 2. Februar2018  bei Netflix.

Ins Bild passt da die Intention der Silicon-Valley-Gemeinschaft „Way of the Future“ (WOTF), die, gegründet von Robotikexperte Anthony Levandowski,  sich ernsthaft dafür einsetzt, Künstliche Intelligenz als Religionsgemeinschaft zu verehren. Oder die Vision von Googles technischem Direktor Ray Kurzweil, es ab dem Jahr 2045 Menschen zu ermöglichen, ihr Bewusstsein als Back-Up in der Cloud zu speichern und damit einen großen Schritt in Richtung Unsterblichkeit zu tun. Die am 2. Februar 2018 bei Netflix startende Science-Fiction-Serie „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm“ spielt in einer solchen Welt:  Im 24. Jahrhundert wird es demnach vor allem reichen und priviligierten Menschen ermöglicht werden, ihr Bewusstsein immer wieder aufs Neue in immer neue, junge Körper („Sleeves“) zu überführen und als quasi unsterbliche „Meths“ (Methusalems) weiterleben zu können. Als einer dieser „Meths“ jedoch ermordet wird, wird wiederum der Privatdetektiv Takeshi Kovacs (gespielt von Joel Kinnaman aus „House of Cards“) reanimiert, um diesen Fall aufzuklären. Interessantes Detail am Rande: Widerstand gegen diese Form der Verhinderung des Todes in „Altered Carbon“  leistet – zumindest in der Romanvorlage von Richard K. Morgan –  die hierfür dann auch stark angefeindete und als rückständig betrachtete Katholische Kirche.

So könnte unsere Zukunft aussehen, wenn wir nicht aufpassen: „Black Mirror“(Channel 4/Netflix, 2011 – )

Serien, die eine Welt thematisieren, in der Menschen Künstlicher Intelligenz vollkommen ausgeliefert sind und für ein Facebook-Like buchstäblich alles tun würden sind beispielsweise die von der Kritik gefeierte britische Channel 4/Netflix-Serie „Black Mirror“ sowie die seit Januar 2018 laufende Amazon-Serie „Philip K. Dick´s  Electric Dreams“. Während letztere auf Kurzgeschichten des Science-Fiction-Altmeisters Phillip K. Dick aus den 1950er und 1960er Jahren basiert, handelt es sich bei „Black Mirror“ um brandneue, für das Fernsehen geschriebene Episoden. Das Besondere an beiden Serien ist: Jede Episode erhält eine andere Besetzung und spielt an vollkommen unterschiedlichen Schauplätzen – und entwirft höchst diverse Vorstellungen über die nahe Zukunft. Kleinster gemeinsamer Nenner aller Episoden sei jedoch, so „Black Mirror“-Produzent Charlie Brooker, dass sie von  „der Art (handelten), wie wir alle leben und wir innerhalb von 10 Minuten leben könnten, wenn wir ungeschickt wären“.  Die Genregrenzen innerhalb der Serien sind fließend und die Stimmung der einzelnen Episoden reicht von optimistisch bis niederschmetternd.

Aber auch eine als scheinbar konventionelle Thrillerserie daherkommende Serie wie „Person of Interest“ (2011-2016), in der ein Milliardär (Michael Emerson, „Lost“) und ein Ex-CIA-Agent (Jim Caviezel, „Die Passion Christi“) mithilfe einer als „Maschine“ bezeichneten Künstlichen Intelligenz Verbrechen zu verhindern versuchen, schildert die technischen Möglichkeiten, mit denen bereits heutzutage Cyberverbrechen bis hin zu Börsenkursmanipulationen oder Wahlfälschung begangen werden können. Produzent Jonathan Nolan („The Dark Knight“, „Westworld“) merkte bei der Themenwahl der hochgelobten Serie an, dass er und sein Autorenteam sich vielfach vom einfachen Blick in die Zeitung zu manchen Serienhandlungssträngen inspirieren ließen –und dass all das, was sich in der Serie ereignet auch so im wirklichen Leben zutragen könnte.

Sind Roboter die besseren Menschen?

Mensch, Maschine – oder Mensch-Maschine? Ryan Gosling und Harrison Ford in „Blade Runner 2049“ (USA 2017)

Monothematischer ausgerichtet sind da schon Filme wie beispielsweise  „Her“ (USA 2013) von Spike Jonze. In diesem Film spielt Joaquin Phoenix einen Mann namens Theodore, der sich in „Samantha“ (im Original gesprochen von Scarlett Johansson), ein Betriebssystem mit weiblicher Stimme, verliebt und tatsächlich eine Beziehung eingeht, die jedoch im Laufe des Films immer tragischere Züge annimmt, da „Samantha“ die eine, gezwungenermaßen platonisch geführte,  Beziehung zu Theodore bald nicht mehr genügt.

Auch die „Blade Runner“-Filme (USA 1982, 2017) mit Harrison Ford stellen neben der Frage nach dem (Liebes-)Verhältnis von Mensch und Maschine eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit – die Frage nach der eigenen Identität. Was macht den Menschen aus? Worin unterscheiden sich Mensch und Maschine voneinander? Können auch Maschinen ein (Selbst-)Bewusstsein entwickeln und dann eines Tages als Personen betrachtet werden? Besitzen diese eine eigene Würde? Darf man Maschinen zu Arbeitssklaven und Lustobjekten degradieren wie es mit den Replikanten in „Blade Runner“ oder den Robotern in den Serien und Filmen „Real Humans“,  „Westworld“ und „Ex Machina“ geschieht – da diese ja „nur“ Maschinen sind? Oder sind gar Roboter und Maschinen die besseren Menschen, wie es beispielsweise eine besonders aggressive Künstliche Intelligenz in der bereits oben erwähnten Serie „Person of Interest“ behauptet?

Dies alles sind Fragen, die bereits heute in den philosophischen Disziplinen der Zukunftsforschung, der Roboterethik und des Transhumanismus ernsthaft gestellt werden. Und dies alles sind Fragen, auf die nicht nur Filmschaffende, sondern auch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Antworten finden müssen. Selbst die katholische Theologie sowie das kirchliche Lehramt wird im Zuge der rasanten digitalen Entwicklung nicht umhin kommen, sich hier eindeutiger zu positionieren – gerade in einer Zeit, in der italienische Priester bereits damit beginnen, Iphones zu segnen. Spätestens dann, wenn in (naher?) Zukunft jemand die Taufe für seinen humanoiden, sich seiner selbst bewussten Hausroboter erbitten sollte wird das Ganze virulent.

Sie halten dieses Szenario für abwegig? Noch ja.

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